Stolz und Popanz

Rassismus Biontechs Erfolgsmeldung über den Fortschritt in der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19 wird zum Nebenschauplatz. Stattdessen werden weiter alte Wunden geleckt.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es war ein Satz, der die Nation spaltete. Nachdem Angela Merkel 2015 ihren berühmt-berüchtigten Spruch in der Öffentlichkeit ausgesprochen hatte, formierte sich massiver Widerstand, der sich gesellschaftlich durch die Pegida-Bewegung und politisch mit der AfD Bahnen brach. Es wurde zu Deutschlands exklusivem Problem in einer ganzen Messlatte von Problemen, die von rechts in die gesellschaftliche Mitte schwappten, flankiert von Reichsstaatsfantasien und konkreten Mordplänen.

Fünf Jahre lang wurde ein Kampf ausgefochten, der auf diesem Satz fußt. "Wir schaffen das", als dringender Appell zu Nächstenliebe und Eigeninitiative gedacht, schlug nicht nur im positiven Sinne ein wie eine Bombe, sondern wurde auch für diffuse Angstszenarien wie der so genannten "Umvolkung" instrumentalisiert. Der Appell wurde zum Bumerang in der politischen Landschaft und spielte den Rechten leicht in die Hände. Das bedeutete auch, dass die Mehrheit, die gegen Rassismus und für Diversität streitet, mit einer Gegenideologie aufwartete und die realpolitischen Folgen zu oft für ähnlich laute Gegenparolen stummschaltete.

Nun ist Corona das alles dominierende Thema geworden, und doch ist die Debatte über Rassismus nicht vollständig verstummt. Die querulantische Instrumentalisierung von Regierungsentscheidungen greifen Rechte immer weiter auf, um das "System" für nichtig zu erklären. Dass sich dabei mit Theorien und Ideologien der "QAnon"-Bewegung bewaffnet wird, mag ein schlechter Schachzug sein - sind die Science Fiction-Argumente doch zu weit hergeholt und nur ein Symptom auf der Suche nach weiteren Argumenten gegen Flüchtlingspolitik und einer diversen Gesellschaft. Darauf kann man sich zwar viral gerne stürzen und es belächeln, doch täuscht es nicht über einen Anstieg rechter Gewalt und die verbesserte Vernetzung, ergo auch die Bündelung und das Anrollen von Umsturzplänen, hinweg. Corona war bis dahin nur ein weiterer Anlass, das System auf Fehler abzusuchen.

Was hatte die Gegenseite also entgegenzusetzen? Lediglich eine andere Ideologie, moralisiert und ebenso sichtverengt. Es gab wenig Verwertbares, außer die ewige Leier, Anschläge gegeneinander aufwiegen zu können. Rechte Gewalt und islamistische Messerattacken gereichten als Spielkarten in einem perversen Spiel um die Deutungshoheit. Mit Corona verschob sich die Gewichtung der Argumente über Polizeistaatsfantasien, und als dann kürzlich die frohe Botschaft über die fortgeschrittene Entwicklung eines Impfstoffes die Runde machte, schien zumindest der Bill Gates-Faktor in trügerischem Siegestaumel entkräftet. Biontech wurde eher beiläufig in der Rassismusdebatte zum Politikum, deren Errungenschaften schnell zur Nebensache erklärt. Dieses Mal aber als Allmachtsinstrument für das "Morallager". Fast schon zwangsläufig musste darauf hingewiesen werden, dass die Firmengründer ein Ehepaar mit migrantischen Wurzeln ist. Bei den türkisch-stämmigen Bürgern schwang dabei Stolz und Genugtuung mit, bei den anderen eher patriotisierter Popanz über den Fortschritt in der Pandemiebekämpfung. Die Vollideologen vermengten alle Umstände öffentlichkeitswirksam zu einem Super-Argument. Es ist mittlerweile ein kaum noch zu überblickender Pool von Meinungen, Deutungen und Überzeugungen.

Doch versucht man diesen Wulst zu entwirren, stößt man zwangsläufig auf die wichtigsten Eckpunkte vergangener Themengebiete, die zuvor im Einzelnen für Furore gesorgt hatten. Allem voran: Rassismus. Nachdem die politische Welt eine rechte Renaissance zu stemmen hatte, stellte man sich regelmäßig die Frage darüber, wie das passieren konnte. Eine Antwort darüber ließ sich deswegen nicht finden, weil die falschen Fragen gestellt und nur die Symptome behandelt wurden. Aus diesen und anderen Gründen stehen wir immer noch einer Bedrohung gegenüber, die trotz der deutlichen, quantitativen Unterlegenheit immer mehr in den Vordergrund rücken. Ursachen findet man wie in der Psychologie nicht in der Fokussierung auf die zur Schau gestellten Ideologie, sondern in vielschichtigen, persönlichen Befindlichkeiten, die eine Ideologie erst nähren. Deswegen sollte die Frage nichtdarüber lauten, ob überhaupt mit solchen Leuten geredet werden sollte. Und doch etablierte sich in der Masse der "Moraleliten" das Credo der Ausgrenzung, die auch die mitnahm, die einfach nur skeptisch waren.

Was gerne übersehen wird: Ausgrenzung sorgt selten dafür, Betroffene zum Nachdenken anzuregen. Würde dieses Prinzip greifen, gäbe es keinen Rechtsruck zu beklagen. Irgendwo her muss demnach diese Entwicklung kommen. Der Biontech-Vorfall ist lediglich das Ergebnis einer müßigen Strategie, Hass mit der Jokerkarte "gelungener Migrantenlebenslauf" zu begegnen. Damit haben sie dem Mainzer Unternehmen jedoch einen Bärendienst erwiesen - das eigentliche Thema und die Hoffnungstiraden mussten sich parallel zur Rassismusdebatte einordnen, die Versachlichung der Diskussion über den deutlich verkürzten Zulassungsprozess und das Tauziehen um Exklusivrechte über Verbreitung und Anteilschaft am Wundersaft gerieten fast ins Hintertreffen.

Nun lässt sich darüber mutmaßen, mit welcher Motivation dieser simple und im Alltag kaum beachtete Umstand in die Öffentlichkeit getragen werden musste. Ein mittel- bis langfristiger Effekt dürfte sicherlich der gesellschaftliche Rang von Migranten in der Gesellschaft sein. Es war wohl Balsam für deren Seelenwohl, dass die Firmengründer von Biontech, in Deutschland geboren und promoviert, durch die Pandemie wie die Jungfrau zum Kind gerieten und somit über Nacht zu Weltstars in der Immuntherapie lancierten. Diesem Gleichnis des "sklavischen Aufbegehrens" trägt dies eher Rechnung als dem des deutschen Müßigganges der Nachkriegsbewältigung. Der ist mittlerweile derart mit Grünspan belegt, dass die Nachwehen des "neuen" Rassismus im NSU-Zeitalter weniger öffentliche Erwähnung finden und doch einen tiefen Riss im Bewusstsein der migrantischen Mitbürger verursacht haben. Man denke nur an die Schmach, Opfer in Ermittlungen als Tatverdächtige abzustempeln. Daher ist deren exklusive Erwähnung über das Biontech-Ehepaar verständlich.

Auch die Medien sahen sich dazu veranlasst, Stellung zu beziehen. Kritik wurde allerdings nur dahingehend geäußert, dass nicht nur der Berufsstatus als integrative Leistung der liberalen Demokratie herausgestellt werden sollte. Das ist einerseits richtig, wertet aber auch im Gegenzug die "Besorgten" ab, also diejenigen, die in das Hamsterrad des vermeindlichen Populismus gerieten. So wird der Konservativismus weiter in die rechte Ecke geschoben und somit der AfD in ihrer Opferkult-Rhetorik in die Hände gespielt. Somit wird das Symptom letztlich nur mit Placebos behandelt, was sich vor wenigen Jahren gegen das "Wir schaffen das!"-Mantra formiert hatte.

18:48 14.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
Avatar

Kommentare