Ein ostdeutsches Labor

Strukturwandel Die Stadt Wittenberge war drei Jahre lang Gegenstand eines soziologischen Forschungsprojektes: Wie hat sich die Gesellschaftsstruktur von der Wende bis heute verändert?

Beim Neujahrsempfang im "Regionalen Wachstumskern" feierte man 230 neue Arbeitsplätze und mehr als 660 gesicherte. Am 23. Januar wurde die Städtepartnerschaft mit Châlons-en-Champagne (Frankreich) besiegelt. Für Mitte März ist eine Einwohnerversammlung verschiedener Stadtteile angesetzt, bei der es unter anderem um die Bereitsstellung von DSL-Anschlüssen sowie die neue Friedhofssatzung gehen soll. Willkommen im deutschen Kleinstadtleben! Willkommen in Wittenberge in der Prignitz. In Brandenburg. Im Osten Deutschlands.

So manchem Leidgenossen aus anderen kleinstädischen Regionen Deutschlands mag bei diesen Nachrichten aus Wittenberge, die im Internetauftritt unter der Rubrik "Aktuelles" nachzulesen sind, das blanke Entsetzen ergreifen – für Soziologen müssten sie aber doch ein erfreulicher Beweis dafür sein, wie weit und erfolgreich die deutsch-deutsche Sozialisation fortgeschritten ist. Alltag in Deutschland. Der Soziologe Heinz Bude und sein Team von 28 weiteren Forschern sind im Laufe der vergangenen drei Jahre bei ihrem Forschungsprojekt (finanziert vom Bundesministerium für Forschung und Bildung) jedoch zu einem anderen Schluss gekommen. Hinter diesen Nachrichten, hinter einer glatter polierten Oberfläche, bot das Leben den Menschen in Wittenberge über Jahre hinweg das, was die Forscher "soziales Drama" nennen.

Nach der großen Erwartungshaltung unmittelbar nach dem Mauerfall auf eine bessere Zukunft, die vor allem das ehemals modernste Nähmaschinenwerk der Welt garantieren sollte, folgte die Wendezeit und mit ihr eine Phase des Wartens. Eben auf jene bessere Zukunft. Auf einen Investor aus dem Westen, der mit seinem Geld die Selbstheilungskraft der Region weckte. Und jetzt? Jetzt sind die Wittenberger angekommen. In der Gegenwart. In der Akzeptanz der Realität. Die Wittenberger, so Bude, hätten nicht zuletzt im Ergebnis der Forschungsarbeit sich die Wahrheit zugemutet und damit den beinahe therapeutischen Grundstein zu einem Neuanfang gelegt. "Wittenberge ist die Stadt des Existentialismus in Deutschland", wie es Bude bei der Präsentation des Projekts in Zusammenarbeit mit demZeit-Magazin auf den Punkt brachte. "Die Stadt muss sich nun auf das konzentrieren, was sie ist". Also nicht auf das, was sie sein möchte, könnte, müsste. Nur dann könne es gelingen, die anhaltende Abwanderung der Jugendlichen aus der Region zu stoppen, die mittlerweile sogar wieder Chancen auf gute Ausbildungsplätze biete, im Ingenieursbereich etwa.

Was aber lässt sich aus dieser Diagnose nun an grundlegenden Erkenntnissen ziehen – vielleicht sogar über ganz Ostdeutschland?

1. Wittenberge ist weniger repräsentiv für ein "Ostdeutschland", das laut Bude nicht mehr existiert. Die Konstruktion eines "sozialistischen Wir"-Gefühls über die Differenz Ost und West, wie sie nach der Wende tragend war, sei nicht mehr wesentlich. Vielmehr steht Wittenberge exemplarisch für einen Ort der Deindustrialisierung, die überall in Europa stattfindet – in Westdeutschland (wie die Vergleichsgröße der Studie, Pirmasens) oder in Portugal, Italien und Rumänien (wie die Stadt Victoria, die Bude ebenfalls als Vergleichsgröße heranzieht). Kennzeichnend für diese Orte ist der Verlust des Lebensmittelpunktes, einer zentralen Wertschöpfungsquelle. Im Unterschied zu den USA etwa, zieht sich in Deutschland der Sozialstaat hier jedoch nicht zurück. Im Gegenteil. Er geht auf diese Regionen zu.

2. Als Folge dieses Strukturwandels ist die kleinstädtische Gesellschaft in Wittenberge geprägt von Fragmentierung. Während in ähnlich strukturarmen Städten wie Pirmasens immer noch ein gegliederter Kosmos die Gesellschaft strukturiere (nach Bezirken, Stadtteilen, Vororten), der von Ungleichheiten geprägt ist, existiert in Wittenberge eine Kultur der inneren Vergleichgültigung. Eine sich selbst tragende Zivilgesellschaft, die sich um verschiedene Gesellschaftsmitglieder sorgt, habe Bude kaum vorgefunden. Diese Art der Sorge sei in der Vergangenheit immer industriell konnotiert gewesen. Ebenso wenig stießen Begriffe wie "bürgerliches Engagement" auf große Akzenptanz, so Bude.

3. Gesellschaftliche Teilhabe wird in Wittenberge vielen nicht mehr über Arbeit gewährleistet. Zwar lebten durchaus "fitte und leistungsbereite" Arbeitskräfte dort, die meisten pendelten jedoch nach Hamburg oder Berlin. Für all die anderen hat das sogenannte "Discounting" die Teilhabe ersetzt. Im Gegensatz zum "Shopping", das Konsum als Freizeit-Erlebnis zelebriert, dient das Discounting der Strukturierung des Tages: Preise vergleichen, Schnäppchen jagen, überall das Günstigte Angebot finden und kaufen, sich als schlauer Konsument beweisen. Viele Doscounter seien auf diese Art zu sozialen Treffpunkten geworden, so Bude.

Wittenberge, so das Resümme der Soziologen, ist ein postmaterielles Laboratorium. Aber keine Modellregion für andere vom Strukturwandel betroffene Städte. Wie sehr die Stadt immer noch am Anfang der sich-findenden Jetzt-Phase steht, macht dabei einer der 25 Punkte deutlich, mit denen die Forscher Ihre Projektergebnisse in der kommenden Ausgabe des Zeit-Magazins zusammengefasst haben: "Wenn die Sozialforscher in ihren Interviews nach den meistgenannten Wörtern suchen, sind das immer 'damals' und 'früher'."

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Ihre Freitag-Redaktion

17:45 02.03.2010
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 42/2021

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