Wundersame Wandlung

Covid-19 Mit der zweiten Welle verändert sich auch unser Umgang mit Zahlen und Interpretationen. Sind "Covidioten" und "Querdenker" nun doch eine ernst zu nehmende Gegenstimme?
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Zwei Lager mit hohen, dicken Mauern manifestierten sich nach Durchsetzung des Lockdowns - die "Vernunftmenschen" und die "Coronagegner". Erste rechtfertigen jede Maßnahme zur Eindämmung der Verbreitung des Virus bis auf´s Blut, zweite sahen schon früh einen Einbruch unserer demokratischen Grundordnung und torpedieren jede Maßnahmenentscheidungen mit teils abenteuerlichen Visionen. Als sich zeitnah eine geballte Gegeninitiative gegen die Maßnahmen formierte, um in den bekannten Demonstrationszügen ihren Sorgen Luft machten, verengte sich der Fokus der großen Medienhäuser auf lautstarke Einzelpersonen, symbolhaft zu Unmenschen einer verqueren Ideologie skizziert. Die "Aluhutträger" und "Verschwörungstheoretiker" nutzten Andersdenkenden gerne zum Judas in einer Grundsatzdebatte um Gesundheitsschutz und Empathiefähigkeit, bestenfalls gestützt durch die Rolle des irrlichtenden Verlierers, der angeblich einfache Lösungen für komplexe Probleme suche.

In dieser Phase des öffentlichen Diskurses war es außerordentlich schwierig gewesen, eine differenzierte Haltung einzunehmen. Der frisch aufgeflammte Konflikt taugte nichts für die Zwischen-den-Stühlen-Hockern, die mit ihren Argumenten ("Sie haben recht, aber...") beide Fronten zum Innehalten bewegen wollten, Punkte in die Wagschale zu legen und sich auch den Argumenten der Gegenseite wohlwollend zu nähern. Es hätte schnell die Mauern der Sturheit einreißen und einen sachlich fundierten Diskurs bereiten können, der die vorherige Aufregung nicht wert gewesen wäre. Diese ließ sich jedoch mit den jeweiligen Sündenböcken wie Jens Spahn und Christian Drosten, auf der Gegenseite mit Attila Hildmann und Xavier Naidoo aufrecht erhalten, so dass die Differenzierer nicht gehört werden mussten.

Als die ersten Indikatoren einer beschworenen, zweiten Welle sichtbar wurden, veränderte sich auf wundersame Weise das Narrativ - langsam, leise, jedoch deutlich hervorschimmernd. Erstaunlich gewandelt berichten immer mehr Formate darüber, welche Zahlen und Indikatoren denn nun in einen Kontext zu setzen wären. Die Inzidenzzahl ersetzt zwar momentan die Reproduktionszahl, jedoch stellen sich die Journalisten plötzlich Fragen. Fragen, ob nur eine Zahl in der Statistik ausreiche, die Bürger ausreichend über eine etwaige Gefahr informiert zu haben; Fragen, ob die Gesellschaft mit der Krankheit leben kann und muss. Dabei sollte eine Unterscheidung zwischen kurzlebigen Nachrichten- und monothematischen Sondersendungen berücksichtigt werden.

Darf man diese Tonlagenänderung auch als ein Entgegenkommen gegenüber den Kritikern verstehen? Dabei wird die Kritik nun weniger lagerbildend aussortiert, die Masse von Skeptischen, "Grundgesetzfans" und "Verschwörungstheoretikern" nicht mehr in einem Topf zu einem Brei verrührt, der "rechtsoffen" und "rechtsradikal" genannt wird. Immer noch steht die Frage offen, ob Journalisten und Beobachter lediglich vereinzelte Parolen und Schilder sondierten, um eine Masse von Demonstrierenden gleichzusetzen. Was unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise und der aufkommenden Pediga-Bewegung hängen blieb, fand auch bei den "Hygiene-Demos" Anwendung, was falsche Akzente setzt und jedweden Ansatz von Kritik gegenüber einer Regierungsentscheidung sehr weit rechts einordnet. Das mag bei Extremisten zutreffen, und so wird jede rhetorische Schnittmenge zur AfD oder der Identitären Bewegung als Beweis gesehen, mindestens "rechtsoffen" zu sein. Als Konsequenz daraus etablierte sich schließlich unter den Demonstranten und Kritikern die Phrase "weder rechts noch links". Es ist nur eines der Fettnäpfchen, in das Besorgte und Kritiker traten, und so ist es auch unverständlich, wieso Bill Gates für Impfzwang-Fantasien herhalten muss, was deutlich verbreiteter als Scheinargument herhielt denn die alte, verwirrte Leier von der "Merkel-Diktatur".

Das Zünglein an der Waage ist in diesem Fall die Wirtschaft, die unter dem Schock des Lockdown im März diesen Jahres deutliche Worte in Richtung der Regierung und Entscheidungsträgern fand. Das hatte Gewicht. Unter den "Vernünftigen" grassiert nun das Dilemma, Gesundheitsschutz über eine funktionierende Wirtschaft zu stellen - was für Klimaschützer und Systemkritiker als einmalige Chance zum grundsätzlichen Umbau von Staats- und Wirtschaftsstrukturen aufgegriffen wurde. Allerdings dominiert die Absicht über die Vermeidung eines zweiten Lockdown aktuell die Gazetten - Stimmen, die jede Skepsis sogleich in die AfD-Ecke schieben, sind unter dem realen Eindruck von Kurzarbeit, bedrohten Existenzen und milden Krankheitsverläufen verstummt. Letztlich wird gar der Aktionismus um die stark verfrühte Zulassung eines Impfstoffes kritischer beleuchtet.

Stand heute lässt sich beobachten, dass sich in den Social Media-Kanälen immer noch Shitstorms generieren lassen. Jedes Videostatement wird auf Schlagworte untersucht und viral vermarktet. Der Frust gedeiht in einer Situation, die zwar noch kein Ende gefunden hat, jedoch nun auch fundierte Mängel in Maßnahmen, Zahlenkommunikation und Auswirkungen zweiten Grades aufzeigt. Das Filterblasenmanagement einschlägiger Seiten beider Lager ist bemüht, den Hoheitsgehalt ihrer Meinungen aufrecht zu erhalten, auf der Suche nach mehr Reichweite. So müssen wir wohl oder übel lernen zu akzeptieren, gleichzeitig mit Pandemien und dessen Instrumentalisierung zu leben.

06:06 13.10.2020
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Geschrieben von

SaschaW

Hobbyschreiber, Politikinteressiert, unkonventionell, teile gerne meine Sicht auf die Welt mit
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