Wer braucht schon Spaß?

Corona Der Lockdown light trifft fast ausschließlich Freizeit und Kultur. Wie viel Pragmatismus und Verzicht auf Spaß kann eine Gesellschaft ertragen?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kanzlerin Merkel sprach in ihrer Regierungsansprache von einem "nationalen Kraftakt", den die Deutschen in den nächsten Wochen aufwenden sollen, um die Pandemie wieder einzudämmen. Dabei war weniger von den uns mittlerweile vertrauten Maßnahmen die Rede, sondern von den Beschlüssen, die vor allem die Freizeitwirtschaft trifft. Bars, Restaurants, Hotels, Schwimmbäder, Kulturveranstaltungen - all die Zweige, die zur Freizeitgestaltung beitragen, sind inbegriffen. Es stellt sich darüber eine Grundsatzfrage: Sind Freizeit und Kultur nicht systemrelevant?

Schon in den frühen Sommermonaten schwelte eine Diskussion darüber auf, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene wegen geschlossener Clubs und Bars im Freien trafen und feierten. Ihnen wurde Unvernunft vorgeworfen, was im gesundheitlichen Kontext durchaus relevant war - dennoch blieben die Fallzahlen erfreulich niedrig, was die Hoffnung nährte, wir könnten uns einer Normalisierung in der Freizeitgestaltung wieder nähern. Erste Konzepte zur Wiederaufnahme von Kulturveranstaltungen wurden getestet, Fitnessstudios durften wieder öffnen, Kinos nahmen ihren Betrieb wieder auf. Es war ein kollektives Herantasten, unter solchen Bedingungen größtmögliche Normalität anzubieten.

Während wir uns schon an den Gedanken gewöhnt hatten, dass man mit diesen Konzepten zumindest teilweise alte Verhältnisse wiederherstellen könnte, stiegen pünktlich zum Eintritt des Herbstes die Fallzahlen wieder - und mit ihnen die mahnenden Kommentare von Zuhause-Bleibern über die angebliche Unvernunft derer, die nicht nur ihrer Arbeit nachgingen und danach in den eigenen vier Wänden verblieben. Doch hatte sich längst auch die Meinung untergemischt, dass Feiern und Freizeit auch in Krisenzeit erlaubt und mehr relevant sein sollten. Immerhin wurden Meldungen laut, dass die Fettleibigkeit der Deutschen allgemein zunahm, häusliche Gewalt ein signifikantes Warnsignal während des Lockdowns geworden war und Depressionen durch Isolation begünstigt wurden. Freizeit, soziale Kontakte oder Sport wären die beste Medizin für innere Zufriedenheit und Stressreduktion, soweit in einer Pandemie möglich.

Aus diesen Gründen fällt es schwer, Lockdown-Maßnahmen - ob light oder full - zu akzeptieren. Es entsteht der Eindruck, als dürften wir unter dem Eindruck des Gesundheitsschutzes nur noch für den Erhalt der Wirtschaft "funktionieren". Tatsächlich wurden produzierendes Gewerbe und Dienstleistungen zur Sicherung der Grundbedürfnisse auch nicht angerührt. Um die Automobilbranche war es dieses Mal auffällig still gewesen, der Skandal um Tönnies war schnell kein Thema mehr für die Medien. Auch die Tatsache, dass sich Gottesdienste oft als Superspreader-Events entpuppten, lässt jede Logik um die Unberührtheit der Kirche vermissen.

Die Definition von Freiheit über den Gesundheitsschutz scheint in den Beschlüssen also darüber zu lauten, dass Lebensmittel, Autokauf und die ortsgebundene Ausübung der Religion über jenem Bedürfnis nach Spaß und Kulturkonsum stehen. Das geht auch zu Lasten derer, die im Kulturbetrieb tätig sind - die Kartenverkäufer, Barangestellten, Hoteliers und Museumswärter, die Tontechniker, Bühnenbauer und die Künstler selbst, die nicht unter dem Schirm von Medienanstalten ihre Tantiemen verdienen oder schlicht so populär sind, dass sie von den Rücklagen längere Zeit ausharren können. Dass "Die Ärzte" unter dem Eindruck der Promotion für ihre neue Platte in den Tagesthemen die ersten sind, die auf diesen Umstand medienwirksam aufmerksam machen müssen, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Deren Seitenhieb auf die Lufthansa-Rettung tat das Übrige, was Ingo Zamperoni sogleich wieder zu entkräften suchte.

Der Eindruck bleibt haften, dass Kultur keinen allgemein hohen Stellenwert einnimmt. Aus dem Land der Dichter und Denker ist eine Wirtschaftsnation geworden, die auf Funktionalität setzt und Visionen keinen Platz mehr einräumt. Denn schon vor Corona wurde Kritik laut, dass der Standort Deutschland Innovationen kaum begünstigt oder sofort in Geldwerte ummünzt - ein Problem, das uns im globalen Wettbewerb schnell auf die hinteren Ränge durchgereicht hat. Das ist jedoch Jammern auf hohem Niveau, denn immerhin ist Deutschland auf Platz 4 als Nation mit der höchsten Wirtschaftsleistung weltweit. So wurden Spaß, Freizeit und Kultur in dieser allgegenwärtigen Wettbewerbssituation dem System einverleibt und so lediglich zur Kanalisierung von Stresssymptomen akzeptiert.

Das Aufbegehren ließ diesmal nicht lange auf sich warten. Als jemand, der schon lange im Kulturbetrieb tätig ist, klagt Dieter Hallervorden gegen die Schließung seines Lebenswerks, des Berliner Staatstheaters. Es gleicht einem Tritt in den Hintern, als Kulturschaffende(r) exklusiv von Maßnahmenbeschlüssen betroffen zu sein, und in den sozialen Medien formiert sich massiv Widerstand gegen eine Form des "nationalen Kraftaktes", der in alter Manier Schlüsselindustrien und Glaubensinstitutionen verschont und jeden in Feierlaune pauschal als Virenschleuder brandmarkt. Im gesundheitlichen sowie politischen Kontext scheinen Freizeit, Spaß und Kultur demnach nicht systemrelevant zu sein, wenn die Wirtschaft weiter brummen kann. Ob man nach harten Arbeitstagen außer TV- und Internetkonsum bald noch auf ein Bierchen, den Feierabendsport oder sonstige Freizeitbetätigungen zurückgreifen kann, weil die Läden schließen müssten, bleibt offen. Dann würde der Kraftakt erst noch gestemmt werden müssen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
Avatar

Kommentare 1