"Es macht etwas mit uns." (Teil 4)

Corona Die Politik der Pandemiebekämpfung wird "alternativlos" genannt. Dabei wird lediglich alles Unliebige ignoriert, transportiert durch Medien und deren Abnehmer.
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Die Aussagen des Virologen Jonas Schmidt-Chanasit halte ich für einen Gradmesser für die Gewichtung der öffentlichen Debattenkultur. Nach dem ersten Lockdown gab es lediglich eine Art von Western-Showdown kurz vor dem Schusswechsel, wo sich - transportiert durch die Medien - die Kollegen Drosten und Streeck gegenüber standen und den Abzughahn anzogen. Schmidt-Chanasit war bis dahin kaum bis gar nicht in Erscheinung getreten, und so musste sich die Bevölkerung in der Informationskette auf gerade mal zwei Virologen verlassen, die konträre Ansichten im Umgang mit dem Virus symbolisierten. Auf die Bürger umgemünzt wurden demnach ebenfalls zwei Meinungslager generiert, die sich unerbittlich bekämpften - bis heute.

Mit dem Lockdown "light" und der "Full flavor"-Version hingegen hat sich ein völlig neues Stimmungsbild entwickelt, in dem sich auch die Gegenstimmen mehrten. Sogar schon vorher wurden die Auswirkungen des Lockdown zum Thema, wobei jene Stimmen, die man als fachspezifisch anerkennen müsste, sich uneins über eine richtige Linie bei der Eventualität einer erneuten Ausgangssperre und Geschäftsschließungen waren. Schmidt-Chanasit war hierbei der Mann zwischen den Stühlen, der zur Achtsamkeit mahnte, aber einen erneuten Lockdown als zweifelhafte Maßnahme sah. Mit dem Querverweis zur Politik lässt sich sagen, dass seine Worte ungehört verhallten, selbst wenn er im Detail Kritik äußerte, sonst jedoch lobende Worte für den Kurs im Frühling fand.

Näher betrachtet wurden jedoch seine Aussagen, Events wie Fußballspiele oder Clubbesuche vorsichtig wieder freizugeben, von der Lockdown-Lobby scharf angegriffen. Die Politik indes ging weiter stur ihren Kurs, starrte auf Zahlen und schien geradezu darauf zu warten, bis der Inzidienzwert überschritten war, um dann wieder den Schließkurs zu verkünden. Dabei hätte es Alternativen gegeben: gezielter Schutz von Pflegeeinrichtungen etwa, Maskenpflicht selektiv erhalten. Auch der Duktus über die Unsinnigkeit des Maskentragens unter freiem Himmel wurde von ihm formuliert - und doch wurde eine Maskenpflicht in Innenstädten eingeführt. Der Regierung schien das egal zu sein, und so zeigte sich ihre einzige Flexibilität darin, den Ländern und Kommunen die Schärfe von Beschlüssen in einem eng gesteckten Rahmen zu überlassen.

Währenddessen, im Kreis der deutschen Bevölkerung, verschärfte sich wieder der Rahmen der Diskussionen, der im Sommer noch zum Durchatmen einlud. In dieser Milde des Sommers wurde sogar recht offen darüber sinniert, was zu tun sei, wo man nun über die Folgen des Lockdown schwadronierte. Das war angenehm ergebnisoffen - von der Politik kam hingegen nur die beständige Beschallung eines Karl Lauterbach. Schmidt-Chanasit positionierte sich dabei als Gegenstimme. Was dies bedeutete, sollte erst im Spätherbst wieder an Dynamik gewinnen, als die Zahlen hochschnellten und die Debatten über einzuleitende Gegenmaßnahmen wieder Fahrt aufnahmen.

Nun wäre in naiver Weise anzunehmen gewesen, etwas aus den Folgen im Frühling gelernt zu haben. Was jedoch noch schneller viral ging als die Erhöhung der Zahlen, war der Hasttag "SterbenmitStreeck", also die Wiederaufnahme des alten Schwarz/Weiß-Musters in der Frühlingsdebatte - würde- und respektlos angesichts der Debatte über den Umgang mit der Pandemie. Die Lockdown-Fraktion hatte sich vorsorglich wieder positioniert und kämpfte mit härteren Bandagen als vorher, gekleidet in moralischer Überlegenheit und einem Banner, das den Tod in Verbindung einer Person als absolutes Argument verbreitet. Die angebliche "Verharmlosung" wird hierbei extrahiert und als Grund genommen, jede noch so restriktive Maßnahme zu rechtfertigen.

Der Politik könnte dies parallel genutzt haben, die Stimmung in der Bevölkerung zu deuten. Das mag erklären, warum erst eine Light- dann eine Vollversion des zweiten Lockdown beschlossen wurde. Die Wochen in abgeschwächter Form könnte hier als Zugeständnis an die Kritiker gewesen sein, danach war die harte Tour in Verbindung mit dem üblichen Gestarre auf Zahlen und die Auslastung der Krankenhäuser dran. Auffällig dabei: die Details um Verbreitung und Vermeidung gerieten abermals in den Hintergrund. Streecks Persona wurde nun vollends zur Sündenbockfigur ernannt, Schmidt-Chanasit brachte weiterführend seine Angst zu Papier, mit "Verschwörungstheoretikern" gleichgestellt zu werden. Nebenbei werden Drostens Aussagen, egal wie gefärbt ("schlimm", "nicht so schlimm"), bis auf´s Blut verteidigt, wohl auch wegen der Grundaussage und dem Heldenmythos mit angesteckter Bundesverdienstkreuznadel: "Alles ganz schlimm.". Dafür gehört man schließlich von höchster Stelle ausgezeichnet.

Und so schloss sich der Kreis, dass Politik und die Befürworter derer Entscheidungen jeden Abweichler in dieselbe Ecke schoben, mitunter mit dem arroganten Vermerk über den geistigen Zustand einer ganzen Meinungsgruppe. Der öffentliche Diskurs hat mittlerweile ein Kindergarten-Niveau erreicht, der gar nicht mehr so infantil ist, dass man ihn amüsant finden könnte. Wenn man den Tod für eine rigorose Maßnahmenpolitik missbraucht, um Stimmung gegen Kritik zu machen, dann fragt man sich, was schlimmer ist: das Virus oder dessen Bekämpfer, die am liebsten wie bei der Terrorismus-Thematik ein ganzes Land auslöschen würden, weil von dort aus wenige sie selbst bedroht oder angegriffen hätten. So wurde auch der zweite Krieg gegen den Irak geführt - unter falschen Vorzeichen, falschen Beschuldigungen und falschen Motivationen.

Dieser Vergleich lässt sich mittlerweile auch auf die Pandemie anwenden. Bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen später einmal ans Tageslicht kommen werden und welche Toten oder Betroffene mehr wert sind...

11:23 24.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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