"Wir sind so geschwätzig geworden"

Porträt Beate Wedekind, langjährige Gesellschaftsreporterin und Ex-Bunte-Chefredakteurin, räumt mit einem Vorurteil auf: Die Blogosphäre gehört nur den jungen Nerds? Von wegen

Ein Altbau, Berlin-Kreuzberg, oberstes Stockwerk, kein Lift. Die Tür zu Beate Wedekinds Wohnung steht angelehnt, drinnen im Flur liegt ein aufgeklappter, fast fertig gepackter Koffer. Gleich geht es nach Wien. Wedekind sitzt im Herzstück ihrer Berliner Wohnung: dem Büro. Überall Magazine, Fotos, Bücher. In Stapeln auf einem riesigen Tisch. In Regalen. Die ehemalige Bunte-Chefredakteurin und Organisatorin der Goldenen Kamera bringt Wasser. Kaffee trinkt sie nicht mehr. Ihren letzten Facebook-Eintrag hat sie kurz nach Mitternacht geschrieben. Jetzt ist es vormittags. Und der tägliche Blog ist bereits fertiggestellt.

Der Freitag: Frau Wedekind, wie wird man Ihr Facebook-Freund?

Beate Wedekind: Na, wie man das so macht, man muss bei mir anfragen.

Wonach entscheiden Sie dann?

In der Anfangszeit habe ich auch Leuten zugesagt, die ich nicht richtig kannte, weil ich total happy war, dass so viele Anfragen kamen. Mittlerweile bin ich selektiver geworden. Unbekannte Leute müssen mir schon was über sich erzählen, mich neugierig machen. Viele ignoriere ich; und ich achte darauf, wer die Freundschaft überhaupt ernst nimmt.

Und ernst nehmen bedeutet?

Kommunikation. Eine Facebook-Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man die Einträge nicht nur liest, sondern auch qualifiziert kommentiert.

Auf Ihrem Blog, einer persönlichen Medienlese, haben Sie die Kommentarfunktion umgestaltet: Sie schalten nur noch ausgewählte Beiträge frei. Weshalb?

Das Problem war: Einige Kommentatoren musste ich der rechten Szene zuordnen, oder sie waren Trolls. Einer nannte sich Oliv, ein anderer Claude, die beiden haben sich Gefechte geliefert...! Oliv wurde im Laufe des Tages immer aggressiver, hat mich und meine Blogfreunde aufs Vulgärste beschimpft. Diese Atmosphäre will ich nicht auf meinem Blog.

Bei welchen Leuten werden Sie auf Facebook neugierig?

Mich interessiert, was meine Freunde und Kollegen gerade machen. Wenn etwa der Chefredakteur von theeuropean.de, dem neuen Online-Magazin, den Eintrag schreibt: „Geiler Tag gewesen, in fünf Stunden ist das nächste Meeting“, dann weiß ich Bescheid, wie es in der Redaktion gelaufen ist. Ich schreibe auch, wie mein Tag war, bis hin zu: ‚Gehe jetzt ins Bett‘.

Und das ist interessant?

Ja, so banal es klingt: Aber ich möchte meine Freunde an meinem Alltag teilhaben lassen. Wenn ich das gegen ein Uhr nachts poste, ist es auch okay. Aber wenn es drei Uhr morgens ist, dann wissen die Leute: Mensch, die Wedekind ist auch noch im Netz. Die Uhrzeit von Posts verrät ja sehr viel Persönliches. Ich überdenke da gerade meine Habits. Aber ich geh nun mal gern vorm Schlafengehen noch mal online...

Sie schreiben täglich. Hat Sie schon mal jemand gefragt, ob Sie nichts anderes zu tun haben?

Zum Beispiel Frank Plasberg bei „Hart, aber Fair“. Welch dumme Frage: Journalisten haben ja geradezu die Pflicht, zu kommunizieren. Wer, wenn nicht wir? Ich tue das mit modernen Mitteln über Facebook und Blogs. In letzter Zeit leider nicht täglich, habe einfach zu viel zu tun.

Wie haben Sie zuvor mit so vielen Leuten Kontakt gehalten?

Na, mit meinem roten Adressbuch – Moment, ich hole es mal...

Sie haben es aufgehoben? Es ist ja riesig!

Toll, nicht wahr, sechs Zentimeter, rotes Leder. Legendäres Relikt der Reporterin Wedekind.

Und das hatten Sie immer in der Handtasche dabei?

Wie heute meinen Blackberry. Gekauft habe ich mein rotes Buch 1981 in Los Angeles auf der Melrose Avenue: Mein erster Eintrag war die Telefonnummer von Julio Iglesias. Ab und zu gucke ich noch mal rein. Zum Beispiel gerade, als ich nach der Nummer von Kameramann Michael Ballhaus suchte. Er hat tatsächlich noch dieselbe Nummer wie damals. Leider gibt es auch etliche Kreuze auf den Seiten – viele sind gestorben. Und schauen Sie: nur Festnetznummern, kaum Faxe, keine Mobiltelefone, keine E-Mail-Adressen. Irre, heute unvorstellbar.

Kommen heute andere Leute in Ihren Blackberry?

Nein, eigentlich waren es auch früher schon immer nur die Leute, mit denen ich wirklich was zu tun habe. Aber zusätzlich habe ich natürlich eine richtige Datenbank mit allem drum und dran für Einladungsmanagement und so. Aber ich kennzeichne privat und Geschäft.

Bei Facebook sind alle Freunde. Wird der Freundschaftsbegriff dadurch nicht entwertet?

Freundschaft auf Facebook bedeutet für mich überhaupt nicht Freundschaft. Ich finde den Begriff absolut falsch. Für mich ist das ein Kontakt. Und zu meinen Facebook-Kontakten zählen auch Menschen, mit denen ich befreundet bin.

Zu der Zeit Ihres roten Notizbuches waren Sie Gesellschaftsreporterin, auf Ihrem Blog heute führen Sie die Rubrik Klatsch. Haben Sie den Eindruck, wir alle sind geschwätziger geworden?

Die Rubrik Klatsch in meiner Medienlese fülle ich meistens mit Artikeln aus der FAZ oder der Süddeutschen. Mich interessiert nur noch der so genannte educated gossip, Klatsch also, der in schöner Sprache intelligent aufgeschrieben ist. Ich schreibe seit kurzem übrigens auch wieder eine Gesellschaftskolumne, montags auf theeuropean.de. Aber ich würde zustimmen, wir sind durch die schnelle Kommunikation unglaublich geschwätzig geworden!

Auch gerüchtesüchtiger?

Aber ja. Selbstkritisch muss ich sagen, wenn ich erfahren würde, dass eine bestimmte Schauspielerin jetzt schwanger ist, dann wäre ich wahrscheinlich so geschwätzig und würde sie auf Facebook fragen, ob das stimmt. Aber als Nachricht an sie allein, nicht als Eintrag auf der Pinnwand. Diese Geschwätzigkeit hat mit der Boulevardisierung der Feuilletons Ende der 80er begonnen. Plötzlich schrieb Johannes Willms in der Süddeutschen über Latin Lover und auch in den Politik- und Wirtschaftsteilen tauchten plötzlich Personalien auf, die nichts anderes waren als Klatsch. Für mich entstand damals eine Verwechselbarkeit der Medien, die mich bis heute ärgert.

Was genau ärgert sie daran?

Wie oft zum Beispiel die Süddeutsche und die FAZ oder die Welt und die Taz dieselben Meldungen abdrucken, das ärgert mich. Mich interessieren die Unterschiede in deren publizistischer Haltung. Die aber sind mir nicht mehr klar genug definiert.

Sind nicht einfach ideologische Positionen in den Hintergrund getreten?

Mag sein: Ich glaube, es liegt aber vor allem an der leichten Verfügbarkeit von Nachrichten. Früher – nun muss ich aufpassen, dass ich nicht früher alles besser fand – aber früher war man gezwungen, viel sorgfältiger zu recherchieren. Heute kann man alles aus dem Internet ziehen, oft wird nicht mal der Wahrheitsgehalt überprüft. Selbst die großen Verlage haben keine Archive mehr, der Journalist hat keinen Dokumentar mehr als sein Rückgrat, gefährlich!

Wir werden auch vergesslicher?

Würde ich schon sagen, ja. Die Halbwertszeit von Information in unserem Kopf ist kürzer geworden. Aber wir reden als Journalisten, ich weiß nicht, wie es anderen geht.

Für die ist der Informationszugang zunächst offener geworden.

Ja, aber die Qualität von Information im Internet hängt davon ab, wie geschickt man beim Recherchieren ist. Die Verfügbarkeit korrumpiert. Ich recherchiere gerne im Internet, aber Wikipedia zum Beispiel nutze ich kaum.

Sie halten das nicht für ein demokratisches Wissens-Prinzip?

Doch, irgendwie schon, aber ein sorgfältig gepflegtes Facebook-Netzwerk ist authentischer, Facebook als Recherchetool ist viel konkreter als Wikipedia. Als ich jetzt für Waffenstillstand, den Debutfilm von Lancelot von Naso, arbeitete, der im Irak spielt, habe ich direkt mit dem Sohn einer Freundin aus Texas kommuniziert, der Agraringenieur im Irak ist. Was ich durch seine Facebook-Einträge über den Alltag eines 26-jährigen Amerikaners im Irak weiß, ist der Wahnsinn!

Bringt das Netz die Menschen doch näher zusammen?

Ja, weil es Kontaktaufnahme und Kontakthalten enorm erleichtert. Nehmen Sie den Verleger Konstatin Neven-Dumont, der in Köln eine Bürgerbewegung ins Leben gerufen hat und auf Facebook Leute wie mich fragt, was sie davon halten. Er schreibt selbst und nutzt Facebook, um sich eine Meinung zu bilden. Wenn ich als Beate Wedekind Konstantin Neven-Dumont sprechen möchte, würde ich normalerweise über das Sekretariat nicht hinaus kommen. Jetzt haben wir ein Thema.

Ein anderes, großes Thema war für Sie das Projekt „50plus“ – Sie sollten eine Frauenzeitschrift für die Zielgruppe über 50 Jahre machen. Jetzt trägt Ihr Blog diesen Titel. Was ist aus dem Magazin geworden?

Ich bin von Herzen Blattmacherin, und werde 2010 auch wieder ein eigenes Blatt herausbringen – einmal im Jahr – ein spannendes Konzept. Als Bloggerin bin ich meine Chefredakteurin.

Sie lachen – heißt das, Sie weichen schweren Herzens aus?

Nun ja, wir waren mit dem Magazin ja schon sehr weit, die Redaktion stand und es gab eine erste Testausgabe mit exzellenten Marktforschungsergebnissen. Aber dann hat Springer beschlossen, eine Online-Offensive zu starten und keine neuen Printobjekte mehr zu machen. Damit war auch mein Magazin gestorben.

Was interessiert Sie am Thema?

Nicht das Alter, sondern die Möglichkeiten, die es bietet. Meine Sicht auf die Welt, die einer Frau, die bald 60 wird, und über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt.

Und wie ist Ihre Sicht?

Es ist wunderbar, Ballast abwerfen zu können. Ich brauche mir über so viele Sachen keine Gedanken mehr zu machen, über meine Karriere zum Beispiel. Ich muss mich nicht mehr mit diesen Hierarchien herumschlagen, sondern kann mir die – meist jungen – Menschen aussuchen, die frisch im Kopf sind und gestalten wollen, die mich ganz anders herausfordern, die mein Knowhow schätzen und mich nicht als Konkurrenz sehen. Insgesamt glaube ich, ist meine Weltsicht heute viel souveräner und emotionaler.

Leicht gesagt: Nicht alle machen Karriere, oder?

Klar. Und bei mir waren das sensationelle Jahre, deshalb sitze ich auch heute hier. Aber es wäre geradezu vermessen, meinen Weg zu verallgemeinern. Dafür habe ich zu viele Chancen, Freiheiten und auch verdammt viel Glück gehabt. Als Journalistin hat man ja eine ­gigantische Bandbreite, von der Autorin bis zur Unternehmerin.

Geben Frauen in dem Alter mehr Gas als Männer?

Aber klar; deshalb interessiere ich mich mehr für Frauen 50plus. Männer sind unbeweglicher, kommen nicht so richtig in die Gänge. Ich kenne schon ein paar, die ganz gut drauf sind, aber die gehen halt Golfspielen. Auch auf Facebook und in meiner Bloggerszene sind Frauen viel spritziger. Neulich war ich wieder im St. Oberholz …

… da gehen Sie hin, ins Herzstück der Digitalen Bohème?

Ja, da gehe ich hin. Zwar ist die Internetverbindung dort unverschämt langsam. Aber es ist ein Platz gegen die Einsamkeit vor dem Rechner. Dieses Label Digitale Bohème ist Quatsch; da trifft man auch richtig interessante Leute, neulich habe ich mich dort zufällig mit Coco Kühn fest gequatscht, die Frau, die die Temporäre Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz initiiert hat.

Sie hatten eine schöne Grafik auf Ihrem Blog, wie Sie sich das ­Internet vorstellen: Ein Gebirge. Weshalb?

Auf jetzt.de hatten Redakteure überlegt, wie ihr Internet aussähe, wenn sie es grafisch darstellen sollten. Davon habe ich mich inspirieren lassen und habe dieses unglaublich schöne Foto gefunden von einer Gebirgskette auf Korsika. Internet hat für mich mit Bergen und Tälern zu tun. Manche Gipfel werde ich wohl nie erklimmen, weil ich Programmieren nie verstehen werde, obwohl ich es spannend fände. Aber in den Tälern fühle ich mich schon ganz sicher.

Das Gespräch führte Susanne Lang

Beate Wedekind und ihre Projekte

Beate Wedekind, geb. 1951 in Duisburg, startete ihre journalistische Karriere ganz klassisch, wie man es in jenen Zeiten eben machte, bevor alle schon im Kleinkindalter was mit Medien machen wollten: Sie absolvierte 1968 nach der Mittleren Reife eine Lehre bei der Deutschen Bank. Anschließend arbeitete sie zwei Jahre lang als Stewardess. Die Stationen danach: Werbeagentur, zwei Jahre Entwicklungshelferin in Äthiopien, Fremdsprachensekretärin an der Freien Universität in Berlin. 1979 schließlich begann sie ein Volontariat bei der Berliner Zeitung Der Abend. Ihren journalistischen Durchbruch hatte Wedekind als Gesellschaftsreporterin bei der Zeitschrift Bunte, bei der sie schließlich geschäftsführende Redakteurin wurde und unter anderem für die Organisation der Bambi-Preisverleihung zuständig war. 1988 übernahm sie den Posten der Chefredakteurin bei der deutschsprachigen Ausgabe des französischen Frauenmagazins Elle. Für kurze Zeit kehrte sie 1992 zu Bunte zurück ebenfalls als Chefredakteurin und war damit die erste Frau an der Spitze eines der großen deutschen Magazine. Nach nur einem Jahr gab sie den Posten wieder auf, aus gesundheitlichen Gründen (Burn Out), wie sie damals erklärte.
Seit 1994 hat Wedekind einen Wohnsitz auf der Insel Ibiza: ein Landhaus. Wieder in Berlin lebt sie seit 1997 und organsierte dort lange Zeit die Verleihung der Goldenen Kamera. Im Charity-Bereich konzipierte sie die Sendung Ein Herz für Kinder und sie engagiert sich in Äthiopien für die Karlheinz-Böhm-Stiftung Menschen für Menschen.
Im Internet betreibt Wedekind täglich das Blog , eine subjektive, kommentierte Medienlese. Seit einigen Monaten hat sie einen Account auf Facebook und mittlerweile über 900 Freunde in ihrer Kontaktliste. Für die so eben gelaunchte Onlinezeitung schreibt sie jeden Montag eine Gesellschaftskolumne. SL

15:30 08.10.2009
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang
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klara | Community