Kindheit in Afrika. Keimzelle von Instabilität und Gewalt?

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Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ ist das wohl am häufigsten zitierte afrikanische Sprichwort. Oftmals wird es hierzulande im Zusammenhang von Jugendhilfe, Kinderschutz, Kita Betreuung oder dem sehnsüchtigen Blick auf die verschwundene, Geborgenheit versprechende Großfamilie benutzt.Dass die reale Kindererziehungspraxis in vielen Teilen Afrikas alles andere als vorbildlich ist, zeigt der aktuelle UNICEF Report 2011 „Kinder vor Gewalt schützen“ (Fischer Taschenbuch Verlag; siehe auch einige Datengrundlagen hier). Körperliche und psychische Gewalt bis zum 14. Lebensjahr erleben demnach in fast allen afrikanischen Ländern,über die entsprechende Daten vorliegen (z.B. Ägypten, Elfenbeinküste, Gambia, Kamerun, Sierra Leone, Togo und die Zentralafrikanische Republik) ca. 90 % der Kinder. Der Bericht zeigt auch, dass ein erschreckend hoher Prozentsatz (meist zwischen 60 und 75 %) der afrikanischen Mädchen und Frauen häusliche Gewalt für gerechtfertigt halten.Dies verdeutlicht eine hohe Identifikation mit Gewalttätern und Gewalt an sich und ist um so folgenreicher für Kinder, da in diesen Ländern hauptsächlich Frauen für die Kindererziehung zuständig sind.

Wenn man weiter in die Tiefe geht, wird das Bild nicht besser, es wird immer katastrophaler und schlimmer. In Tansania wurde 2011 eine für den Kontinent einzigartige Studie veröffentlicht. 3.739 junge Menschen wurden befragt. 27,9 % der Mädchen/Frauen und 13,4 % der Jungen/Männer berichteten von sexueller Gewalt vor dem achtzehnten Lebensjahr. Ca. 75 % aller Befragten erlebten körperliche Gewalt durch i.d.R. Verwandte (am häufigsten durch Väter und Mütter) oder Lehrer. Darunter fielen vor allem Schläge (auch mit der Faust oder zusammengeschlagen werden) und Tritte. Der größte Teil der Befragten erlebte mehr als fünf mal (der höchste mögliche Wert in der Studie) körperliche Gewalt.

Das "African Child Policy Forum" stellte in einer umfassenden Studie 2006 bzgl. der Gewaltbetroffenheit von Mädchen unter 18 Jahren u.a. fest, dass ca. 71 % (Äthiopien), ca. 81 % (Kenia) und ca. 86 % (Uganda) der Befragten Schläge mit einem Gegenstand erlebten. Um die 60 % erlebten zudem Prügel. Oftmals führte die Gewalt zu leichten bis auch schweren Verletzungen. Auch das Ausmaß sexueller Gewalt ist extrem hoch: 68,5 % Äthiopien, 85,2 % (Kenia) und 95 % (Uganda). Gefragte nach Vergewaltigung berichteten 26,3 % (Kenia), 29,7 % (Äthiopien) und 42 % (Uganda) der Frauen von mindestens einem, viele auch von mehreren Übergriffen. Von psychischer Gewalt waren in allen drei Ländern nahezu 100 % betroffen.

Dazu kommt routinemäßige, institutionelle Gewalt an Schulen. 1998 wurde z.B. Gewalt an Schulen in Kamerun verboten. Doch zwei Jahre später zeigte eine Studie durch EMDIA, dass die Lehrkräfte weiterhin SchülerInnen körperlich bestraften. 97 % der befragten SchülerInnen berichteten, dass sie körperliche Gewalt durch Lehrkräfte erfahren hatten. (vgl. World Report on Violence against Children, 2006, S. 117)

Wenn überhaupt durch westliche Berichterstatter auf die enorme Gewaltbetroffenheit der afrikanischen Kinder (bezogen auf den sozialen Nahbereich) eingegangen wird, dann meist isoliert oder sie wird als Folge von Armut, Kriegen und Kolonialismus besprochen. Kaum jemand fragt nach der anderen Seite: In wie weit ist eigentlich diese extrem häufige und oftmals schwere Gewalt gegen Kinder die Keimzelle für politische und soziale Instabilität, für Gewalt, Terror und Krieg?

12:56 11.11.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

sven

Wie hängen Kriege, Gewalt und Terror mit destruktiven, gewaltvollen Kindheiten zusammen? Diese Frage beschäftig mich seit über 9 Jahren und ich meine, dass sich weit mehr Menschen mit dieser Frage befassen sollten.
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Kommentare 11

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