Ach Gottchen: Calmund speckt ab

Showkritik Reiner Calmund, Ex-Manager von Bayer Leverkusen, wiegt mittlerweile 163 Kilo. Das ist dem selbsternannten lustigen Dicken zu viel. Deshalb speckt er ab - vor Kameras

Das Konzept: Ein Jahr lang hat sich Reiner Calmund, Ex-Manager von Bayer Leverkusen und Privatfernsehen-Promi, Zeit gegeben, 30 Kilo abzunehmen. Weil er zwar immer schon ein "Kugelblitz" war, der einfach keine Disziplin an den Tag legen könne – wenn es um all die Dinge geht, die essbar sind. Aber die 163 Kilogramm, die er schließlich vor einem Jahr wog, waren ihm bei einer Körpergröße von 1.72,5 Metern dann doch zu viel. Weil das mit der Disziplin ein wenig leichter geht, wenn man sich von Kameras beim Trennkost-Essen und Sportmachen zu gucken lässt, und Calmund über das fernsehtaugliche Image "Deutschlands berühmtester Dicker" (Vox) verfügt, haben sich der Sender und Calmund (der selbstverständlich auch in eigener Sache twittert) zusammengetan. In vier Folgen, jeweils dienstags 22 Uhr 15, läuft nun der absolute Kracher der Abendunterhaltung, Titel: "Iron Calli" (wegen Ironman, Sie wissen schon, die längste Triathlonstrecke). Zur Seite gestellt sind Calli in helfender Absicht:

Joey Kelly: Ja, der Kelly, von der Kelly-Family. Die Gesangsvergangenheit tut jedoch nichts zur Sache (nur das Familiensegelboot "Santa Barbara Anna", mit dem die singene Familie durch die Welt schipperte, darf dann auch mal ins Bild). Kelly hilft, weil er Extremsportler ist. Er fährt mit Calmund Fahrrad, plantscht mit ihm im Schwimmbad. Walkt mit Stöcken durch die Gegend. Und holt schon mal die Hanteln raus. Und das alles: Weil Calmund so ein "feiner Kerl" ist.

Dr. Hans Georg Predel: Mediziner an der Sporthochschule Köln, der die nötigen Gesundheitschecks durchführt, denn ohne die darf Calmund erstmal gar nichts weiter tun. Sportlich gesehen. Predel guckt dementsprechend ernst in die Kamera und gesteht, dass es sich bei Calmund schon um einen "potentiellen Risikopatienten" handle. Der begleitende Reporter benennt das Problem im Off-Ton auf seine Art: "Calmund droht zu platzen". Ja, so. Da warten wir doch gespannt auf die Ergebnisse der EKGs, des Blutbildes und aller anderen Körper-, Fettwerte ("So sieht es in Calli aus").

Julia Kellersmann-Wulf: Ernährungsberaterin. Geschätzer Körperumfang in Calmunden: ein Drittel von ihm. Sie erklärt die Trennkost. Inspiziert den Kühlschrank, den "Ort der heiligen Andacht" (Vox) und kocht mit ihm fettfrei gebratenes Hühnerbrüstchen. So weit, so funktional.

Seine Frau, Silvia Calmund: Der Emofaktor. Die Liebe und so. Das braucht jede gute Show. Und daher darf die sehr viel lachende, ("22 Jahre jüngere!", Vox) Gemahlin ganz oft betonen, dass sie jedes Pfund an ihrem Calli liebe, das aber eben noch eine Weile lang tun möchte.

So soll das beim Zuschauer ankommen: Im Grunde ist der pädagogische Ansatz nicht gerade neu, all den Dicken vor der Glotze auch mal nahe zu bringen, dass sie zuviel mit sich herumschleppen. Meistens nur dürfen sie dabei nicht dem "berühmtesten Dicken" zusehen, sondern Menschen, die im Fernsehen als "normal" gelten, Leute wie Du und die Nachbarn (aber bloß nicht Leute wie Ich). Gesellschaftlich fügt sich das Ganze prima in den Diskurs, dass "die Deutschen zu dick" würden. Vor allem die Kinder. Aber eben nicht nur. Nicht zuletzt für die Volksgesundheit besteht also definitiv: Handlungszwang. Und Vox zeigt, wie das geht, und dass das auch mal mit einem Späßchen zu bewerkstelligen ist.

Und so kommt es an: Bei all den Menschen, die BratkartoffelSteakBaconSpeckPalatschinkenEisKaiserschmarrnSchokolade für eine prima Mahlzeit halten, wie man bei Calmund zu sehen bekommt, gar nicht. Bei allen, die das tun, sich aber kein Luxus-Steak leisten können, führt es zum klassischen Seufzer und der nächsten Chipstüte. Und bei Menschen, die Interesse daran haben, dass Leute in der Glotze – auch ein Reiner Calmund – nicht dem blanken Spott preisgegeben werden, löst es den gewohnten Weltschmerz angesichts des Zustands des Privatfernsehens aus. Lustig ist das alles auch nicht, weder wenn Calmunds nackter Bauch beim Belastungs-EKG auf dem Fahrrad in Großaufnahme gezeigt wird, noch wenn er in einer Wellness-Holzwanne liegt und die Frage beantworten muss, ob er da reingepasst hätte, wenn er sich mit den vier bereits abgenommenen Kilos rein gelegt hätte. Geschweige denn die Ignoranz der Tatsache, dass Fettleibigkeit eine zwar eher noch tabuisierte, aber eben doch anerkannte Krankheit ist, der man nicht ohne Weiteres mit der Devise: 'Nun reiß dich mal zusammen', begegnen kann.

Die peinlichste Szene: Als Calmund trotz aller eigenen Vermarktungsinteressen nicht mehr anders kann und den Vox-Reporter darauf hinweist, dass er aber "gehässig" sei. Weil der Reporter es ist und das auch noch für gute Unterhaltung hält.

Der beste Moment: Als Reiner Calmund zwischen den Gesundheitstest auf dem Flur in der Sporthochschule entlang geht und seine Stimme im Off-Ton dazugeblendet wird: "Ich habe Angst vorm Sterben. Da kommste hierher und haste schon ein bisschen Angst."

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16:55 18.08.2009
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 41/2021

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