Ist Cem Özdemir vor der FDP eingeknickt? Schweine kennen die Antwort

Forst und Wüste Mehr Platz für Schweine in den Ställen? Das will der grüne Landwirtschaftsminister. Doch sein ursprünglicher Entwurf war wenig ambitioniert – und wurde jetzt auch noch abgeschwächt
Ausgabe 14/2023
„Wir möchten nicht nur als Produktionsmittel behandelt werden, sondern als lebende, fühlende Wesen respektiert werden.“
„Wir möchten nicht nur als Produktionsmittel behandelt werden, sondern als lebende, fühlende Wesen respektiert werden.“

Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images

In George Orwells Farm der Tiere sagt Old Major: „Das Leben eines Tieres ist Jammer und Sklaverei: Das ist die nackte Wahrheit.“ Old Major ist ein Schwein, also jemand, der es wissen muss. Zahlenmäßig am meisten leiden Schweine europaweit in Deutschland: Unser Land ist der größte Schweinefleischerzeuger. Im Schnitt lebt ein Schwein in Deutschland auf 0,75 Quadratmetern. Ich glaube, ich muss nicht erklären, wie wenig das ist.

Aber schon eilt der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir zu Hilfe: „Weniger Tieren mehr Platz geben ist mein Programm“, sagte er im Januar dem Deutschlandfunk. „Meine Beamten arbeiten quasi Tag und Nacht.“ Und: „Ich pack das jetzt an.“ Hui, da kommt ja frischer Wind in den Schweinestall!

Das ist sein Plan: Özdemir will Schweinefleisch mit einer Kennzeichnung fünf verschiedener Haltungsformen versehen: „Stall“ am unteren Ende würde die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen, „Bio“ am oberen Ende ist die beste Haltungsform.

Übrigens gilt das alles nur für die Phase der Mast. Ein Entwurf sah für die zweitunterste Kategorie „Stall + Platz“ 20 Prozent (also 1.500 Quadratzentimeter) mehr Platz für jedes Schwein vor und eine zusätzliche Tränke für je zwölf Tiere. Das würde noch bei keinem Schwein einen Freudentanz auslösen (dafür hätte es auch keinen Platz).

Aber nun wurde der Entwurf sogar noch weiter aufgeweicht. Um bei dem Beispiel „Stall + Platz“ zu bleiben: Jetzt soll es nur noch 12,5 Prozent (also gut 930 Quadratzentimeter) mehr Platz und eine zusätzliche Trän­ke für je 24 Tiere geben. Der Tierschutzbund vermutet dahinter die FDP und will lieber gar kein Tierhaltungskennzeichen als dieses. Özdemir wäre nicht der erste Landwirtschaftsminister, der mit so einem Label scheitert. Das taten vor ihm auch schon Julia Klöckner (CDU) und Christian Schmidt (CSU).

Ich will Sie nicht mit meiner Meinung dazu langweilen. Deswegen habe ich stattdessen eine künstliche Intelligenz gebeten, das Ganze aus Sicht der Schweine zu kommentieren: „Aus unserer Sicht ist es definitiv zu wenig Platz, um uns Schweine artgerecht zu halten“, hat sie geantwortet. „Wir sind neugierige und soziale Tiere und brauchen Platz, um uns frei bewegen zu können und unsere natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. In der engen Haltung auf engem Raum haben wir oft nicht genug Platz, um uns umzudrehen oder uns hinzulegen. Wir möchten nicht nur als Produktionsmittel behandelt werden, sondern als lebende, fühlende Wesen respektiert werden.“

Ob man es vielleicht mal mit einer KI als Landwirtschaftsminister versuchen sollte?

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes waren inkorrekte Flächenangaben enthalten. Wir bitten dies zu entschuldigen und haben es korrigiert.

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