Scharia-Mania in der arabischen Welt - Teil I

Islam ǀ Die neuen "Heilsbringer" als göttliche Gesetzeshüter? - Eine muslimische Sichtweise zur Augenwischerei der Islamisten.
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In den letzten zwei Jahren erlebten wir einen gewaltigen Umbruch in der arabisch-islamischen Welt. Was von vielen Experten als reiner Kampf für freiheitliche Werte gedeutet wurde, war tatsächlich weit mehr als nur dieser. Es war auch ein Kampf für bessere Lebensverhältnisse. Tunesien, das Land, welches im Winter 2010 der Ausgangspunkt für eine länderübergreifende Protestwelle war, resultierte aus Protesten und Streiks gegen Korruption und Massenarbeitslosigkeit. Während bei uns eine stärkere Hinwendung zu Demokratisierung nach westlichem Vorbild erwartete, stieg die Nachfrage nach islamistischen Parteien, die mit der Einführung der „Scharia“ liebäugelten. Bald darauf begann weltweit eine große Diskussion rund um diesen Begriff und der Frage nach der Kompatibilität des Islam mit einer Demokratie, die eine Trennung von Staat und Religion beinhaltet. Zudem stieg auch die Angst innerhalb westlicher Gesellschaften vor einer Islamisierung ihres Landes und generell vor Muslimen, die die Scharia befürworteten.

Angst vor der Scharia?

Der Begriff „Scharia“ (arab.) bedeutet übersetzt „Weg zur Tränke“ und ist das religiöse Gesetz des Islam. Dieses Gesetz hat sich aus drei Bezugspunkten entwickelt: 1. Koran, 2. Sunna (Praxis des Propheten) und 3. Hadith (Aussprüche des Propheten Muhammad). Sie umfasst hauptsächlich die sogenannten ibadah (gottesdienstliche Handlungen) und die mu'amalat (gegenseitige Beziehungen). Einen minimalen Anteil an dem Gesetz machen im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung die 'uqubat (Strafkodex) aus. Also wird unter dem Begriff „Scharia“ die gesamte islamische Lehre verstanden. Eine Lehre, mittels der die Menschen zum Ziel ihres Daseins geführt werden sollen. Wenn Muslime beten, sich die Zähne gründlich putzen oder dem Staat gehorchen, indem sie leben, handeln sie nach einer Lebensphilosophie, der "Scharia".

Die "Scharia" als staatliche Gesetzgebung wurde von Rechtsgelehrten des Mittelalters erst lange nach dem Tod des Propheten Muhammad angepasst an ihrer eigenen Umwelt entwickelt. Sie war schon immer Gegenstand kontrovers geführter Diskussionen, da es kein in allen Einzelheiten feststehendes Gesetz für die Muslime darstellt. Daher kann man nicht von der einen Scharia sprechen, denn es existieren von Marokko bis Indonesien unterschiedlichste Auslegungen einzelner islamischer Gruppen und ihrer jeweiligen Gelehrten. Die Forderung einiger Gelehrter kann also nicht ernst genommen werden, dass das religiöse Gesetz in ihren Einzelheiten feststünde und somit Punkt für Punkt in unsere heutige Zeit übernommen werden sollte.

Der Islam erhebt den Anspruch für alle Völker und alle Zeiten zu gelten. Somit kann sie auch in Einzelheiten einer Weiterführung und moderner Interpretationen unterliegen. Über den zweiten Kalifen Umar wird überliefert, dass er seinerzeit – wohl angemerkt - die Maximalstrafe des Handabhackens für Gewohnheitsdiebe zeitweilig ganz außer Kraft, als im Lande eine Hungersnot herrschte. Demzufolge müssen Recht und Rechtsprechung immer weiterentwickelt werden, um den jeweiligen Gesellschaften gerecht zu werden; allein die koranischen Glaubensgrundsätze bleiben unveränderlich. Demgemäß gibt es beispielsweise Auslegungen, wonach die Strafe für Gewohnheitsdiebe als fernhalten von etwas oder unterbinden einer kriminellen Handlung verstanden wird.

In der Gegenwart gibt es neben zwei Ländern: Mauretanien und Saudi-Arabien, die die "Scharia" vollständig eingeführt haben und Länder wie: Iran, Afghanistan, Bangladesch, Sudan usw., die bestimmte Teile der "Scharia", wie etwa den Strafkodex in ihre Rechtsprechung eingearbeitet haben. Man hat in diesen Ländern erkannt, dass Menschen mittels ihrer Religion kontrollierbarer sind. Herrscher dieser Länder haben es einfacher, wenn Menschen gleich denken, gleich handeln und dadurch zu ihren persönlichen Marionetten werden. Um die eigene Herrschaft zu legitimieren versucht man sich nach außen hin als „islamisch“ zu zeigen, indem man dem Volk eine harte Handhabe nach ihren eigenen Scharia-Gesetzen präsentiert und vorgibt die Vertretung Gottes auf Erden zu sein. Aus solchen Ländern hört man traurigerweise nicht selten über Menschenrechtsverletzungen, Einschränkung von den Grundfreiheiten des Menschen, ungerechte Macht- und Ressourcenverteilung, verbreitete Korruption, Unterdrückung von religiösen Minderheiten etc.

In der Praxis wird oft missachtet, dass die „Scharia“ die Muslime auch dazu auffordert jeden Menschen unabhängig von Volkszugehörigkeit und Überzeugung respektieren soll. Als der Prophet Muhammad zum Anführer in Arabien ernannt wurde, war eine seiner primären Bedingungen, dass Nichtmuslime – seien sie Juden, Christen, Muslime oder Götzendiener, ihren Gottesdienst durchführen konnten und ihr Leben ohne jegliche Unterdrückung verbringen konnten. Während heutzutage Nichtmuslime in „islamischen“ Ländern wie Saudi-Arabien oder Pakistan unvorstellbare Qualen erleiden müssen, war ihr Lebensstandard zu Zeiten des Propheten Muhammadoft viel höher als der, der Muslime. Und das Erstaunlichste ist, dass der Prophet Mohammed als Oberhaupt von Medina nicht die „Scharia“ als Konstitution festlegte, sondern die „Charta von Medina“, die den jüdischen und christlichen Stämmen die jeweiligen Grundfreiheiten einräumte. Im Koran heißt es, dass wenn Allah seinen Willen erzwungen hätte, alle auf dieser Erde geglaubt hätten. Wie kann der Muslim denn etwas fordern, was dem Willen Gottes widerspricht? (10:100)

Es könnte also nicht im Sinne des Islams sein, wenn ein „islamischer“ Staat Menschen an der Ausübung oder nicht Ausübung ihres Glaubens hindert. Selbst wenn man die frühe islamische Gemeinschaft unter der Führung Propheten Muhammad betrachtet, wird ersichtlich, dass Gott den Muslimen erst die Erlaubnis sich zu verteidigen nach ca. 13 Jahren der Verfolgung erteilte und dies nur auf Basis der Wiederherstellung der Glaubensfreiheit. Die wilde Jagd nach den „Ungläubigen“ wird nicht gepredigt. So wird im Koran erwähnt, dass denjenigen die Erlaubnis wurde sich zu verteidigen, die bekämpft und vertrieben wurden. Hätte Allah diese Erlaubnis nicht erteilt, dann wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen niedergerissen worden, heißt es in einem Koranvers (22: 40-41). Man beachte hierbei einmal die Reihenfolge, in der die Gebetsstätten der Religionen ihre Erwähnung finden, wobei die Moschee als letzte in der Reihe angeführt wird. Der Islam kann folglich als ein Verfechter der Religionsfreiheit betrachtet werden.

Der Etiketten-Schwindel

Bedauerlicherweise haben sich über die letzten Jahrhunderte zahlreiche Mythen in die verschiedenen Interpretationen der Scharia eingeschlichen und in der Praxis durchgesetzt. So in etwa die Steinigung bei Ehebruch, obwohl es faktisch keine einzige Stelle im Koran gibt, die von der Steinigung spricht. Diese Bestrafungspraktik findet man stattdessen in der Thora und somit im jüdischen Gesetz. Muslimische Verfechter der Steinigungsstrafe präsentieren häufig eine Überlieferung des Propheten, indem er wohl eine jüdische Frau nach dem jüdischen Gesetz richtete. Im Grunde ist den Gelehrten sehr wohl bewusst, dass bei einer Diskrepanz zwischen Koran und Überlieferung immer zu Gunsten des Korans entschieden werden muss. Trotzdessen entscheidet man sich für diese alttestamentarische Bestrafungspraktik.

Die Todesstrafe bei Apostasie (Abfall vom Glauben) ist ebenso ein Mythos. Wo zahlreiche Verse des Korans von einem absoluten Verbot von Zwang in Glaubensdingen sprechen und die Religionsfreiheit betonen (18:30, 4:13, 2:257) ignoriert man diese und betrachtet die Abkehr von dem Islam als Verrat an dieser Religion. Befürworter einer solchen Strafe erwähnen in diesem Kontext eine Überlieferung, die die Bestrafung eines Abtrünnigen schildert. Indes vernachlässigt man den historischen Kontext, in dem dieses Geschehen eingebunden ist. Der vorenthaltene Aspekt, ist der, dass es sich zu Zeiten des Krieges abspielt, wo ein muslimischer Soldat zum Feind überläuft, sich also dem Hochverrat schuldig macht und anschließend den Muslimen im Kampf feindlich gegenübersteht.

In einigen „islamischen“ Ländern wird ebenso die Beleidigung des Propheten und Gotteslästerung mit dem Tode bestraft. Der Koran hingegen spricht in solchen Fällen, in denen Muslime viel Verletzendes zu hören bekommen von Geduld, redlichem Handeln und fester Entschlossenheit (3:187).

Fortsetzung folgt...

12:48 13.03.2013
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Geschrieben von

Tahir Chaudhry

Journalist. Gründer & Chefredakteur www.dasmili.eu.
Tahir Chaudhry

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