Alles kann, nichts muss

Grüne Das neue Grundsatzprogramm liest sich wie eine Parabel auf aktuelle Dating-Praktiken. Eine Polemik.
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Es waren noch gar nicht so viele Jahrzehnte her, da formierte sich eine stilprägende Gegenbewegung. Mit Drogenkonsum, Zottelmähne, Jesuslatschen und Batikgewändern begehrte man gegen das konservative Establishment auf, setzte auf schrillen Lotterlook gegen graue Sakkos und Krawatte. Sie "erweiterten ihr Bewusstsein", um gegen Pragmatismus, Steifheit, Disziplin und Ordnung anzukämpfen. Auch nicht ganz unwichtig: sie plädierten für Frieden statt für Krieg.

Nach einer kurzen, aber exzessiven Phase brach sich die Welle, übrig blieben vom optischen und jugendlichen Rebellismus ledglich die Schlaghosen, aber auch ein neues, kollektives Bewusstsein für Frieden um Umwelt. Mit neuen Slogans skandierten die neuen Linken, "Fundis" und Friedensaktivisten für eine Welt ohne Atomstrom, für Gewaltfreiheit und natürlich auch eine saubere Umwelt. Es kam, wie es kommen musste - die Anliegen wurden ernst genommen, und die Grünen hatten ihren Turnschuh in den Türen von Landtagen.

Die Melange aus Überzeugungstätern und Realos führten noch einen hitzigen Streit darüber, wobei sich eine Sache herausfilterte: für ambitionierte Politik und Machtstreben würden die Realos die Oberhand behalten. Dies endete zwischenzeitlich in einer Regierungsverantwortung von sieben Jahren, der Billigung der Einführung von Hartz IV sowie aktiver Beteiligung bei kriegerischen Handlungen im Kosovo-Konflikt. Wie mussten sich einst die "Fundis" gefühlt haben, nach so viel Verbeugung und Verbiegung vor dem und für das Establishment?

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Vielleicht sehen Sie Parallelen, etwa in der Persona Merkel - auch sie kam vom "rechten" Weg ab und bediente sich fleißig bei anderen Parteien in ihrer Programmatik, setzte auf Trends und Machtwillen im Bewusstsein des Zeitgeistes. Und selbst wenn ihre Ressortleiter den blumigen Ankündigungen im harten Politikbetrieb nicht nachkamen, vollzog sich eine neue Ausrichtung, in der Schwarze mal grün sind, Rote plötzlich schwarz sehen, Dunkelrote blass aussehen... Die Ära Merkel hat schon etliche Kurswechsel und Kernthemenassimilierungen hinter sich, dass die Wähler gar nicht mehr wissen, wer denn nun für was steht.

Und die Grünen? Die können auch schwarz, und das nicht so knapp. Da ist nicht mehr viel übrig von Zottelmähnen, Schlaghosen und Turnschuhen (abgesehen von Anton Hofreiter vielleicht), sondern von Hochschulabsolventen, Priviligierten - Menschen aus stabilen, sozialen Verhältnissen. Mit einem Robert Habeck, der Wörter kennt, bei denen man sich verwundert die Augen reibt, mit einer Annalena Baerbock, die den Bock in Entscheidungen über Bundeswehreinsätze gerne zum Gärtner macht. Oder kurz: die Grünen bilden in ihrer personellen Aufstellung und dem Bildungsbackground eine neue Elite ab - zwar fern einer Nachkriegsgeneration mit posttraumatischer Belastungsstörung, aber nicht mehr ganz so weit davon entfernt, dem etablierten System angeglichen zu werden.

Und nun - das Grundsatzprogramm 2020.

Wolle man es in einen catchy phrase packen, würde mir einfallen: "Alles kann, nichts muss.". Ein Satz, so charakteristisch für den heutigen Politikbetrieb und die Anbandelungspraktiken zwischen den Parteien; ein Satz, der bindungswillige Singles zurücklässt wie begossene Pudel oder es sich im Umkehrschluss mit niemandem verscherzen will. Es ist ein Satz, der eben alles und nichts gleichzeitig können will, oder auch ein Satz, der keine starke Meinung zulässt und sich eben mit dem Wind dreht. Es stellt sich darüber die Frage, wieso man sich nicht an den Idealen zurückorientiert, wo sie doch in Zeiten von Klimawandel, Flüchtlingsströmen und Rassismus so dringend gebraucht werden. Die Antwort darauf ist immer, dass Politik auf Kompromissen basiert. Jedoch sollte man den Unterschied zwischen Kompromiss und Sich-verbiegen schon noch kennen.

Im Entwicklungsprozess der Grünen lässt sich schließlich einiges ablesen. Der selbstdestruktive Rebellismus der Hippie-Zeit ist vorbei, die Buntheit wurde von lockeren Jungunternehmerhemden und neoliberaler Wirtschaftsidentität abgelöst. Die Grünen, das sind keine zotteligen Fundis mehr, sondern karrierebewusste Bildungsbürger, höchstens noch konsequent in ihrer Körperhaltung. Alles andere - die Ideologie, der naturbewusste Charakter oder der unbedingte Wille zur Erhaltung des Friedens - ist dem Machtwillen unterworfen worden.

Das kann einem gefallen, muss es aber nicht.

08:05 28.11.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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