Rassismus deutscher Öffentlichkeit!

NSU-Denkmuster Es ist kein Skandal, wenn bei einer Gerichtsverhandlung, in der über Täter geurteilt wird, dessen Opfer Deutsche waren, keine türkischen Journalisten eingeladen werden.
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Rassismus deutscher Öffentlichkeit!

Als Mensch, welcher versucht nicht den öffentlich propagierten Unterscheidungsmerkmalen zu erliegen, wie beispielsweise Geschlecht, Herkunft und Weltanschauung, verstehe ich nicht, warum es zu einem Skandal gemacht wird, wenn bei einer Gerichtsverhandlung, bei welcher über Täter geurteilt wird, dessen Opfer deutsche Staatsangehörige (bzw. welche die deutsche Staatsbürgerschaft zumindest hätten haben sollen) waren, keine türkischen Journalisten explizit eingeladen werden.

Diese ganze Diskussion zeigt nur, dass die Öffentlichkeit dieselben Denkmuster vertritt, wie die Täter, d.h. wir alle haben uns einmal wieder selbst zu Tätern gemacht. Die Opfer waren „Türken“, „türkischstämmig“, „von türkischer Herkunft“, „mit türkischen Wurzeln“, „Döner“ oder wie auch immer versucht wird das zu umschreiben, was es eigentlich ausdrücken soll: Es waren Fremde und keine von uns. Deshalb müssen wir auch deren Botschafter und Medienvertreter einladen. Oder wie im Falle des Brandes von Backnang, wo genau diese Diskurse auch vorhanden waren, mit dem türkischen Botschafter einmal traurig in die Kamera schauen. Der edle Gedanke der Völkerverständigung und des Friedens unter diesen muss im Mittelpunkt stehen, denn „[i]ndem wir in grenzenloser Liebe und Treue an unserem Volkstum hängen, respektieren wir die nationalen Rechte auch der anderen Völker aus dieser selben Gesinnung heraus und möchten aus tiefinnerstem Herzen mit ihnen in Frieden und Freundschaft leben“. So heißt es in einer bekannten deutschen Friedensrede. Die Opfer und deren Angehörige müssen deshalb hinten anstehen.

Von der Terminologie „Volk“ haben wir uns weitgehend gelöst, aber die imaginären Grenzen zwischen Völkern bestehen immer noch, d.h. Deutschsein heißt immer noch mehr als nur die Staatsangehörigkeit zu besitzen. Aber dieses Verknüpfen von Identität und Nationalität, wobei letztere mehr als nur eine Verwaltungsfunktion ist, ist natürlich nicht nur eine deutsche Erscheinung, aber wird gerne auch mit gut gemeinten Initiativen gefördert (z.B. Ich bin Türke...). Menschen werden hier förmlich gezwungen sich dieser Ideologie des 19. Jahrhunderts, welche schon viel Leiden verursacht hat und sehr gut dazu zu gebrauchen ist andere auszugrenzen, zu unterwerfen. Staatsangehörigkeit sollte lediglich ein Mittel der Verwaltung sein und auch Debatten um doppelte Staatsangehörigkeit fördern nur diese alten völkischen Diskurse. Der Staat sollte den Menschen die Möglichkeit bieten eine Identität zu entwickeln ohne Nationalismus, denn letztendlich sind wir alle Angehörige der Spezies Mensch, d.h. aber auch, dass die in Deutschland lebenden Menschen alle die Chance auf diese Staatsangehörigkeit und somit auf gleiche Rechte und Pflichten haben sollten. Aber das ist wahrscheinlich alles naiv gedacht, denn die Menschen wollen nicht gleich sein. Sie wollen besser sein als andere. Ähnliches lässt es sich zum Beispiel auch bei Norbert Elias herauslesen. Da kommen augenscheinliche Abweichungen von dem als normal empfundenen Eigenen gerade recht.

Opfer vor der Justiz gleicher ... als in den Augen der Öffentlichkeit

Bis jetzt komplett außer acht gelassen wurde, dass ein Opfer „griechisch“ war und ein anderes Opfer eine Polizistin. Hier zeigt sich auch wieder, dass Diskurse und öffentliche Meinungen sehr einfach strukturiert und solche Details unwichtig sind. Denn in den Medien fragte bis jetzt noch niemand nach griechischen Medienvertretern. Hier folge ich lediglich der Logik der Öffentlichkeit, das soll also keine Forderung danach sein diese einzuladen. Man kann auch festhalten, dass die Opfer vor der Justiz gleicher behandelt wurden, als in den Augen der Öffentlichkeit. Zumal es nicht die Aufgabe der deutschen Justiz ist die Medienvertreter eines anderen Staates einzuladen und geradezu als ein Witz erscheint. Ebenso scheint es als Ironie, dass scheinbar türkische Medienvertreter und sogar Parlamentarier anwesend sein wollen. Ich persönlich würde mich freuen, wenn bei Gerichtsverhandlungen in der Türkei auch einmal ausländische Medienvertreter anwesend wären, wenn beispielsweise mal wieder Menschen im eigenen Land getötet werden oder die politische Opposition weggesperrt wird, nur leider kommt es meist gar nicht zu Gerichtsverhandlungen und die meisten deutschen Politiker sehen darüber hinweg und wagen sich nicht diese Vorkommnisse zu kritisieren. Dies alles zeigt die rassisch-völkische Gedankenwelt auch der türkischen Öffentlichkeit und Regierungspolitiker. Hier soll noch einmal betont werden, dass es keine Türken waren die getötet wurden. Aber man könnte natürlich türkische Parlamentarier einladen, welche zu Unrecht in Haft sitzen. Als Krönung dieses Witzes erweist sich die Forderung Erdoğans sich ein Beispiel an der Türkei zu nehmen, aber für zweifelhafte Äußerungen ist er bereits bekannt.

Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft

Das darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in deutschen Behörden regelmäßig rassistische Vorfälle stattfinden. Denn auch die Staatsdiener gehören zur Öffentlichkeit und zur Mitte bzw. der Masse, aus welcher der Rassismus kommt. Hier soll Mitte nicht die Mittelschicht oder eine Mittelklasse bezeichnen, sondern die Masse aller Menschen in Deutschland. Der Rassismus wird gerne an den Rand gedrängt und es wird behauptet, dass es Probleme von anderen sind, z.B. Jugendliche, Ostdeutsche oder andere als Minderheiten stigmatisierte Deutsche. Aber es muss ganz klar festgehalten werden, dass der Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft kommt und sich jeder einzelne rassistisch verhält, sei es in Worten, Taten und Gedanken. Niemand kann sich dem entziehen, denn jeder ist irgendwo Teil der Masse, auch ich. Es erscheint als Unmöglichkeit sich den rassistischen Diskursen der Öffentlichkeit zu entziehen, welche als Normalität empfunden werden. Hier könnte man sich auch die Frage stellen, ob ein autoritärer Charakter, wie ihn Fromm oder Adorno beschreiben, oder der Habitus der Staatsdiener diese rassistischen Einstellungen nicht sogar fördert oder besser gesagt sie unsensibler für Rassismus macht. Denn mir fällt auf Anhieb kein Exekutivorgan oder ähnliches ein, wo es in letzter Zeit nicht zu rassistischen Vorfällen gekommen ist. Und öffentlich aufgearbeitet werden nur die Extremfälle, weil man wahrscheinlich Angst hat, dass die Bürger das Vertrauen in die entsprechenden Behörden verlieren könnten. Ob es ein Imagegewinn für die Behörden ist sich nun von Menschenrechtsverletzern und Völkermordleugnern belehren zu lassen ist fraglich.

Ein letzter wichtiger Aspekt, der gerne verschwiegen wird, ist, dass es nicht „nur Opfer“ und „nur Täter“ gibt. Diese Aussage ist natürlich sehr problematisch, weil sie auch gerne von den falschen Leuten benutzt wird um grausame Taten zu relativieren. Das soll hier nicht geschehen, aber es soll darauf hingewiesen werden, dass es auch in den Migrantencommunities sehr viel Rassismus gibt. Vor allem unter den meist deutschen Staatsangehörigen, welche sich selbst als Türken oder türkischstämmig sehen (wie es die Öffentlichkeit ihnen auch vermittelt), gibt es verschiedene rechtsextreme Organisationen. Zudem haben diese „Türken“ fast schon einen Sonderstatus in der Migrantencommunity, weil sie innerhalb dieser Minorität die Mehrheit bilden, was natürlich Vor- und Nachteile mit sich bringt. Das soll noch einmal bekräftigen, dass Rassismus überall zu finden ist.

Zum Schluss möchte ich noch einmal festhalten, dass wir nicht vergessen dürfen, dass es Menschen waren die getötet wurden und wir müssen endlich ablassen von diesen Unterscheidungen zwischen Geschlecht, Herkunft und Weltanschauung, damit es nicht erneut zu einem privaten oder staatlichen Holocaust kommt. Die zehn Deutschen waren Opfer der modernen Nationalsozialisten, der Behörden und der Öffentlichkeit!

21:05 31.03.2013
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Geschrieben von

Walden

Ein Mensch. Nicht mehr. Nicht weniger.
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