Rechtsextremismus unter ärztlichen Gesichtspunkten

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„Schrei nach Liebe“ nannte die Punkrock-Band „Die Ärzte“ ein bekanntesgegen Neonazis gerichtetes Lied Anfang der 90er Jahre. Der Text hat an Aktualität nicht verloren und bringt lautstark eine Wahrheit in das Bewusstsein: Gewalttäter, gerade auch Neonazis, werden nicht als solche geboren. „Deine Eltern hatten niemals für dich Zeit“ und„Du musst deinen Selbsthass nicht auf andere projizieren“ analysierten die Ärzte fachkundig. Ihre Thesen sind auch wissenschaftlich belegbar. In einem Forschungsbericht des KFN (2009) wurde in einer groben Übersicht festgestellt, dass Jugendliche, die häufiger leichte Formen oder selten schwere Formen elterlicher Gewalt erfahren haben, ein 1,5fach höheres Risiko rechtsextremen Verhaltens aufweisen als Jugendliche, die in ihrer Kindheit nie elterliche Gewalt erfahren haben.

Weit aus deutlichere Ergebnisse bringen sogenannte qualitative Studien, bei denen eine übersichtliche Zahl von Personen in Interviews ausführlich befragt werden. Dr. Thomas Gabriel stellte im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Rechtsextremismus - Ursachen und Gegenmassnahmen" 2008 fest, dass sich in den 26 untersuchten Fällen ein hohes Maß an "Normalität" der Lebensentwürfe und -welten nachweisen lässt und die rechtsextremen Jugendlichen keine "Modernisierungsverlierer" waren. Hingegen spielten häusliche Gewalt und die Folgen von Konflikten im sozialen Nahbereich eine wichtige Rolle, insbesondere dann, wenn sie für die Heranwachsenden mit Misshandlungs- und Ohnmachtserfahrungen verbunden waren.
Die BKA-Studie „Die Sicht der Anderen“ kam 2010 zu ähnlichen Ergebnissen. Die Biographien von insgesamt 39 Personen, die dem Links- oder Rechtsextremismus sowie Islamismus zugeordnet werden können, wurden ausführlich untersucht. Die Autoren schreiben: „In allen Familien standen deutliche familiäre Belastungen im Hintergrund, die sich in Suchterkrankungen der Eltern, Verlusterlebnissen und schwerster häuslicher Gewalt ausdrückten. In keinem Fall kann von einem intakten Elternhaus gesprochen werden.“ (Auch der große Führer Adolf Hitler war übrigens nachweisbar ein schwer misshandeltes Kind.)

In Angesicht der Taten von Gewalttätern, erst recht einem Hitler, braucht man kein Mitgefühl für die Täter zu haben oder sie gar entschuldigen, man muss sie stoppen und anklagen. Die Ärzte formulierten das so: „Oh Oh Oh. Arschloch“! Empören sollten wir uns aber über die Verbrechen, die das Kind erlebte, welches die Täter einst waren. Dieser Empörung, diesem Hinsehen sollte dann ein Mittel der Prävention folgen: Kinderschutz. Den Schrei nach Liebe vieler Kinder, mehr noch, ihr Hilflosigkeit, ihre Ohnmacht in Angesicht von elterlicher Gewalt sollte nicht überhört werden. So packt man den Extremismus an seiner Wurzel.

11:47 21.11.2011
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Geschrieben von

sven

Wie hängen Kriege, Gewalt und Terror mit destruktiven, gewaltvollen Kindheiten zusammen? Diese Frage beschäftigt mich seit ca. dem Jahr 2002.
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