Eins, zwei - vorbei

Porträt Leanne Shapton hat eine neue Art Liebesroman ­geschaffen: Ein Auktionskatalog voller ­Gegenstände erzählt vom Scheitern einer Beziehung. Welche Dinge sind ihr wichtig?

Der Freitag: Frau Shapton, Sie haben einen fiktiven Auktions­katalog veröffentlicht, der Gegenstände aus einer vierjährigen, gescheiterten Beziehung zeigt. Angenommen der Katalog wäre nicht fiktiv, welche Dinge würden Sie ersteigern wollen?

Leanne Shapton:

Oh, gute Frage, da muss ich überlegen. Wahrscheinlich würde ich einige der Bücher kaufen, die Edna O’Brien-Sammlung zum Beispiel finde ich faszinierend. Oder ein paar Kleidungsstücke. Auf keinen Fall aber Dinge, die emotional aufgeladen und sentimental sind wie die Briefe oder Postkarten.

Auf einer realen Auktion haben Sie schon einmal persönliche Gegenstände gekauft: aus dem Besitz von Truman Capote.

Stimmt, in dem Katalog der Auktion gab es auch Notizen, die waren allerdings nicht ganz so privat. Ich ging damals dorthin, um Geschenke für Weihnachten zu kaufen. Das hat richtig Spaß gemacht – und hat mich zu meinem fiktiven Katalog inspiriert.

Sind auch Objekte in Ihrem Katalog, die Sie nicht mögen?

Klar, die Tasse mit Oskar aus der

Es war zu lesen, dass der Katalog autobiografische Züge trägt: Sie haben ehemalige Beziehungen darüber aufgearbeitet?

Ja, ich habe meine eigenen Liebesbriefe nochmal durchgelesen und alle Geschenke angesehen, die ich bekommen habe. Es steckt eine Menge Autobiografisches drin.

Wirken Ihre Charaktere auch deshalb sehr typisch für eine gewisse Altersgruppe und ein bestimmtes Milieu: um die 30 Jahre alt, in kreativen Berufen tätig, in festen Beziehungen, aber unglücklich?

Definitiv, das sind Leute, die ich kenne. Ich erzähle von einer bestimmten Phase im Leben, in der man nicht nur materiell wertvolle Dinge ansammelt, sondern ihnen eine persönlichkeitsbildende Bedeutung zukommen lässt. Sie erzählen glückliche und tragische Geschichten. Zu Beginn der Liebesgeschichte ist sie 26 und er 39. Aufgrund des Altersunterschieds beeinflusst er sie ein bisschen mehr, sein Geschmack ist prägender, dafür ist er emotional eher zurückhaltend. Es ist eben die Geschichte eines New Yorker Paares.

Ist das besonders für New Yorker Paare?

Ich denke schon. In New York dreht sich alles darum, wie man sich der Welt zeigt. Einerseits bekommt dadurch der persönliche Geschmack einen sehr hohen Stellenwert. Zum anderen ist New York ein sehr anspruchsvoller, ambitionierter Ort. Die Verführung ist groß, über Styling zu Erfolg und Anerkennung zu gelangen. Vielleicht ist das aber auch überall in der westlichen Welt ähnlich. Was eine lustige Vorstellung ist: Eigentlich ist Geschmack eine sehr persönliche Sache, aber alle fühlen sich in der globalisierten Welt zu den gleichen Dingen hingezogen und erkennen sich selbst darin.

Man könnte also auch von einer Art Geschmacksterror sprechen?

Ich denke schon, dass Geschmack und Stil die eigentlichen Antriebskräfte auch von Gentrifizierung sind. Nicht so sehr die Architektur der Häuser oder die Immobilien an sich sind entscheidend, sondern die Läden und Dinge, die man in einer bestimmten Nachbarschaft kaufen kann. Gibt es guten Kaffee? Und guten Käse? Die richtigen Klamotten? Aber ich versuche in meinem Buch, diesen Hintergrund nicht allzu stark zu bewerten, sondern möglichst realistisch darzustellen, wie verrückt man konsumiert.

Die Soziologin Eva Illouz hat sehr treffend nachvollzogen, wie Konsum in unserer Zeit romantisch aufgeladen ist und Liebe konsumistisch. Würden Sie sagen, es wird immer schwerer, Beziehungen glücklich zu leben?

Grundsätzlich nicht, man kann das alles durchaus vermeiden. Im Konsum zeigt sich etwas, das ich für entscheidend halte: Es geht nur darum, sich selbst zu präsentieren und zu inszenieren. Wenn man Geld ausgibt, hat man die vermeintliche Kontrolle darüber, wie man wahrgenommen wird. Am Ende kreist alles nur noch um eine gewisse Inszenierung des Selbst. Oftmals aber lieben einen Menschen für etwas, das man an sich selbst ganz anders oder gar nicht wahrnimmt.

Ist ja im Kern der klassisch ­romantische Ansatz: die reine Selbstbezogenheit, die von ­Projektionen lebt.

Aber ja, und es ist komisch, denn die gleichen Interessen und der gleiche Geschmack sind nicht die Gründe, warum man gut miteinander auskommt. Man muss auch nicht die Gedanken des anderen ständig lesen können. Das sage ich aus eigener Erfahrung: Mein Verlobter und ich sind auf vielen Gebieten genau das Gegenteil. Und es funktioniert.

Es geht darum, zu akzeptieren, dass ein Paar immer noch zwei Menschen sind und nicht einer?

Ja, das ist meine Theorie. Man kann eine andere Person nie umfassend kennen. Ebensowenig wie man wissen kann, warum sie einen liebt. Aber viele folgen dieser schrecklichen Devise: Du sollst mich erfüllen. Hey, ich meine: Jeder sollte doch für sich selbst eine eigenständige, erfüllte Persönlichkeit sein, oder?

Hätten wir es in einer weniger konsumorientierten Gesellschaft leichter?

Ich denke schon, dass Konsum zu einer Art Überlebensstrategie geworden ist. Und eine kapitalistische, marktorientiere Gesellschaft wird alles daran setzen, dass sich das nicht ändert. Sie wird weiter ihre besten Denker Markenwelten kreieren lassen und Identitäten anbieten. Und dann gibt es eben all die Dinge, die dafür stehen könnten, wer wir sind, und wir benutzen sie dafür. Das ist Konsum. In gewisser Weise wünschte ich, dass die Umstände nicht so wären. Aber ich möchte auf keinen Fall diese Ebene bedienen, dass in der guten alten Zeit alles besser war. Mein Buch erzählt eher eine Liebesgeschichte und vom Scheitern einer Beziehung.

Würden Sie sagen, es gibt einen Unterschied hinsichtlich der Frage, wie Frauen und Männer in einer Beziehung Gegenstände mit Bedeutung aufladen?

Ich glaube, das ist individuell sehr unterschiedlich. Frauen machen sich manchmal mehr Gedanken und geben sich mehr Mühe, ein originelles Geschenk zu finden oder selbst zu gestalten. Aber es wäre klischeehaft, zu behaupten, dass Männer dem eher aus dem Weg gehen, bequemer sind, weil sie nicht mehrere Sachen auf einmal machen können und nur nach vorne denken. Ich selbst gehe vielem lieber aus dem Weg. Und mag keine Kompromisse. Aber ich werde gleichzeitig ganz klassisch weiblich eifersüchtig und weine.

Ist weibliche Eifersucht denn anders als männliche?

Ich glaube, ja. Frauen neigen dazu, sich Phantombilder von Ex-Freundinnen zu machen. Wir vergleichen, wohingegen Männer eher in die Zukunft blicken, die sie als bedrohlicher empfinden. Wo ist der neue Freund, der um die Ecke kommen könnte?

Woher kommt das?

Ich denke, Männer sind da realistischer.

In einem anderen Buch haben Sie weibliche Eifersucht illustriert:

Das hatte einen biografischen Grund. Vor Jahren hatte ich einen Freund, der in seiner ganzen Wohnung Bilder seiner Ex-Freundinnen aufgehängt hatte und sie auch hängen ließ. Ich fragte mich dort immer nur: Was mache ich hier?! Da fing ich an, meine Vorstellungen von den Frauen auf den Bildern mit ihren vermeintlichen Vorzügen und Qualitäten aufzumalen.

Wie hat er begründet, warum er die Bilder nicht abnahm?

Ach, er meinte nur: ‚Wir sind jetzt Freunde, warum sollte ich sie abhängen.‘

Können Sie sich persönlich gut trennen von Gegenständen?

Einer der Gründe, warum ich unter anderem dieses Buch gemacht habe, war ein gewisser Leidensdruck. Ich stellte fest, dass ich von den Dingen, die mit meinen früheren Beziehungen zu tun hatten, nicht los kam, konnte ihnen aber auch keine Bedeutung in meinem jetzigen Leben zuschreiben. Sie haben mich immer noch sehr bewegt, all die Briefe etwa, ich begann, sie gewissermaßen zu fetischisieren. Also, um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich denke, ich habe so meine Probleme, mich von Dingen zu trennen, insbesondere wenn sie emotional aufgeladen sind. Sie haben dann eine Geschichte.

Haben Sie eine Vermutung, warum Ihnen das so schwer fällt?

Ich glaube, es liegt auch daran, dass ich die Idee von Form und Funktion bei Objekten sehr früh verinnerlicht habe. Mein Vater war Industrie-Designer. Das hat meinen Blick bestimmt, ich habe Dinge schnell unter dem Aspekt wahrgenommen, ob sie funktional sind.

Was war der erste Gegenstand, der in ihrem Leben wichtig war?

Da muss ich kurz nachdenken. Ach ja, das war eine Brosche, mit einem Schachtelmännchen in Grün und Pink. Objektiv gesehen ein hässliches Ding. Aber man konnte sie öffnen und in dem Moment verströmte sie Parfum. Ich liebte es!

Wie alt waren Sie da?

Vier oder fünf. Ich erinnere mich nur daran, dass ich die Brosche überall getragen habe. Und das Verrückte ist: Ich wünschte, ich könnte diesen Geruch wieder finden. Parfum finde ich bis heute faszinierend, auch wenn ich selbst nicht viel trage, aber der Zusammenhang zwischen Erinnerung und Geruch ist doch irre.

Und als Sie älter waren, gab es da auch etwas Wichtiges?

Meine Schwimmbrille, ein schwedisches Modell, in der Farbe Braun. Ich war ja Leistungsschwimmerin und habe zu der Zeit sehr darauf geachtet, welche Schwimmanzüge und Brillen mir Glück bringen.

Sie waren Profisportlerin?

Ja, bis zu der Qualifikation zu den Olympischen Spielen habe ich es geschafft, leider nicht bis zu den Spielen. Ich war nicht gut genug, bin aber internationale Rennen geschwommen.

Warum haben Sie die Karriere beendet?

Ich wollte mit 18 unbedingt auf eine Kunstschule gehen. Der Profisport verlangt bedingungslose Konzentration. Ich habe mich aber weiter für Kunst und Musik interessiert, mit 18 wollte ich so viele andere Dinge machen. Ab und an denke ich schon darüber nach, was passiert wäre, wenn ich es zu den Spielen geschafft hätte.

Möglicherweise hätten Sie ein neues, aufgeladenes Objekt zu Hause: eine olympische Medaille.

Ja, das könnte sein. Aber ich habe ja viele andere gewonnen, die ich als Kind auch aufgehängt habe, meine Trophäen. Auch eine interessante Aufladung von Gegenständen übrigens. Als Schwimmerin war ich nie so verbissen wie die anderen im Team.

Wieso haben Sie dann ange­fangen?

Ach, wegen meines Bruders.

Sie lachen, das amüsiert Sie?

Ja, ich habe alles gemacht was mein Bruder auch gemacht hat. Ich fand ihn toll. Er ist zwei Jahre älter als ich und hat nach seiner Schwimmkarriere auch Kunst studiert. Allerdings lebt er nicht in New York, sondern in Toronto.

Bis vor kurzem haben Sie bei der

Es war eine tolle Zeit, aber der Job ließ keinen Raum für andere Projekte, deshalb bin ich gegangen.

In Ihrem Auktionskatalog finden sich sehr viele handschriftliche Notizen, Briefe und Postkarten. Hat die schriftliche Kommunikation einen besonderen Stellenwert für die beiden Figuren?

Nun ja, es ist ein Paar, das Papier liebt. Sie schreiben unendlich gern, weil das gedruckte Wort für sie ein Fetisch ist. Zum anderen handelt es sich dabei um einen dramaturgischen Kniff, ich musste eine Form finden, die Geschichte der beiden zu erzählen und die Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Das gelang mir über die Kommunikation zwischen den beiden, oder mit Freunden und Familie.

Verliert diese Art der Kommunikation gerade an Stellenwert?

Ja, das ist ein bisschen schade. Mittlerweile trennen sich Leute per SMS oder Email. Ich persönlich achte immer darauf, auch handschriftlich zu kommunizieren, zum Beispiel über Weihnachtskarten. Ich finde das liebevoller.

Wie gefällt eigentlich Ihrem Verlobten der Katalog?

Sehr gut. Zuerst war er etwas besorgt, als ich all die alten Briefe durchging und mich mit der Vergangenheit beschäftigte, aber er wusste ja, worum es ging. Er wollte vor allem im Hintergrund bleiben und auch nicht fotografiert werden.

Wie lange sind Sie schon zusammen?

Sechs Jahre. Die längste Beziehung für uns beide, ehrlich gesagt.

Das Gespräch führte Susanne Lang

Die Künstlerin Geboren wurde Leanne Shapton 1973 in Toronto als Tochter einer philippinischen Mutter und eines Kanadiers. Mit 18 beendete sie ihre Karriere als Profischwimmerin und ging nach New York, um am Pratt Intitute Kunst zu studieren. Nach vier Monaten hatte sie genug und begann bei verschiedenen Designern und Illustratoren zu arbeiten. Bis vor kurzem war Shapton Art-Direktorin der Kommentarseite der New York Times. Gemeinsam mit einem Freund betreibt sie den kleinen Verlag J&R Books, der vor allem Belletristik, Kunst und Foto-Bände herausbringt. Sie lebt mit ihrem Verlobten James Truman in New York.

Der Auktionskatalog Shapton hat eine ungewöhnliche Form gefunden, um die Liebesgeschichte der 26-jährigen Kochkolumnistin Leonore Doolan und des 39-jährigen Fotografen Harold Morris zu erzählen: Anhand von insgesamt 332 Gegenständen, die in der Beziehung der beiden bedeutend waren, zeichnet sie den Verlauf der Beziehung nach und charakterisiert ihre Protagonisten. Wie in einem echten Auktionskatalog sind die Texte knapp und beschreibend gehalten. Auch bei den zahlreichen Notizen und Briefen, die Einblick geben in die Kommunikation des Paares. So sind fiktiv zu ersteigern: der Inhalt ihres Kulturbeutels, der Inhalt seines Kulturbeutels, ein Salz- und Pfefferstreuer in Dackelform (unbenutzt), zwei Flaschen Wein, Kochrezepte, der Film Blow Up, und diverse Fotos, für die Freunde von Shapton Modell standen. Bis zum 6. Februar ist eine Ausstellung des Katalogs in der Galerie Andreas Murkudis in Berlin zu sehen. SL

Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck, Leanne Shapton, Berlin-Verlag, 19,90 Euro

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Ihre Freitag-Redaktion

12:03 28.01.2010
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 38/2020

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