"Es macht etwas mit uns." (Teil 2)

Corona Ein Virus ist vor allem eine Bedrohung für das zivilisierte Leben des Menschen und durchkreuzt den Mythos von Perfektion. Es zeigt uns unsere Verwundbarkeit auf.
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Wenn die Gravitation einen Körper anzieht und auf dem Boden aufschlagen lässt, können wir nichts anderes tun, als die Knochen heilen zu lassen. Wenn die Vorsorge wie Absturzsicherungen und Aufmerksamkeit nichts mehr nützen, nehmen wir diesen Umstand hin und sind sogar zu Scherzen aufgelegt - ja, wir präsentieren unseren Gips sogar noch als Trophäe für unseren Wagemut oder den Einsatz in gefährlichen Situationen.

Viren jedoch sind heimtückischer und nicht durch Selbstverschuldung zu heroisieren. Durch die selbstverständlichsten Körpervorgänge wie das Atmen kann man sich üble Krankheiten zufügen, ohne es zu wollen, und diesen Grad der Machtlosigkeit stehen wir oft ratlos bis wütend gegenüber. Natürlich sind die Begleitumstände ein wichtiger Punkt in der Betrachtung - aktuell versuchen wir, durch Maßnahmen wie Abstand und Mund-Nasen-Schutz dieser Machtlosigkeit Herr zu werden.

Dabei haben wir doch so viel getan, um unseren Körper gegen alle möglichen Bedrohungen abzuschotten. Wir schmieren uns mit Sonnencreme gegen die UV-Strahlung ein, wobei der Grund zur Eindämmung individuell von Runzelhaut bis Hautkrebs reicht. Wir kaufen in der Drogerie massig Pillen und Cremes, in der Hoffnung, etwa Fingernägel glatter und glänzender erscheinen zu lassen, oder hoffen, Krebs entgegenzuwirken. Wir lassen uns Botox für die Aufrechterhaltung von Schönheitsidealen spritzen, verwenden Silikonkissen, wenn die Natur uns keine dicken Brüste beschert hat. Wir schlucken Steoride für den Muskelaufbau, verwenden Haarfarben und -tönungen gegen das Altersgrau. Von verschreibungspflichtigen Medikamenten ganz zu schweigen, die uns insofern beruhigen, dass wir unsere Lebensverfehlungen künstlich vertuschen können.

Das Virus hingegen ist ein Krankmacher, das keine körperlichen Gebrechen braucht, keinen besonderen Anlass, um zu wachsen - es bedient sich nur unseren Normalfunktionen, um sich zu vermehren. Es ist unerbittlich, kennt kein Flehen und kein Drohen. Es tut einfach, was es muss, um zu überleben. Diese Kompromisslosigkeit ist für das Sozial- und Empathiewesen Mensch ein tiefenpsychologischer Schock, und jeder neue Virenstamm bedeutet noch mehr Kontrollverlust und dem Gefühl von Hilflosigkeit. Ein Geschenk sind darüber hinaus unserer Orientierung, uns in großen Gruppen zusammenzurotten, und saisonale Begünstigungen - so sind die Wintermonate eine frisch gefüllte Futterkrippe, was sich in den Statistiken aller virusrelevanten Krankheitsverläufe wiederspiegelt.

Es macht demnach etwas mit uns, wenn wir das mikroskopisch kleine Wesen zeitweise nicht eindämmen können - Covid-19 zeigt dies in unnachgiebiger Weise. Wir wissen zwar, wie es sich verbreitet, wie man die Verbreitung vermeiden kann, aber wir werden in unserem Alltag, in der Routine und in unserem Verhaltensspektrum stark eingeschränkt. Denn wissen wir, dass wir unserer Gepflogenheit von Körperkontakten abschwören müssen, um dem Virus die Ausbreitung zu erschweren. Doch das hat psychologische Konsequenzen, auf Kontakte verzichten und dem Rettungsanker namens Alltagsroutine abschwören zu müssen. Von den wirklichen Auswirkungen wie Fieber, Husten und sonstigen Symptomen müssen wir erst gar nicht reden, da sie uns den naiven Glauben über jede Bemühung der Vorsorge zunichte gemacht haben.

Zuweilen schwenkt der Verlust von Sozialität auch ins Asoziale um. Man betrachtet dann den Menschen vor sich schon als Virenschleuder, wenn er auch nur dieselbe Luft atmet. Getrieben von dieser Paranoia, die unter Umständen sogar begründet sein kann, wirken die übertriebenen Fluchtmechanismen zuweilen bedauernswert. Wie immer spielt jedoch der Ton die Musik, und so sieht man sich Situationen ausgesetzt, die jede Anstrengung von Normalität zunichte machen. Ein Virus ist eine unsichtbare Gefahr, die jedes herbeifantasierte Horrorszenario rechtfertigen kann, und der Vergleich zu apokalyptischen Zombie-Streifen ist nicht weit entfernt. Und doch hat sich eine Diskrepanz zwischen Anspruch, also dem Verbreiten des Mantras von Solidarität, und Wirklichkeit entwickelt, in der Angst und Zweifel Schroffheit und Aggressionen gefördert haben. Die Psychologie spricht hier von Schutzmechnismen, einer typischen Gegenreaktion auf Gefahren, die im gesellschaftlichen Ausmaß zu einer Parallelepidemie gewachsen ist. Der eigene Anspruch auf Unversehrtheit wird dabei gerne auf die Verantwortung der Allgemeinheit übertragen.

Die Schranken wie einen Lockdown haben wir nicht als Eindämmungsmethode gewählt, weil wir - wie oft kolpotiert - so viel auf die Gesundheit anderer geben würden, sondern aus reinem Selbstschutz. Wenn das sonst normale Leben mit Gefahren durchsetzt ist, die die Möglichkeit von Verletzung und Krankheit deutlich erhöhen, ist es weniger als rücksichtsvoll zu betrachten. Unter bestimmten Umständen steht der Selbstschutz ganz weit oben auf der Agenda, und ähnlich dem, wie wir uns wie bei der Nutzung von Botox, Pillen und Co. gerne selbst belügen, können wir schnell und effektiv die eigenen Unzulänglichkeiten auf Externes abschieben. Es schafft somit ein reines Gewissen, wenn doch die anderen Schuld sind, die eine Epidemie begünstigen.

Wo wir wieder beim Knochenbruch wären. Niemand würde ein Virus als Trophäe hochhalten und sich damit brüsten. Lieber hat man sich um der Vermeidung verdient gemacht - doch kann man auch hierzu eine Manie entwickeln, die im Fall von Corona nur einen Stichpunkt in einer langen Kette von Selbstoptimierungsversuchen aufzeigt. Doch alles vermeiden und ausschließen zu wollen macht ein Leben nicht lebenswert. Bleibt nur noch die Schwerkraft als physische Kraft, die uns immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringt.

05:58 16.12.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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