Hin und weg

Porträt Wolfgang Lippert durfte als erster Ostdeutscher durch den großen Samstagabend im ZDF führen: Er moderierte neun Mal "Wetten Dass..?" Apropos: Was macht er eigentlich so?

Punkt 13 Uhr hält ein kleiner Geländewagen vor der breiten Fensterfront des Cafés – auf der rechten Fahrbahn der zweispurigen Straße. Der Fahrer bleibt sitzen, telefoniert. Steigt nach einer Weile aus, lässt den Wagen genau dort stehen und betritt das Café. Er trägt ein Holzfällerhemd, halbhohe Cowboystiefel, Jeans. Er guckt sich kurz um und kommt an den Tisch, auf dem ein Exemplar seiner Autobiografie liegt: Lippi-Bekenntnisse. Unverblümte Plaudereien über ein authentisches Leben.

Wolfgang Lippert

: Ah, Sie haben sich verraten!

Der Freitag: Ja, nicht wahr.

Haben Sie es gelesen? Nun ja, es ist kein Bestseller, verkauft sich aber ganz gut. Ich habe eben niemanden durch den Kakao gezogen.

Dann wäre es ein Bestseller?

Verkauft hätte es sich schon besser. Man kann vieles zu einem Skandal aufblasen, aber ich wollte nur meine Biografie schreiben, mit all den Irrnissen und Wirrnissen. Ich habe mich nicht geschont.

Denn ich wollte so dicht wie möglich an der Wahrheit bleiben. Aber es dauert eine Weile, bis man die herausbekommen hat.

Wie lange haben Sie gebraucht?

Ein Jahr. Es war ein inter

essanter Prozess! Denn eigentlich hat man sich sein Leben ja zurechtgelegt, in dem Moment aber, wo man anfängt es aufzuschreiben, verändert es sich. Man korrigiert. Biografie schreiben, das ist so: Man schaut auf sein Leben wie auf – sind Sie aus dem Osten oder Westen

Westen.

Dann Märklin-Eisenbahn. Im Osten heißt das Piko. Man schaut auf die Eisenbahnplatte und sagt sich: Vor dieser Kurve hatte ich so viel Angst, aber danach war alles okay.

Wer steuert bei Ihnen die Bahn?

Schon ich selbst, weitestgehend. In manchen Phasen waren es aber auch die anderen.

Und was haben Sie korrigiert in der Erzählung über Ihr Leben?

Manchmal waren es nur Sichtweisen auf Ereignisse oder auf mich selbst. Ich glaube, man tut sich nicht gerne weh in der Erinnerung. Aber ein konkretes Beispiel kann ich nicht nennen.

Die Kellnerin unterbricht, Wolfgang Lippert bestellt einen Latte Macchia­to und bittet, das Band kurz anzuhalten, um doch die Warnblinkanlage seines Autos anzustellen. Er kommt zurück, und das Gespräch kann weitergehen, mit der eigentlich mal angedachten ersten Frage:

Herr Lippert, wenn Ihr Leben eine Fernsehsendung wäre, wie sähe die aus?

Buntes Programm.

Ein Kessel Buntes?

Nein, ich bin manchmal auch nachdenklich und ernster. Diese Showleute heulen ja immer nur ganz alleine auf der Toilette. Ich kommuniziere gerne mit Menschen und bin neugierig. Aber lange Zeit hatte ich Schwierigkeiten damit, selbst auf die Bühne zu gehen. Der Respekt war groß.

Weshalb?

Ich bin auf eine Art ja auf die Bühne geschubst worden, und das ist nun keine Koketterie. Anfangs nannte man mich den einarmigen Sänger, da ich nichts mit dem Arm ohne Mikro anfangen konnte. Ich bin auch nicht jederzeit von mir überzeugt. Die meisten Menschen, die die Bühnen bevölkern, haben einen unendlichen Drang, sich auf etwas Erhöhtes zu stellen. Ich bin mit Leuten lieber auf einer Ebene.

Einmal gab es eine Situation in Ihrem Leben, wo Sie sehr wohl auf eine Bühne drängten: Sie haben sich um die Moderation von „Wetten, dass..?“ beworben.

Stimmt. Das müsste ich vielleicht heute nochmal machen. Aber ich glaube, dafür bin ich zu alt.

Zu alt?

Ich weiß nicht. Jedenfalls sprechen mich viele an, ob ich das nicht nochmal machen will. Darauf zu antworten ist schwierig, weil es sofort gegen einen verwendet werden kann.

Wie meinen Sie das?

Dass man unterstellt, jetzt bringt der sich auch noch ins Spiel. Das ist ja immer doof. Aber damals in den Neunzigern war es wirklich so, dass ich relativ spontan beim amtierenden Chef vorbeigegangen bin und gemeint habe: „Du, ich würde es machen, falls Ihr niemanden findet.“ Dann habe ich mich elegant auf meinen Hacken umgedreht und bin raus. Wäre ich Unterhaltungschef gewesen, mir hätte so ein Auftritt von einem Moderator auch gefallen. Und sagen wir so: Ich hätte die Show damals schon gerne ein bisschen länger gemacht.

Das klingt nun kokett – selbstverständlich wollten Sie das, oder?

Man könnte ja auch den Eindruck haben, ich hätte nicht mehr gewollt. Er bekommt einen lauten Lachanfall.

Sagen wir so: Die offizielle Erzählung geht anders.

Na klar, die haben meinen Vertrag nicht verlängert. Aber ich war stolz, dass ich die Quote gehalten habe. Wir waren auch ein tolles Team. Alle hatten die gleiche Angst, das hat uns zusammengeschweißt.

Sie hatten Angst vor der XXL-Samstagabend-Show?

Das Format unterschied sich gar nicht so sehr von unseren großen Sendungen. „Glück muss man haben“ hatte eigentlich dieselbe Opulenz. Neu war für mich die Dimension der Sendung. Die Eurovision, Deutschland, Österreich, Schweiz, die vielen Augen, die auf mir ruhten – plötzlich ist man eine große Projektionsfläche.

Insbesondere als erster Ostdeutscher, der ein so erfolgreiches Westformat kurz nach der Wiedervereinigung moderierte ...

Meine große Naivität bestand in der Annahme, dass ich nur eine Sendung moderieren sollte. Plötzlich hieß es aber: Hey, da nimmt sich einer aus dem Osten das Tafelsilber! Eine Journalistin fragte mich mal, ob ich jetzt Thomas Gottschalk vom Sockel gestoßen hätte. Dabei hatte ich doch nur zu ihm gesagt: „Rück mal ein Stück.“

Sie wollten sich neben ihn auf den Sockel stellen?

Ja. Ich wollte nie Krieg, es muss doch auch anders gehen! Aber da wird immer verglichen, bis hin zur Nase, die Gottschalk aber ganz anders gehalten habe.

Sie würden heute trotzdem sagen: Ich mache das nochmal?

Mich wird keiner fragen. Aber wenn, dann würde ich das nochmal machen, ja.

Könnten Sie heute anders mit den Erwartungen umgehen?

Ich glaube, das wäre wieder dieselbe Situation – eine große Vorführrunde. So viel hat sich in den 20 Jahren nicht verändert.

Sie meinen, was die Annäherung zwischen Ost und West angeht?

Heute sind ja viele Weltprobleme dazugekommen, die Leute wissen gar nicht mehr, worum sie als erstes besorgt sein sollen. Ich glaube, es wird abseits der Nostalgie noch eine Weile dauern, bis sich die Menschen annähern.

Weshalb?

Die Einheit kam ja sehr schnell. Wir müssen uns immer noch kennenlernen. Viele machen das, aber andere waren noch nie im Osten! Das finde ich seltsam.

Es dominieren die Vorurteile?

Oftmals ja. Mir ist schon passiert, dass eine junge Fernsehredakteurin meinte: 'Also, Ihr Buch geht ja runter wie Butter, aber warum Sie 20 Jahre nach der Einheit immer noch von Westbesuch sprechen, das verstehe ich nicht.'

Und, weshalb?

Meine Antwort war: 'Wissen Sie, wir hatten damals im Osten so etwas wie Ironie, ich habe das Gefühl, das stirbt so langsam aus. Für uns war eine Subebene nötig, daher waren wir auch mit Ironie sehr vertraut.' Zwei Tage später rief mich die Redakteurin an und meinte, sie habe das Kapitel jetzt nochmal mit Ironie gelesen, das sei ja ganz dufte.

Warum besagt eines der hart­näckigsten Klischees, dass Ostdeutsche keinen Humor hätten?

Also, ich habe eher ein anderes Gefühl – aber da können Sie mal sehen, wie das ist, wenn man die Sichtweisen abgleicht.

In den Kritiken zu „Wetten, dass..?“ konnte man lesen, dass Sie nicht selbstironisch seien.

Dazu kann ich nur sagen: Ich war ja der erste Moderator, der grenzüberschreitend tätig war. Und zwar 1988 bei Radio Bremen, ich durfte in unmittelbarer Nachbarschaft von Hape Kerkeling eine Show produzieren.

Das durften Sie?

Es war gerade mal so erlaubt, eine ganz komplizierte Sache. Ich glaube, dass sich jemand Hohes dafür starkgemacht hat, vermutlich der Kulturminister. Viele Jahre lang wurde ich immer wieder für Westsendungen angefragt, durfte aber nie auftreten. Gegen Ende der Achtziger wollten aber auch in der DDR viele eine Veränderung und nicht mehr als die Deppen Deutschlands dastehen. Die sind nur nicht alle als Helden im Rampenlicht.

Sie waren nie politisch engagiert?

Nein, ich war weder in der FDJ noch später in der SED. Ende der Achtziger war das System einfach schon sehr löchrig.

Haben Sie mit Ihren Unter­haltungssendungen das System nicht auch gestützt?

Grundsätzlich finde ich Unterhaltung überhaupt nichts Schäbiges. Es ist schön, wenn Menschen sich unterhalten. Aber einen Moment gab es, in dem ich unendlich traurig darüber war, wie ein Hampelmann auf der Bühne zu stehen, während Tausende auf die Straße gingen. Gorbatschow war zu Besuch, ich moderierte ein Fest. Es gab Punkte, an denen man sich entscheiden musste. Aber ich habe zum Beispiel eine Petition von Musikern unterschrieben. Mein Name war vermutlich der be­kannteste auf der Liste. Ich hätte mich geschämt, meinen Hintern nicht hinzuhalten. Aber wohl war mir dabei gar nicht.

Sie hatten Angst?

Ich wollte kein Berufsverbot und wieder Abflüsse reparieren müssen oder so. Jeder möchte doch seinen Status behalten, die Frage ist nur, inwieweit man sich verbiegt. Aber eigentlich wollte ich zuvor auf was ganz anderes hinaus ...

Stimmt, ich hatte Sie unterbrochen, wir waren beim Humor ...

Bei Radio Bremen war meine ­Erfahrung, dass ich direkter werden musste, weil meine Ironie nicht verstanden wurde. Aber ansonsten habe ich von den Ost-Vorurteilen gar nichts gespürt. Es war eher eine euphorische Zeit: Wenn man als kleines, graues Huhn aus dem Stall raus darf und so eine richtige Biege fliegen, mit dem ­Gefühl: hey, haste gesehen, icke! Das war toll.

Was glauben Sie, wie bewahrt man sich die eigene Würde?

Generell kann ich das nicht sagen. Ich persönlich habe es geschafft, aber ich bin auch so ein Typ. Das hat mit Prägung zu tun, und ich hoffe, Sie lachen mich jetzt nicht aus, aber meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass es wichtig ist, dass ich da bin.

Die Sinnfrage stellte sich nie?

Nein. Ich kenne aber viele Menschen, die das tun. Da denke ich immer: Warum zweifeln die ständig? In einer philosophischen Anwandlung, als ich mit meinem Buch in der Schlussphase war, habe ich dieses Wort Enttäuschung mal auseinandergenommen: Es bezeichnet im Grunde das Ende einer Täuschung.

Sie kamen darauf, weil Sie selbst Enttäuschungen erlebt haben?

Ja, natürlich. Jeder muss Fertig­keiten entwickeln, um über Enttäuschungen hinwegzukommen. Ich bin auch der Meinung, dass Erfolg eine Leihgabe ist. Manchmal muss man die Chuzpe haben, zu sagen: Dann eben nicht. Und dann tippt dir, wenn du Glück hast, jemand auf die Schulter und sagt: War nicht so gemeint.

Und am besten: Komm doch zurück!

Genau, komm zurück!

Hat Sie die Kritik an Ihrer Moderation von „Wetten, dass..?“ nicht auch gekränkt?

Ein Freund von mir meinte mal, er wäre schon längst tot, wenn ihm das alles passiert wäre. Er lacht wieder, sehr lange. Aber man muss das alles da hinstecken, wo es hingehört: in den großen Setzkasten des Lebens.

Nachdem Sie sich mit Immobilien verspekuliert hatten und Insolvenz anmelden mussten, waren einige Medien sehr gehässig.

Naja, das Wegstecken gelingt auch nicht immer. Aber ich sag mal so: Ich kann auch niemand anderen für meine Blödheit beschuldigen. Denn es war Blödheit. Vielleicht auch ein bisschen Gier, die bekanntlich Hirn fressen soll. Aber ich bin absolut nicht der Einzige, dem es so erging.

Kennen Sie das Märchen „Hans im Glück“?

Ja, klar.

Hans tauscht etwas naiv all sein Hab und Gut ein, steht am Ende mit nichts da, ist aber glücklich. Geht es Ihnen so?

Nein, ich bin da ganz altmodisch und habe gerne ein bisschen Geld. Man hat ja auch Familie und ist nicht nur für sich selbst ver­antwortlich. Aber es muss nicht so unendlich viel Geld sein.

Wolfgang Lippert, geb. 1952 in Berlin, begann seine Karriere Ende der Siebziger mit einem Klavier- und Gesangsstudium in Berlin. Daran schloss er nahtlos eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker an, auf die er eine Assistenz beim bekannten Berliner Fotografen Arno Fischer folgen ließ. Er ist verheiratet und lebt in Berlin und auf Rügen.

Fernsehen: Während eines Konzertes für Kinder mit seiner Rockband wurde eine DDR-Fernsehredakteurin auf Lippert aufmerksam und bot ihm die Moderation der Kindersendung He Du an. 1984 bekam er seine erste abendfüllende Show im DDR-Fernsehen (Meine erste Show), von 1988 bis 97 moderierte er Glück muss man haben, zudem Ein Kessel Buntes. 1989 gelang dem populären Ost-Unterhaltungskünstler (Lippi) ein Überraschungsauftritt in Frank Elstners Show Nase vorn. Anschließend durfte er als erster DDR-Moderator eine Sendung im Westfernsehen produzieren (Stimmts).

Musik: Seinen ersten und größten Hit landete Lippert bereits 1983 mit dem legendären Schlager Erna kommt. Seit 2000 ist er bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen zu sehen.


Der Lieblingsossi: Das war er, wie Lippert gerne erzählt, für Peter Boenisch, Ex-Regierungssprecher von Kohl sowie Bild-Chef. Für viele andere war er eher Lieblingossifeindbild, vor allem als er ab 1992 neun mal Wetten, dass..? moderierte. Oder als er 2002 Insolvenz anmelden musste, da u. a. seine Investition in das von der Treuhand gekaufte Kino Union gescheitert war. Oder nach dem Vorfall in einem Baumarkt, bei dem bis heute nur feststeht, dass sich eine Zange unbezahlt in seiner Jacke befand. Nicht warum. SL

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10:00 16.12.2011
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 42/2021

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