Eine gute Geschichte

Interview Dario Suter hat das Netzwerk studiVZ mitgegründet und jetzt den ersten deutschen Irakkriegsfilm produziert. Was kommt von dem jungen Unternehmer als nächstes?

Der Freitag: Herr Suter, wie kommt man auf die Idee den ersten deutschen Irakkriegsfilm zu produzieren?

Dario Suter: Das war Zufall. Ich habe den Regisseur

Journalisten, die helfen wollen?

Nun, sie helfen den Opfern, indem sie über die Hintergründe von Not und Elend der Zivilbevölkerung berichten. Indem sie nicht als



Sehen Sie sich in der pazifistischen Tradition?

Nein, nicht unbedingt. Der Film ist auch nicht antiamerikanisch. Krieg ist Chaos und immer schrecklich. Meine Haltung resultiert aus einer Grundmenschlichkeit. Noch nie konnte eine Generation einen Krieg so nahe verfolgen wie wir den im Irak. Während meines Studiums fühlte ich mich geradezu verpflichtet, mich damit auseinanderzusetzen, wie dieser Krieg auch medial geführt wurde. Ich habe in St. Gallen zwar BWL studiert, aber von Anfang an mit dem Ziel, in den Medien zu arbeiten. Meine Diplomarbeit habe ich im Vertiefungsfach Medien- und Kommunikationsmanagement über Kriegsberichterstattung in den Golfkriegen geschrieben. Der Regisseur und ich hatten also sofort ein gemeinsames Thema.

Mit dem Film wählen Sie keine wissenschaftliche, sondern unterhaltende Form. Weshalb?

Gute Unterhaltung muss doch ernste Themen nicht außen vor lassen. Mit einer spannenden Inszenierung versuchen wir Menschen zu erreichen, die sich sonst nicht unbedingt mit dem Thema Krieg auseinandersetzen. Da kann man viel von Amerikanern lernen, die gut verstehen, Unterhaltung für politische oder soziale Anliegen zu instrumentalisieren.

Vor diesem Film haben Sie studiVZ mitgegründet, das erste in Deutschland erfolgreiche soziale Netzwerk. Wie kamen Sie auf diese Idee – auch von den Amerikanern gelernt oder Zufall?

Zufall würde ich hier nicht sagen, aber die Idee ist auf eine Art schon nebenher entstanden. Im Sommer 2005 machte mein Studienfreund und damaliger WG-Mitbewohner Ehssan Dariani ein Praktikum im Start-up eines Freundes in den USA. Damals wurde dort gerade die Kommunikation revolutioniert: Alle waren auf Facebook oder MySpace. Er rief mich an und meinte: So etwas brauchen wir auch in Deutschland – sofort!

Da haben Sie es einfach selbst gemacht?

Ich habe Ehssan sehr früh unterstützt, relativ schnell auch hauptberuflich. Eine Plattform zu schaffen, den Nutzern Anregungen mit einer neuen Kommunikationsmöglichkeit zu geben, das fand ich faszinierend. Wer in den Medien arbeitet, sucht ja sein Publikum. Und das haben wir mit

Was läuft seit Ihrem Verkauf von studiVZ an Holtzbrinck schief – es wurde mittlerweile von Facebook überholt?

Man muss fairerweise sagen, dass die Plattform noch immer sehr erfolgreich ist mit mittlerweile sechzehn Millionen Usern. Zum Zeitpunkt des Verkaufs Anfang 2007 waren wir richtig hip: Wir haben gerockt, also viel gearbeitet und viel gefeiert. Sogar in San Francisco kannte die Szene studiVZ, wovon ich mich auf einer TechCrunch-Veranstaltung selber überzeugen konnte. Ich persönlich hätte dort sofort eine Repräsentanz aufgebaut. Aber ich glaube, der Käufer hatte andere strategische Überlegungen als wir: Die Verlagsgruppe von Holtzbrinck entschied, die Zukunft des Portals von Stuttgart und Berlin aus zu prägen. Im Grunde wurde ein Generationswechsel vollzogen: Wir jungen „unvernünftigen Kinder“ mussten den Erwachsenen weichen.

Aus kommerziellen Gründen?

Wir hatten zwar damals schon begonnen, durch Werbung den Traffic zu monetarisieren, wie es so schön heißt, schrieben aber noch keine schwarzen Zahlen. Der Käufer wollte anders ran gehen: Kann man verstehen, Holtzbrinck ist schließlich kein Mäzen.

Was hat Sie an die Banker-Schmiede St. Gallen geführt?

Jedenfalls nicht der Traum, Investmentbanker zu werden. Ich wusste ehrlich gesagt damals gar nicht, was die tun. Ich hatte einfach den Wunsch, die Wirtschaftssysteme zu verstehen.

Und, verstehen Sie sie? Viele ja zunehmend nicht mehr...

Ich bilde mir ein, zumindest ansatzweise zu verstehen, wie Wirtschaft funktioniert. Aber ich kann auch die Ressentiments gegenüber den heutigen Akteuren nachvollziehen, die die Eigennutzen-Maximierung über alles andere stellen. Für mich ist „kommerziell“ dennoch kein Schimpfwort.

Ist diese Haltung eine typisch deutsche?

Sagen wir lieber: eine europäische.

Wie groß war die Gefahr, nach dem Erfolg und Verkauf von studiVZ auch ein bisschen abzuheben?

Eher gering, ich neige prinzipiell nicht dazu abzuheben. Vielleicht spürte ich einen gewissen Übermut, weil die Geschichte so schnell so erfolgreich war. Durch den Verkauf hatte ich plötzlich die Freiheit, beruflich das zu tun, was ich wirklich wollte. Zum Beispiel, diesen Film zu machen. Meine Partner Christoph Daniel und Marc Schmidheiny sind gemeinsam mit unserem Produktionspartner

Hatten Sie eine Vorstellung von Ihrem beruflichen Werdegang bevor all diese „Zufälle“ eintraten?

Es gibt ja diese Leute, die sich einen präzisen Karriereplan machen – ich gehöre nicht dazu. Nach dem Studium habe ich bei Publikumsverlagen gearbeitet, bei Ringier in Zürich und bei Axel Springer in Hamburg, um mich zu orientieren. Antrieb war allein mein Interesse, Entertainment mit Unternehmertum zu verbinden. Dann kam studiVZ, jetzt der Film.

Ihr Vater Karl Suter war Filmemacher und Regisseur, er hat unter anderem in Zürich Boulevardstücke inszeniert. Kommt daher Ihr Interesse an der Unterhaltung?

Meinen Vater habe ich leider erst mit Hilfe vieler Tonbänder und Filmaufnahmen kennengelernt; er ist vor meiner Geburt gestorben. Aber in meinem Unterbewusstsein gab es wohl schon den Wunsch, ihm nachzueifern.

Direkt ans Theater wollten Sie aber nicht?

Nein. Ich wuchs mit meinem Stiefvater auf. Der war als Rohstoffhändler geprägt von einem explizit wirtschaftlichen Denken. So versuche ich, beides zu verbinden, das wirtschaftliche Handeln und den Wunsch, Menschen unterhalten zu wollen. Mit dem Verlust meines Vaters aufzuwachsen, hat mich sicher sehr geprägt. Wenn man schon als Kind weiß, dass man einen so wichtigen Menschen, den man sich sehnlichst zurück wünscht, für kein Geld der Welt zurück kaufen kann – das relativiert von Beginn an alles materielle Glück. Das mag jetzt klischeehaft klingen, aber diese Einstellung kommt aus tiefstem Herzen ...

Welche Idee wird als nächstes umgesetzt?

Wir bereiten gerade ein neues, internationales Filmprojekt vor:

Und was wird aus Ihrer Sicht das nächste große Ding?

Sie meinen so revolutionär wie das Web 2.0? Wäre jetzt natürlich toll, wenn ich in die Zukunft blicken könnte! Aber so etwas wie das Web 2.0 ist einmalig. Es wird zu Recht mit der Erfindung des Buchdrucks gleichgesetzt, weil es Menschen die Möglichkeit gibt, überall auf der Welt ihre Meinung zu publizieren. Das ist unglaublich. Und wir sind erst am Anfang der Entwicklung. Auch der Einfluss wird steigen, man muss nur an die politische Rolle des Web 2.0 für die Opposition im Iran denken.

Dario Suter

, geboren am 21. Juni 1978 in Zürich, lebt zur Zeit in Berlin-Mitte. Nach seinem BWL-Studium in St. Gallen baute er mit Partnern das soziale Netzwerk studiVZ in Deutschland auf. Seit 2008 betreibt er gemeinsam mit Christoph Daniel und Marc Schmidheiny die Filmproduktionsfirma DCM Mitte Productions. Suter engagiert sich desweiteren für Schul- und Ausbildungprojekte für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Israel.

Der Antikriegsfilm ist die erste Produktion von DCM. Regisseur Lancelot von Naso, Absolvent der Filmhochschule München, erzählt darin die Geschichte von fünf Menschen, die sich 2004 (nach offiziellem Kriegsende) in Bagdad dazu entschließen, während eines 24-stündigen Waffenstillstands nach Falludscha aufzubrechen aus unterschiedlichen Interessen: ein Journalist und ein Kameramann wittern die Exklusivstory, eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Medica Mundi und ein Arzt wollen medizinische Hilfsgüter transportieren sowie ein irakischer Fahrer, den sie für den Transport benötigen. Gedreht wurde in Marokko.

Der Film läuft derzeit in den Kinos.

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17:00 14.04.2010
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 42/2021

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