"Es macht etwas mit uns." (Teil 3)

Maßnahmen Eindämmungen sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Pandemiebewältigung. Doch welche sind nötig und welche nicht?
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In der Blogreihe entferne ich mich langsam aber sicher vom unmittelbaren Terrain um die Pandemie und deren Auswirkungen. Hier soll nun ergründet werden, welche Aspekte als sinnvoll erachtet werden, welche Maßnahmen bisher gegriffen haben und welche in "weiser Voraussicht" helfen könnten - doch ist es ein Stochern im Dunkeln, wobei die offizielle Linie von der Dampfhammermethode eines Lockdown eindeutig zu kurz greift. Wir als Gesellschaft stehen - unter dem Schirm der Demokratie und Diversität von Meinungen und Erkenntnissen - in Folge zwei der Lockdown-Serie unter dem Eindruck, dass der erste zwar nötig war, aber in der Form für den Nachfolger nicht nötig gewesen wäre.

Bürger, Unternehmer und mittel- bis unmittelbar Betroffenen haben sich informiert, darüber nachgedacht und sich Konzepte erarbeitet, um ihren Teil zur Eindämmung der Krankheit beizutragen. In einem föderalistischen System wie dem unseren kann dies unter dem Strich unterschiedlich gedeutet werden. Und so nehmen wir vielseitige, konzeptionelle Umsetzungen zur Kenntnis, vom Tübinger Sondermodell bis zur Vollabschottung in Regionen wie Hildburghausen. Im offiziellen, mehrheitlichen Kontext scheint aber nur eine Linie anerkannt zu sein, da man unter dem Eindruck von Infektionsausbreitungen nur eine Maßnahme als sinnvoll erachtet. Doch in dieser pauschalen Maßnahmenpolitik steckt nicht das Allheilmittel, das alle Zahlen deutlich nach unten drückt - dazu werden die Zahlen nicht eindeutig auf das untersucht, was sie nach oben schnellen lässt. Und so müssen alle darunter leiden, auch die, die für den Anstieg gar nicht verantwortlich sind.

Wer das nun konkret ist und unter welchen Voraussetzungen sie dazu beitragen, bleibt bis heute ein Rätsel, zumindest in großen Teilen. Wir haben uns bisher kein deutliches Bild der Verbreitungsmechanismen aufbauen können, weil sich unter anderem die Nachverfolgung von Infektionen so langwierig und schwierig gestaltet, sei es des Aufwandes wegen oder aus Trotz von Betroffenen. Wir können also schon deshalb keine genaue Betrachtung erzeugen, weil schlank gesparte Behörden bis zur Erschöpfung nachverfolgen müssen und Bürger nicht immer zur lückenlosen Aufklärung beitragen können oder wollen.

Anderweitig scheint ein Chaos darüber vorzuherrschen, wem man einen Lockdown nicht zumuten kann, wo es überhaupt nicht möglich ist und wer sich selbst als systemrelevant einstufen darf. Pflegeeinrichtungen sind davon natürlich ausgenommen, trotzdem ist die Ansteckungsrate im Umfeld des Virus selbstredend groß. Anstatt jedoch dies einzudämmen, wird mitunter sogar Anwesenheitspflicht angeordnet. Die Notwendigkeit ist hierbei eine Sache, zeigt es aber auch, wie im Vorfeld gewirtschaftet worden war. Dies war schon im März/April deutlich geworden - seither getan wurde trotzdem nichts außer geklatscht und Einmalboni ausgezahlt, während die Lokationen der Krankenhäuser und Altenheime das Virus nicht bekämpfte, sondern regelrecht konservierte, indem es von Patient zur Pflegekraft und umgekehrt übersprang. Diese Erkenntnis wurde uns schon im Frühsommer mitgeteilt, und doch haben sich diese Hotspots mühelos aufrecht erhalten.

Draußen indes wurde mit Konzepten dagegengewirkt. Abstandsregeln, Maskenpflicht in Gebäuden, Desinfektionsmöglichkeiten gehören mittlerweile zum Allgemeinbild wie Werbebroschüren in der Lobby. Jeder kleine Betrieb, jedes kleine Unternehmen und jede noch so kleine Eckkneipe taten, was getan werden musste - für den Gesundheitsschutz und den der eigenen Existenz. Die Musik ist hingegen zuweilen ganz verstummt, so dass schwitzende Clubbesucher und Konzertgänger diesen offenkundigen Virenschleuderevents fern bleiben müssen. Zumindest statischen Bühnenauftritten, etwa von Satirikern, wurde bald die Absolution erteilt, während Gottesdiensten ein Vorschub geleistet worden war, später jedoch vereinzelt als Superspreaderevents von sich Reden machten.

Auch erste Gehversuche nach dem Unfall wurden mal mehr, mal weniger genehmigt. Erste Zweifel kamen auf, als Lufthansa den Flugverkehr wieder aufnehmen durfte, wenn sie auch Federn ließ, und neben der Empörung um die schnelle Finanzspritze wurden auch Berichte und private Videos publik, die eine Vollauslastung der Flüge dokumentierten. Und so saßen hunderte Fluggäste zusammengepfercht wie immer in einer Maschine, ohne Abstand - eine der Grundregeln zur Infektionsvermeidung. Aus dieser Konsequenz wurde Mallorca bald wieder pendelhaft zum Risikogebiet erklärt und sorgte für einen kleinen Skandal, bei dem allerdings offen bleibt, inwiefern Fahrlässigkeit und die Schuld bei Barbetreibern und Urlaubern zu suchen sein müsste.

Letztlich ist das Thema, fundamental auf wenige Aspekte begründbar, viel zu komplex, um es fundiert einzugrenzen. Das nährt natürlich die Rechtfertigung für einen harten Shutdown, wenn kleine Ursachen große Wirkungen entfalten, doch sollte diese Pauschalintervention nur angewendet werden, wenn wir völlig die Kontrolle verlören. Doch was ist mit all den Vorleistungen, die auch noch faktisch erfolgreich waren? Friseurläden müssen schließen, weil Körperhaar und Berührung als Brutnester vermutet wurden, jedoch nie als Verbreitungsquelle ausgemacht. In Gaststätten und Hotelbetrieben ein ähnliches Bild, und zumindest in Momentaufnahmen konnte auch hier keine Infektionswelle nachgewiesen werden. Das bedeutet, dass all jene Branchen, Alltagsbereiche und Events trotz aller Bemühungen in den Winterschlaf geschickt wurden, als es noch keinen Grund dafür gab.

Soweit die unmittelbaren Interventionen, die allerdings kaum Aufschluss darüber geben, welche harten Fakten Wellen begünstigen würden. Seien es saisonale Einflüsse, lokale Unterschiede von Strategien, oder eben konkrete Hygienekonzepte, die darauf abzielen, wenigstens etwas Alltag aufrecht zu erhalten. Die Einteilung in "gut" und "schlecht" hat - so unsere Erkenntnis - bei diesem Virus kaum Bestand. Wir befinden uns eigentlich noch in der Findungsphase, aber auch in einem Zustand von Planlosigkeit, basierend auf halbgaren Vermutungen, die weniger mit dem Virus selbst zu tun haben, da wir direkte Eindämmungsmaßnahmen schon längst flächendeckend anwenden. Aktuell darf man Sachsen mit seiner auffällig hohen Verweigerungshaltung als Flächenhotspot deklarieren - da dies aber auch politische Dimensionen mit einschließt, soll hier ein Cut gemacht werden. Ein kleiner Lockdown, bis zur nächsten Folge.

Und was macht dies wiederum mit uns? Wir sind, gelinde gesagt, verwirrt. Wir können nicht nachvollziehen, welche Maßnahmen ergriffen wurden, welche trotz aller Nachvollziehbarkeit nicht ergriffen worden sind und welche weniger maßvoll. Die Schwarz/Weiß-Malerei in diesem Punkt lässt uns ratlos bis wütend zurück, so dass eine gedankliche Schieflage entsteht - irgendwo zwischen Logik, Verhältnismäßigkeit und (wieder mal) die wirtschaftlichen Interessen, bei denen es schlicht um den Wirtschaftswert zu gehen scheint. Doch dazu mehr im vierten Teil.

17:49 19.12.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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