Was geht, Genosse?

Porträt Das kommunistische Känguru streitet für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz – und kämpft für ein Recht auf Faulheit. Sein Feind: der Pinguin, ein Gentrifizierer

Genosse Känguru lebt in Berlin. In einem der wieder angesagten Bezirke. In einem jener Stadtteile, in denen Chai-Latte-Trinker die Hausbesetzer mit ihren Statements abgelöst haben. Dort treffen wir uns zum Gespräch – Überraschung! – in einem Café. Das Känguru sieht etwas verschlafen aus, das kleine Mittagsschläfchen vor dem Gespräch hätte auch größer ausfallen dürfen. Es bestellt eine heiße Zitrone und rührt erstmal lange im Glas. Sehr lange.

Der Freitag: Guten Tag, ähm – Herr oder Frau?

Das Känguru:

Na, offensichtlich habe ich einen Beutel, da kannste dir jetzt deine eigenen Gedanken machen.

Wenn man Ihr Manifest liest und Ihr WG-Leben so verfolgt, hätte ich nicht auf Frau getippt. Ich sage nur: Schnapspralinen und Schachboxen ...

Tja, ich bin metro-trans-bi-inter-pansexuell und versuche alle Rollenklischees aufzubrechen.

Wenn man das versucht, landet man in einer WG in der Hängematte?

Im besten Fall.

Sie verbringen viel Zeit in Ihrer Hängematte – und proklamieren dabei das Recht auf Faulheit ...

Ja, das habe ich mir auf meine Fahne geschrieben. Und die Hängematte habe ich schon seit meiner Zeit beim Vietcong, ich kann gar nicht mehr anders schlafen.

Warum brauchen wir ein Recht auf Faulheit?

Ständig fordern Leute das Recht auf Arbeit. Im Grunde aber hatte die Arbeiterbewegung schon verloren, als sie das zum ersten Mal gefordert hat. Damit blieb ihre Kritik immer systemimmanent. In dem Moment, wo man ein Recht auf Faulheit fordert, kehrt das diesen Irrsinn um.

Das alte Problem: Die Arbeiter wollten sich nie so recht befreien lassen ...

Tja. Die wollen lieber einen Farbfernseher. Wie der angry mob in London.

Sie haben auch einen in Ihrem Beutel, Flachbildschirm, wie man lesen kann.

Na und, was wollen Sie damit sagen?

Sind Sie in manchen Punkten doch ein wenig materialistisch?

Wer schafft es schon, ein widerspruchsfreies Leben zu leben!

Ist das die offizielle kommunistische Linie?

Die offizielle Linie lautet: Kenne deinen Feind.

Den Farbfernseher?

Die Propaganda, die mit seiner Hilfe verbreitet wird.

Die Eigentumsfrage nehmen

Sie ja auch nicht so genau, nicht wahr? Es finden sich immer wieder Dinge Ihres Mitbewohners in Ihrem Beutel ...

Naja, mein Standardspruch dazu, wenn ich mich selbst mal zitieren darf, lautet: Mein, dein, das sind doch bürgerliche Kategorien.

Gibt es nichts, was man Ihnen nicht wegnehmen dürfte?

D

och. Meine Würde.

Okay. Wie sieht es mit Ihren Joints aus?

Naja, da kriegt man ja an jeder Ecke wieder einen neuen …

Wie wird man als Känguru eigentlich Kommunist? Ihre Art gilt eigentlich als wenig sozial.

Familiensozialisation. Mein Urgroßvater wurde damals aus Australien verschleppt und musste als boxendes Känguru auf Jahrmärkten auftreten, bevor er dann geflohen ist, als der Zirkus während des Ersten Weltkriegs durch die halbwegs sichere Schweiz tourte. Er fand in Zürich bei einem Russen Unterschlupf. Lenin hieß der Mann und mein Urgroßvater überredete ihn nach Russland zurückzukehren. Es gibt ganz viele Fotos von meinem Urgroßvater mit Lenin und Trotzki, also es gab viele, er wurde später natürlich raus retuschiert. Da verlieren sich auch seine Spuren. Von meinem Großvater wiederum weiß man, dass er im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat, und meine Mama und ich waren beim Vietcong aktiv.

Wie ging es von da nach Berlin?

Nachdem der Vietnamkrieg von uns glorreich gewonnen wurde, gab es nicht mehr viel zu tun. In der DDR hingegen herrschte Arbeitskräftemangel. Als sie Arbeiter aus sozialistischen Bruderstaaten eingeladen hat, sind wir nach Ostberlin gekommen.

Sie waren in einer Fabrik?

Im Betrieb. Fragen Sie mich nicht, was wir hergestellt haben …

Und dann kam die Wende.

Dann kam die Wende und ich muss sagen, dafür bin ich nicht auf die Straße gehüpft. Ich wollte einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

Die DDR sollte sich reformieren?

Ja. Bis heute ist es ja so, dass die meisten Menschen auf der festgefahrenen Meinung bestehen: entweder DDR oder BRD. Dabei müsste die Antwort lauten: weder noch.

Sondern?

Ich als Monarch einer Känguru­kratie stünde bereit als von Platon schon gerufener Philosophen-Herrscher.

Was wäre Ihre erste Tat?

Man müsste den Arbeitszwang bekämpfen, der verhindert, dass die Leute zum Nachdenken kommen. Darum würde ich ein allgemein gültiges Recht auf Faulheit ein­führen, unterstützt mit genügend Geld, damit man dieses Recht auch genießen kann. Alle können sich dann zu Philosophen ausbilden und wir könnten uns in einer großen Runde zusammensetzen, einen Tee trinken und mal darüber reden, wie es hier so laufen soll.

Woher käme das Geld?

Naja, also Geld ist ja scheinbar immer da, wenn es denn nötig ist. Ich habe noch nie bemerkt, dass am Ende Geld das Problem ist.

Weil Ihr Mitbewohner immer zahlt.

Das ist ja nun ein Tiefschlag!

Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Themenwechsel: Wie alt sind Sie eigentlich?

Dazu kann ich nichts sagen, das ist Privatsache.

Irgendwelche Schönheits-OPs?

Sehe ich so aus?

Naja … keine Ahnung. Ein bisschen eitel wirken Sie schon, zugegeben.

Kein Kommentar.

Haben Sie Kinder?

Ich rede generell nicht über private Angelegenheiten.

Kinder sind doch mittlerweile keine private Angelegenheit mehr, das ist alles von hoher gesellschaftlicher Brisanz: Kinderlose oder Kinderhaberin ist quasi die feministische Frage ...

Ich verstehe, warum Frauen aus emanzipatorischen Gründen auf Kinder verzichten. Aber ich glaube, mit der Antihaltung bleibt man trotzdem Opfer der Struktur. Gilt aber auch für dieses andere Phänomen: Kinder kriegen und sofort wieder arbeiten. Da tauschen Frauen nur die patriarchale Unterdrückung gegen die kapitalistische. Jeder sollte sich ein Leben schaffen, das er gerne leben möchte. Dafür gibt es keine generellen Regeln, sie wären ein zu großer Einschnitt ins Leben.

Ist das noch kommunistisch?

Ich würde sagen, dass nur ein Kommunismus sinnvoll ist, der den Einzelfall vor die Regel setzt. Man darf die Dinge nicht so ernst nehmen, dass man keinen Spaß mehr hat.

War oder ist das ein Problem der real existierenden Systeme?

Ich möchte nicht den Genossen in den Rücken fallen, aber eventuell könnte das eines der Probleme gewesen sein.

Ihr Mitbewohner ist Westdeutscher?

Ja, der ist Wirtschaftsflüchtling aus Baden-Württemberg, da gibt es zu viele Arbeitsplätze und fast hätte ihn einer erwischt.

Wie kam es zu der WG?

Na, ich habe gegenüber gewohnt beziehungsweise ich hatte die Wohnung besetzt. Und als ich da raus musste, bin ich kurz bei ihm eingezogen.

Kurz?

Gut, nun sind es ein paar Jahre geworden. Aber ich habe noch nichts anderes gefunden.

Was suchen Sie denn?

Naja, Altbau, Dachterrasse, abge­zogene Dielen, das Übliche ...

Und Sie haben einen Hass auf Gentrifizierer?

Vor ein paar Jahren waren wir auf einer Party in so einem Car-Loft eingeladen. Da stand ein Porsche im Wohnzimmer. Ich glaube, ich hatte ein bisschen zu viel getrunken. Jedenfalls habe ich den Porsche irgendwann kurzgeschlossen und bin damit in den Pool auf der Dachterrasse gerauscht.

Warum beschimpfen Sie Ihren Nachbarn, den Pinguin, immer als Scheißgentrifizierer?

Na das war doch mal meine Wohnung, wo der jetzt wohnt!

Dafür wurde Ihr Stadtteil doch auch schöner, oder?

Also diese eine neue Eisdiele gegenüber, die finde ich auch super, da gibt es total leckeres Mango-Eis. Sie ist aber auch nicht das Problem. Sondern dass wir, also sagen wir Marc-Uwe, in den letzten Monaten zwei Mieterhöhungen bekommen hat. Schön an der Gentrifizierung ist nur ihr Anfang, wenn neue, kreative Räume entstehen. Sobald diese dann das Stadtviertel so attraktiv gemacht haben, dass Investoren angelockt werden, ist das Ganze nur noch ein Trauerspiel. Viele Innenstädte sind ja bereits totgentrifiziert. London zum Beispiel.

Waren Sie schon mal dort?

Nein, nur in Hanoi. Aber dort ist Gentrifizierung kein großes Problem. Nur diese Mopeds, überall diese Mopeds!

Wohin würden Sie gerne reisen?

Strand, all inclusive, Hängematte, zwei Palmen. Die Wahrheit, weeßte, ist ja: Mallorca hat sehr schöne Ecken in der Mitte des Landes.

Andere Länder interessieren Sie nicht?

Doch, Venezuela. Mal gucken, wie es so läuft bei den Genossen.

Bei den chinesischen läuft es ja sehr gut – rettet der Kommunismus nun den Kapitalismus?

Weiß nicht. Die USA verstaatlichen Banken ...

Ist das im Interesse des Kommunismus?

Nein, es ist nur sehr verwirrend.

Hatte die Linke doch Recht?

Natürlich hatte die Linke schon immer Recht. Der Präsident der Europäischen Kommission fordert die Tobin-Steuer. Man lebt und man staunt. Nur leider haben all diese Leute ihre plötzlichen Einsichten ja aus den falschen Gründen. Sie wollen nicht die Welt besser machen. Sie wollen den Kapitalismus retten. Bisher sehe ich sowieso noch nicht, dass etwas passiert außer Geschwafel.

Was sind denn Ihre Großtaten?

Hm. Na, ich habe ja eine Antiterrororganisation ins Leben gerufen, die gegen den Terror des Systems Antiterroranschläge begeht. Das sogenannte Asoziale Netzwerk. Das war ein großer Schritt für die Befreiung der Welt!

Wie viele Mitglieder hat es denn?

Also, Entschuldigung, das ist geheim, wir sind eine Verschwörung! Ich verrate eh schon viel zu viel.

Okay, noch andere Großtaten?

Natürlich ganz wichtig, der passive Widerstand, ob der nun in der Hängematte stattfindet oder auch nicht. Und drittens: nie aufgeben.

Ich dachte, nun kommt: ‚Niemals zurückgehen‘. Können Sie als Känguru auch gar nicht.

Genau, vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Und warum um Himmels willen wollten Sie mal Papst werden?

Mir ist aufgefallen, dass das geht, als ich mich mit der Kirchengeschichte beschäftigt habe. Da gab es ja öfter mal mehrere Päpste und ich wollte das mal ausprobieren.

Waren Sie beim Papstbesuch?

Ich hatte eine Gegenveranstaltung im Stadion von Union Berlin aufgezogen! Leider aber haben die bürgerlichen Medien das komplett ignoriert.

Haben Sie einen Facebook-Account?

Auf keinen Fall! Ich muss unsichtbar bleiben, darf keine Spuren hinterlassen. Okay gut, ich habe eine Website daskaenguru.de – aber die habe ich vor Jahren eingerichtet und nie weiter benutzt.

Kennen Sie sich denn damit aus?

Ich sage mal, das Problem ist das Tippen. Diese Tastaturen sind definitiv nicht auf Pfoten ausgelegt.

Wie schreiben Sie Ihre Manifeste?

Mit dem Federkiel.

Sie erscheinen handschriftlich?

Die erscheinen gar nicht, das ist ja das Problem! Die bürgerlichen Verlage weigern sich, sie zu drucken.

Könnte Ihr Mitbewohner es Ihnen nicht abtippen?

Der faule Sack?

Haben Sie eigentlich studiert?

Ich bin Autodidakt. In Marxismus.

Sie schleppen die Bände 17 bis 23 der Marx-Engels-Werke mit sich herum, warum genau die?

Ich lese mich gerade noch mal von vorne nach hinten durch und da bin ich gerade.

Dann eine letzte Frage an den Marxisten: Wie stellen Sie sich Ihre Beerdigung vor?

Ich möchte begraben werden unter einem Grabstein, auf dem steht: „Verzeiht, wenn Ihr Euch in Eurer Mittelmäßigkeit von mir gestört fühltet!“

Das gemeine Känguru und WG-Mitbewohner Marc-Uwe Kling

Kängurus zählen zur Familie der Beuteltiere und leben hauptsächlich in Australien. Sie fressen Pflanzen und sind dämmer- bzw. nachtaktiv. Weibchen haben einen Beutel mit vier Zitzen, in dem sie den Nachwuchs großziehen. Sie leben nicht in Herden mit Wikipedia gesprochen: Sie entwickeln keine ausgeprägten Sozialstrukturen, manchmal kommt es zur Bildung nicht-dauerhafter Verbände aus mehreren Individuen. Sie bewegen sich springend fort, können das allerdings nicht rückwärts tun.

Marc-Uwe Kling, geb. 1982, ist laut Eigenbeschreibung stoischer Kleinkünstler und teilt eine WG mit einem kommunistischen Känguru. Er studierte Philosophie und Theaterwissenschaft und gründete 2004 die Lesebühne Lesedüne. Für seinen Podcast Neues vom Känguru (Radio Fritz) wurde der zweifache Poetry-Slam-Meister mit dem deutschen Radiopreis ausgezeichnet. Aktuelle Einblicke in sein WG-Leben und den Kampf gegen das Ministerium für Produktivität gibt Das Känguru Manifest (Ullstein). SL


Dieser Text ist Teil unseres Tierspezials. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie durch einen Klick auf den spionierenden Hund




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17:00 13.10.2011
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 41/2021

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