Arabische Kindheit, arabischer Winter

Kindesmisshandlung Wer die politischen und sozialen Verhältnisse in der arabischen Region verstehen will, muss sich mit den Kindheiten vor Ort befassen.
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Ich weiß nicht wirklich viel über die arabischen Länder, geschweige denn, dass ich je persönlich vor Ort war. Die Abläufe des sogenannten Arabischen Frühlings kenne ich nur aus den hiesigen Medien. Und trotzdem kann ich etwas über diese Region berichten, das erhellend ist und die Gesellschaftsstrukturen und Abläufe vor Ort erklären kann. Es geht mir um die Kinder. Genauer. Es geht um Kindesmisshandlung.

Manchmal erklären Bilder mehr als viele Worte. Zunächst sollte man sich einmal ein Video anschauen, in dem ein ägyptischer Lehrer Grundschulkinder dafür schlägt, dass sie seiner Ansicht nach besser lernen sollten. Dies war kein Einzelfall. In Ägypten werden 80 % der Jungen und 67 % der Mädchen in der Schule von Lehrern geschlagen. Im Libanon sind es 40 % der Kinder, in Jordanien 57 %. (Report 2011 über die weltweite Gewalt an Schulen)

Kinder dürfen von ihren Eltern Sicherheit, Versorgung, Anregung, Fürsorge und Liebe erwarten. Doch auch wenn die Kinder von der Schule nach Hause kommen, erwartet viele das genaue Gegenteil. Laut UNICEF (S. 8) erlebten – Grundlage sind Daten aus den Jahren 2005-2007 – in Prozent der Kinder (2- bis 14-Jährige) psychische und/oder körperliche Gewalt (wobei die Mehrheit beides erlebte) in ihren Familien: Jemen 93 %, Ägypten 92 %, Syrien 87 %, Algerien 87 % und Irak 84 %.

Eine weitere UNICEF Studie (siehe Tabelle A3) aus dem Jahr 2010 geht dabei noch etwas weiter in die Tiefe. Keinerlei Form von elterlichen Bestrafungen erlebten in Syrien 5 %; Jemen 1 % und Irak 3 % der Kinder. Psychische und/oder körperliche Gewalt erlebten in Syrien 89 %, Jemen 95 % und Irak 85 %. Besonders schwere Formen von körperlicher Gewalt erlitten in Syrien 24 %, Irak 31 % und Jemen 44 % aller Kinder. Unter schwerer körperliche Gewalt wurde verstanden: Schläge oder Tritte ins Gesicht, gegen den Kopf oder Ohren und/oder Schläge mit einem Gegenstand, immer und immer wieder und so hart ausgeführt, wie es geht. Schläge gegen andere Körperteile oder Schläge mit einem Gegenstand, die nicht den erwähnten Zusatzbedingungen entsprachen ("immer und immer wieder" und "so hart es geht"), wurden - um Kategorien zu bilden - nicht als schwere Formen gewertet, was nochmal diskussionswürdig ist.

Auch bzgl. Ägypten liegen vertiefende Zahlen vor. Die Weltgesundheitsorganisation (S. 62) schrieb in einem Bericht aus dem Jahr 2002, dass 37 % der ägyptischen Kinder von ihren Eltern misshandelt oder gefesselt wurden. 26 % der Kinder berichteten über Knochenbrüche, Bewusstlosigkeit oder eine bleibende Behinderung aufgrund der Misshandlungen.

Die Studie "International Variations in Harsh Child Disciplin", veröffentlicht 2010 in dem Journal Pediatrics zeigt, das Kinder in Ägypten häufig u.a. besonders brutale/schwere Formen körperliche Gewalt in ihren Familien erleben, nämlich insgesamt 28 % (darunter fielen: Schütteln von Kindern unter 2 Jahren = 12 %, Verbrennungen zufügen = 2,2 %, zusammenschlagen = 24 %, würgen = 0,8 %, Luft zum Atmen nehmen = 0,6 %, Tritte = 5,4 %) Werden Schläge mit einem Gegenstand mit eingerechnet (was – so die Forscher - auch als schwere Gewalt bezeichnet werden kann) dann erleben sogar insgesamt 46 % der Kinder schwere körperliche Gewalt. Leichtere Formen von körperlicher Gewalt erleben 81 % der Kinder. Besonders schwere Formen von psychischer Gewalt erleben 64 % aller Kinder, leichtere Formen 77 %. Schaut man gesondert auf die Datenauswertung bzgl. der verschiedenen Altersgruppen, ergibt sich zusätzlich ein ergänzend erschreckendes Bild. Die besonders sensible Gruppe der unter 2 Jahre alten Kinder erlebt bereits zu 14 % schwere Formen körperlicher Gewalt (diese Zahl gilt sowohl ohne die Verwendung von Gegenständen laut o.g. Definition wie auch mit Gegenständen), also ca. jedes 7. Kind! Ebenfalls 14 % dieser Gruppe erlebt besonders schwere Formen psychischer Gewalt.

Dazu kommen erschütternde Daten über die Genitalienverstümmelung. 91 % der ägyptischen 15-49 jahre alten Frauen haben diese traumatische Prozedur als Kind erlitten (im Jemen sind es 23 %). Und auch ihre Brüder werden dieses Leid ihrer Schwestern sicherlich mitbekommen haben, auch wenn es ihnen nicht als Leid verkauft und es verdrängt wird.

Diese und weitere Zahlen sind öffentlich jederzeit verfügbar, aber sie sind noch nicht in der Öffentlichkeit angekommen. Dies ist mit ein Grund dafür, warum die politischen Konsequenzen der Gewalt gegen Kinder kaum besprochen werden. Diese Zahlen sind kein schlechter Scherz, sie sind auch kein böser Traum, sie sind Realität! Die große Mehrheit der Kinder in der arabischen Welt (allerdings auch in vielen anderen Krisenregionen auf der Welt) erlebt als Kind Gewalt durch Eltern und/oder Vertrauenspersonen, enorm viele auch besonders schwere Formen. Nur wer sich dieser Realität stellt, wird in der Folge auch weitere Fragen stellen und auch weitere Antworten finden können.

Viele Menschen hier im Westen haben den Arabischen Frühling als Zeichen der Hoffnung gesehen. Die „Bösen“ da oben werden endlich (von den „Guten“) vom Volk vertrieben, jetzt wird alles gut. Warum dies nicht so einfach ist und in manchen Ländern die Zustände gar schlimmer als vor der Revolution sind, kann verstanden werden. Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat die politischen Konsequenzen der Gewalt gegen Kinder in etlichen Büchern und Schriften anschaulich gemacht. (Sein preisgekröntes Hauptwerk heißt "Der Fremde in uns")
In einer Atmosphäre der familiären Gewalt und Kälte bleibt Kindern nichts anderes übrig, als sich von sich selbst zu entfremden, als ihre Gefühle und ihre Lebendigkeit zu begraben und diese abzuspalten, da es unerträglich wäre, der realen Situation offen und fühlend ins Auge zu schauen. In der Folge erlittener elterlicher Gewalt und Lieblosigkeit identifizieren sich die Kinder mit den Aggressoren, ihren Eltern, um seelisch zu überleben. Und das hat weitreichende Folgen, darüber schreibt Gruen sehr viel. Man sollte ihn nicht nur mehr lesen, sondern auch öfter in den Medien besprechen.

Misshandelte Menschen klammern sich oftmals an äußere Strukturen, Rahmen und Rollenmodelle, die ihnen Sicherheit und Stabilität geben. Denn ihre eigene Identität ist auf Grund der erlebten Gewalt eher brüchig, schwammig, manchmal gar komplett nicht existent. Gruen spricht hier von „Nicht-Identität“. In seinem Buch „Verratene Liebe – Falsche Götter“ (2003) schreibt er:
Solange der gesellschaftliche Rahmen hält – das heißt, solange man seine eigene Identität, seine Bedeutung, durch äußere Strukturen aufrechtzuerhalten in der Lage ist -, kann die innere Malaise des nicht-autonomen Selbst gezügelt werden. Da diese Menschen aber keine komplexe Sicht ihrer Lage ertragen, sind sie auch die ersten, die die Strukturen gefährden, wenn diese ins Wanken geraten, wenn zum Beispiel die Gesellschaft von Arbeitslosigkeit und dem Verfall ihrer Regeln bedroht ist. Solche Menschen haben nicht die inneren Kräfte, etwas Neues aufzubauen, weil ihnen ein empathischer Kern fehlt.“ (S. 57,58)

Bei Extremisten, so Gruen, dreht sich immer alles um Symbole der Identität wie Rasse, Nationalismus, Religion und Freiheit. „Nie geht es um die aktuelle Analyse der Bedrohung. Wenn der gesellschaftliche Rahmen zerbricht, bleiben Menschen, die für ihren Selbstwert und ihre Bedeutung davon abhängig sind, ohne Halt. Sie sind jetzt dem inneren Hass ausgeliefert. Dieser Hass richtet sich auf alles, was an die eigene verschmähte Lebendigkeit erinnert.“ (S. 59) Und ganz besonders wichtig und erhellend: „Das Bedürfnis nach Strukturen ist kennzeichnend für Menschen, die kein eigenes Selbst haben. Autoritäre Strukturen verleihen ihnen das Gefühl einer Identität, und daher gibt ihnen, solange die Autorität autoritär bleibt, solch ein Gefüge persönliche Bedeutung und Sicherheit. Es ist das Auseinanderbrechen dieser Strukturen, das die angestaute Wut zum Ausbruch bringt. Die Rebellion, die dadurch ausgelöst wird, hat nicht Freiheit zum Ziel, sondern sie will sich neuen Autoritäten/Strukturen ergeben. Diese erneute Unterwerfung, getrieben von der Angst vor Identitätsauflösung und innerem Hass, ist Erlösung. Die neue Unterwerfung ist eigentlich die alte Unterwerfung (…). Die Ketten der früheren Anpassung an das Schlechte, das man für gut hielt, weil seine Autorität einem ein Sicherheitsgefühl gab, können gesprengt werden. Aber für den Erfolg jeder Revolution, Reform und Erneuerung muss die menschliche Abspaltung vom seelischen Inneren berücksichtigt werden. “ (S. 65,66)

Das Wissen um die genannten Zahlen kombiniert mit den Ausführungen von Arno Gruen machen verständlich, warum aus dem Arabischen Frühling eher ein Arabischer Winter geworden ist und nach den diversen Revolutionen die islamistischen Kräfte die Wege dominieren. Wirkliche demokratische Prozesse werden in dieser Region erst möglich sein, wenn die Gewalt gegen Kinder stark reduziert werden kann. Dadurch würden die Menschen vor Ort Stück für Stück emotional entwaffnet und echte Freiheit wird möglich werden.



16:04 22.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

sven

Wie hängen Kriege, Gewalt und Terror mit destruktiven, gewaltvollen Kindheiten zusammen? Diese Frage beschäftig mich seit über 9 Jahren und ich meine, dass sich weit mehr Menschen mit dieser Frage befassen sollten.
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Kommentare 34

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