Begegnungen // Das Erreichen des Atlantiks

Teil I : Alex Ich war auf St. Lucia und Martinique. Dort habe ich Menschen getroffen. Begegnungen, welche mich berührten. Das möchte ich teilen.
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Ich wohne in Martinique, einem französischen Département, Überbleibsel kolonialer Großmachtfantasien. Man zahlt dort mit Euro, muss, wenn man aus Deutschland kommt, in Paris nicht nur umsteigen, sonder gar Flughafen wechseln: vom internationalen zum nationalen. Nichtsdestotrotz fühlt man sich weniger Europa zugehörig als es in Ost-Anatolien jemals möglich wäre. Mit der Fähre nach Süden durch das Karibische Meer und man ist in Saint Lucia – eine Insel, die aus nichts als Berg, Steilküste und Strand besteht, dessen Durchquerung von West nach Ost an einem Tag zu schaffen ist. Spielend, denke ich mir. Dachte ich mir.

Ich fahre mit dem Bus durch das Hinterland, Richtung Westküste. Nach zwei Stationen haben wir die Hafengegend verlassen und ein Einkaufszentrum erreicht. Der Bus entleert sich, spuckt Kreuzfahrttouristen mit Strohhüten und Seglerinnen mit Funktionshemden aus. Menschen steigen ein. Verschwitztes Geschnaufe wird durch angeregte Unterhaltung ersetzt, der Busfahrer fährt weiter; innerhalb eines Augenblicks habe ich meine Mehrheitsgesellschaft hinter mir gelassen, eine halbe Stunde später auch den Bus.

Das karibische Meer im Rücken laufe ich los. Es ist noch Stunden vor Mittag doch die Sonne brennt. Immer geradeaus, einer dezenten Steigung den Weg Richtung Atlantischen Ozean folgend. Die Straße führt, mal gerade, mal sich um Steilhänge schlängelnd, an Vorgärten und weiß gestrichenen Häusern vorbei. Je weiter ich ins Landesinnere vordringe desto provisorischer werden die Behausungen; immer öfter spenden Holz und Wellblech statt Stein Schutz vor Witterung. Ich gehe weiter, keine zwei Stunden gelaufen doch schon erschöpft und auf der Suche nach Rast. Ich nähre mich einem kleinen Laden, weis verkalkt, bunte Fensterläden. Davor zwei Bänke und ein Tisch an dem ein junger Mann sitzt. Er nippt an einem Plastikbecher Rum und mustert mich. Ich bleibe stehen und erwidere seinen Blick. Du siehst verloren aus, ruft er mir rüber. In wenigen Sekunden passiert mein Unterfangen vor meinem inneren Auge – ich stimme zu. Keine Angst, antwortet er: „Auf St. Lucia kann man nicht verloren gehen“. Ich setzte mich zu ihm.

Ich sage, dass ich keine Bleibe, er, das er ein Zimmer, aber noch nicht die Miete für den nächsten Monat habe.

Alex ist Fünfunddreißig, sieht aber aus wie Mitte Zwanzig. Er war mal in der Schweiz und liebt Pflanzen. Deswegen lebe er auch etwas außerhalb der Stadt. In einem Haus, welches er mit Freunden gemeinsam erbaut hat, wenige Hundert Meter von dem Laden entfernt. Trotzdem wohnt er jetzt zur Miete, die Umstände seien widrig, zur Zeit, sagt er. Noch am selben Abend stellt er mich seinen Freunden und Familie vor. Er lebt in einer Siedlung, selbstgebaute Häuser, Zäune, Straßen. Ein Wasseranschluss für sechzig Leute. Alex hat als einer von wenigen einen festen Job. Fünfmal die Woche, abends, vier bis fünf Monate im Jahr, als Barkeeper in einem Restaurant am Meer. Sein Chef meint, er solle wegziehen aus dieser Gegend. Hier seien zu viele Läden die Rum verkaufen, zu viele Dinge, die ablenken. Alex mag das, abgelenkt werden.

In der ersten Nacht die ich bei ihm verbringe regnet es. Das Wellblechdach verstärkt das Prasseln, eine einschläfernde Monotonie. Als ich aufstehe, ist Alex schon wach und kocht Eier mit Zwiebeln. Er ist noch betrunken von der Arbeit. Als zweitausendzehn Hurrikane Tomas vorbeigezogen ist, sei er derart betrunken gewesen, dass er erst am nächsten Morgen gemerkt habe dass sein Dach weggeflogen ist. Aus Angst, sagt er und lacht. Ich gebe ihm Geld für die Nacht und die nächsten Tage.


Wir bauen einen Joint. Er schneidet das Gras mit einer Haushaltsschere von einem Ast ab, verdünnt es mit Melasse, einer klebrigen, sirupartigen schwarzen Masse. Damit es besser brennt. In der kleinen Stadt am Strand stehen an der Ecke alte Menschen, die aus einem riesigen Haushaltsglas portionierte, in Alufolie verpackte Kügelchen davon verkaufen, für einen Viertel ostkaribischen Dollar, etwa fünf Eurocent. Eine einzelne Zigarette kostet doppelt so viel. Mit den Touristen wird Englisch gesprochen, untereinander eine Mischung aus Englisch und indigenen Sprachen, Kreolisch. Wenn man sich konzentriert, kann man es verstehen, aber es fällt mir schwer. Das erste Wort das ich lerne spricht sich Molocon, Kreolisch für den Ausdruck ‚your mother is a cunt’.

Alex ist Mitglied der Labour Party und liest viel. An dem Tag, als er mich getroffen habt, habe er die Bibel gelesen gehabt, sagt er. Liebe, Nächstenliebe. Sei freundlich zu Fremden, habe dort gestanden. Er fragt, ob ich die Bibel gelesen habe. Ich verneine.

Am nächsten Tag gehe ich hinunter in die Stadt. Das Erreichen des Atlantiks aufs Unbestimmt verschoben. Ich treffe einen Freund von Alex den er mir am Vortag vorgestellt hatte. Er spielt Domino an einer Straßenkreuzung. Als er mich begrüßt erntet er fragende Blicke. Er klärt auf, ich wohne bei Alex, sei in Ordnung. Ich setze mich auf eine Bordsteinkante, kaufe mir eine einzelne Zigarette und denke an nichts. Überlege, mit einer Katze zusammenzuziehen. Da hat Mensch wenigstens keine Probleme und ist dennoch nicht alleine. Ein alter, dicklicher Mann mit einer riesig hohen Mütze die seine Haare verbirgt zerschneidet Gras mit einer Haushaltsschere.

Als ich wieder zuhause bin ist es Abend. Wir rauchen noch einen Joint, Alex erzählt Geschichten. Der Kühlschrank summt sehr laut, eine Neonröhre flackert neben einer Glühbirne, die von der Decke hängt. Wir gehen schlafen. Aus Alex Zimmer kommen Stimmen, BBC Radio. Nachrichten von Kriegen, Leid, Liebe, Welt, Leben. Er hört es zum einschlafen. Das Wellblechdach verstärkt das Prasseln.

22:07 03.01.2015
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Geschrieben von

sventola

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