Susanne Lang
27.10.2011 | 14:25 2

Millionen Geigerzähler irren nicht

Netzgeschichten Der GAU in Fukushima hat neue Formen der kritischen Netzöffentlichkeit befördert: Karten informieren über die tatsächlichen Strahlenwerte - erhoben per Crowd Sourcing

Wie war das, wen sollte es schon interessieren, wenn Millionen Menschen per World Wide Web mitteilen, wo sie gerade sind, und was sie dort so sehen oder gar machen? Nun ja. Seit April interessiert das auf jeden Fall über 127 Millionen Japaner, die sich über einen Social-Media-Dienst der politischen Art auf das Mikrosievert genau informieren können, wie hoch die Strahlung in Japan wirklich ist. Denn die Angaben der staatlichen Behörden sind auch Monate nach dem Super-GAU in Fukushima stark verharmlost.

Möglich macht diese kritische Öffentlichkeit nicht etwa Twitter oder ein anderer Network-Dienst, sondern die Internetplattform safecast.org. Sie verknüpft zwei progressive Funktionen des Netzes zu einem wichtigen gesellschaftspolitischen Tool. Einerseits nutzt Safecast das Wissen des Einzelnen, der oder die mit einem Geigerzähler ausgestattet überall dort eigene Messwerte erhebt, wo er oder sie sich gerade befindet. „bGeigie system“ nennt Safecast die Methode. Auf der Website findet sich dementsprechend auch eine Gebrauchsanweisung, wie ein Geigerzähler funktioniert. Die so erhobenen Daten werden an safecast.org übermittelt. In der Masse wird so aus all den einzelnen, verstreuten Meldungen eine verlässliche kollektive Informationsquelle.

Die Betreiber von Safecast wiederum nutzen zum anderen neue technische Möglichkeiten der Datenverwertung. Mit Hilfe des Informationsdesigns verbildlichen sie alle eingehenden Messungen. So entsteht eine stetig aktualisierte, interaktive Karte Japans, die leicht verständlich mittels eines Farbsystems die Strahlungswerte anzeigt. 1.037.746 dieser Meldungen waren bis Ende vergangener Woche eingegangen – ein „beeindruckender Meilenstein“ findet Sean Bonner, einer der Gründer von safecast.org auf seinem Blog, der das Mapping begleitet. Bonner, Journalist und Unternehmer, hat unter anderem bereits mehrere Hackerspaces gegründet und beschäftigt sich als regelmäßiger Autor des Blogs Boing Boing mit den Veränderungen der medialen Öffentlichkeit.

Für alle, die das Internet mit seinen partizipatorischen Möglichkeiten noch immer als kulturelle Bedrohung ansehen, mag auch diese Möglichkeit der behördenunabhängigen Information kein Argument sein, das Netz politisch ernst zu nehmen. Alle anderen können an diesem Wochenende auf der Tagung „Learning from Fukushima“ der Onlinezeitung Berliner Gazette mit Menschen wie Sean Bonner diese neue Gestaltbarkeit von Öffentlichkeit diskutieren.

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