Alle Menschen sind Allergiker

Heuschnupfen Frühling ist Pollenzeit – unsere Kolumnistin weiß: vor ihnen bleibt niemand verschont
„Neulich hat eine behauptet, sie könne nur den Pink-Lady-Apfel essen und ausschließlich die Oatly-Hafermilch trinken. Gegen alle anderen Äpfel und Hafermilchmarken sei sie allergisch. Ist das möglich?“
„Neulich hat eine behauptet, sie könne nur den Pink-Lady-Apfel essen und ausschließlich die Oatly-Hafermilch trinken. Gegen alle anderen Äpfel und Hafermilchmarken sei sie allergisch. Ist das möglich?“

Foto: Dean Pictures/IMAGO

Der Feind steht im Innenhof. Groß, dürr und schmuddelig grau-braun: unsere schöne Schwarzerle. Nachbarn, die ihren Balkon – ich weiß nicht wie – den gesamten Winter zur Entspannung nutzen, verschanzen sich nun in ihren Wohnungen, der Baum ist allergen. Nur ich, offenbar einer der letzten allergiefreien Menschen, komme jetzt raus auf den Balkon, um mit dem zweiten allergiefreien Menschen im Sonnenschein zu debattieren:

„Neulich hat eine behauptet, sie könne nur den Pink-Lady-Apfel essen und ausschließlich die Oatly-Hafermilch trinken. Gegen alle anderen Äpfel und Hafermilchmarken sei sie allergisch. Ist das möglich?“

Ich verdächtige diese Person heimlich der Hypochondrie und – Hatschi – schäme mich. „Offenbar“, so deklamiere ich durch den Innenhof, „bin ich in jeder Hinsicht unsensibel: keinerlei Unverträglichkeiten, keinerlei Feingefühl, einfach ... Hust ... irgendwie grobschlächtig.“ Der zweite allergiefreie Mensch lacht. Er weiß mehr: Der Pink-Lady-Apfel, der sei ein ganz schlimmer Apfel für Allergiker und auch aus apfelethischen Gründen nur zu verachten. Wer sagt, er könne nur den essen, mit dem stimme was nicht. „Doch Hypochonderin?“, flüstere ich. Und etwas lauter: „Schon der Name: Pink Lady! Wenn das kein allergisches Symptom beschreibt! Da kann man sich nachher – schneuz – nicht beschweren.“

„Allerdings gibt’s auch Schleimhautschwächlinge“, wirft Mensch zwei ein. Ich lache herzlich, aus Dummheit. Denn wie ich sogleich ergoogeln soll, es gibt sie wirklich. Ich zitiere: „ein Mensch, bei dem allergieähnliche Symptome auftreten, ohne dass – Hust – Allergietests eine Allergie nachweisen.“

„Und hör mal hier“, deklamiert der andere: „Wir sind umzingelt, von Freunden und Feinden. Wir haben lauter“, und jetzt wird er sehr dramatisch, „offene Flanken und brauchen sie auch, um zu leben: Leben bedeutet Austausch. Es ist zugleich wichtig, schon die erste Verteidigungslinie gegen Erreger, nämlich die Schleimhäute, so gesund wie möglich zu halten.“

Taschentuch, wo bist du?

„Schleimhautbroschüre der Bundeswehr?“, vermute ich. Quatsch: Webseite der Deutschen Homöopathie-Union. Erstaunlich. „Schleimhautschwächlinge sind eigentlich Schleimhautpazifisten?“, brabble ich, während ich mir die Augen trocken wische. „Allergiebereit kann übrigens jeder sein“, sagt der allergiefreie Zweite. „Wie bitte? Ich? Definitiv nicht“, behaupte ich.

„Hast du das schriftlich?“, will man wissen. „Hä“, krächze ich, mich verschluckend, nach Luft ringend. „Kann man mit einem Bluttest rausfinden. Jeder zweite Deutsche hat inzwischen eine Sensibilisierung gegenüber mindestens einem Allergen, anscheinend. Aber er reagiert halt trotzdem nicht allergisch.“

„Ja, aber warum denn nicht? Ist es Willensstärke?“, will ich wissen. Taschentuch, wo bist du? Da, schneuz. Ich hole Luft: „Ich hab’s: Wenn der Schleimhaut-Minderleister auch ein – krchzzch – Allergie-Allzeitbereiter ist ... also wenn sein – schnief – Bluttest ihn als Allergiker ausweist, er aber – hust, räusper – kein aktiver Allergiker ist ..., dann, ja dann muss er wie ein Irrer suchen, wogegen er allergisch sein könnte, findet aber nichts. Dann – wart mal kurz, die Nase, so – dann kommt’s, wie’s kommen muss: Zufällige Lebenskorrelationen ergeben irre Zusammenhänge: passierte Tomaten etwa, er isst die von – keuch – ja!, schon geht’s wieder los, denkt er, die von Parmalat sind okay, von Gut & Günstig gehen gerade so ...“

„Sag mal“, werde ich unsanft aus meinem Heureka-Moment gerissen, „was ist eigentlich mit dir los? Du keuchst, schnaubst, triefst und tränst da rum wie blöd!“

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 1