Das Telefonat

Maßnahmen Kurzeintrag über die Eindrücke der neu in Kraft getretenen Beschränkungen. Mitten über der Flaniermeile einer Großstadt prangt ein Orwell´scher Geist.
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Im Gebäude hatte ich keinen Handyempfang. Der alte Betonklotz ist nicht der beste Ort, um drinnen mobil zu telefonieren, nur nach draußen gehen wollte ich auch nicht so gerne. Das lag weniger am kühlen Novemberwetter, sondern an den mittlerweile verschärften Maßnahmen, die man zur Eindämmung der zweiten Coronawelle beschlossen hatte und nun konsequent durchzog.

Was mir im Laufe des Tages besonders auffiel: die Polizeipräsenz hat deutlich zugenommen. In Zweiergruppen patroullierten sie, teils - zusätzlich zur üblichen Ausrüstung - mit Klemmbrettern bewaffnet, als wären sie studentische Aushilfskräfte auf der Suche nach Umfrageteilnehmern. Doch ist es ein Trugschluss sondergleichen, weil jedem klar ist, was dies bedeutet: die Einhaltung der Maskenpflicht wird scharf kontrolliert, protokolliert und bei Bedarf auch sanktioniert. Das musste ich in einer angespannten Situation erfahren, als ich endlich wieder Empfang hatte, die für die Ausübung meines Berufes benötigte Dienststelle anrief und dabei für die bessere Verständlichkeit die Maske herunterzog. Klarer Fall, was passiert. Ein Polizistenduo sah mich dabei und wies mich in schroffem Ton zurecht, während ich noch telefonierte. Ich solle die Maske überziehen, die ich mir für den Anruf zum Kinn hinunterzog. Es schien ihnen sehr wichtig, mir das mitzuteilen, gelinde ausgedrückt.

Und genauso gelinde ausgedrückt fühlte ich mich in diesem Moment verärgert, trotzig, aber auch eingeschüchtert, nervös. Seit die Innenstädte mit einer flächendeckenden Maskenpflicht bedacht wurden, fühle ich mich sowieso nicht mehr ganz wohl. Und das nicht, weil ich Angst vor einer Ansteckung im Freien hätte, sondern jene dunkelblaufarbene Dauerpräsenz mit Waffengürtel und der "schwarzen Liste" in der Armbeuge vermittelte mir kein Gefühl von Sicherheit. In diesem Moment dämmerte mir: diese Situation hatte ich so noch nie erleben müssen, und sie machte mir Angst. Weniger das Virus, sondern dieses sehr greifbare Szenario eines autoritären Polizeistaates, den man eigentlich nur aus Filmen, historischen Dokumentationen oder Büchern kennt.

Ich tröstete mich mit dem Gedanken über den Gesundheitsschutz. Doch schon im selben Atemzug kamen mir all die Aspekte über Sinn und Unsinn von Masken an der freien Luft ins Gedächtnis zurück, die nicht nur mehrheitlich und dominant über die gängigen Nachrichtenkanäle verbreitet worden sind. Da schlendert sie nun durch die Gassen und Promenaden, die Masse von Vermummten, eingepfercht in das unsichtbare Gefängnis der oralen Freiheitsberaubung, gekettet an Beschlüsse. Der Orwell´sche Geist legt sich in einem unsichtbaren Schleier über die Straßen.

Und während die Auswirkungen des "Lockdown light" auf mich einwirken, wird im Bundestag das Infektionsschutzgesetz beschlossen. Zuvor ging Tag Zwei beim Kunden vorüber, auch da hatte ich wieder die Gelegenheit, draußen die Flaniermeile zu beobachten - dieses Mal waren nicht so viele Polizisten und Ordnungskräfte unterwegs gewesen. Vielleicht als eine stille Andacht darüber, dass ein Gesetz sie schnell wieder reaktivieren könnte. Für den Gesundheitsschutz zum Beispiel.

06:25 19.11.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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