Sind wir noch im Budget? Nee!

Klimakrise Wenn Experten uns die Erderwärmung erklären, spielen Begriffe wie CO2-Budget, 1,5- oder 2-Grad-Ziel eine Rolle. Sie sind gut gemeint, erzeugen aber falsche Vorstellungen
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Sind wir noch im Budget? Nee!
Achtung! Wir blasen zu viel in die Umwelt

Foto: Ralph Orlowski/Getty Images

Ein Budget zu haben klingt gut. Zwar müssen, so hören wir, die CO2-Emissionen endlich sinken, damit wir unser CO2-Budget nicht überschreiten. Aber noch sind wir im Budget. Ist das wirklich so? Das Bild vom Budget suggeriert, es gebe eine feste Menge von Emissionen, die wir noch bedenkenlos in die Erdatmosphäre entlassen könnten, ohne dass es zu schlimmen Folgen kommen würde. Das stimmt aber nicht.

Erstens ist unklar, nach welcher Menge an Treibhausgasen 1,5 bzw. 2 Grad – die "Ziele", für die das Budget normalerweise angegeben wird – erreicht wären. Diesbezüglich gibt es unterschiedliche Schätzungen. Zweitens ist die Temperatur auf der Erde natürlich kein reines Produkt der menschlichen Emissionen. Vielmehr wird sie durch das komplexe Zusammenspiel verschiedener Quellen von Treibhausgasen (z. B. Verbrennung fossiler Energieträger, Entwässerung von Mooren, Rinderzucht u. a.) mit Kohlenstoffspeichern (z. B. Pflanzen) und anderen Effekten (z. B. Reflexion von Licht durch Gletscher und vereiste Polkappen) bestimmt. Wenn z. B. weltweit mehr Bäume gefällt als gepflanzt werden, was momentan leider der Fall ist, nimmt deren Kapazität als natürlicher Speicher ab. Aktuell wird von vielen Wissenschaftlern außerdem befürchtet, dass die Selbstverstärkung des Klimawandels (z. B. durch Treibhausgase aus tauendem Permafrost) unzureichend berücksichtigt wurde und schneller und stärker voranschreitet, als früher gedacht. Drittens ignoriert die Idee des Budgets, dass bereits durch die jetzige Erderwärmung um gut ein Grad gravierende Probleme entstanden sind, wie etwa vermehrte Waldbrände in Kalifornien und extreme Wasserknappheit in Indien.

In Deutschland haben die Wälder durch die anhaltende Dürre massiven Schaden genommen. In diesem und im letzten Jahr gab es Missernten aufgrund von Hitze und Trockenheit. Die Mär, dass Deutschland vom Klimawandel nicht so schlimm betroffen sein wird, ist damit vom Tisch. Was passiert, wenn eine solche Dürre in Zukunft für mehrere Jahre anhält? Außerdem ist ein Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten im Gange, mitverursacht durch den Klimawandel. Auch wenn genaue Prognosen schwierig sind, werden sich diese Probleme mit jedem zehntel Grad weiter verschärfen.

Gleichzeitig nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass die Temperatur unkontrolliert, sehr schnell oder sogar abrupt ansteigt, weil die Erwärmung immer mehr Prozesse in Gang setzt, die eine weitere Erwärmung fördern. Kurz: Eigentlich sollte man versuchen, jeden weiteren Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre zu verhindern oder ihren Anteil sogar wieder zu senken. Da aktuell schon das Erreichen der weniger ehrgeizigen Ziele zu misslingen droht, klingt dies erst einmal unrealistisch. Wäre es da nicht besser, am 1,5- oder 2-Grad-Ziel festzuhalten? Der Sinn dieser Ziele lag ursprünglich darin, eine rote Linie zu definieren, damit die Politik weiß, wie viel getan werden muss. Da zu wenig getan wurde, stiegen die Emissionen der Treibhausgase aber immer weiter an statt zu sinken.

Wissenschaftler errechnten immer neue Szenarien, wie die Ziele trotzdem noch erreicht werden könnten. Inzwischen sind bei halbwegs realistischen Szenarien negative Emissionen notwendig, also Verfahren, mit denen der Atmosphäre CO2 entzogen werden kann. Das mit dem Errechnen neuer Szenarien könnte die nächsten Jahre so weitergehen. Denn selbst wenn wir 1,4 Grad erreicht hätten, könnten wir ja das 1,5-Grad-Ziel immer noch schaffen, wenn wir ab sofort alle Emissionen beenden oder abfangen würden. Aber wohl nur theoretisch. Die roten Linien sollten also zum Handeln anregen, fördern aber tatsächlich das Aufschieben.

Hinzu kommt: Das 2-Grad-Ziel gilt inzwischen als gefährlich, weil es gut sein kann, dass dann schon etliche Kipppunkte erreicht sind und die Temperatur sogar ohne jegliche menschengemachte Emissionen immer weiter ansteigt. Aber es ist in der Welt und wird jetzt missbraucht, um zu ehrgeizige Klimaschutzpläne zu verhindern, so aktuell zum Beispiel von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die auf ihrer Website scheinheilig erklärt, warum das 2-Grad-Ziel wichtig sei. Eine im April erschienene, offizielle EU-Studie (erstellt von der ESPAS (European Strategy and Policy Analysis System)) warnte, 1,5-Grad seien das Äußerste, was der Planet verkraften könne, andernfalls drohe im schlimmsten Fall "das Aussterben der gesamten Menschheit". Doch auch solche Informationen halten die deutsche Bundesregierung nicht davon ab, ihre Klimaschutzpläne weiterhin am 2-Grad-Ziel, nicht am 1,5-Grad-Ziel, auszurichten.

Was sollte stattdessen getan werden? Unsere Regierung sollte anerkennen, dass der Klimawandel auch für Deutschland eine ernste Bedrohung darstellt und danach handeln. Der Ausstoß von Treibhausgasen sollte so stark wie möglich gesenkt werden. Weitere Maßnahmen könnte die Bundesregierung an den Erkenntnissen des Drawdown-Projektes ausrichten, das einen Plan erarbeitet hat, um den Treibhauseffekt wieder zu reduzieren. Das könnte z. B. bedeuten, dass Deutschland weltweit die Bildung von Mädchen fördert, wodurch diese selbstbestimmter über ihre Familienplanung entscheiden und dadurch in vielen Fällen später und seltener Kinder bekommen. Auch sollte Deutschland weltweit in die Aufforstung und den Schutz von Wäldern investieren. Der Handel mit Ländern, die dies torpedieren, so wie aktuell Brasilien, gehört auf den Prüfstand. Solche globalen Maßnahmen würden auch den Kritikern des Klimaschutzes den Wind aus den Segeln nehmen, die meinen, es bringe sowieso alles nichts, solange die USA nicht mitziehen, und solange die Weltbevölkerung wächst.

Außerdem sollte viel Geld in die Forschung zur Rückholung von CO2 und anderen Treibhausgasen aus der Atmosphäre gesteckt werden, z. B. in die Erforschung der künstlichen Photosynthese. Und es sollte bereits jetzt geplant werden, wie Deutschland in Zukunft notfalls mehr Treibhausgase aus der Atmosphäre holen kann, als es freisetzt. Denn es werden nie alle Länder mitziehen. Die "Koalition der Willigen" muss deshalb mehr als klimaneutral werden. Jedes zehntel Grad zählt! In diesem Zusammenhang ein unorthodoxer, wohl leider nicht umsetzbarer Vorschlag an Annegret Kramp-Karrenbauer, unsere neue Verteidigungsministerin: Sie hat sich dazu bekannt, dass der Etat des Verteidigungsministerium, wie innerhalb der NATO vereinbart, auf 2 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes anwachsen soll. Der Klimawandel ist eindeutig die größte Gefahr für die Sicherheit Deutschlands. Sein Fortschreiten ist gewiss, solange sich nichts ändert. Ein militärischer Angriff auf Deutschland ist im Vergleich zum Glück unwahrscheinlicher. Die genannten Maßnahmen, wie beispielsweise Aufforstung, wären eine Verteidigungsstrategie gegen den weltweiten CO2-Ausstoß. Warum diese also nicht aus dem wachsenden Etat des Verteidigungsministeriums finanzieren? Dieser wäre dann ein sinnvoll genutztes Budget.

21:50 30.07.2019
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