Lahmes Netz durch lange Leitung

Kolumne In aller Schärfe: Haben Sie schonmal mit 16 MB gestreamt? Lachhaft. Versuchen Sie's mal mit 3 MB. Unsere Autorin hat's viele Jahre lang getan und es nicht einmal gewusst
Ausgabe 02/2023
Was wie ein einfaches Kabel anmutet, ist die (lahme) Leitung für mehr oder weniger Megabyte
Was wie ein einfaches Kabel anmutet, ist die (lahme) Leitung für mehr oder weniger Megabyte

Foto: Imago/agefotostock

Ungläubig sitzen wir vor Netflix: „Guck mal, die Berge im Hintergrund, gestochen scharf.“ – „Wie in einem Computerspiel sieht das aus!“ – „Krass!“ Wie damals, als ich die Welt das erste Mal durch die von der Grundschule geforderte Brille sah – mit einzelnen Blättern an den Bäumen statt grünen Wattebäuschen. Was sollte das denn? Tat fast in den Augen weh. Wie wenn man, aus einer Höhle befreit, plötzlich ins helle Tageslicht blinzelt. Oder eben jetzt in 16 MB/s Downloadgeschwindigkeit.

„Ist lächerlich, ich weiß“, gestehe ich dem Nachbar. Er hat 100 MB/s. Bis zu 1.000 MB/s gibt’s beim Anbieter. Dagegen sind 16 MB/s lahm. Aber nicht mal die bekamen wir bis vor Kurzem – und ahnten nichts. Wir hatten uns arrangiert, streamten am Handy, die fehlenden Pixel trainierten unsere Sehzentren. Erst ein Job, der mit unserem Internet einfach nicht machbar war, ließ alles auffliegen. Ich wollte in einen höheren Tarif wechseln, zuvor nur kurz prüfen, wie schnell unsere Leitung eigentlich war – auf www.breitbandmessung.de. Die dort von der Bundesnetzagentur liebevoll vorgeschriebene Mess-Prozedur ergab ein 36-seitiges Protokoll mit Download-Geschwindigkeiten zwischen 2,54 und 2,64 MB/s: Unsere Verbindung war enorm stabil. Das elektrisierte mich. Tagelang deklamierte ich durch die Wohnung, das sei verdächtig, hochverdächtig. Als dies nichts weiter erbrachte, suchte ich Beweise.

Ich fand sie im Portal der Fritzbox. Enthusiastisch machte ich gleich fünf Screenshots davon: Unsere Leitung war begrenzt – auf 3 MB/s! Drei!!! Was für ein Watergate-Moment! Ich sah mich schon als Hauptfigur einer grandiosen Sammelklage, bis mir wieder einfiel, dass vor deutschen Gerichten ja jeder für sich kämpft. Deswegen: Gleich nach der 30. Messung rase ich zur Post, alle Beweise und ein feines Anschreiben im Umschlag, ab damit zum Anbieter. Ich freue mich diebisch, als ich dessen Empfängerunterschrift erhalte. Mal sehen, was jetzt passiert?

Am Ende der langen Leitung

Sie ahnen es, liebe Lesende, es passiert nichts. Ich erinnere per Mail an meine Ermittlungen. Der Service reagiert schockiert – allerdings nicht wegen der 3MB/s, sondern wegen meiner Mailadresse: Wieso benutzte ich nicht ui2536-202@online.de, wie es vernünftige Leute täten? Warum sus@berkenheger.de? Hatte ich mal an Datenschutz gedacht? Ich kann klarmachen, dass ich nicht ui2536-202 bin. Es gelingt mir sogar, die Berkenheger-E-Mail zu „verifizieren“, damit der Service „diese zukünftig für die Kommunikation“ nutzen kann.

Drei Wochen nach Aufdeckung des Skandals störe ich den Anbieter mit einer weiteren Mail. „Wir bearbeiten Ihr Anliegen bereits und melden uns bei Ihnen, sobald wir Neuigkeiten für Sie haben“, schnauzt er mich an. Was nun? Eine Woche später nehme ich all meinen Mut zusammen und rufe an. „Ich hoffe, ich störe nicht, aber ...“ – „Nein, gar nicht“, beruhigt mich zuvorkommend ein Mitarbeiter, ich müsse nur ein neues Messprotokoll anfertigen, das alte sei inzwischen zu alt. „Mein Adrenalinpegel steigt gerade extrem“, informiere ich ihn höflich. Woraufhin er, der gerade noch ein neues Messprotokoll gefordert hatte, damit rausrückt: „Ihre Leitung ist zu lang, da geht nicht mehr als 3 MB/s.“ Ganz leise japse ich: „Das war wohl schon immer so, stimmt’s?“ Stille. Nach langem Schweigen rettet er sich mit einer Idee: „Ich schließe Sie an die VDSL-Leitung an und begrenze die dann auf 16 MB.“ Und so kommt es. Fantastisch!

Über die Jahre habe ich 1.009 Euro und 44 Cent zu viel überwiesen. Obwohl meine Beweise an den Anbieter längst vermodert sind, bekomme ich eine 10-Euro-Gutschrift. Juhu! Rätselhaft bleibt nur: Wozu brauchen die Leute 1.000 MB? Ich hoffe, die haben nicht so eine lange Leitung wie ich.

Der digitale Freitag

Die Welt aus neuen Blickwinkeln erfahren

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden