An Mursis Tod ist auch Deutschland schuld

Mohammed Mursi Militärdiktator al-Sisis Plan ist aufgegangen: Der ehemalige ägyptische Präsident Mohammed Mursi ist an seinen unmenschlichen Haftbedingungen gestorben. Ein Kommentar
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Ägypten, eines der brutalsten Militärdiktaturen der Welt, strategischer Partner eines skrupellosen und scheinheiligen Westens, sowie Lieblingsreiseziel deutscher Nach-mir-die-Sintflut-Hauptsache-billig-Touristen im Nahen Osten, hat den einzig demokratisch gewählten Präsidenten in der Geschichte des Landes, Mohammed Mursi, unter folterähnlichen Zuständen (so Human Rights Watch) über sechs Jahre lang im Gefängnis dahinsterben lassen.

Das ist tragisch, aber war vorauszusehen: Ägyptens Militärherrscher hatten noch nie was übrig für Muslimbrüder wie Mursi einer war. Auch ist es kein Zufall (wer Lawrence Wright‘s 9/11 Monographie „The Looming Tower“ gelesen hat weiß wovon ich spreche), dass der in ägyptischen Gefängnissen gefolterte und ohnehin schon radikale Aiman az-Zawahiri sich zu al-Qaida‘s Führungsebene weiter hochradikalisieren und neben Osama bin Laden zum meistgesuchten Terroristen der Welt aufsteigen sollte.

Bemerkenswert ist hingegen etwas anderes: das Schweigen Deutschlands zu Mursis Tod, ja Mord. Auch das Schweigen Frankreichs, Großbritannien und das der Schutzmacht USA, denen der Fall lediglich ein „Ja, haben wir mitbekommen“ wert war (die Vorbereitungen auf einen möglichen amerikanischen Iran-Krieg scheinen die ganze Aufmerksamkeit des einst so stolzen Weltpolizisten zu beanspruchen."

Dabei ist gerade Deutschland derzeit Mitglied im UN-Sicherheitsrat und möchte laut Außenminister Heiko, dem Hipster (oder wie ich bevorzuge: Heiko, der Heuchler) Deutschlands wachsender Verantwortung in der Welt gerecht werden. Das klingt eher nach Jan Böhmermanns „Deutschland ist wiederrr im Rrreichstag zurrrück, Deutschland will wiederrr werrr sein.“ Oder Blumentopfs bereits 2003 vorhergesagtem übersteigerten Militarismus Deutschlands: „Ich will durch die Welt ziehen wie deutsche Soldaten.“ Wie passend, dass heute durch das einstige linke Berlin-Kreuzberg mittlerweile BVG-Doppeldeckerbusse rollen, die komplett mit Bundeswehrwerbung zugepflastert sind. Sind das noch öffentliche Verkehrsmittel oder rollende Rekrutierungsmobile für sinnlose Kriege? Wie wärs mal, wenn die BVG zur Abwechslung mal einen der prominentesten Söhne ihrer Mudderstadt, Kurt Tucholsky, würdigt und „Soldaten sind Mörder“ quer über ihre ganze Busflotte schreiben lässt?

Doch ich schweife ab: die Causa Mursi ist wieder mal ein prägnantes Beispiel für die historische Verlogenheit des Westens, der nicht müde wird, anderen Demokratie zu predigen, während er es a) selber nie so ernst mit diesem angeblichen Wundermittel für alle kulturalisierten Probleme des Globalen Südens genommen hat (Aufklärung sagen, Kolonialismus machen lässt sich der europäische Zeitgeist des 19. Jahrhunderts zusammenfassen), und b) jede demokratische Errungenschaft im Nahen Osten oder Lateinamerika sofort unterminieren und abschaffen lässt, sobald der Ausgang ihm ideologisch nicht in den Kram passt.

Nur zur Erinnerung: Mursis Muslimbruderschaft war schon seit ihrer Gründung 1928 durch Hassan al-Banna systematischer Gewalt, Verfolgung, Unterdrückung und Diskriminierung durch alle übrigen ägyptischen Präsidenten ausgesetzt: vom Panarabisten Nasser über Anwar as-Sadat, der seinen bei der ägyptischen Bevölkerung bis heute unpopulären faulen Friedensschluss mit Israel mit dem Leben bezahlen sollte, bis hin zu Hosni Mubarak und dem aktuell schlimmsten Finger, Abd al-Fattah al-Sisi.

Und komischerweise waren sie ALLE Militärs und KEINER von ihnen demokratisch legitimiert. Demokratisch legimitiert wurde hingegen 2012 der Muslimbruder Mursi, mit 51,7 % knapp, aber mehrheitsdemokratisch in einer Stichwahl mandatiert durch das ägyptische Volk in der ersten freien Wahlen Ägyptens. Nur, um dann ein Jahr später durch das Militär - mit freundlicher Genehmigung des Westens natürlich - gestürzt und ins Gefängnis geworfen zu werden, wo er sechs Jahre in Einzelhaft verbrachte und an den gewollt unmenschlichen Haftbedingungen schließlich vorgestern verstarb.

An seinem Tod ist auch der Westen schuld, und somit auch Deutschland, das ägyptische Militärregime schon lange hofiert hat, hauptsächlich wegen seiner masochistischen und schon lange anachronistischen Liebe zu Israel, heute in Zeiten von konstruierten „Flüchtlingskrisen“ auch weil sogar Ägypten unserer Wohlstandsgesellschaft notleidende Geflüchtete vom Volkskörper hält. Was der Westen im Falle Ägyptens historisch gemacht hat und auf unabsehbare Zeit machen wird, hat weder etwas mit Demokratie zu tun, noch mit Realpolitik, sondern ist nichts anderes als perfide Heuchelei.

Es sind Staaten wie die Türkei (unter einem zurecht selbstbewussten regional- und außenpolitikgestaltenden Erdogan), Malaysia unter Elder Statesman und Wieder-Premierminister Mahatir Mohamad (der für seine postkoloniale Herrschaftskritik am Westen und am Kolonialgebilde Israel sowie für sein erfolgreiches malaysisches Entwicklungsmodell schon seit den 198oern vom Globalen Süden gefeiert wird), Katar unter Sympathikus Sheikh Tamim und Pakistan unter Imran Khan (Ex-Cricketstar und Ex-Freund der ersten deutschen MTV-Moderatorin Kristiane Backer, die 1995 zum Islam konvertierte), die bisher die Einzigen sind, die neben internationalen Menschenrechtsorganisationen das beabsichtigte und einkalkulierte Sterbenlassen Mursis (man will ja nicht ganz so schlimm dastehen wie das massenhinrichtungs- und auftragsmordgeile saudische Herrscherhaus, noch so ein BFF des angeblich moralisch sauberen Westens) durch Ägypten zum Teil vehement kritisiert haben. Und auch den Anstand gehabt haben, ihm in absentia die letzte Ehre zu erweisen. Ägypten hat nicht einmal Mursis Bestattung auf dem Friedhof seiner Familie erlaubt.

Möge er in Frieden ruhen dieser Mohamed Mursi, der zwar in seinem einen Jahr im Amt sehr vieles falsch gemacht hat, aber nicht umstrittener war als all jene, die ihn stets umstritten genannt haben. Unter Mursi gab es wenigstens Raum für freie Meinugsäußerung (die damaligen Massendemonstrationen gegen ihn bezeugen dies), etwas, das unter al-Sisi vollständig binnen kürzester Zeit abgeschafft wurde. Und er war schon gar nicht schlimmer als seine vom Westen geschützten und gestützten Vorgänger.

Und schämen sollten sich alle selbsternannten liberalen Demokratien des Westens, die brutale und barbarische Regime wie Ägypten und Saudi Arabien sowie eine illiberale Demokratie wie Israel, dessen blutige Staatsgründung auf dem enteigneten Territorium anderer bis heute den Nahen Osten nicht zur Ruhe kommen lässt (bis heute müssen unbeteiligte Palästinenser auf ihrem eigenen Land für in Europa begangene deutsche Verbrechen büßen: diese schallende Ungerechtigkeit muss man mal auf sich wirken lassen!), mit schönen Worten und Handelsbeziehungen legitimieren und animieren, weiterhin ihre eklatanten Menschenrechtsverletzungen zu begehen.

10:47 19.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist aus Berlin in London・Regionalexperte für MENA, Ostafrika & SOA・Instagram: @talrooq
Timo Al-Farooq

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