Tempolimit für Radfahrer in Innenstädten: Nicht euer Ernst

Verkehr Wie es sich anfühlt, mit 10 Stundenkilometern durch die Berliner Bergmannstraße zu radeln – und was echtes Rowdy-Tempo ist
10 Stundekilometer auf dem Rad sind mehr Balanceakt als Fortbewegung
10 Stundekilometer auf dem Rad sind mehr Balanceakt als Fortbewegung

Foto: IMAGO / Jürgen Ritter

Ein Hoch auf die Verkehrswende. In Berlin poppen immer mehr grün gekennzeichnete Wege und Straßen auf. „Rauf aufs Rad! Rettet die Welt!“, scheinen sie zu rufen. So auch in der Berliner Bergmannstraße. Dort lockt ein schmaler, aber gut gekennzeichneter Radweg, gesäumt von Pflanzkästen und Schildern. Allerdings: Zum Schutz der querenden Fußgänger dürfen Radfahrer dort maximal zehn Stundenkilometer fahren.

Eine Klage gegen dieses Tempolimit schmetterte das Berliner Verwaltungsgericht Ende Juli mit Verweis auf die querenden Fußgängermassen ab. Man kennt derartige Probleme von Krötenwanderungen. Unvermittelt hopsen die Tiere – in diesem Fall Fußgänger – hinter den Pflanzkästen hervor auf die Straße. Man könnte Netze spannen, in denen kreuzwillige Fußgänger hängen bleiben, Ehrenamtliche könnten sie dann zum nächsten Fußgängerüberweg bringen. Aber wie sähe das aus?

Ein Schild mit einer 10 drauf wirkt schon professioneller. Wie schnell ist nun Tempo zehn? Das Verwaltungsgericht sagt: doppelt so schnell wie ein Fußgänger, auch ohne Tacho kann man das einschätzen. „Um es gefühlt auszudrücken“, erklärt einer im Internet: „so schnell, dass du gerade das Gleichgewicht halten kannst.“ Um noch ein bisschen Empirie beizumischen: Außer dem bestimmt Achtzigjährigen, der die Tucholskystraße neulich in Schlangenlinien entlang rumgurkte und den ich dann doch überholte, fahren wir alle, liebe Radelnde in Berlin, deutlich schneller. Woher ich das weiß?

Ich fahre täglich 30 Kilometer durch die Innenstadt. Weil ich dabei jede Anstrengung vermeide, werde ich von allen, Ausnahme siehe oben, überholt. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 14,9 Stundenkilometer, höchstens fahre ich 28 Stundenkilometer, sagt meine App.

Der Nürnberger FDP zufolge ist das echtes Rowdy-Tempo. Ich bin ein Rase-Radler, der Deutschlands Innenstädte – in meinem Fall Berlin – extrem unsicher macht. Picknicker auf dem Fahrradweg spritzen in Panik zur Seite, wenn ich komme. „Wenn sich das Fahrrad mehr und mehr als dominantes Verkehrsmittel für Rowdys (wie mich, Anm.) in der Innenstadt durchsetzt, muss man klare Grenzen zum Schutz der Fußgänger, der Behinderten und der Kinderwagenschiebenden ziehen. Dazu gehört zunächst ein Tempolimit für rasende Radler in der Stadt, angefangen in der Altstadt“, so die FDP. Perspektivisch soll es in der gesamten Innenstadt gelten. Düsseldorfer Parteikollegen hatten Ähnliches vor: Ein Tempolimit für Radfahrer sei ein mildes und pragmatisches Mittel, hieß es da (nicht zu verwechseln mit Tempolimits für Autofahrer, die ein unterdrückerisches und ideologisches Mittel zu gar keinem Zweck sind). Nichts gegen Tempolimits, aber wer ist auf diese zehn Stundenkilometer gekommen?

Liebe FDP-Politiker, machen Sie ein Experiment: Steigen Sie in Ihren Porsche, los geht’s, wenn Sie genügend Schwung haben, kippen Sie Ihr Vehikel auf zwei Räder um (so können Sie ein Fahrrad simulieren), dann bremsen Sie auf zehn Stundenkilometer runter, bleiben dabei aber auf zwei Rädern. Gar nicht so einfach, stimmt’s? Und obwohl viele Radler unvorbereitet sind, testet der Berliner Senat bereits heimlich „Gegenwind-Lösungen“. Auf der Rückenwindseite bremsen Schotter, Glasscherben, Döner- und Pommesreste. „Pragmatische Mittel“, erläutert Kalle R., der anonym bleiben möchte. „Jeden Morgen legen wir das Zeug auf die Radwege. Aber“, gibt Kalle zu bedenken, „sobald wir alle auf Tempo zehn runtergebremst haben, brauchen wir breitere Radwege zum Schlingern.“ Außerdem wird’s deutlich voller. Klar: Ich zum Beispiel bin ja dann statt täglich zwei jeweils vier Stunden mit dem Fahrrad unterwegs.

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