Plus minus Minus ist meist gleich null

Die Ratgeberin Stur am Schreibtisch sitzen? Oder einfach mal blau machen? Wäre es nur einfacher, sich zu entscheiden! Leider helfen auch ausgeklügelte Pro-Contra-Listen nicht weiter
| Ausgabe 08/2015
Gassi gehen oder doch eher brav ins Büro dackeln?
Gassi gehen oder doch eher brav ins Büro dackeln?

Foto: Stan Honda/AFP/Getty Images

Ein selten schöner Wintertag scheint zum Fenster herein. Ich, die Freiberuflerin, belade mich mit Arbeitszeugs, um wie stets brav in mein Büro zu dackeln. Habe ich die Schlüssel? Hier. Und tschü … – „Wichtig ist es“, deklamiert mein Mann aus seinem Arbeitszimmer kommend, „dass man rechtzeitig erkennt, wenn man gar nicht arbeitsfähig ist.“ Und dass er genau dies jetzt gerade bei sich selbst erkannt habe und in einer halben Stunde mit Hund und Freunden raus aufs Land fahre. Ob ich auch mitwolle?

Hm. Erst kürzlich habe ich gelesen, dass man viel zu oft einfach nur das macht, was man ohnehin immer macht oder – noch schlimmer – was andere einem sagen, zum Beispiel Auftraggeber, Chefs, Kollegen und so. Viel besser sei es aber: sich stets ganz bewusst zu entscheiden, was man in diesem oder jenem Moment wirklich, ganz ehrlich will. Deshalb trainiere ich seit einigen Tagen mein Gehirn, entscheidungsfreudiger zu werden. Der erste Schritt: Entscheide dich dafür, entscheidungsfreudiger zu werden!

Das scheint funktioniert zu haben: Denn blitzschnell entscheide ich jetzt, die Landausflugsfrage nach der erst gestern entdeckten PMI (Plus-Minus-Interesting)-Methode von Edward de Bono zu entscheiden, sprich: auszurechnen. „Moment“, rufe ich meinem Mann zu, „du hast meine Entscheidung in 15 Minuten.“ Ich schmeiße meine Taschen auf den Boden, ziehe einen Zettel und einen Stift heraus und setze an: Überschrift: Landausflug! Darunter eine Plus-, eine Minus-Spalte sowie eine dritte für offene Fragen. „Kommst du jetzt mit?“, will der Mann wissen. „Jghmhj“, so ich.

Also – die Plus-Liste: 1) Ich erlebe heute einen super Tag. 2) Morgen platze ich deshalb vor Energie. 3) Der Mann freut sich (tut er das?). Ich rufe nach hinten: „He, freust du dich, wenn ich mitkomme?“ Während der Mann darüber nachdenkt oder vielleicht selbst ein PMI-Zettelchen dazu ausfüllt, notiere ich weiter: Plus 3) Die BVG verdient mehr Geld. Unsinn! Noch mal: 3) Ich festige die Bindung zum Hund. Noch größerer Unsinn! Jetzt, hier: 3) Freundschaftspflege.

Nun zur Minus-Spalte: A) Dieser Text hier wird nie fertig. B) Ich muss dann morgen und übermorgen extralang im Büro sitzen. C) Die PMI-Methode wird zur Sucht. D) Mich plagt ein schlechtes Gewissen. Moment, jetzt fällt mir noch was pro Landausflug ein – ein weiteres Plus: 4) Ich verschwende keine Zeit im Büro, falls ich heute, genau wie der Mann, gar nicht arbeitsfähig sein sollte. Genau. So. Ist notiert. Noch was? Nee.

Jetzt kommt der Clou. Ich bewerte die einzelnen Aspekte mit Wertigkeitenvon 1 bis 6, je nach Gewicht. Halt, ich brauche noch offene Fragen. Das ist leicht. Ich notiere: Freut sich der Mann, wenn ich mitkomme? Perfekt. Nun also gewichten: 1) Schön in der Sonne rumdödeln (4), 2) Energievorsprung (5),3) Freunde (5), 4) Null Zeit verschwenden (6). Jetzt zur Minus-Spalte: A) Dieser Text wird nie fertig, Auftraggeber sauer (6), B) Das macht noch einen Tag mehr im Büro, bevor ich sterbe (4), C) Ich muss immerzu PMIen (3), D) Schlechtes Gewissen (3). Okay. Moment, jetzt fällt mir noch ein Aspekt ein: E) Wenn ich nicht ins Büro gehe, kann ich auch nicht heimlich Schokolade essen (4).

„Und, weißt du schon was?“, fragt der Mann. Der Hund bellt. „Jaja, gleich!“ Nur noch zusammenrechnen. Pluspunkte: 20. Minuspunkte – auch 20! Voneinander abziehen, macht … „Null“, rufe ich triumphierend. „Du nennst mich eine Null?“, stößt der Mann aus. „Ja, äh, nein, null heißt: Ich bin unentschieden“, erkläre ich. „In dem Fall müsste ich nach der PMI-Methode nur noch wissen, ob du eigentlich willst, dass ich mitkomme?“ Jetzt brüllt der Mann: „Warum glaubst du, dass ich dich das die ganze Zeit frage?“ – „Okay, das heißt wohl: ja!“ Damit ist es dann entschieden. So nimmt man das Leben in die eigene Hand. Großartig! Fröhlich stapfe ich mit Mann und Hund zur Tür hinaus.

Von Susanne Berkenheger erschien zuletzt das Taschenbuch Ist bestimmt was Psychologisches. Für den Freitag verteilt sie gute Ratschläge

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