„Wenn du zu viel Zeit hast“

Alltag in der Pflege „Du musst schneller werden!“ – das war der Satz, den ich am häufigsten hörte, als ich ganz neu anfing: Im Seniorenheim. Als Pflegehelferin.
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Einmal ertappte mich eine Kollegin dabei, wie ich zur Abendbrotzeit einer Bewohnerin die Hand hielt. „Meine Gute“, sagte die Kollegin, „wenn du zu viel Zeit hast: Essen reichen!“

Damals war ich immer „zu langsam“. Bald hatte ich begriffen: Nur eine schnelle Pflegekraft ist eine gute Pflegekraft. Die Arbeit, die du nicht schaffst, muss nämlich ein anderer machen – meistens noch sofort. Wenn Herr X sich jetzt einnässt, dann kann man das Umkleiden eben nicht auf den nächsten Tag verschieben.

Immer häufiger fragte ich mich: Wie machen die Kollegen das? Bis ich irgendwann begriff. Beispiel Essen reichen:

Während die eine Bewohnerin noch kaut, „reicht“ man nach einem Sprint ins Nachbarzimmer der zweiten Bewohnerin einen Happen, um dann nach erneutem Sprint dem dritten Bewohner – quer über den Flur - möglichst rasch etwas zu trinken zu geben. Und von vorn.

Irgendwann haben kluge Menschen berechnet, wieviel Zeit man zum Essen braucht. Wieviel darüber hinaus zum Waschen, zum Toilettengang, zum Ankleiden usw.

Die Minuten zählen wir zusammen, dann haben wir ein gerechtes Pflegesystem: Aus dem Hilfebedarf folgt die Pflegestufe, aus der Pflegestufe wiederum der benötigte finanzielle und damit auch zeitliche Aufwand. Nach diesem Aufwand lässt sich berechnen, wieviel Personal man braucht. Wenn jemand noch viel allein tun kann, braucht er weniger Unterstützung, als wenn jemand gar nichts mehr alleine kann. Logisch, oder?

Wenn das aber folgendermaßen läuft: „Das ist ein Becher, der ist oben offen, nicht umkippen, ... trinken bitte, nein, nicht abstellen, außerdem steht der Tisch auf der anderen Seite, ... Mist, jetzhamwa den Salat, ich hol ‘n neuen“ (1), dann kostet mich das Zeit. In diesem Fall sogar viel mehr Zeit, als bei jemandem, dem ich alles anreichen muss. Denn mittlerweile bin ich schnell. Aber es hilft mir nichts.

Die Initiatorin der Bewegung „Rosenblätter im Irrgarten“ (2), Annett Kleischmantat, vergleicht Pflege mit einem ICE, der auf Kutschen (Senioren) trifft. Das Gefühl habe ich auch.

Täglich werde ich ausgebremst. Und zwar von denjenigen, um die ich mich eigentlich kümmern sollte. Von den Senioren selbst. Hier will einer aufs Klo, dort muss jemand sofort „nach Hause“, und drüben räumt mir eine Bewohnerin meinen Küchenwagen ab. All das nur, weil ich zwar schon vieles beherrsche, aber eines immer noch nicht: Den simplen Satz „Keine Zeit!“

Aber das Schlimmste ist: Die Bewohner spüren das. Sie kommen zu mir und wollen etwas. Und sei es nur Händchen halten.

Wir haben keine Zeit mehr. Die Zeichnungsfrist der Initiative endet am 10.1. (UPDATE beachten - siehe unten)

Helft uns.

(1) Auszug aus dem Demenzblog: dements.wordpress.com

(2) Die Petition „Rosenblätter im Irrgarten“ setzt sich für mehr Menschenwürde in der Pflege ein. Sie wurde bisher von mehr als 89.452 Menschen unterzeichnet (Stand: 7.1.2013). Zeichnungsfrist: 10.1.2013. Rosenblätter im Irrgarten

UPDATE 10.1.: " Wir sammeln weiter bis zur öffentlichen Beratung, die nicht vor März 2013 stattfinden wird." (Webseite Rosenblätter im Irrgarten, siehe Aktuelle Entwicklung)

UPDATE 7.2.: Öffentliche Sitzung im Bundestag am 11.3.2013. Sitzplätze vorbestellen!!! Näheres siehe Webseite der Rosenblätter im Irrgarten.

Die Petition „Rosenblätter im Irrgarten“ setzt sich für mehr Menschenwürde in der Pflege ein. Sie wurde bisher von mehr als 89.452 Menschen unterzeichnet (Stand: 7.1.2013). Zeichnungsfrist: 10.1.2013.

UPDATE 7.2.: Öffentliche Sitzung im Bundestag am 11.3.2013. Sitzplätze vorbestellen!!! Näheres siehe Webseite "Rosenblätter im Irrgarten".

Rosenblätter im Irrgarten

19:59 08.01.2013
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