Susanne Jakubzik

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RE: Das Tor ins Jenseits | 06.03.2010 | 00:35

Menschen würden auf dieser Seite Worte an ihn richten, die er sowieso nicht checkt, schreiben Sie. Der Tod kommt oft unerwartet und trifft einen mit Wucht. Es fühlte sich für mich anfangs unbegreiflich und, da ich noch nie den Tod eines mir so nah stehenden Menschen erlebt hatte, auch vollkommen unüberwindbar. Als ich jeden Tag las, dass es anderen genauso geht, hat mir das sehr geholfen. (natürlich auch der Artikel „Trauerarbeit bei Wikipedia, in dem die psychischen Trauerphasen beschrieben worden/ ich befand mich also noch im Schockzustand) Mit jedem neuen Foto auf der Seite jeden Tag konnte ich erneut und langsam Abschied nehmen. Ich kenne niemanden seiner „Freunde“ sehr gut. Ohne diese Seite wäre ich mit meinem Schmerz vollkommen allein gewesen.

Die Entmenschlichung und Objektivierung – ja jeder Einzelne sollten darüber nachdenken, da gebe ich ihnen recht. Allerdings sind die Ursprünge dieser Entwicklung nicht bei Facebook zu suchen. Die Medien vermitteln uns, dass Stars wertvollere Menschen als wir selbst sid. Warum? Weil sie berühmt sind und „viele Freunde“ haben. Dies wird also erstrebenswert. Wenn ich viele Freunde habe, wenn sich viele Menschen für mich interessieren, diese am Besten noch selbst berühmt sind, viele auf meine FB-Kommentare reagieren, ich in den Clubs/Events/Restaurants/Vernissagen bin zu denen auch Stars gehen, die Kleidung eines Stars trage – dann bin ich wichtig, steche heraus, bekomme eine Daseinsberechtigung. (Ich glaube wir beide wissen sehr genau wovon ich spreche! Sie sind auch ein Mitglied von Facebook und haben „stolze“ 682 Freunde. Unter ihnen sind natürlich einige Prominente Persönlichkeiten zu finden und Sie bewegen sich gern in der berliner „High Society – Szene“. Ich werde jetzt nicht das Sprichwort mit dem Glashaus und den Steinen niederschreiben, sondern mein eigenes: Man muss die Suppe gegessen haben um beurteilen zu können ob sie zu salzig ist.) Der Gedanke, es würde vielen Menschen etwas ausmachen, wenn ich sterben würde, wird zu einem reizvollen. Wenn jemand das Ziel verfolgt, viele Menschen an seinem Selbstmord teilhaben zu lassen, wird Ihm über das Internet eine riesige Plattform geboten. Einmal wichtig sein, einmal Thema sein, einmal liebe Worte gesagt bekommen – das geht heute indem man sich virtuell berühmt macht um sich dann zu töten.

In Wirklichkeit zählen natürlich unmittelbare menschliche Nähe und echtes gefühltes unbenebeltes Leben.

Sie werden lachen, aber ich lese in Ihrem Artikel auch Ihren persönlichen Schmerz. Sie finden es schlimm, dass das Leben für viele sehr schnell einfach weiter ging nach seinem Tod. Da kann ich nur zurück geben: „Wenn wirklich jemand stirbt, hilft keine Verschönerung und auch kein buddhistisches „Nirvana-Gequatsche“ mehr.“ Das Leben geht nach so einem Tod nun mal weiter - für einige schneller für andere langsamer! Sie finden es pervers, dass man sich je näher dem Thema Tod umso lebendiger fühlt, wahrscheinlich weil Sie das schockierender Weise sogar selbst gefühlt haben - aber: so ist das und es ist gesund! Lassen Sie es ruhig zu!

Ich habe persönlich mit dem Nutzen dieser Seite in erster Linie an J. gedacht (der all diese vielen und berühmten Reaktionen auf seinen Tod wahrscheinlich geliebt hätte) und an mich (der es unglaublich half ihren Schmerz zu teilen und anderen Trauernden Gutes zu tun).

Ich habe nachgedacht und werde auf der Fanpage nicht mehr aktiv sein.

Es kann sein, dass ich noch einige Zeit mit mir ringen werde um am Ende doch auf „mich als Fan entfernen“ zu klicken.