Eher Blech als Stahl

Satire Jan Böhmermann ist im beim großen Bruder ZDF angekommen. Eine Nachbetrachtung über ein Format zwischen Bildungsauftrag und jugendlicher Dreistigkeit.
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Er hatte "Eier aus Stahl", dieser Jan Böhmermann. Mit seinem Format "Neo Magazin Royle" reihte sich der gebürtige Bremer in die Riege der global bekannten Satiriker-Riege ein, die mit einer schelmischen Unverblümtheit tagespolitisches oder mediales Geschehen auf´s Korn nahm, auf Dinge aufmerksam machte und sogar die Satire selbst einem Selbstcheck unterzog. So entlarvte er eine gewisse Bigotterie bei Max Giesinger, der oft damit prahlte, seine Songs selbst zu schreiben. Im CD-Inlay las sich das jedoch anders - außer ihm schien ein ganzes Team an Songschreibern und externen Liedgutvertreibern beteiligt zu sein. Ein Skandal ist das jetzt weniger - sind solche Praktiken im Popbusiness doch gang und gäbe, und wer etwas genauer hinschaut, hätte es auch für sich selbst herausgefunden.

Mit seinem neuen Format verabschiedete sich das "ZDF Magazin Royale" trotz einiger Parallelen vom Independent-Charakter aus ZDF neo-Zeiten. Und doch schien am Sendungskonzept kaum etwas verändert - in der Pandemie konzentriert man sich auf ein Phänomen, das andere schon endlos durchgekaut hatten: Verschwörungen und Verschwörungstheorien. Anders hingegen sind aus den "Eiern aus Stahl" eher "Eier aus Blech" geworden, beschreibt Böhmermann seinen Exkurs auf die Telegram-Plattform, ohne konkrete Vorkommnisse oder Abläufe zu beschreiben. Abgesehen von wenigen Sinnlos-Sprüchen ("Was DU siehst, ist nicht, wovon ICH höre.") erfährt der Zuschauer nichts Brauchbares über seine "Kaperung" des Russland-Äquivalents zu Whatsapp. Soll im Umkehrschluss heißen, wer noch mehr VT-Bashing erwartete, wurde enttäuscht.

Der zweite Teil der Sendung geht dann auf "die Wirklichkeit" ein. Schon Sendernachbar "heute-show" hatte erwähnt, dass sich weniger dem unlogischen Blödsinn gewidmet werden sollte denn echte Verschwörungen beim Namen genannt - warum würden sie sich nicht damit beschäftigen statt mit Reptiloiden und Impfchips? Böhmermann wird in seinem Einstand dem ZDF gleich konkreter: Jeff Bezos und Mathias Döpfner bekommen hier ordentlich ihr Fett weg. Das passt zu seinen vorherigen Appellen, etwa dem über die Logistikbranche, in der DHL-, Hermes- oder DPD-Zusteller unter prekären und unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssen. Amazon nimmt hier eine Sonderstellung ein, weil Bezos selbst in Pandemiezeiten mehr verdiente als hochrangige BMW-Manager in ihrer gesamten Laufbahn. Unterfüttert wird dies mit einem Einspieler, in dem der Genannte ein scheinbar diabolisches Lachen zum Besten gab.

Böhmermann wäre jedoch nicht Böhmermann ohne die Presse. Einige seiner Kapriolen haben ihm viel Aufmerksamkeit beschert gehabt, so hallt auch schon nach seinem Einstand beim ZDF ein lautes Echo durch die Gazetten. Recht wohlwollend reagierte man auf dessen Rückkehr - okay, aber nicht der große Wurf, liest es sich quer durch die TV-Kritiken. Doch sollte man nach Schmähgedicht und Varoufakis-Stinkefinger nicht in jeder Sendung den nächsten Hammer erwarten. Das ist mitunter die Krux am Phänomen Böhmermann, der bereits auf politischer Ebene zum Tagespunkt erklärt wurde. Wer sich mehr von dieser jugendlichen Dreistigkeit gewünscht hatte, übersieht den Bildungsauftrag, dem die Sendung nachgekommen ist. Brisanz hin oder her.

Ein Artikel war dagegen sehr niederschmetternd, und das aus fadenscheinigen Gründen. Im Spiegel erschien sogleich gerade mal eine Stunde nach der TV-Ausstrahlung eine Kritik zur Sendung, die schon wegen des Erscheinungszeitpunktes wie ein wutschnaubender Gegenentwurf auf die kritischen Töne auf Multimilliadäre wirken. Der Autor mokiert unter´m Strich nicht Form und Stil der Sendung, sondern vor allem die Kritik als solches.

"Böhmermanns Eliten-Bashing, das mit einer ömmeligen Snippet-Parade im Stil früher "TV total"-Sendungen flankiert wurde, mag möglicherweise mehr Telegram-User bestärkt als vor den Kopf gestoßen haben."

Mit solchen Erwartungshaltungen wurde schnell der Rahmen abgesteckt, der bisher in den Medien oft benutzt und thematisiert wurde: Verschwörungstheoretiker seien pauschal Unmenschen, die man gefälligst isolieren und ihnen mit einer Anti-Haltung begegnen sollte. Böhmermanns (und des Autorenteams) Fähigkeit zur Differenzierung wird hier völlig ignoriert und mit einer Bildungselitenkonsequenz von Wokeness und Safe Spaces-Rückzug geshitstormt. Ein Armutszeugnis für die, die "sagen, was ist". Jedenfalls ist es ein Faux-pas, Missstände durch überzogene Kritik affirmativ zu unterfüttern... und sie auch noch instrumentalisiert, indem man eine Hassgruppe mit ihr befleckt. Ein Teufelskreis, den ein Artikel dieser Lesart zeichnen kann, wenn man sich nur dumm genug anstellt.

Bleibt festzuhalten, dass die Freude über Jan Böhmermanns Rückkehr überwiegt. Zwar hat er sich einem Trendthema gewidmet, doch auch Untertöne gefunden, die beachtenswert sind. Nicht der große Wurf, kein Coup, jedoch einem Umarmer für den Rückkehrer würdig. Es bleibt nur noch zu hoffen, dass aus Blech wieder Stahl wird.

17:27 07.11.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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