Nicht immer nur meckern, sondern besser selbst etwas machen

Kinder- und Jugendarbeit Der Wunsch, allen Kindern bessere Startchancen und ein freieres Lernen in einer mitbestimmten Schule zu ermöglichen, hat die Lehrerin Nina Stahr von der Berliner Kommunalpolitik bis in die grüne Fraktion in den Bundestag gebracht.

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In der Veranstaltungsreihe „bwg sitzungswoche – Sprechstunde“ sprach Christoph Nitz (sitzungswoche) mit der Bundestagsabgeordneten Nina Stahr, Leiterin der AG Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des Familienausschusses des Parlaments am Morgen des 9. September in der StäV Berlin am Schiffbauerdamm.

Aufgewachsen in Bad Vilbel im Großraum Frankfurt am Main hat Nina Stahr zunächst in Frankfurt Englisch und Geschichte für das Lehramt studiert. Zu Ende gebracht hat sie die Ausbildung in Berlin, wo sie auch ihren Mann kennenlernte. Die Verbundenheit mit ihrer „ersten Heimat“ ist geblieben, auch wenn Berlin ihre „zweite Heimat“ geworden ist. Schwierig wird es in der Familie nur, wenn Eintracht Frankfurt gegen Union Berlin spielt, verrät sie lachend.

Ein Auslandsaufenthalt als Assistant Teacher hat sie im Studium an eine englische Privatschule geführt. In dieser Zeit hat sie einige Vorurteile gegen private Schulen verloren und gesehen, dass diese oft freiere Unterrichts- und Erziehungskonzepte ermöglichen als die stark durchgeplanten und hierarchisch organisierten öffentlichen Bildungseinrichtungen.

Doch ihre Annahme, dass Kinder reicher Eltern an Privatschulen eine deutlich bessere Erziehung erhalten als andere, hat sich bestätigt. Dass dies nicht sein darf, hat sie in ihren weiteren Studienjahren in Berlin noch viel deutlicher gemerkt durch ihre Arbeit an Schulen in den ärmeren Stadtvierteln wie Berlin-Neukölln. Wegen dieser Ungerechtigkeit bei den Startchancen und weil Lehrer*innen viel zu oft die Zeit fehlt, Kinder auf dem Weg zu mündigen Bürger*innen zu begleiten, statt ihnen nur Frontalunterricht vorzusetzen, hat sie sich bei den Grünen engagiert: „Weil ich finde, dass man nicht immer nur meckern sollte, wenn einen etwas stört, sondern selbst etwas dagegen machen.“

In die Berufspolitik zu gehen, hatte sie nicht vor, sagt sie, dennoch liest sich ihr Lebensweg wie ein kontinuierlicher und sehr schneller Aufstieg in der Kinder- und Familienpolitik, neben Lehramtsausbildung und Familiengründung. Von der Bezirksverordneten ab 2011 im Schulausschuss von Steglitz-Zehlendorf und Referentin für Bündnis90/Die Grünen in Berlin parallel zum Referendariat ging es in nur fünf Jahren zu Co-Landesvorsitzenden der Berliner Grünen und nach weiteren fünf Jahren als dreifache Mutter in den Bundestag. Klar, dass ihr Weg dort in den Familienausschuss und die Kinderkommission des Parlaments und die AG Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung der Fraktion Bündnis90/Die Grünen führte, dessen Leitung sie übernahm. Geholfen hat ihr bei diesem schnellen Aufstieg die Frauenquote ihrer Partei, die sie als junge selbstbewusste Frau noch überflüssig fand. Heute hält sie die Quote für notwendig, „damit Frauen für Ämter angesprochen werden, da sie sich aufgrund ihrer Sozialisation meist nicht vordrängen“.

In Berlin, wo es eine Menge Schulprobleme gibt, ist der Senat als Land für den Lehrermangel zuständig, die Bezirke für marode Schulen, und der Bund versucht ebenfalls Vorgaben zu machen. Den Eltern ist die Zuständigkeit egal, sie wollen ein funktionierendes Bildungssystem. Deshalb versuchen sich die Berliner Abgeordneten der Grünen auf allen Ebenen informell abzusprechen, damit Probleme angepackt und nicht nur hin- und hergeschoben werden.

Zu Stahrs Zielen im Bundestag gehört, die Kindergrundsicherung zu etablieren, denn die Basis für die Bildung werde in der Familie gelegt. Die frühkindliche Bildung soll durch ein Kita-Qualitätsgesetz weiter unterstützt werden, und ein Startchancenprogramm besonders Schulen in ärmeren Gegenden unterstützen. Außerdem stellt sie in ihren Sprechstunden immer wieder fest, dass Eltern über den möglichen Kinderzuschlag viel besser beraten werden müssen, damit sie ihn auch abrufen. Mehr Mitsprache der Kinder und Jugendlichen in der Schule, mehr politische Bildung und die Absenkung des Wahlalters sowie die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz sind weitere ihrer Forderungen.

In der Forschungspolitik hofft sie, durch Verhandlungen in der Ampelkoalition noch mehr Unterstützung für die Klima- und die Rechtsextremismusforschung herausholen zu können. „Da müssen wir vielleicht noch mal an die Einnahmeseite heran, um alle wichtigen Aufgaben zu schaffen.“ In der Zuwanderungspolitik hofft sie auf mehr Pragmatismus, ein Wort, dass von ihr häufiger zu hören ist. Arbeitsaufnahme erleichtern, wie bei den Ukraine-Flüchtlingen, und Bildungsabschlüsse schneller anerkennen, Asylstatus in Bleiberecht umwandeln, wenn die Voraussetzungen wie eine Ausbildungsmöglichkeit stimmen, sind für sie wichtige Wege, die notwendige Zuwanderung von Fachkräften zu sichern.

Und in der Gesellschaft hofft sie, dass es selbstverständlicher wird, dass Berufstätige, Politiker*innen eingeschlossen, neben ihren beruflichen oder politischen Aufgaben auch Zeit für die Familie brauchen und nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

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Die Veranstaltungsreihe „bwg sitzungswoche – Sprechstunde“ ist eine Kooperation von bwg Berliner Wirtschaftsgespräche, sitzungswoche Unabhängiges Netzwerk für Politik, Wirtschaft und Medien StäV Ständige Vertretung Berlin, Wölhaf Gruppe und OSI Club mit Unterstützung von Studio Schiffbauerdamm, Landau Media und berlin bubble,

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Susanne Stracke-Neumann

Susanne Stracke-Neumann ist freie Journalistin. Für die meko factory berichtet sie über Veranstaltungen.
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