"Es macht etwas mit uns." (Teil 1)

Gesellschaft Corona hat uns im Würgegriff. Der erste Blog einer kurzen Reihe soll einen groben Überblick über Auswirkungen geben, die weniger mit dem Virus zu tun haben.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Wenn im Supermarkt Stress aufkommt, stimmt etwas nicht. "

Ich weiß nicht mehr, woher ich den Spruch aufgegabelt hatte, aber er kam mir letztens wieder in den Sinn, als ich wegen einer Lapalie von einer anderen Kundin laut angeschnauzt worden war. Man ist ja mittlerweile einiges gewohnt im Umgang mit besserwisserischen und aggressiven Menschen beim Einkauf, aber die Schärfe, mit denen Konflikte zu banalsten Anlässen in letzter Zeit hochkochen, ist auch mir neu. Versucht man, die Details über diese neue Aggressivität zu ergründen, kommt man nicht umher, Corona als Hauptverdächtige zu identifizieren, kommt aber im zweiten Gedankengang wieder davon ab.

Man könnte Verständnis aufbringen, wenn man es aus rein gesundheitlichen Aspekten heraus betrachtet, aber sind es erfahrungsgemäß die Folgeschäden, die eine Bedrohung dieser Form zu verantworten haben. Es ist nicht die Angst vor der Ansteckung, nicht die Vorahnung, zu einer Risikogruppe zu gehören und dadurch jede Infektion zu vermeiden versucht - nein, es sind die gesellschaftlichen Missstände, die einem Sorgen machen sollten. Wir streiten also schon lange nicht mehr um die Krankheit selbst, sondern über ganz andere Dinge: Maßnahmen, Grundrechte, Statistiken, gar über Gehälter von Pflegekräften, andere Probleme, die schon länger thematisiert wurden sowie den Furz, der quersitzt, weil man ein "Kasse geschlossen"-Schild schlecht sichtbar aufgestellt und sich jemand darüber gar noch beschwert hat.

Wir sind mittendrin in einer Pandemie, in der das Gefühl aufkommt, sie wird uns lange nicht mehr loslassen. Wir befinden uns auf einer langen Reise und haben nach zwei Tagen schon die Schnauze voll, weil wir wissen, dass es noch Tage, wenn nicht Wochen dauern wird, bis wir am Ziel sind. Rutschen gernevt im Sitz herum, wie kleine Kinder, die ihre Eltern sogleich mitnerven und ständig fragen: "Sind wir schon da??"

Wir wollen den Umstand nicht akzeptieren, dass man sein Ziel ohne den Weg nicht erreichen kann. Wir nehmen es zwar zähneknirschend hin, wollen die Tatsache aber einfach nicht so hinnehmen, wie sie ist. Dabei könnten wir uns auf viele neue kognitive Erfahrungen freuen, sei es fremde Landschaften zu entdecken, nette Gespräche mit Fremden zu führen, die im Zug uns gegenüber sitzen, oder uns mit Aktivitäten ablenken. Nein, lieber wird geseufzt, über die angebliche Unsinnigkeit von Auto- und Zugfahrten gejammert und wegen Lapalien dem Unmut Luft gemacht. Wenn keine Pandemie vorherrscht, dann sind solche Verhaltensmuster vielleicht noch nachvollziehbar. Die Krise hat jedoch die Grundstimmung gedrückt, dass immer mehr Stimmen laut werden, welche versuchen, die Situation zu beschreiben. Und immer öfter fällt dabei der Satz: "Es macht etwas mit uns."

Ich denke, der Satz beschreibt sehr gut, wie schwierig es ist, diese Veränderungen in Worte zu fassen. Wir können diese nicht greifbar sehen, es gibt kein Schriftstück, keinen Artikel oder Essay darüber, der diese Veränderungen so skizzieren könnte, dass es einer Offenbarung gleichte. Das liegt meist daran, dass wir eigentlich zwei Leben führen - das offizielle, das Fassadenleben, und das private, das sich je nach Umstand mehr oder weniger vom offiziellen unterscheidet. Das bedeutet auch, dass wir Angst zugunsten der Außendarstellung versuchen zu unterdrücken. Die Pandemie hat hingegen solche Ängste offengelegt. Nicht gut für diejenigen, die nach außen Stärke zeigen wollen oder müssen, da ist so eine Urangst natürlich Gift für das Selbstbildnis, das wir unserem Umfeld bisher so erfolgreich vorgesetzt hatten.

Wenn es nur darum ginge, hätten wir tatsächlich ein Luxusproblem. Doch kann der Satz auch zukunftsweisend sein, eine Vorahnung darüber, welche Folgen und Verhaltensänderungen sich in der Gesellschaft einstellen könnten. Während die Maßnahmen und die Umsetzung derer uns noch im Würgegriff behalten, ist es ein schwacher Trost für uns selbst, dass wir anderen vielleicht etwas mehr Unversehrtheit bescheren. Die Negativeffekte dieses Aktionismus werden weniger als Chance verstanden und nutzen oft nur jenen, die sowieso wenig zu befürchten haben. Die Pandemie hat nicht nur die seelischen Abgründe eines jeden offengelegt. Sie hat auch den Status Quo in unserem gesellschaftlichen Gefüge verdeutlicht, und so fallen nun der Politik, der Wirtschaft und den bisher Profitierenden die selektiven Richtungsentscheidungen auf die Füße. Natürlich nicht nur unmittelbar, aber gerne mal schleichend sehen wir uns damit konfrontiert, dass unser Gesundheitssystem zwar noch funktioniert, aber etwa des Personalmangels wegen an seine Grenzen gerät. "Es macht etwas mit uns", wenn prekäre Beschäftigungsverhältnisse oft die ersten sind, die auf der Streichliste aufgeführt sind. Wenn solche Beschäftigte die ersten sind, die in Kurzarbeit geschickt, weil der Geldbeutel nicht mehr so locker sitzt oder sie ohne Umschweife ihre Kündigung erhalten - so als wäre die Pandemie eine günstige Gelegenheit, unliebige Angestellte loszuwerden.

"Es macht auch etwas mit uns", wenn wir Besonnenheit nicht als Ausweg betrachten, um durch die schwierige Zeit zu kommen. Lieber ergeben wir uns dem Alarmismus, sehen in jedem und allem eine potentielle Gefahr. Wenn heraushüpfende Nasen und die Unterschreitung einer Zollstocklänge nicht mehr die eigene Sicherheit gewährleistet und man immer noch nicht erkrankt ist, dann kann man sich ja vielleicht auf Aerosole verlassen, welche wir ja nicht eigenverantwortlich wegzaubern können. Und wenn das immer noch nicht reicht, finden wir bestimmt noch einen Grund, die Bedrohung und unsere Ängste weiter zu rechtfertigen.

Manchmal sorgt es für Irritationen. Zuvor wollten die Menschen keine Angst zeigen und basteln sich ein Selbstbildnis, das das Gegenteil demonstrieren soll, und nun wird die Angst Mittel zum Zweck, um vernünftig zu erscheinen - Stärke und Besonnenheit sind plötzlich nicht mehr chic...

Sollte das Virus in naher oder etwas fernerer Zukunft unter Kontrolle sein, würden wir wahrscheinlich solche Verhaltensmuster nicht gleich oder gar nicht ablegen. Wir sind schon vorbelastet dadurch, dass in öffentlichen Toiletten Anleitungen zum Händewaschen aushängen und der Gebrauch von Desinfektionsmitteln mit dem Aufkommen von Corona nicht wirklich Neuland gewesen war. Das bedeutet auch, dass es einem Teil der Leute schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, nicht nur aus beruflichen Gründen, sondern zu einer Überzeugung herangewachsen und die Angst vor Mikroorganismen kein Exklusiverlebnis dieser Pandemie darstellt.

Was macht es demnach mit uns? Das möchte ich in den nächsten Texten versuchen darzulegen.

18:14 09.12.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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