Die Onlinebegegnung

dating apps Erfahrungen und Gedanken rund ums online Dating
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Während ich durch eine Verletzung gezwungen war, längere Zeit mit hoch gelagertem Fuß den Tag sitzend zu verbringen, kam die Idee, einen Beitrag zu verfassen. Dies auch, weil ich mich und meine Erfahrungen damit ein wenig ordnen möchte.

Ich hatte bis dato noch nie über online Plattformen Menschen kennengelernt bzw. gedatet. Nicht weil ich das ablehnen würde. Aber ich habe einen Job, den ich sehr mag und der mich sehr in Anspruch nimmt, auch zu Corona-Zeiten (da sogar etwas mehr) und viele Hobbys. Und neue Leute kennenlernen oder Dates haben sich immer auch so ergeben (nicht zu Corona-Zeiten, das gab den Anlass). Hatte aber ohnehin länger vor, diese Welt auch einmal kennen zu lernen, weil so viele Menschen darin leben. Einerseits kostete es mich Überwindung, ein Produkt dieser Apps zu werden, bedingt durch die dort stattfindende Vermarktung von zwischenmenschlichen Kontakten und Verbindungen. Andererseits sind wir ja bereits in unzähligen Bereichen als ähnliche Produkte in Verwendung (Messengerdienste, Facebook und viele weitere). Und ich war neugierig zu sehen, welche Menschen hinter all den Fotos und Profilen stecken, ich hatte Lust auf Dates, war aber nicht unbedingt auf Beziehungssuche, und ansonsten ziemlich offen für alles mögliche.

Ich meldete mich (zeitversetzt) auf drei Plattformen an, doch zunächst ohne viel Aufmerksamkeit und Zeit zu investieren. Es gab einige Matches, hier und da einen Chat, hier und da ein Treffen, viel verlief im Sande und ich war immer seltener online. So ging es fast ein halbes, dreiviertel Jahr. Dann kam der Moment, wo ich entschied, es entweder gar nicht oder richtig auszuprobieren. Habe mich dann für letzteres entschieden. Und erlebte eine sehr verdichtete dating Zeit… es hat sich zu einer Art Projekt (oder Rausch?) entwickelt. Irgendwie schon Wahnsinn, diese ganze Auswahl an Menschen. Und wie schnell man zu vielen Dates kommt. Die Erfahrungen, ein paar der Geschichten oder Gespräche der letzten Wochen und Monate plus Gedanken dazu habe ich hier in drei Passagen verarbeitet (nicht chronologisch).

1) Die (Beziehungs-) Suchenden

In dieses etwas weit gefasste Gebiet fallen recht viele Kontakte. So habe ich einige erlebt, die sich für alles offen gaben, jedoch als Endziel eigentlich eine perfekte (Traum)Partnerin fürs Leben suchten (und das auf Tinder). Dabei häufig noch nicht verarbeitete alte Geschichten in sich trugen. So Paul, bei unserem Treffen erzählt er mir als erstes, dass er aufgehört hat Alkohol zu trinken und Gras zu rauchen, weil es etwas viel wurde. Er redet fast ausschließlich über seine Ex, ein anderes Thema gelingt kaum, zumal vieles bei ihm negativ besetzt ist... z.B. sein Job, den mag er gar nicht. Und er gehört wohl zu denen, die ihr hohes Einkommen als Entschädigung dafür ansehen, dass sie ihre Arbeit eigentlich hassen. Vom Job, Problemen mit den Eltern geht es dann wieder zurück zur ehemaligen Freundin. Ich finde es heftig, wie viele persönliche Infos und intime Lebensepisoden/krisen manchmal gleich beim ersten Treffen erzählt werden, und zugleich sieht man sich danach vielleicht nie wieder. Nicht wenige, die ich traf, hatten große Probleme mit dem Alleinsein, sehnten sich sehr stark nach einer Partnerschaft, scheinen regelrecht dem Hunger auf einen Menschen, der Sinn und Lebensglück in das eigene Leben bringen soll, ausgeliefert. Bei sowas bin ich sehr auf Rückzug, denn solche Menschen klammern sich fest, sind nicht mit sich selbst im Reinen, können oder wollen nicht die Verantwortung für ihr Leben übernehmen und suchen jemanden, den sie letztendlich als Sinnträger benutzen. Das geht irgendwann immer schief. Suggeriert wird oft das Gegenteil: Es ginge nur um die Frau, für die würden sie alles tun. Natürlich nur, wenn sie sehr hohe Erwartungen erfüllt – das wird wohl durch die Suggestion einer nie endenden Vielzahl an PartnerInnenoptionen im online dating nochmal verstärkt. All das war natürlich nicht bei allen so bzw. nicht in dem Maße, aber dennoch nicht selten.

Viele Suchende waren außerdem Männer, die im echten Leben keine Zeit finden, um eine Frau kennenzulernen. Zwischen Job, Weiterbildungen, Hobbys, Freunden und manchmal Kinderbetreuung sind sie zeitlich absolut ausgelastet. Da passt keine Frau mehr rein. Trotzdem wünschen sie sich eine im Leben. Am eigentlichen Problem kann auch schnelles online dating nichts ändern: Sich Zeit zu nehmen, sich ernsthaft mit jemandem zu beschäftigen. Da sind die Lücken zwischendurch eben nicht ausreichend. Und auch eine Affäre bedarf ein gewisses Mindestmaß an Interesse, Zeit und Aufmerksamkeit.

2) Unerwartes... Atomenergie, Genderforschung, Tod

Erstaunlicherweise hatte ich einige sehr konfliktgeladene Dates. Das passierte zum Beispiel mit René, Mitte dreißig, arbeitet in einem Fitnessstudio. Bei ihm waren Veganismus und Sport sehr groß geschrieben. Ich esse gerne mal vegan, und es schien zunächst recht sympathisch und auf was lockeres hinauszulaufen. (Wobei, wenn ich eins meiner Lieblingsorte zum Mittagessen vorgeschlagen hätte (Schnellbuffet Süd – sehr fleischlastig), wäre es vielleicht nicht zum Date gekommen...). Er redete viel und schnell, was mir aber ganz recht war zunächst, da ich noch etwas angeschlagen von einem Karaoke-Abend tags zuvor war. Das Gespräch drehte sich erstmal viel um Sport, und gegenüber seinem Powerprogramm bin ich ne ganz schön faule Socke. Er trainiert Minimum 4 mal die Woche, fragte mich nach meinen Trainingseinheiten, ich nickte bei 4 mal im Monat (die Wahrheit: im Jahr). Zugegeben, ich gehe gerne wandern, aber ohne sportlichen Hintergrund, sondern um zu relaxen, und spiele in einer Mannschaft, aber nur aus Spass und Gaudi. Aber naja, im Grunde ist es mir egal, ob jemand nun joggt, singt oder gerne Pullover strickt und ob das alles immer gut zu meinen Interessen passt. Nichts davon wäre ein Grund, jemanden nicht kennen zu lernen. Mit René kippte die Stimmung, als wir zum Thema Energiegewinnung kamen. Er sieht sich selbst als umweltbewusst. Doch für ihn ist die Kernenergie, im Angesicht der Klimakrise und den Kohleausstieg, eine gute und saubere Option. Damit gerieten wir in einen ziemlichen Streit. Ich argumentiere mit Katastrophen wie Fukushima, dem gefährlichen Rückbau, der sehr lange dauern und (den SteuerzahlerInnen) viele Milliarden kosten wird, das Fehlen eines sicheren Endlagers. Man arbeitet daran, Endlagerstätten zu orten, die bis zu eine Million Jahre (!) geologisch stabil bleiben müssen (also z. B. 10 Eiszeiten überstehen), denn so lange wird der Atommüll weiter schädlich strahlen. Hier argumentierte er, dass neuere Forschung zum Abbau von „nur“ einigen 10.000 Jahren ausgehen würde, das wäre ja alles auf einem guten Weg und würde weiter gefördert. Ich sagte, wenn man dieses Geld stattdessen in die Forschung und Entwicklung von Gewinnung und Speicherung regenerativer Energie getan hätte, wären wir viel viel weiter. Naja, wir stritten weiter und kurzum, dieses Date landete nicht im Bett. Statt Sex habe ich dann ein Buch gelesen und Wein getrunken.

In der Tat setzten sich die konfliktträchtigen Dates fort, irgendwie geriet ich öfter an Männer, die wissenschaftliche Selbstverständlichkeiten ignorieren. So gab es Dirk, der sehr naturverbunden war und ein Fan von Naturheilkunde (bin ich d‘accord) und gleichzeitig Homöopathie in den Himmel lobte (ich halte Homöopathie für absoluten Quatsch). Oder Julius, abgeschlossenes Studium der Genderforschung, freiberuflicher Bildungsreferent in Halle zu dem Thema. Gleich zu Beginn unseres Treffens eröffnete er mir, dass sich leider der inzwischen universitär klare Fakt der Konstruktion des biologischen Geschlechts noch nicht bekannt gemacht hätte. Es gäbe nämlich kein biologisches Geschlecht. Es gäbe nur Körperteile, und die würden dazu benutzt, um Geschlecht zu konstruieren. Ich muss sagen, ich war etwas schockiert, dass im universitären Kontext (HS Merseburg! Ich habe es später nochmal recherchiert) Natur- und Gesellschaftswissenschaften vermischt werden. Fakten konnte er mir nicht geben (z.B. zu meiner Frage, welcher Biologe gesagt und bewiesen hätte, dass beim Menschen mehr als zwei biologische Geschlechter existieren würden). In den Wissenschaften ist es die Regel, altes Denken infrage zu stellen und neue Thesen zu entwickeln, aber dann muss man auch Beweise bringen - in Fragen der Biologie bitte auch biologische Belege. Die Sozialisation von Geschlecht und Identitätsfragen, Akzeptanz und Anerkennung verschiedener Identitäten sind eine ganz andere Sache. Das Gespräch driftete immer weiter in die Lächerlichkeit ab, während ich erklärte, dass der Mensch biologisch ein Säugetier ist und sich fortpflanzt wie andere Säugetiere auch, gab er irgendwelchen ideologischen Quatsch von sich. Was mich daran besonders verärgert, ist der Punkt, dass das wichtige Ziel, womit man sich soziologisch eigentlich befassen sollte, aus dem Fokus genommen wird: Unterdrückung, Benachteiligung, Diskriminierung erkennbar zu machen. Es hilft niemanden, biologische Fakten zu streichen, sondern man sollte sich darauf konzentrieren, festzustellen, ob, wo und wie welche Menschen diskriminiert werden und daraus ableiten, was man dagegen tun kann. Und da gibt es genügend zu tun… zum Beispiel ist die vorbehaltlose Gleichstellung von Frauen ist ja nicht mal in unserer westlichen sogenannten Zivilisation gegeben.

Neben den konfliktträchtigen ergaben sich aber auch (wenige) schöne, bereichernde Treffen und Gespräche, wie ich es nicht erwartet habe. Ein besonderes Beispiel, bei dem sich sogar langsam eine Freundschaft entwickelt, mit Simon, Ende dreißig, mit Teilzeitjob und Zweitstudium der Bibliothekswissenschaft ziemlich ausgelastet. Bei unserem ersten Treffen gingen wir spazieren und haben dabei auch einen Friedhof erkundet, und landeten dadurch bei ein paar tieferen Themen. Ich hatte mich mal vor langem mit dem Tod aus kulturgeschichtlicher Perspektive beschäftigt, dazu auch ArièsGeschichte des Todes“ gelesen. Ein ziemlicher Wälzer, aber eine fundierte Forschungsarbeit, die Sterberiten, Beerdigungen, Bräuche, Friedhöfe und Testamente der letzten 2.000 Jahre untersuchte. Und daraus eine sehr spannende Geschichte der Einstellungen des Menschen zum Tod und zum Sterben schuf. Simon kannte auch einige Teile daraus. Die meiste Zeit veränderte sich in Europa die grundlegende Haltung der Menschen zum Tod nicht. Er begleitete die Menschen, war akzeptierter Bestandteil des Lebens bzw. die eigentliche Vollendung desselben. Dies wandelte sich zunehmend seit dem 19. Jahrhundert bis heute. Der Tod flößt uns heute Angst ein, liegt im Dunklen und hat keinen Platz in unserer Leistungsgesellschaft. Menschen sterben nicht mehr in Gemeinschaft, sondern einsam und allein, Alter und Tod werden ausgelagert in Altenheime und Krankenhäuser, möglichst weit weg vom öffentlichen Leben. Wir leben zumeist so, als ob es Alter und Tod nicht gäbe, wir verdrängen ihn... bis wir dann Stebende sind, einer würdigen Vorbereitung auf das Sterben entbehrt und um den eigenen Tod betrogen. Krasses Thema, und krasses Date.

3) Aus dem Nichts, in das Nichts

Ein dritter Bereich umfasst die Kontakte, die von vornherein auf eine lockere Affäre oder einmaligen Sex hinausliefen. Das ist für eine Frau tatsächlich ziemlich einfach zu finden. (Wobei ich etwas erstaunt war, wie viele dann doch auf richtiger Beziehungssuche waren... oder nur das Beziehungs-Märchen erzählten, um an Sex zu kommen… hat dann mit mir aber nicht geklappt).

Martin war hier mein erster Kontakt, der auch ein wenig aus dem Rahmen fiel. Wir hatten einen recht witzigen Chat, der jedoch zunächst versandete. Aus seinen Absichten machte er eigentlich von Anfang an kein Geheimnis. Das erste Treffen lief eher ungewöhnlich spontan nachts auf einer Treppe, da die Bar, in der wir uns treffen wollten, zu hatte. Und auch recht kurz, wir waren beide müde – vor allem er – und ich war etwas befangen, da es das erste Treffen mit jemanden war, das so straight nur zum Kennenlernen und Abchecken auf ein etwaiges Treffen zum Sex abzielte.

Trotz des kurzen Treffens war da eine Grundsympathie, ich mochte seine unmaterialistische Einstellung, dass er in einer WG wohnt, seine Bar und den Namen seiner Hündin. Zudem schien er intelligenter als einige der anderen. Es kam dann ein paar Tage später zu einem zweiten Treffen abends bei mir. Ich hatte Lust darauf, allerdings kurz bevor er kam eine Nachricht bekommen (aus einem anderen Zusammenhang), die mich ziemlich in Beschlag nahm… hab überlegt, das Treffen abzusagen, dachte dann aber, es könnte mich ja auch gut ablenken. Das klappte zunächst auch. Aber ich war dann doch nicht richtig dabei, meine Gedanken wanderten ständig woandershin. Dadurch konnte ich mich nicht richtig gehen und fallen lassen und auch jetzt kann ich mich nur noch verschwommen dran erinnern. Wir lagen danach noch bißchen zusammen und haben über Belanglosigkeiten geredet, dann ist er gegangen. Und hatten dann keinen Kontakt mehr. Aber später, als ich daran zurückdachte, fühlte es sich schon sehr seltsam an. Ich schrieb ihm ein paar Wochen später nochmal und fragte nach einem weiteren Treffen, aber darauf hat er nicht geantwortetund so wurde die Sache für mich noch unwirklicher, als sie sowieso schon war. Menschen tauchen aus dem Nichts heraus auf und verschwinden darin wieder, und bei Martin war es komplett restlos. Weder haben wir uns als Menschen, noch auf körperlicher Ebene kennengelernt (bzw. nur sehr oberflächlich). Ist wohl etwas, was in der online Welt normal ist: Man hat Begegnungen, die eigentlich gar keine sind. Und mehr können manche Menschen nicht geben. Ich fragte mich schon fast, ob er wirklich existiert hat.

So surreal wie bei ihm war es bei den anderen nicht, dennoch sind die Treffen, die aus dem online dating entstammen, (fast) alle nach wie vor für mich irgendwie unwirklich. Und es passiert ja so häufig, dass etwas ins Nichts läuft, versandet (oder auch ich es versanden lasse). Einige wenige ausgenommen. Und das obwohl ja zunächst Energie und Zeit reingesteckt wird, um eine Begegnung zu bekommen. Im Vergleich erscheinen mir die Dates vor meinem online dating Marathon viel präsenter, während ich die anderen schon jetzt halb vergessen habe. Liegt vielleicht an der Dichte und Vielzahl, und es fehlt der Zauber der zufälligen Begegnung.

4) Damit komme ich zu einem kleinen Résumé: Beliebig oder nicht?

Ich stehe nach diesem intensiven „Projekt“ der Sache insgesamt zwiespältig gegenüber.

Einerseits hinterließen die vielen Kontakte und Treffen wenig bleibendes. Es ist vermutlich die Beliebigkeit, in die alles abdriftet, was leicht zu bekommen ist (in diesem Fall Dates oder andere Menschen). Und insgesamt hat sich das anfängliche Unbehagen verstärkt. Ich fühle mich im Nachgang etwas „übersättigt“. Männer kennenzulernen wie im online shopping bin ich überdrüssig, selbst mit Blick darauf, dass ich es ja auch weniger intensiv und seltener betreiben könnte. Auch konnte ich nie lange swipen, nach 10 Minuten konnte ich es nicht mehr ertragen, die wechselnden Selbstdarstellungen, in der jeder versucht, noch besonderer zu sein und durch Oberflächlichkeiten hervorzustechen, anzusehen. Ich erlebte die Menschen wie in einem Buch der Möglichkeiten, die an einem vorbeirauschen, ein Buch, das Kontakte schafft, aber in der Regel keine wirklichen Verbindungen. Menschen streifen sich, aber berühren sich (meist) nicht, das wirkliche Kennenlernen wird (oft) verpasst und es entsteht in den meisten Fällen gar nichts. (Natürlich gibt es Ausnahmen.) Das ist im Sinne der Apps auch nur logisch, denn es geht ja dort gerade darum, die Nutzer so lang es nur geht online zu erhalten, stetig immer mehr Kontakte zu schaffen, eine immer wachsende Verfügbarkeit möglicher Partner offen zu halten. Das erfordert auch eine zeitliche Verdichtung, die bedient wird,- man will möglichst wenig Zeit verschwenden und gleichzeitig jede Möglichkeit ausschöpfen, alles ausprobieren und sich nichts entgehen lassen. (Kleiner Exkurs, der sich aufdrängt: Nach Hartmut Rosa ist eine solche Beschleunigung (die sich heute in allen Lebensbereichen zeigt) auch eine Antwort der heutigen, säkularen Gesellschaft auf das Problem der Endlichkeit und des Todes. Denn heute ist das gute Leben das erfüllte Leben, das heisst ein Leben, das reich an Erfahrungen und ausgeschöpften Möglichkeiten ist. Und wer doppelt so schnell lebt, wer nur die Hälfte der Zeit benötigt, um ein Ziel zu erreichen oder eine Erfahrung zu machen, kann die Summe von Erfahrungen und damit des eigenen Lebens in einer Lebensspanne verdoppeln, kann eine Mehrzahl von Leben leben. Diese Vorstellung kann aber ihr Versprechen nie einlösen, denn durch die Beschleunigung erfahren wir eine Explosion an Optionen. Das Verhältnis der realisierten Erfahrungen zu denjenigen, die wir verpasst haben, wird nicht kleiner, sondern konstant größer. Das Unbehagen der Menscen bleibt, der Lebens- und Welthunger des modernen Menschen wird nicht befriedigt, sondern zunehmend frustriert.) Aber zurück: Dadurch mutieren NutzerInnen immer stärker zu rigorosen Konsumenten. Das zeigt sich dann wie oben beschrieben im sich schnell verflüchtigenden Interesse, im Abstumpfen. Und man verliert zunehmend wohl den Blick dafür, dass jemand besonders ist. Denn da ist immer die Illusion der großen Auswahl, durch die beständig noch bessere, vielversprechendere Optionen verfügbar erscheinen, man parallel datet und von einem Menschen zum nächsten übergeht, als wäre der andere auskonsumiert. Wie schnell man dann Menschen durch neue ersetzen kann. In der erzeugten und wachsenden Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, Sprunghaftigkeit und Kompromisslosigkeit des online datens erhält die Wegwerfgesellschaft großen Einzug in die Welt der zwischenmenschlichen Beziehungen. Das offenbarte sich aus meiner Sicht besonders bei den Menschen im ersten Bereich – sie sind einerseits verzweifelt auf der Suche, andererseits gleichzeitig süchtig danach, nie bei einer stehen zu bleiben, immer weiter zu suchen, immer mehr zu konsumieren.

Und andererseits… wenn ich auf das Buch der Möglichkeiten zurückkomme, traf ich auf jeder Seite einen anderen, neuen Menschen, ich hatte belanglose, anstrengende, aber auch schöne Begegnungen. Und habe sie dann doch auch irgendwie berührt. In dem, wie sie gerade waren, was sie gerade suchten oder brauchten. Das Gefühl ist so ähnlich, wie wenn man im Dunkeln durch die Straßen geht und in erleuchtete Zimmer der Häuser der Stadt blickt. Ich mag das ja. Und kurz in einen Lebensausschnitt, in ein Wohnzimmer blickt, und den Menschen darin aufnimmt in seinem so-sein, in einem kurzen Augenblick seines Lebens, mit seinen Bildern, Farben, Büchern, Gegenständen und Dingen um sich herum.

Und zum Thema Sprunghaftigkeit und Beliebigkeit... im „wirklichen“ Leben sind nicht wenige Menschen aus Gewohnheit in ihrer Partnerschaft, sind zusammen, um nicht allein zu sein und gefangen in Beziehungen, die nicht erfüllt sind. Das ist auch Beliebigkeit, auf eine andere Art natürlich, verurteilt aber niemand. Und was den Wert von Menschen, oder auch Selbstwertgefühl angeht… mein persönliches Selbstbewusstsein tangierte die ganze Sache im Grunde nicht, weder positiv noch negativ. Da ich das nicht weiter ernst nahm bzw. ich glaube, wer sein Selbstwertgefühl daran knüpft, wie viele Likes oder Matches er aufgrund irgendwelcher Fotos oder oberflächlicher Eindrücke bekommt, hat sowieso ein (anderes) Problem. Doch natürlich bekommen jene, die gezielt auf Beziehungssuche sind, die negativen Seiten des online Datens stärker zu spüren… denn sie öffnen sich den Kontakten schneller und intimer, sind mit einem Menschen zusammen, der vielleicht nach einigen Monaten plötzlich wieder im digitalen Nichts verschwindet. Grundsätzlich ist wohl in der online dating Welt eine größere Offenheit angebracht. Und wenn man im wirklichen Leben einen Menschen das erste Mal trifft, dann ist man ja auch nicht von vornherein festgelegt, wo das hinführen soll – in eine Bekanntschaft, Freundschaft, Beziehung, Sex oder nichts von alledem.

Ich bereue mein „Projekt“ nicht. Es hat Spaß gemacht, all die Begegnungen zu erleben. Auf manches hätte ich verzichten können (die Dummen aus Passage 2), über anderes bin ich sehr froh (auch Kontakte aus Passage 2).

Was die Wegwerfgesellschaft angeht, die sich im online dating widerspiegelt, ist wohl online dating abschaffen weder möglich noch eine Lösung dieser gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Es ist eben auch nur ein Feld, das unsere kapitalistische Gesellschaftsordnung in ihrem zwischenmenschlichen Verhalten zeigt. Diese Entwicklung ist da und ist Realität. Und nur darüber zu schimpfen, ist nicht zielführend. Zunächst einmal ist es eine Frage des persönlichen Umgangs, den man selber reflektieren muss. Und dann die Frage, welche gesellschaftlichen Lösungen denkbar wären.

Und was wäre nun die persönliche Entscheidungfür mein eigenes Leben? Im Moment und in naher Zukunft werde ich keine dating apps nutzen. Ich verbanne das aber auch wiederum nicht aus meinem Leben… etwaige Erfahrungen in ferner Zukunft folgen dann vielleicht in einem zweiten Beitrag.

22:15 06.09.2021
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