Atomkraft ist abwählbar

Gastkolumne Der Super-Gau von Tschernobyl war kein sowjetischer Fehler, sondern ein Fehler des Atomsystems. Doch diese Erkenntnis hatte bei FDP und Union nur eine kurze Halbwertszeit

Vor 23 Jahren ereignete sich der schwerste Unfall der bisherigen Industriegeschichte. Bei einer Havarie im Atomkraftwerk von Tschernobyl wurde 200mal so viel Radioaktivität freigesetzt wie bei den Atombombenexplosionen von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Bis dahin war das zerstörerische Potential bei der „friedlichen Nutzung der Atomkraft“ noch nie so offenbar geworden wie bei dieser Katastrophe: Nicht nur Gebiete in Weißrussland und der Ukraine wurden stark verstrahlt – der radioaktive Fallout kontaminierte 40 Prozent der Fläche Europas. Noch heute erkranken deshalb Menschen an Leukämie und Schilddrüsenkrebs. Unabhängige Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Gau für den Krebstod von 60.000 Menschen verantwortlich ist, aber auch für eine hohe Zahl von Herz-Kreislaufschäden und psychischen Erkrankungen gesorgt hat.

Die Explosion versetzte halb Europa in einen Ausnahmezustand. Wo die tödliche Wolke lang gezogen war, durften Kinder nicht mehr auf die Spielplätze. Milch, Gemüse, Obst und viele Fleischsorten wurden verseucht. Züge mit verstrahlter Molke dominierten tagelang die Nachrichten.

Unterwürfigkeit gegenüber der Atomlobby

Direkt nach dem Unfall war es vor allem Jod 131, das die Schilddrüsen der Bürger belastete. Wegen der kurzen Halbwertszeit gibt es dieses Problem inzwischen nicht mehr, geblieben sind Belastungen durch Cäsium-137 und Strontium-90. Die Bundesregierung hat auf eine meiner Anfragen gerade bestätigt, dass in vielen Regionen Süddeutschlands das Waldökosystem noch heute so stark mit dem langlebigen Cäsium-137 belastet sind, dass manche Beeren, Wild und Pilze als „genussuntauglich“ nicht in den Handel gebracht werden dürfen.

Der Super-Gau von Tschernobyl war kein sowjetischer Fehler, sondern ein Fehler des Atomsystems. Wenn der Ausstieg aus der Atomkraft nicht gelingt, bleiben derartige Unfälle potentiell möglich. Schon sieben Jahre vor Tschernobyl mussten im US-Atommeiler Harrisburg 200.000 Menschen wegen einer Teil-Kernschmelze fliehen. 2006 ist Europa nur knapp an einem GAU im schwedischen Forsmark vorbei geschrammt. Atomkraft ist eben auch Glückssache. Jede Technik ist anfällig für Fehler. Eine Technik, bei der ein Fehler einen halben Kontinent bedroht, ist selbst ein Fehler.

Nach Tschernobyl gab es in der Bundesrepublik deutliche Mehrheiten für einen schnellen Atomausstieg. Bei Union und FDP hatten damalige Erkenntnisse leider nur eine kurze Halbwertszeit, beiden Parteien überbieten sich heute an Unterwürfigkeit gegenüber der Atomlobby. Insofern muss es sich noch erweisen, ob der deutsche Atomkonsens als Sargnagel für die Atomindustrie in die Geschichte eingehen wird. Seit dieser Konsens gefunden wurde, sind die AKWs Stade, Mülheim-Kärlich und Obrigheim in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Die anstehende Abschaltung von Neckarwestheim 1 und Biblis A wurde durch betriebliche Stillstände und durch Tricks hinausgezögert.

Der Showdown aber erwartet uns in der nächsten Legislaturperiode. Dann stehen sechs bis sieben der gefährlichsten Meiler Deutschlands vor des Aus. Eine schwarz-gelbe Mehrheit würde die Laufzeiten dieser Schrottreaktoren wieder verlängern und den Betreibern Milliarden-­Extraprofite ermöglichen. 2010 wird auch das Gorleben-Moratorium auslaufen. Angesichts des Desasters im Endlager Asse 2, in das nicht nur Lauge läuft, sondern das an manchen Stellen einzubrechen droht, wäre eine Vorentscheidung für Gorleben ein Verbrechen an künftigen ­Generationen. In keiner anderen Frage ist die Richtungsentscheidung bei der Bundestagswahl so klar wie beim Atomausstieg. CDU/CSU/FDP wollen die AKWs am Netz behalten – Grüne, Linke und SPD den Atomausstieg fortsetzen. Die Wähler haben zu entscheiden zwischen einem klaren Bekenntnis zu erneuerbaren Energien und Einspartechniken oder der Gefahr eines Tschernobyls in Deutschland.



Sylvia Kotting-Uhl ist Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grüne

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