Mach mir den Hund

Die Ratgeberin Manche Mitarbeiter benehmen sich wie Vierbeiner. Mit Befehlen wie „Sitz!“ oder „Platz!“ kommt man da aber leider nicht weiter
Ausgabe 44/2015
Hunde sind nicht „minderintelligent“, sondern nur „mindererfahren“
Hunde sind nicht „minderintelligent“, sondern nur „mindererfahren“

Foto: Mark Ralston/AFP/Getty Images

In Ekstase jagt der Hund die letzte Fliege des Jahres. „Aus!“, sage ich mit meiner tiefen Rudelführerstimme und zeige dem Hund mahnend ein E-Book, das ich gerade lese: Dog Management. Überraschend einfach führen von Ulv Philipper (Murmann 2015). Der Hund guckt kurz hoch, dann hechtet er fröhlich weiter und spießt dabei fast sein rechtes Auge an der Schreibtischkante auf.

Hunde können ja so dumm sein. Denkt man. Aber: von wegen! Der Hund, so habe ich gerade gelesen, ist nicht „minderintelligent“, sondern nur „mindererfahren“. Klar, mein Hund ist ja erst anderthalb, während ich bereits ... na ja ... sehr, sehr intelligent bin. Nein, Quatsch, ich komme mir nur so schlau vor, weil ich so erfahren bin. Das ist der Kerngedanke von Dog Management. Moment! Jetzt hat der mindererfahrene fliegenjagende Hund sich im Ladekabel des E-Books verheddert, es rutscht mir aus den Händen, knallt auf den Boden. Der Hund hat großes Glück, dass es trotzdem noch funktioniert!

Viele Chefs kennen vergleichbare Situationen von unfähigen Mitarbeitern. Denn Hunde und Mitarbeiter ähneln sich stark, steht in Dog Management. Gute Hundeführer können daher auch Konzerne leiten – und Managementbücher schreiben. Leider bin ich noch nicht so weit. Mein hündischer Mitarbeiter gleitet jetzt unkontrolliert über den Holzboden in Richtung einer Blumenvase. Ich schließe vorsichtshalber die Augen. Ganz schlechte Führung! Ebenfalls schlecht wären aber Befehle wie: „Sitz!“, „Platz!“ oder „Lassen Sie das, Herr Müller!“ Denn das löst nur noch schlimmere „umkehrpsychologische Reaktionen“ aus, sogenannte Palastrevolutionen – bei Menschen wie bei Hunden, sagt Philipper. Besser erst mal überlegen: Warum würde ich selbst eine Fliege jagen?

Der Hund, gerade noch mit Karacho an der Vase vorbei gegen die Wand gerumst, schnellt schon wieder hoch. Hm. Spielt er vielleicht Hunde-Tetris? Flüchtet er etwa vor meinen idiotischen Anordnungen, so wie viele Mitarbeiter sich in noch idiotischere Computerspiele flüchten, und ist jetzt süchtig? Ich fürchte ja. Mit hospitalistischem Kopfkreisen verfolgt er aktuell die Fluglinien der Fliege. Wie reagiert nun eine Führungskraft wie ich darauf? Ganz wichtig: Tetris spielende Mitarbeiter darf man nicht mit größerer Aufmerksamkeit belohnen als welche, die brav unterm Tisch vor sich hinschlafen. Das wäre kontraproduktiv. Gute Führung muss „bei allen Mitarbeitern die Bereitschaft wecken, sich eigenständig in die Gruppe einbringen zu wollen“. Wer sich einbringt, wird belohnt, damit er sich noch mehr einbringt. Hörst du, Hund?

Dazu braucht es aber „uneingeschränktes Vertrauen, tiefe Bindung und grenzenlose Freiheit“. Okay. Beziehungsweise: Hä? Wie soll das praktisch funktionieren? Wie bringe ich meinen Mitarbeiter dazu, sich aus den grenzenlosen Möglichkeiten seiner Aktivitäten nicht gerade die Fliegenjagd rauszusuchen, sondern etwas, das so erfahrenere Leute wie ich gut finden würden? Aaah, auf Seite 81 steht: Um eingefahrenes Verhalten zu verändern, muss man die alte abgefahrene Straße der Gewohnheit eine Zeitlang sperren und den gesamten Verkehr auf eine neue, vom Chef erwünschte Straße umleiten. Das heißt also: Hunde-Tetris wird jetzt gesperrt! Wie? Die Fliege muss weg. Genau! Ich springe auf und jage die Fliege. Und da: Es funktioniert! Der Hund stellt seine Hatz sofort ein und verfolgt irritiert, was ich da jetzt mache. Wahrscheinlich überlegt er, wie er mir das Fliegenjagen wieder abgewöhnen kann.

Von Susanne Berkenheger erschien zuletzt das Taschenbuch Ist bestimmt was Psychologisches. Für den Freitag verteilt sie gute Ratschläg

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