Die emotionale Welt des "braunen Mobs"

Rechtsextremismus Reden wir über die Kindheit, lieber Jakob Augstein!
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Jakob Augstein schrieb aktuell in seiner Kolumne für SPIEGEL-Online bzgl. der faschistischen Gefahr in Deutschland: „Leider scheut sich die Nation, bei der Ursachenforschung tief genug zu graben.“

Unter Bezugnahme auf den Soziologen Heinz Bude verortet er die derzeit aufstrebenden Ängste, den Hass wie auch Rechtsextremismus bei den Menschen des „Dienstleistungsproletariats“ und den „verbitterten“ prekären Wohlstandsbürgern, also solchen, die trotz Fähigkeiten und Potential keine – in ihren Augen – angemessenen gesellschaftlichen Positionen erreichen und die auch keine Wertschätzung im neoliberalen System erfahren. Diese beiden Gruppen würden sich – laut Bude – zu einer „Koalition der Angst" zusammenschließen, mit entsprechenden Gefahren für die Demokratie.

Augstein knüpft hier an und kritisiert entsprechend das neoliberale Wirtschaftssystem und Denken. Auch im aktuellen der Freitag Artikel „Wie ein Fisch im Wasser“ werden die Ursachen für die Ängste der Unter- und Mittelschicht in „sozialen Verwerfungen des Neoliberalismus“ gesehen. Eine Umverteilung von Oben nach Unten wäre vonnöten. So weit so bekannt bzgl. linker Denkweisen, die ich an dieser Stelle gar nicht besprechend möchte.

Mich motiviert der anfänglich zitierte Satz in Kombination mit einigen Bemerkungen von Jakob Augstein im entsprechenden Artikel, an dieser Stelle etwas zu schreiben. Denn Augstein negiert den Einfluss von Erziehung bzgl. Rechtsextremismus. Eine „verfehlte Erziehung“ bezeichnet er nur als Symptom und sieht diese nicht als Ursache von rechtem Gedankengut.

Die meisten Analysen von kollektiver Gewalt oder Phänomenen wie Rechtsextremismus scheuen sich in der Tat vor einer vertiefenden Analyse, einer Analyse, die die emotionale Welt betrifft. Letzte Woche ist der bekannte Psychoanalytiker Arno Gruen gestorben. Dies sollte zum Anlass genommen werden in Zeiten irrationaler Ängste und aufkeimender rechter Gewalt und Posen seine Bücher erneut zu besprechen, allen voran das preisgekrönte Werk „Der Fremde ins uns“. Gruen hat erkannt, wie destruktive Erziehung und eine Nichtanerkennung des Kindes (vor allem durch seine Eltern), so wie es ist (sondern einer Verformung, so wie es sein soll) Selbsthass auslöst. Dieser Selbsthass wird wiederum zur Ursache von Hass auf alles Fremde oder „die Anderen“, vor allem auch in Zeiten sozialer Umbrüche und Veränderungen. Gruen war ein großer Vermittler von psychoanalytischem wie auch psychohistorischem Wissen. Seine Sprache und seine Gedankenspiele ermöglichen das (emotionale) Verstehen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig in der Öffentlichkeit entsprechende Studien und Biografien bekannt sind, die nahe legen, dass Kinderschutz der Königsweg für die Prävention von Gewalt wie auch Extremismus darstellt. Eigentlich müssten wir hierzulande alle als Erstes die unglaublich traumatische und von täglichen Misshandlungen geprägte Kindheit von Adolf Hitler vor Augen haben. (Auch die Kindheiten von NS-Größen wie Hermann Göring, Rudolf Heß oder Adolf Eichmann sind offenkundig alles andere als liebevoll verlaufen.) Doch leider scheut sich die Nation immer noch, dieses heiße Eisen anzufassen. Bis heute unverständlich ist für mich auch, warum hierzulande die nachweisbar extrem traumatische Kindheit von dem rechtsextremen Massenmörder Anders Breivik nicht ausführlich besprochen wurde? Der Fall Breivik ist insofern besonders und einzigartig, weil Anders im Alter von vier Jahren zusammen mit seiner Mutter drei Wochen lang stationär psychiatrisch begutachtet wurde. Und das Gutachten fand deutliche Worte: Man möge dieses Kind umgehend von seiner enorm destruktiven Mutter trennen, was leider nicht geschah.

Diverse Einzelstudien fanden bei der qualitativen Befragung von fremdenfeindlichen oder extremistischen Männern stets einen gemeinsamen Nenner: Eine traurige Kindheit. Diese ist das Fundament für Extremismus, umgekehrt ist meine These, dass als Kind geliebte Menschen keine Extremisten werden.

Das zentrale Ergebnis der BKA-Studie „Die Sicht der Anderen. Eine qualitative Studie zu Biographien von Extremisten und Terroristen“ aus dem Jahr 2010 lässt sich mit einem Auszug zusammenfassen: „In allen Familien standen deutliche familiäre Belastungen im Hintergrund, die sich in Suchterkrankungen der Eltern, Verlusterlebnissen und schwerster häuslicher Gewalt ausdrückten. In keinem Fall kann von einem intakten Elternhaus gesprochen werden.“ (S. 28)

Im fast gleichen Wortlaut fasst die Studie „Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe“ aus dem Jahr 2002 zusammen: „In den biografischen Erzählungen der interviewten Täter zeigt sich ganz offensichtlich die nachhaltige negative Wirkung einer gewaltbesetzten Familienkonstellation. Dies paart sich mit Fehlen einer stabilen emotionalen Beziehung zu Mutter, Vater oder einer anderen Bezugsperson. Dagegen ist die familiale Situation bestimmt durch vielfache Brüche, Beziehungsstörungen und Disharmonie.“ (S. 149)

Sehr aufschlussreich ist auch die Arbeit von Hajo Funke (2001): Rechtsextremismus 2001. Eine Zwischenbilanz. Verwahrlosung und rassistisch aufgeladene Gewalt – Zur Bedeutung von Familie, Schule und sozialer Integration. In: Eckert, Roland et al.: Demokratie lernen und leben – Eine Initiative gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Band 1. Weinheim: Freudenberg Stiftung.
Funke selbst hat gewalttätige Rechtsextremisten befragt, bezieht in seinem Beitrag aber auch andere Studien (vor allem aus Ostdeutschland) mit ein. Er stellt ebenfalls fest, dass problematische Erfahrungen in der Kindheit (mangelnde Zuwendung und Beachtung, restriktive Erziehung, wie auch elterliche Gewalt) etwas zur rechtsextremen Orientierung beitragen. Der Risikofaktor „destruktive Kindheit“ führt natürlich nicht zwangsläufig oder monokausal zum Rechtsextremismus. Funke schreibt: „Die Gewalt- und Abwesenheitserfahrungen in der Kindheit dürften für Ausländerfeindlichkeit dann von Bedeutung sein, wenn andere Bedingungen hinzutreten.“ (S. 99) Deutlicher: „Reale gesellschaftliche Angst vor sozialem Ausschluss und traumatische Angsterfahrungen fusionieren in der Gruppe zum mobilisierten Gefühl der Paranoia, aus der heraus man schlägt. Es ist also weder die Realangst vor sozialem Ausschluss noch allein die traumatischen Erfahrungen im Elternhaus, die zur gefährlichen Gewaltkarriere in der Jugendclique beitragen, sondern beides zusammen. Die rechten Kader (Parteien) und Netzwerke haben damit Chancen zur Instrumentalisierung dieser Jugendlichen, wenn Angst vor sozialem Ausschluss und Gewalterfahrungen in den Herkunftsfamilien zusammenkommen. Diese geschädigten Kinder sind ideale Kandidaten für den Terror (…) und die braune Identität (…).“ (S. 103) Funke spricht von „kumulativen Effekten der Demoralisierung“ (S. 105). Also beispielsweise das Zusammenkommen von strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland, „Transformationskrise“ nach dem Zusammenbruch der DDR und belastete Sozialisation im Elternhaus.

Funke würde vermutlich Jakob Augstein insofern zustimmen, da der soziale Rahmen sehr wohl eine Rolle bei der Entstehung von Rechtsextremismus spielt, aber er würde ganz sicher nicht in dem Punkt zustimmen, dass Erziehung keine Rolle spielt. Funke schreibt aber auch: „Ohne innere Entwicklung der Persönlichkeit entsteht ein um sich schlagender Sozialneid, der selbst dann wirkt, wäre er befriedigt. Das Motiv, mehr und alles haben zu wollen, ist selbst dann endlos, wenn es erfüllt wäre, da es die destruktive Sehnsucht repräsentiert, anerkannt zu sein und sich über Traditionen einer Untertanenkultur als autoritäre Aggression gegen Schwächere Luft macht.“ (S. 83) Dem würde nahtlos Arno Gruen zustimmen, der in der Nicht-Identität (oder unsichere, sich selbst hassende Persönlichkeit) die größte Gefahr für Demokratie sieht und insofern für einen liebevolle Umgang mit Kindern ohne Gehorsamsforderungen oder elterliche Gewaltanwendung plädiert.

Die gute Nachricht ist (das zeigen viele Studien): Gewalt gegen Kinder nimmt in Deutschland seit Jahren stetig ab und Fürsorge nimmt zu. Wenn ich mir so die Leute bei Pegida & Co. anschaue, dann sehe ich keine Menschen, die leuchten, die glücklich wirken und besonders lebensfroh. Hat das jetzt nur was mit dem Neoliberalismus zu tun und ihrer sozial unsicheren Existenz? Oder nicht doch auch etwas mit ihrer Erziehung und ihrer Kindheit?

Die SPIEGEL-Online Kollegin von Herrn Augstein, Sibylle Berg, hat es in ihrer Kolumne unter dem Titel "Ihr gehört in Therapie" übrigens etwas provokanter und undiplomatischer geschrieben: "Versuchen wir es angesichts der gewaltbereiten Pflegefälle auf deutschen Straßen mal mit Verständnis. Es kann gar nicht anders sein: Der Pöbel muss in seiner Kindheit viel psychisches Leid erfahren haben."

10:51 27.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

sven

Wie hängen Kriege, Gewalt und Terror mit destruktiven, gewaltvollen Kindheiten zusammen? Diese Frage beschäftigt mich seit ca. dem Jahr 2002.
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