Des Teufels Tod

Wokeness Neoliberalismus und Rechtsruck radikalisieren auch die Gegenstimmen in der Gesellschaft. Dabei verursacht die Moral als Allzweckwaffe nur weitere Schäden.
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Es war wieder nur ein Strohfeuer. Die Aufregung um die Kabarettistin Lisa Eckart erlosch so schnell wieder, wie sie sich entfachte. Als das "woke" Lager sogar in den Leitmedien an ihre Grenzen stieß und "linke" Medien weniger durch Anklagen, denn durch Gesprächsbereitschaft glänzten, blieb ihm nichts anderes übrig als die Segel zu streichen. Die Causa Eckart zeigte, dass Diversität und Differenzierung durchaus funktionieren kann, auch weil die Medienanstalten zu ihren Künstlern stand - neben Eckart ist auch Dieter Nuhr beständiges Ziel von Schelte seitens des linksliberalen Milieus. Trotzdem darf er weiter in den öffentlich-rechtlichen Medien auftreten und seine Sicht auf das Weltgeschehen darlegen.

Das hält die "Woken" allerdings nicht davon ab, seine Aussagen - vorrangig im Netz - zu zerfleischen. Dabei ist die Wahl der Argumente ähnlich austauschbar wie die der Gegner, der Ton kongruierend scharf. Noch unter dem Eindruck des "Omasau"-Affronts stehend, durfte dem WDR ein weiterer Shitstorm als vorauseilende Bürde gewiss gewesen sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein älterer Kurzauftritt Eckarts bei den "Mitternachtsspitzen" zum Anlass genommen wurde, dem Sender einen Rechtsruck zu attestieren und der Kabarettistin latenten Antisemitismus zu unterstellen. Ferner flammten noch weitere Reizthemen auf, etwa dem Rassismusvorwurf gegenüber dem Komiker Otto Waalkes oder lediglich die Verkleidung mit Stereotypen. Die Liste ließe sich durchaus fortführen.

Hiermit wird ein übergeordnetes Problem deutlich: Menschen mittleren und fortgeschrittenen Alters fühlen sich pauschal gemaßregelt und angeprangert. Vorrangig aus dem Milieu der linksliberalen Bildungsschicht wurde und wird jedes noch so kleine Identitätssegment der Generation Y aufgegriffen und viral zur Schlachtbank geführt. Es blieb nicht aus, dass die Betroffenen, getriggert von der Wucht der Empörungswelle, ihren vergangenen Lebenszyklus mit aller Macht verteidigten. Der moralisch aufgeladene, unilaterale Duktus sorgt hierbei weniger für einen Läuterungseffekt, eher für ein entschiedenes Gegensteuern und somit auch für eine Werteverschiebung des empfundenen, politischen Kompasses. Menschen, die sich gemäßigt mittig oder konservativ sahen, wurden durch diese von links entkoppelten Trennlinienverschiebung schneller zu Nazis oder "rechtsoffen" erkoren.

Dabei ist es nur ein Effekt über Details, die in der Nachkriegsgeneration für kollektiven Gedächtnisschwund gesorgt hatten. Immer noch steht die deutsche Gesellschaft unter dem Einfluss der Nachwehen des Zweiten Weltkrieges, wo der Nationalsozialismus erst mit dem Erfolgsmodell der föderalen Demokratie erodierte, jedoch nie völlständig getilgt wurde und sich auf andere Weise Bahnen brach. Diese demonstrative Angst ist substanziell und nötig - unkontextuiertes Zitieren von Wörtern dagegen weniger. So macht es keinen Sinn, den Zeitgeist von einst für nichtig erklären zu wollen, wenn er noch im Alltag und Bewusstsein älterer Bürger verankert ist und höchst selten radikale Auswüchse nach sich zog. Wer das N-Wort benutzte, war nicht automatisch rechts - ob das nun von Einzelnen auf Personen projiziert oder im Nachgang in Artikeln (meist selbst moralisch verklärt) aufgedröselt wurde, müsste sich noch belegen lassen, weil sich Ursache und Wirkung schnell zu einer undefinierbaren Masse verformen und somit eine fundierte Aufarbeitung kaum machbar ist. Ferner macht man es sich zu einfach, jemandem Mittäterschaft zuzuschreiben, wenn der Gebrauch politisch unkorrekter Begriffe ungewollt Schnittmengen mit Radikalideologien aufweist.

Die "Wokeness" sieht darin jedoch die Allzweckwaffe, jeden Anflug von derartigen Bräuchen und Gebrauch rhetorischer Auffälligkeiten Gewalttaten näher zu bringen. Eine ähnliche Diskussion führte die Gesellschaft etwa schon in der "Killerspiel"-Debatte, in der Gamern ein grundsätzliches Verlangen oder mindestens eine Anfälligkeit zum Töten nachgesagt wurde. Wer gewalthaltige Spiele spiele, würde auch in der Realität eher bereit sein, Gewalt auszuüben. Vergleichbar verhält es sich in der Rassismus-Diskussion: wer Unsägliches ausspricht, erhöhe auch die Akzeptanz von Straftaten, die rassistisch motiviert sind. Dieser Generalverdacht kann auf Dinge aufmerksam machen, aber sie in seiner angewandten Lesart nicht verhindern oder minimieren, sondern vereinzelt sogar konträr stimulieren. Die "Wokeness" beschreibt nämlich nicht nur Diskussionspunkte - sie bedient sich ihnen auch als direkte Anschuldigung auf persönlicher Ebene. Und wer sich persönlich beleidigt fühlt, sieht sich selten zum Umdenken animiert, sondern zu autoaffirmativem Gegenaktionismus.

Besonders perfide ist die Selbstherabsetzung der Argumentierenden mit jenen, die sie schützen möchten. Anders ausgedrückt: Wer etwa den betriebenen Opferkult der AfD kritisiert, dürfte sich auch nicht selbst im Gegenzug mit jenen ähnlich klein machen, die die AfD verunglimpft. Mit dieser Teufelsspirale schrauben sich Thesen und Antithesen ins Bodenlose, auch weil die eigene Opfersetzung zum Schutz von Betroffenen nur weiter Munition zur Denunziation liefert. Beispiele gibt es genügend - etwa die offensive, destruktive Redeweise eines Donald Trump. In den USA ist die Angst vor dem Rechtsruck sogar so weit aufgebläht worden, dass Trump trotz Bidens Wahlsieg noch beachtlich viele Wählerstimmen für sich verbuchen konnte.

Der "Woke-Kult" ist so kein exklusives, linksliberales Mantra, sondern in beiden Lagern ein gern genutztes Mittel. Bisher wurde der Trend des Wachsam-seins lediglich den Linken zugeordnet, was im Zeitalter des Internets zu kurz gegriffen wäre. Dieselben Mechaniken, "woke" zu sein, über andere zu richten und sich dabei gut zu fühlen, ist letztlich ein Symptom im Geschacher um einen festen Platz in der Gesellschaft. Viel zu selten wird dazu der Neoliberalismus als Quelle dieses Kampfes um Deutungshoheit genannt, der seine fatalistische, individualistische Typologie auf einem Fundament harter Währung erschaffen hatte. Gerade die älteren Bürger sind sich bewusst, wie sich dieser Gesinnungswandel durch die Öffnung zugunsten der freien Märkte auf das Miteinander ausgewirkt hat. Nun leidet Deutschland in Krisenzeiten besonders an prekären Arbeitsverhältnissen oder dem Pflegenotstand, der trotz der medialen Aufmerksamkeit dem Staat nur ein Klatschen und eine Pauschale wert war. Dies ist der Nährboden für Radikalität, und nicht ein historisch verklärter Schuldkult, dem Deutschland immer noch nachhängt.

So sieht es aktuell aus, und was war zuvor? Anlass für den Aktivismus war die Flüchtlingskrise 2015, die die AfD in die Landtage und den Bundestag sowie Pegida auf die Straßen brachte. Die Hoffnung auf Selbstreinigungseffekte wie damals bei den Republikanern (ebenfalls ein Symptom von Flüchtlingsaufkommen) blieben bisher aus - auch weil die Linken ihre Klappe nicht halten können. Die AfD profitiert stark von der Dauerpräsenz in Medien und sozialen Kanälen, wo jeder unmoralische Mumpitz zu einer News werden kann. Sollte über jemanden berichtet werden, muss man sich keine Sorgen darüber machen, ob es gute Nachrichten sind. Hauptsache, man redet darüber. Schweigen wäre des Teufels Tod - würde nicht ständig über ihn geredet, würde er auch weniger Interesse an uns haben. Ein Umstand, den die Generation Y verstanden hatte, gefühlt war das Rassismusproblem deutlich kleiner, wenn nicht sogar verschwindend mickrig.

Das linksliberale Milieu würde gut daran tun, alten Gäulen nicht das Springen beibringen zu wollen. Dass sie eine Bewusstseinsänderung in den Themengebieten wie Klimawandel, Rassismus und Diversität ins Rollen gebracht haben, muss wohlwollend begriffen werden. Jedoch sollte den Aktivisten auch gewahr sein, dass sie in ihrem frontalen Appell an die Vernunft höchst unvernünftige Mittel wählen. Und sparte fleißig dabei aus: der Neoliberalismus hat die Flüchtlingsströme durch Waffentransfers erst begünstigt, mit der Finanzkrise den Wohlstand und somit die alltägliche Sicherheit in der Bevölkerung effektvoll ausgehöhlt. Solche Themen werden nur stiefmütterlich aufgegriffen und lediglich in der Wirkung des Augenblicks zu einem viralen Tsunami. Immobilienblasen hingegen gehören zu den Undingen, die man lieber nicht aufgreift - auch sie waren ein Strohfeuer, die seltsamerweise nicht dauerpräsent sind. Man fragt sich unwillkürlich: Was hat Lisa Eckart, was die Finanzkrise 2007/2008 nicht hat? Ganz klar: das Potential, antisemitisch zu sein. Investbankbanken scheren sich nicht um Ethnie oder sexuelle Neigungen - und dürfen strafgemildert weiter spekulieren.

07:30 22.11.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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