Scharia-Mania in der arabischen Welt - Teil 2

Islam ǀ Die neuen "Heilsbringer" als göttliche Gesetzeshüter? Eine muslimische Sichtweise zur Augenwischerei der Islamisten. [Die Fortsetzung]
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Prof. Hossein Askari und Scheherazade S. Rehman stellten den sog. „Economic Islamicity Index“ auf, der im „Global Economy Journal“ im Jahre 2010 veröffentlicht wurde (www.redir.ec/Islamicity). Darin wurde die Frage untersucht: „Wie islamisch sind ‚islamische‘ Länder der Gegenwart?“ Zu dieser Forschung zogen sie etwa 113 messbare Variable hinzu. Diese Variable waren grundlegende Prinzipien, die islamische Quellen hergeben und im wirtschaftlichen Bereich messbare Faktoren sind, die unmittelbar mit sozialen und politischen Rahmenbedingungen zusammenhängen. Nach der Analyse von 208 Ländern wurde folgende Rangliste angefertigt:

  • 1. Irland
  • 2. Dänemark
  • 3. Luxemburg
  • 4. Schweden
  • 5. Großbritannien
  • ...
  • 16. USA
  • 26. Deutschland
  • 27. Israel
  • 33. Malaysia (Das erste auftauchende mehrheitlich muslimische Land)
  • ...
  • 42. Kuwait (Das erste „islamische“ Land, das Teile der Scharia anwendet)
  • ...

Demokratisch. Säkular. Gottlos?

Man bedenke bei entstanden Konflikten zwischen den Islamgelehrten und den Repräsentanten des Volkes die Situation eines Andersgläubigen in einem Staat, der ihm das muslimische Recht aufdrängt. Ein Recht, indem er möglicherweise nach einer spezifischen Interpretation als Bürger zweiten, dritten oder vierten Ranges betrachtet werden würde und bei der Gesetzgebung überhaupt kein Mitspracherecht hätte. Damit ist es nicht getan, die Sache ist noch viel komplizierter. Der Islam besitzt ein Buch, das von Gott offenbart wurde, und die muslimischen Gelehrten sagen zudem, dass sie alleine das Recht hätten, dieses Buch auszulegen. Würde dies der vom Islam geforderten Gerechtigkeit gerecht werden?

Man solle sich einmal vorstellen, was beispielsweise in Deutschland geschähe, wenn man die Trennung von Staat und Religion aufheben würde und ein im Kompromiss zwischen Katholiken und Protestanten entstandene Gesetz der christlichen Mehrheit der muslimischen Minderheit aufzwängen würde. Was wäre die Reaktion der Muslime in Deutschland? Also wäre es auch im Sinne des Islams und seines Propheten, der sagte: „Und wünsche für die Menschen das, was du für dich selbst wünschst, so bist du ein Muslim.“

Den Kapitalfehler, den religiöse Fanatiker begehen, ist der, dass sie Säkularismus mit Gottlosigkeit gleichsetzen. Ist das aber eine kluge Schlussfolgerung? Keines Falls, denn durch die Trennung von Staat und Religion wird der Verwaltungsapparat eines Staates nicht automatisch zu einem religionsfreien Raum. Der Staat wird nach wie vor von Menschen geführt, die einer Religion oder einer Weltanschauung angehören. Die Neutralität des Staates bedeutet auch, dass der Staat nicht für Laizismus in der französischen Tradition oder für den Atheismus Partei ergreifen darf. Indes muss der Staat ermöglichen, dass alle Menschen aus ihren jeweiligen Überzeugungen in dieser Gesellschaft wirken können; und dies nicht nur privat, sondern auch öffentlich.

Fanatiker müssen verstehen, dass es bestimmte Dinge auf der Welt gibt, die keine Religion haben. Sie sind säkular. Ob ein Christ, Muslim oder ein Jude ist, der Getreide auf richtige Weise anpflanzt, so wird man am Ende auch etwas ernten können. So auch wenn man beispielsweise zwei Ärzte zur Auswahl hätte, die als einzige die Heilung einer unheilbaren Krankheit besäßen. Der eine Christ oder Jude und der andere ein Muslim. Wäre über dem einen „Muslim“ aber bekannt, dass er ein Betrüger ist, würden die Menschen, dann nicht lieber den Christen oder den Juden als ihren Arzt vorziehen? Ähnlich ist es auch in der Verwaltung eines Staates, die den Motor der Gesellschaft darstellt. Ist es da nicht gleichgültig, wer diesen antreibt, solange Gerechtigkeit ausgeübt wird?

Geeignete Rahmenbedingung?

Im Koran heißt es sogar, dass im Falle einer Feindseligkeit gegenüber einem anderen Volk die gläubigen Muslime nicht anders denn gerecht handeln sollten (5:9). Dass der Islam alles verbietet, was diesem Gerechtigkeitsgebot zuwiderlaufen würde, wird am Beispiel des Propheten Muhammad in Medina deutlich. Dort fragte er beispielsweise Juden, die um eine rechtliche Entscheidung baten: „Wollt ihr, dass euer Streit nach dem jüdischen Gesetz oder nach dem islamischen Gesetz oder durch Schiedsspruch gelöst wird?“ In keinem Fall hat er eine Partei, die sich nicht zum Islam bekannte, das islamische Gesetz aufgezwungen, wenn sie damit nicht einverstanden war. Die Scharia galt in der Praxis des Propheten ausschließlich verpflichtend für die Muslime.

Aber wie sieht es in der Gegenwart aus? Erfüllen muslimische Gesellschaften überhaupt die Voraussetzung für eine göttliche Gesetzgebung?So wie heutige sogenannte „islamische“ Staaten handeln, wenn sie die Scharia in einer Gesellschaft implementieren, ist vergleichbar mit jemandem der einen Kirschbaum in mitten einer Wüste pflanzt und darauf wartet, dass dieser Früchte trägt. Durch das Klima in der Wüste können doch keine Kirschen wachsen!

Bevor also ein islamisches Gesetz eingeführt werden kann, müsste der moralische Standard in der Gesellschaft angehoben werden. Wie kann dies geschehen? Die Antwort ist: Durch einen Propheten, der von Gott geschickt wird, um die Menschen zu erziehen. Während diese Menschen erzogen werden, entwickeln sich die geeigneten sozialen Umstände in der Gesellschaft. Man kann nur mit Gerechtigkeit zwischen Menschen richten, wenn die Rechtsprechung als passend zum Verhalten der Gesellschaft bezeichnet werden kann. Wenn in einem Land also Diebstahl Gang und Gebe ist, die Menschen verhungern, Morde begangen werden und Zeugen oder Richter gekauft werden, da kann doch solch eine Rechtsprechung nicht optimal funktionieren.

Es wird ständig behauptet, dass der Islam zu harte Strafen vorschreibe. Bei dieser Diskussion muss man Kritikfähigkeit besitzen und vor Augen halten, dass es die Funktion eines Rechtssystems ist, die Schuldigen zu bestrafen und die Unschuldigen zu beschützen. Wenn jedoch dem Schuldigen Tag für Tag vergeben wird oder mit ihm sanft umgegangen wird, dann ist dies ungerecht. Wenn auf der anderen Seite eine härtere Rechtsprechung – ganz egal ob islamisch oder nicht, die in äußerster Seltenheit zum Einsatz kommt und das Leiden der Unschuldigen stark vermindert, dann wäre doch gegen eine strengere nichts einzuwenden?

Dabei muss man dennoch Nachdrücklich bemerken, dass es solch eine Gesetzgebung die Rahmenbedingung, die der Islam vorschreibt erfüllen muss. Solange die bei bestimmten Delikten verlangten vier rechtschaffene Zeugen Betrüger und Heuchler sind, kann ein solches Rechtssystem nicht funktionieren. Solange innerhalb eines Landes ungerechte Verteilung der Ressourcen vorherrscht und eine Vielzahl der Bevölkerung Hunger erleiden, wie kann dann davon ausgegangen werden, dass Menschen nicht dazu gezwungen werden kriminelle Handlungen zu begehen.

Die „islamischen“ Staaten verdienen die Scharia nicht, da sie mit ihrem spirituellen Kern nicht umgehen können, die Bedingungen der sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Erwartungen an die moralische Erziehung nicht erfüllen können.

15:01 16.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tahir Chaudhry

Journalist. Gründer & Chefredakteur www.dasmili.eu.
Tahir Chaudhry

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