Streitfrage Kunst

Internet Wie eine Ausdrucksform in modernen Zeiten ihre Exklusivität verlor. Eine kritische Betrachtung.
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Im Internet scheint alles möglich. Durch die Rasanz, Angebot und Nachfrage innerhalb von Stunden und mit einfachen Mitteln zu generieren, verlor auch die Kunst ihren exklusiven Charakter in der Wahrnehmung sowie der Wertschätzungskraft der Konsumenten. Mit Instagram entzauberte sich etwa die Fotografie, und auch das Schreiben von Texten wie diesem ist nun kein langwieriger Prozess mehr, der mühsam und konsequent verfolgt werden müsste, um überhaupt an die Oberfläche gelangen zu können. Um diese Entwicklung deuten zu können, möchte ich Ihnen eine kleine, aber weitreichende Situation darbringen, die sich mit der Frage um den Wert von Kunst in der modernen Welt auseinandersetzte und wie sie im Tempo des World Wide Web verkümmert...

Es ist noch keine zwanzig Jahre her, da wurde ich Zeuge einer heftigen Diskussion um den Stellenwert von Kunst. Ich selbst nahm Kunst in seiner Form und Anspruchnahme als lohnenswertes Ziel wahr - sich Künstler nennen zu dürfen, bedurfte es gewisser Voraussetzungen. Es war eine Form von Ausdruck, die sich moralisch weniger einengte, sich lieber durch die Mittel definierte und weniger in Formeln dachte. Und wenn doch, wurde der Bruch mit den Regeln gleich mitgelehrt. So erfährt man, wie in der Fotografie, vom "goldenen Schnitt" und Komplementärfarben als Ausgangsbasis für eine gute Aufnahme. Der Regelbruch ist aber auch okay, wenn es die Aufmerksamkeit der Betrachter fördert.

Was dies im Einzelnen bedeutet, ist das große Geheimnis. Durch Probieren, Scheitern und Beharrlichkeit können Werke in Ton, Bild und Schrift entstehen, die die Jahrhunderte überdauern. Klassische Werke haben einen solchen zeitlosen Charakter schon inne und sind bisher nie wirklich angezweifelt worden - so dachte ich zumindest, bis mich die besagte Diskussion eines Besseren belehrte. Teilnehmer dieser Debatte waren neben Bildungsbürgern auch "einfache" Menschen, die ihre Freizeit weniger mit Lesen von anspruchsvollen Stoffen oder ähnlichen Aktivitäten begingen. In einer getakteten Welt von ganztäglicher Arbeit und reduzierter Möglichkeit der Freizeitgestaltung ist es selbstredend, dass die Gier nach Ablenkung weniger in der Interpretationssuche von Kunstwerken bestehen kann. Das ist zeitintensiv und tiefgreifend. So entstand parallel zur Industrialisierung die Popkultur, um in Häppchen den Bedarf an Kunst zu stillen. Und hier setzte ein Streit darüber an, ob sich Kunst "einfach" oder lieber "elitär" präsentieren sollte.

Kunstkiller Internet?

In seiner Dynamik ist das Internet die Abstrahierung solcher Entwicklungen geworden. Heute besitzen wir, für jedermann verfügbar, die Werkzeuge, um Erstellung, Bearbeitung und Verbreitung von Werken in Rekordzeit abzuschließen. Mit Smartphones hält man hochwertige Fotos fest, bereitet sie mit einer App nach und präsentiert sie der Welt innerhalb von Sekunden. Durch das Massenmedium und die Tools sind wir heute in der Lage, ohne besondere Vorkenntnisse oder Ausbildung unser Schaffen schnell und einfach zu veröffentlichen, zu konsumieren und Vorlieben zu entwickeln.

Einerseits ist das ein gutes Zeichen, um Vielfalt zu fördern und lähmende Effekte, etwa den von Mundpropaganda, zu umgehen. In der besagten Debatte war noch nicht abzusehen, dass das Netz auch in der Kulturverbreitung einen gewaltigen Sprung hinlegen und der Blick auf Details auf der Strecke bleiben würde. Interessanterweise stritten damals die Parteien etwa noch darüber, ob klassische Musik zu komplex für die Masse sein kann und Farbkleckse auf grauem Untergrund überhaupt die Voraussetzung für Kunst erfüllen würden. Da die Moderne mit der Stilistik der Vereinfachung arbeitet, sind derartige Debatten nie wirklich beendet worden. Das Netz hat weiterführend die Vielfalt propagiert und "unendliche Möglichkeiten" vorgeschwärmt. Letztlich ist es erstaunlich und zutiefst enttäuschend, wie sich der künstlerische Fokus auf ein paar wenige Erfolgsrezepte verengen ließ. Gewinnoptimierung durch Risikoscheu sowie die Überforderung durch Überangebot haben dieser Vielfalt nur geschadet.

Das Internet ist also Fluch und Segen zugleich. Bezüglich der Kunst bedeutet das mittel- bis langfristig einen Schaden, da Trends zu schnell generiert werden können, die jedoch genau so schnell wieder versiegen. Noch sind wir in der Entdeckungsphase, in der solche Trends und Achtungserfolge entstehen können - wagen wir einen Blick in die Zukunft, könnte es bald sehr schwer werden, ohne Sättigungserscheinungen begeisterungsfähig zu bleiben. Schon heute nehmen wir mit ausdruckslosen Mienen Kunstprodukte zur Kenntnis, für ein paar Minuten Ablenkung von langwierigen Bus- und Bahnfahrten oder als Überbrückung ausbleibender Aktivitäten in den sozialen Medien. Demnach ist nicht mehr der Status "einfach" oder "elitär" der Kern dieser Diskrepanz, sondern das Verkümmern, sich der Kunst zeitintensiver widmen zu wollen/können. In einer solch kurz angesetzten Zeitspanne von Aufmerksamkeit ist es eher eine Kunst, die Massen wirklich so zu erreichen, dass es zu einem nationalen - wenn nicht globalen - Phänomen wachsen kann. So erklärt es sich fast von selbst, dass Komplexität einen noch schwierigeren Stellenwert einnimmt als noch vor zwanzig Jahren.

Dass die Kunst allgemein auch ein Ausdruck von sozialem Status bedeutet, wurde in der damaligen Debatte mehr als deutlich. Die "Gebildeten" verteidigten ihre Sicht darauf, dass alte Kunst immer noch mehr bedeute als Popkultur. Das sichtbare Gefälle der Bildungsschichten zeichnete auch ein bemerkenswert berechenbares Bild von Anspruch und Konsum, Ausnahmen inklusive. Im Gegenzug gab es keine eindeutig vertretene Linie nach dem Credo, komplexer sei automatisch besser. Vielleicht war es nur der Nährboden, geschweige denn eine Vorahnung darüber, dass Popkultur sich immer mehr in der Vordergrund spielen, aber auch thematisch immer weiter selbst begrenzen würde, um mehr Reichweite zu bekommen. Nun sind alle menschlichen Kunsterzeugnisse im Internet per se abrufbar. Von Klassik bis moderner Musik, von Höhlenmalereien bis zum letzten Manga, von der Stummfilmzeit bis zum aktuellen Blockbuster. Und doch dominiert mit weitem Abstand die Fokussierung auf den nächsten Gassenhauer durch die Werbeindustrie, die sich den Mechaniken des Internets clever bedient.

So nebenbei

Darunter leidet, wie schon erwähnt, die Aufmerksamkeit für das Geschaffene. Sich durch hunderte Beiträge zu ackern, verbrät viel Zeit, die meisten sind bei einer durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne von 8 Sekunden pro Post einem sehr kurzen Entscheidungsprozess über Wohlwollen oder Nicht-Gefallen unterworfen. Ferner sorgen auch Algorhitmen für eine interessengesteuerte Optimierung der persönlichen Vorlieben - wer Hip-Hop antestet, wird folgend auch mit Hip-Hop geködert. Es steht zwar dem User frei, sich selbst um die Gestaltung seines Interessenrepertoires zu kümmern, doch wer will die Annehmlichkeit missen, sich von der Technik leiten zu lassen?

Man hat also kaum die Zeit, den Willen oder die Möglichkeit mehr, sich intensiver mit etwas auseinander zu setzen. Diese Kanonade von Eindrücken können höchstens noch durch Verzicht eingedämmt werden. Wer jedoch regelmäßig auf Facebook, Instagram und Co. unterwegs ist, gerät sofort wieder in die Mühlen der Aktionsspirale Beiträge zu sehen, liken und sich darüber hinaus durch algorithmische Empfehlungen lenken und zu neuen Aktionen anstacheln zu lassen. Innehalten, reflektieren, denselben Prozess am selben Objekt oder Produkt vielleicht nochmals wiederholen, um neue Details zu entdecken - all dies verrottet im Eiltempo. Während Museen noch zu solchen Gedankengängen einladen, setzt das Netz rein auf Masse, nachdem alle Bereiche der Freizeitgestaltung immer und überall generier- und verfügbar geworden sind.

Schließlich wird Kunst nur noch so nebenbei konsumiert, genauso wie Nachrichten, Kaufentscheidungen oder sonstige Aktivitäten. Verständlich, wenn man medial in allen möglichen Bereichen des Lebens mit Empfehlungen oder Werbung bombadiert wird. Das Gehirn kann zwar Multi-Tasking, aber die Kompromierung von derart vielen Bereichen innerhalb von Sekunden lässt sich nicht gleichzeitig verarbeiten. Entweder nimmt man es nur willentlich beiläufig wahr oder sondiert konsequent aus.

Huhn oder Ei?

Es sollte auch nicht außer Acht gelassen werden, inwiefern der wirtschaftliche Faktor in der Kunst betroffen ist. Die Generation "Gig" (Geiz ist geil) ist mittlerweile gewohnt, Produkte für wenig Geld oder ganz für lau besitzen zu können oder sich zugänglich zu machen. Auch bei Themen wie Recht und Gesetz sowie der Globalisierung sprechen wir über Reizthemen, die schon länger unter den Fingern brennen. Die Kunst ist zwar weniger direkt von Lieferketten, Produktionsstandorten oder Steuerpolitik betroffen wie etwa die Autoindustrie, wurde jedoch darin assimiliert, da die Maschinerie der Trendentwicklung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, muss die Werbetrommel gerührt werden, und bestenfalls wird dazu noch großflächig jede Trendgenerierung von Fachzeitschriften und Special-Interest-Portalen ungefiltert an die Empfänger durchgereicht.

Gut erkennbar wird dies etwa in der Musikindustrie. Es käme einem Selbstmord gleich, würde sie Innovation und Querulantentum noch unterstützen. Die harte Währung ist das Ziel und nicht die Lust am harten Stilbruch. Aus diesem Grund hat sich eine Stromlinienförmigkeit etabliert, die Risiken auf ein Minimum reduziert, um die Gefahr von monetären Flops umgehen zu können. Finanziell deckungsgleich arbeiten zu können ist für den Selbsterhalt natürlich gerechtfertigt. Für die Vielfalt lässt es sich jedoch weniger rechtfertigen, dass man etwa in den einschlägigen Radiosendern nur noch wenig Abwechslung zu hören bekommt - aktueller Pop mit Clubmusic-Anstrich oder - wenn deutsch - die Marke Liedermacher samt seichtem Hip Hop-Einschlag. Und ich rede weniger von den Einzelsongs, die angeblich ständig im Radio laufen sollen, sondern von der Gesamtheit des Angebotes sowie der Qualität der Stücke. Ein weiterer Aspekt ist die flächendeckende Beschallung für alle, die zu unterschiedlichen Zeiten ihr Gerät einschalten.

Ein Totschlagargument für solche Strömungen ist häufig, der Kunde/Konsument würde explizit danach verlangen. Dies mag sich aus diversen Umfragen noch herausdeuten, und es lässt etwa den Schluss zu, dass die Wochenendaktivitäten wie Clubbesuche den Genrestil maßgeblich beeinflussen. Nun herrscht die einhellige Meinung in den Musikredaktionen aller relevanten Radiosender vor, ihre Playlist wäre diverser denn je und die Hörer würden zur Programmgestaltung größtenteils beitragen. Ob diese Einschätzungen basierend auf den geführten Umfragen repräsentativ sind, lässt sich jedoch bezweifeln. In Gesprächen mit Menschen von nebenan vernehme ich öfter Aussagen wie "Ich lasse mich berieseln und bekomme die Musik nicht bewusst mit.". Hört sich nicht so an, als würden sie unbedingt danach betteln.

Die Huhn-Ei-Frage bleibt in diesem Zusammenhang offen, auch wegen unbeantworteter Fragen, die die Damen und Herren Redakteure gerne umschiffen. Ebenso gibt es keine fundierten Studien dazu, wer welche Musikrichtung wann hören möchte. Es deckt sich zusätzlich mit den Sehgewohnheiten im Fernsehen, wo sich ebenfalls sehr viele "berieseln" lassen oder gleich ganz wegschalten - wenn Sie Facebook nach entsprechenden Kommentaren durchforsten, werden Ihnen solche Aussagen des Öfteren unterkommen. Bleibt letztlich festzuhalten: sich treiben zu lassen scheint aktuell eher angebracht denn Überzeugungstäter zu sein und auch mal kritische Stimmen zu äußern - sollten sie einem tatsächlich auf der Zunge liegen.

Der runde Tisch wackelt

Hoffentlich haben Sie diesen Blog-Artikel bis hierher gelesen - dann haben Sie auch einige Minuten investiert, interessante Eckpunkte wahrgenommen und denken vielleicht sogar darüber nach, was denn am Inhalt nachdenkenswert sein könnte. Unter dem Eindruck der damaligen Diskussion und nach modernen Standards sehe ich jedenfalls, die zwangsläufig zu Lasten des Stellenwerts von Kunst geht. Wir reden hier auch nicht von einer pauschalen Entwicklung, aber ist sie leider vielerorts so zu beobachten.

Die Einfachheit der Kunst könnte sich eine eigene Nische erstreiten und als Balance zur Komplexität von klassischer Kunst ko-existieren. Doch dominiert das Simple heute über das Vielschichtige. Und als die Debatte nach stundenlanger Hitzigkeit zu keinem Ergebnis gekommen war, konstatierte man lediglich, dass der Tisch wackelte. Ob das auch Kunst wäre, fragte jemand und lachte.

Die Antwort: "Heute ja, früher hätte es niemanden interessiert."

06:58 16.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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