Was EHEC mit der Suche nach Feinden zu tun hatte

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Erinnert sich noch jemand an den Keim EHEC? Sie wissen schon, der „Horror-Keim“ oder „Killer-Keim“ (u.a. BILD-Zeitung), der anfänglich auf norddeutschen „Killer-Gurken“ (u.a. Hamburger Morgenpost) vermutet wurde. EHEC „wütet aggressiv in Deutschland“ (Ruhrnachrichten) und droht uns alle zu vergiften und auszurotten, las man so oder so ähnlich quer durch die Republik. „Ich werde wie ein Mörder behandelt, weil ich Gurken verkaufe“, titelte SPIEGEL-Online und zitierte damit einen Gemüsehändler. Ich selbst erinnere mich an Bekannte, die von ihren Freunden für verrückt erklärt wurden, weil sie damals mit ihren Kindern weiterhin Gurken und Salat aßen. Ab Mai herrschte für einige Wochen Panik und die nackte Angst in den deutschen Medien und bei den Menschen.

Niemand hat sich derart breitflächig vor, während oder nach der EHEC-Krise dafür interessiert, dass - laut Robert Koch Institut – die in Deutschland meldepflichtigen Durchfallerkrankungen, hervorgerufen durch Viren, Bakterien und Protozoen, von 251.000 im Jahr 2002 auf 353.000 im Jahr 2009 gestiegen sind, dass eine durchschnittliche Influenzawelle jedes Jahr 5.000 bis 8.000 Todesfälle in Deutschland verursacht(mit einem Höhepunkt 1995/96 wo ca. 30.000 Menschen starben)oder dass beispielsweise im Jahr 2006 in Deutschland 606 Menschen durch einen Badeunfall umkamen. Keine „Grippepanik“ herrschte. Die Bundesbürger gingen die Jahre auch wie gewohnt baden, wo und wann immer sie es wollten. Aber EHEC war anders, nicht wegen der Gefahr zu sterben, sondern in der Wirkung auf die emotionale Lage der Menschen.

Schauen wir noch einmal auf die realen Auswirkungen von EHEC. Insgesamt sind 50 Menschen gestorben. Davon, nach meinem Eindruck der damaligen Berichterstattung, ein hoher Anteil von Menschen im hohen Alter. Trotz dieser tragischen Todesfälle lässt sich im Rückblick bestätigen, dass die damalige Berichterstattung extrem panisch, hysterisch und irrational war. Warum war das so?

Ich habe dazu eine eigene Erklärung. Die meisten Menschen- auch im Westen – erlebten elterliche Gewalt als Kind. Dies führt – um es verkürzt darzustellen – unter bestimmten Umständen dazu, dass die Menschen als spätere Erwachsene „Feinde“ suchen, um sich dadurch emotional zu erleichtern, von eigenen schrecklichen Erinnerungen abzulenken, das Trauma außen wiederaufzuführen usw. In den deutschen Medien fanden sich neben vielen Angstwörtern u.a. auch direkte Hinweise auf diesen Prozess. Die Lübecker Nachrichten titelten am 24.05. über der kompletten Seite 3: „Der Feind in unserem Essen“. Am 29.05 lief auf dem Radiosender NDR1 Welle Nord eine Sondersendung der Reihe „Zur Sache“ zum Thema EHEC. Kurz vor 20 Uhr (zur besten Sendezeit) hörte ich zufällig kurz die Schlussworte eines der Experten. In Etwa sagte er: "In ein bis zwei Wochen werden wir wissen, wo der Feind steht." Er bezog sich damit darauf, dass die genaue Quelle des Erregers noch immer unklar ist. In der Printausgabe des SPIEGEL vom06.06.11 prangte gleich übergroß gedruckt auf dem Titelblatt:„Der Feind im Essen“. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass viele westliche Nationen im März Libyens Diktator zum großen, bösen Feind erklärt hatten, den man nun militärisch bekämpfte. Deutschland hielt sich da weitgehend raus. Meine These: Die deutsche Nation fand in EHEC einen alternativen „Feind“, vor dem man mächtig Angst haben musste, um nicht an die eigenen, feindseligen Eltern und entsprechende angstvolle Gefühle erinnert zu werden.

10:56 07.09.2011
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Geschrieben von

sven

Wie hängen Kriege, Gewalt und Terror mit destruktiven, gewaltvollen Kindheiten zusammen? Diese Frage beschäftigt mich seit ca. dem Jahr 2002.
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