Bangladesch = Tod der Two Nation Theory?

Bangladesch 1971 Die Abspaltung Bangladeschs von Pakistan 1971 ist aus indischer Sicht die größte Widerlegung der pakistanischen Gründungsideologie einer nationalen Heimstätte für Muslime
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Als am 16. Dezember 1971 der Kommandierende der pakistanischen Armee im bengalischen Ostpakistan, General Amir Abdullah Khan Niazi, nur Minuten vor Ablauf der indischen Waffenstillstandsforderung über den Radiosender der Vereinten Nationen die bedingungslose Kapitulation seiner 60,000 Truppen in Ostbengalen verkündete, markierte dies einen historischen Moment in der Geschichte des postkolonialen indischen Subkontinenten, wie es ihn seit der Teilung British-Indiens nicht gegeben hatte: Nach neun Monaten bitteren Bürgerkrieges hatte die bengalische Mehrheitsbevölkerung Ostpakistans mittels der Mukti Bahini, eines heterogenen Zusammenschlusses bengalischer Unabhängigkeitskämpfer_innen, sowie durch den Kriegseintritt Indiens über Fremdbestimmung, Kulturimperialismus und wirtschaftliche Ausbeutung gesiegt und somit den Weg Ostbengalens freigemacht für eine neue selbstbestimmte Zukunft innerhalb eigener nationalstaatlicher Grenzen. Etwa eine Stunde nach Niazis Kapitulationserklärung fuhren siegreiche indische Truppen unter dem frenetischen Freudentaumel der Bevölkerung in der Hauptstadt Dacca ein (frühere anglisierte Schreibweise, heute Dhaka), und die formelle Unterzeichnung des Instrument of Surrender zwischen Niazi und dem Kommandierenden der indischen Armee an der Ostfront, Generalleutnant Jagjit Singh Aurora am späten Nachmittag auf dem Dacca Race Course, besiegelte schließlich auch de iure die westpakistanische Kriegsniederlage. So endete ein nur 13-Tage andauernder Krieg zwischen zwei erst vierundzwanzig Jahre zuvor gegründeten Nationalstaaten - laut eines elf Tage später erschienen Artikels im US-amerikanischen TIME Magazine "the briefest but bitterest of the wars between India and Pakistan"- mit der Entstehung eines dritten Staates: Bangla Desh, das Land der Bengalen.

Die Two Nation Theory: endgültig im Golf von Bengalen versenkt?

Für Pakistan war es eine vernichtende Niederlage, militärisch wie politisch: etwa 90,000 Westpakistaner (die meisten Soldaten und Paramilitärs, der Rest Zivilisten wie deren Familienmitglieder und Kollaborateure) wurden zu Kriegsgefangenen Indiens und erst mit der Unterzeichnung des Simla Agreement am 2. Juli des Folgejahres freigelassen. Ferner hatte Pakistan mit der Sezession seines östlichen Territoriums knapp die Hälfte seiner Bevölkerung sowie einen wichtigen Teil seiner Wirtschaft verloren. Hinzu kamen die psychologische Niederlage gegen den Erzfeind Indien sowie die Schwächung seiner geopolitischen Gewichtung in der Region. Und dass Pakistan eine weitere, tiefgründigere Niederlage in diesem dreizehntägigen Krieg erlitten hatte, nämlich eine ideologische, daraus machte Indiens Premierministerin Indira Gandhi keinen Hehl, als sie verkündete, die sogenannte Zweinationentheorie, jene vom pakistanischen Gründervater Muhammad Ali Jinnah propagierte Gründungsideologie Pakistans, die auf der Überzeugung beruhte, die Hindus und Muslime des Subkontinenten seien trotz ihrer gemeinsamen "ethnischen" Identität und jahrhundertelanger weitgehend friedlicher Koexistenz unter der Mogul-Herrschaft zwei unterschiedliche Nationen (eine Ideologie, die ihrerseits auf eine aus muslimischer Sicht nachvollziehbare Sorge/Angst beruhte, dass Muslime in einem unabhängigen, hindudominierten Indien nicht in Sicherheit und mit vollwertiger politischer und gesellschaftlicher Teilhabe leben könnten), sei durch die Schaffung Bangladeschs im Golf von Bengalen versenkt worden. Womit wir auch schon beim Thema wären: dem Versuch am Sinn oder Unsinn einer Theorie, die in der Forderung der Muslime Indiens nach einem eigenen Staat münden und schließlich zur territorialen und nationalstaatlichen Teilung des Subkontinenten führen sollte; und die Rolle des ebenso mehrheitlich muslimischen Bangladeschs - als aus der nationalstaatlich-territorialen Zweiteilung Indiens in Indien und Pakistan hervorgegangenen dritten Staat - in der Debatte um die Legitimitat und das Vermächtnis dieser Theorie.

Bangladesh als verspätetes Fallout der indischen Teilung von 1947?

Hatte Frau Gandhi, Tochter des großen Jawaharlal Nehru, dem ersten Ministerpräsidenten eines kolonialbefreiten Indiens, nun recht? Ist durch den Verlust des östlichen Flügels Pakistans jene binäre Theorie widerlegt worden, die den Staat Pakistan überhaupt aus der Taufe heben konnte und auf die seine gesamte Daseinsberechtigung beruhte, nämlich darauf, dass Muslimen in einem hindudominierten unabhängigen Indien die politische Gleichstellung verwehrt werden würde und sie daher nur in einem eigenen Staat ein selbstbestimmtes Leben führen könnten?

Auf ersten Blick scheint es so: schließlich waren es ja Muslime, die sich von Muslimen losgesagten und somit belegten, dass eine gemeinsame Religion keineswegs ausreichendes Bindemittel für eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen innerhalb einer Nation konstituierte, geschweige denn, wie im Falle Pakistans, für so etwas Grandioses wie eine Staatsgründung ausreichte; es bedurfte also doch mehr, um jene "deep, horizontal comradeship" zu spüren, die Benedict Anderson als ein grundlegendes Wesensmerkmal der Nation benennt, als bloß der ritualisierte Glaube an denselben Gott. Erwies sich also mit der erfolgreichen Lossagung Bangladeschs vom Staate Pakistan die Zweinationentheorie, dessen Implementierung die geopolitsche Landschaft einer Region verändern würde wie zuletzt davor vielleicht nur die Aufteilung des Osmanischen Reiches durch die Siegermächte nach Ende des Ersten Weltkrieges, als für die Katz? Oder widerlegte Bangladeschs Sezession vom einstigen Mutterland Pakistan lediglich die semantische Bedeutung der Zweinationentheorie (schließlich ist die Zweinationentheorie nicht eine Dreinationentheorie gewesen), nicht aber ihren politischen Kerngehalt? Sprich: war die Schaffung einer nationalen Heimstätte für Muslime aus ihrem historischen Entstehungsrahmen heraus - trotz der Abspaltung Bangladeschs - doch keine ideologische Niederlage, sondern nachvollziehbar, wenn nicht gar unabdingbar, weil die Entstehung und Propagierung dieser Ideologie realpolitischen Umständen geschuldet war und somit durchaus legitim?

Partition: zwischen Absurdität und Realpolitik

Dass es auf ersten Blick widersprüchlich erscheint, Hindus und Muslime territorial zu trennen obwohl sie Jahrhunderte auf ein und dem selben Territorium mehr oder minder friedlich koexistiert haben, mag einleuchtend sein. Und dass es nicht nur kartographisch idiotisch anmutet, ein Land in A und B zu teilen und dabei in Kauf zu nehmen, daß B's Territorium sowohl links als auch Rechts von A liegt, man also, wenn man von B nach B will durch A muss, mag vielleicht auch unschwer nachzuvollziehen sein; und wenn man dann noch bedenkt, dass im B rechts von A mehrheitlich ein Volk lebt, das kulturell und sprachlich nichts, aber auch gar nichts, mit dem B links von A zu tun hat, dabei A ohnehin schon nicht gerade ethnolinguistisch-kulturell homogen ist, dann fragt man sich sehr schnell was das ganze Teilungstohuwabohu denn bloß sollte (erst recht im Lichte des unvorstellbaren humanitären Leides, das mit Partition einherging). Aber wie schon die Teilung Deutschlands in kapitalistischen Westen und antikapitalistischen Osten aus West-Berlin eine von DDR-Staatsgebiet umzingelte Enklave gemacht hatte, spielten auch im Falle der geographisch absurd wirkenden Teilung Indiens selbstverständlich (real-)politische Erwägungen und nicht ungeschickte Willkür die tragende Rolle. Wie also erklärt beziehungsweise rechtfertigt sich nun die Aufteilung des Subkontinenten entlang religiöser Linien, wo doch, wie bereits erwähnt, Hindus und Muslime über Jahrhunderte hinweg im Großen und Ganzen in Frieden gelebt haben, von 1526 bis zur Absetzung Bahadur Shahs, dem letzten Mogulkaiser, im Jahr 1858 durch die Briten gar unter der muslimischer Herrschaft, und zwar einer, die, wie die britische Historikerin Alex von Tunzelmann schreibt, ihren "millions of non-Muslim subjects - Hindus, Sikhs and Buddhists ... freedom of conscience and custom" erlaubte?

Communalism und die Schwierigkeit eines gesamtindischen Nationalismus

In Beginning Postcolonialism schreibt John McLeod:

"During several struggles against colonial rule in the twentieth century, the myth of the nation has proved highly potent and productive. It was popular with a variety of independence movements because it served many of their intellectuals and leaders as a valuable ideal behind which resistance to colonialism could unite."

Wenn es eine Art Blaupause des antikolonialen Widerstandes in Afrika und Asien gegeben hatte, dann war es die Idee des Nationalismus: Von Nigeria bis Niederländisch-Indien (dem heutigen Indonesien) machten sich die intellektuellen Eliten vieler Kolonien dieses politische Konzept zum Zwecke der Unabhängigkeit zu eigen, wurde es zu einem rallying cry, hinter dem sich die heterogenen subalternen Massen vereinen und mobilisieren ließen, um sich gegen die Unterdrückung durch die Kolonialherren zu wehren. In Indien war es nicht anders, wo seit Ende des 19. Jahrhunderts unter der Schirmherrschaft des 1885 gegründeten Indian National Congress (INC) - auch wenn dessen ursprüngliches Ziel sich lediglich auf die Durchsetzung größerer politischer Teilhabe der indischen Bildungselite beschränkte - sich im Zuge des heftigen Widerstandes seitens der Briten ein indischer Nationalismus zu entwickeln begann, der mit Mahatma Gandhis Eintritt in die politische Arena schnell massentauglich wurde und bald von den Briten die vollständige Unabgängigkeit forderte. Doch im Unterschied zum Vielvölkerstaat Indonesien, wo die nationale Einheit schon während der Unabhängigkeitsbewegung stark war und heute noch relativ intakt ist und dadurch das Funktionieren dieses multi-ethnischen Staates mitermöglicht, kam der Gedanke einer gemeinsamen nationalen Identität von Hindus und Muslimen in Indien bereits in den Anfängen des indischen Nationalismus ins Straucheln und verlief schließlich ganzheitlich im Sande der Geschichte: Laut Sekhar Bandyopadhyay hatten die Muslime schon von Anfang an den vom INC getragenen indischen Nationalismus kontestiert, schlichtweg weil sie sich von diesem nicht repräsentiert fühlten (zwischen 1892 und 1909 zum Beispiel waren lediglich 6,59 % der Kongressdelegierten Muslime). Doch auch zu diesem Zeitpunkt waren die Hindu-Muslim relations relativ stabil, und war man weit entfernt von einer muslimischen Forderung nach eigenem Staatsgebiet.

Khilafat Movement und hindunationalistische Gegenbewegung

Die rasente Verschlechterung im Verhältnis zwischen Hindus und Muslimen begann, wie Bandyopadhyay schreibt, erst in den 1920ern, und zwar im Zuge des Untergangs einer von indischen Muslimen initiierten politisch-religiösen Bewegung, und zwar nicht wegen ihres Untergangs sondern durch die Verunsicherung, die sie während ihres Bestehens mit ihrer Zelebrierung muslimischer Identität bei vielen Hindus ausgelöst hat: gemeint ist die 1919 von fünf indischen Muslimen initiierte Khilafatsbewegung (Khilafat Movement), dessen primäres Ziel die Erhaltung des auseinanderfallenden Osmanischen Reiches war, das nach dem Ersten Weltkrieg von den Briten und anderen europäischen Mächten schließlich aufgelöst und zerstückelt werden würde. Auch wenn es sich bei dieser Bewegung um eine politische Kampagne handelte, war ihr Kern ein religiöser: Die Sorge um das zerfallende Osmanische Reich als Hüter der heiligen islamischen Stätten führte natürlich auch bei der muslimischen Elite des indischen Subkontinenten zur Solidarisierung mit Sultan Abdul Hamid II und dem Panislamismus, den dieser als ideologisches Gegengewicht zu den nationalistischen Bestrebungen im eigenen Reich propagierte.

Die Bedeutung der Khilafatsbewegung für Indien war in ihrer Auswirkung paradox: Obwohl sie für communal harmony einstand und Teil von Gandhis Non-Cooperation-Movement gegen die Briten wurde, hatte die von der Khilafatsbewegung mitbeieinflusste Stärkung muslimischer Identität in den Muslim-Mehrheitsprovinzen Punjab und Bengalen zur Folge, dass auf der anderen Seite die Hindus sich in ihrer Identität minderwertiger und verunsichert fühlten: Bandyopadhyay beruft sich hier auf den französischen Politologen Christoffe Jaffrelot, als er schreibt, dass diese muslimische Mobilisierung unter dem Banner des Kalifats "generated a sense of inferiority and insecurity among the Hindus, who in emulation of their aggressive Other now started counter-mobilisation." Diese Mobilisierungen und Gegenmobilisierungen entlang religiöser Linien führten in den 1920er Jahren zu einer Serie von gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen (1924 begann die Arya Samaj eine militante "Säuberungs"kampagne im Punjab und in den United Provinces, dem heutigen Uttar Pradesh; ferner wurde im selben Jahr die hindunationalistische Rastriya Swayam Sevak Sangh gegründet), so daß bereits anno 1927, also drei Jahre nach der Auflösung der Khilafatsbewegung im Zuge der Abschaffung des Kalifats 1924 durch Mustafa Kemal "Atatürk" (Vater der Türken), Gandhi sich veranlasst sah, ein solch fatalistisches Statement abzugeben wie "the resolution of the problem of Hindu-Muslim relations was now beyond human control, and had passed on to the hands of God". Und parallel zu der gesellschaftlichen Spaltung entlang kommunalistischer Linien fand darüberhinaus eine politische Entdremdung der Muslime statt, die der Indische Nationalkongress selber verschuldet hatte: Er begann in den 1920er Jahren Nationalismus von Religion zu trennen, und unter Nehru wurde eine säkuläre indische Nation anvisiert, der sich religiöse Interessen unterzuordnen hatten. Bandhyopadhyay schreibt hierzu:

"A binary opposition was visualised between nationalism and communalism and therefore, whoever talked about community were dubbed as anti-nationalists or communalists. This eliminated the likelihood of accomodating the community identities within a composite nationhood and destroyed all possibilities of a rapprochement between the Congress and the Muslim League."

Dies waren also die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen die 1906 gegründete indische Muslim League bald aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und unter der Führung des charismatischen Muhammad Ali Jinnah das Endziel Pakistan durchsetzen würde, jene mit der Teilung Britisch-Indiens geschaffene nationale Heimstätte für die indischen Muslime. Und in der doppelten Aufbruchsstimmung von Unabhängigkeit sowie von den Briten als auch von Hindus wäre kaum jemand darauf gekommen, dass Pakistans östlicher Flügel sich nach nur vierundzwanzig Jahren "Einheitsstaat" in einem blutigen Bürgerkrieg lossagen und dadurch das gesamte Projekt Pakistans in Frage stellen würde.

Pakistanisches Demokratiedefizit und bengalisches Erwachen

Die Gründe, die dafür aufgeführt werden, warum Gesamtpakistan schließlich scheiterte und Ostbengalen der unabhängige Staat Bangladesch wurde, sind zahlreich: die geographische Anomalie, daß West-und Ostpakistan von 1000 Kilometern Indien getrennt wurden; die kulturellen, sprachlichen Unterschiede; die wirtschaftliche Disparität. Aber all diese Faktoren waren lediglich, wie G.W. Choudhury in der Einleitung seines The Last Days of United Pakistan schreibt, "products of the lack of democratic political order in the country". Die politische Struktur Pakistans nach seiner Gründung beschreibt Choudhury wie folgt:

"The constitutional forms and trappings of democracy only provided a cloak for rule by the few who were able to concentrate power in their own hands. During eleven years (1947-1958) of so-called parliamentary democracy, there was not a single general election, and the provincial elections were described as 'a farce, a mockery and a fraud upon the electorate'. Well-organized political parties did not exist. [...] The failure of parliamentary democracy led to the development of an all-powerful and irresponsible executive, aided and supported by a powerful bureaucracy. Pakistan was dominated by bureaucrats and soldiers."

Dieses Fehlen wahrhaftig demokratischer Strukturen hatte einen zentralen Einfluss auf das Erstarken des bengalisch-muslimischen Nationalismus. Diesen hatte es zwar bereits seit den 1930er Jahren gegeben, um sich eine eigene Identität nicht nur in Abgrenzung von den bengalischen Hindus sondern auch von den anderen Muslimen des Subkontinenten zu schaffen, ging aber im Zuge der Pakistan Movement unter. Dass trotz der Teilung Indiens und Ostbengalens freiwilligem Anschluss an Pakistan - was eine identitäre Selbstbahauptung gegenüber den bengalischen Hindus des indischen West-Bengalen nun überflüssig machte - dieser bengalisch- muslimische Nationalismus immer mehr an Stärke gewann, ist das Resultat eines rasanten Entfremdungsprozesses (ähnlich dem vor Partition zwischen Hindus und Muslimen), ermöglicht durch das bereits erwähnte Demokratiedefizít im pakistanischen Staat, das der westpakistanischen Regierungselite erlaubte, politische Entscheidungen zu treffen, die lediglich der Zementierung ihrer eigenen Macht dienten anstatt dem Willen oder Wohlergehen des Volkes. Darüber hinaus waren von den 69 Millionen Bürger_innen des frischgegründetetn Staates Pakistans satte 44 Millionen Ostbengal_innen, aber die Regierung, der Staatsdienst, das Militär, sie alle wurden hauptsächlich von

Westpakistanern dominiert. Sogar in ihrer eigenen Provinz hatten die Bengal_innen nichts zu melden, waren alle Schlüsselpositionen mit Westpakistanern besetzt, die mit der Regierungsclique verbandelt waren. Und als versucht wurde, diese Disparität und Benachteiligung der Bengal_innen auch noch auf provokante Weise weiter zu zementieren, da regte sich naturgemäß Unmut: Als 1948 die pakistanische Regierung Urdu zur einzigen Nationalsprache kürte, obwohl Zweidrittel seiner Bevölkerung Bengali sprachen, dürfte das bengalische Volk zum ersten Mal gespürt haben, daß trotz gemeinsamer Religion man eigentlich fremdbeherrscht wurde und keinerlei eigenes politisches Mitspracherecht besaß. Dieses holte man sich dann durch Proteste auf der Straße ein, und es entstand die Basisbewegung der Bengali Language Movement, die es tatsächlich erreichte, daß Bengali 1956 neben Urdu als offizielle Sprache anerkannt wurde. Doch da war es schon zu spät, hatte über die Verteidigung der eigenen kulturellen Werte hinaus der Wunsch nach politischer Teilhabe im eigenen Land bereits die Massen erreicht. Der von Mujibur Rahman, der Gallionsfigur der bengalischen Befreiungsbewegung, vorgestellte Sechspunkteplan verdeutlicht den Wunsch der Bengalen nach konkreter Ausgestaltung politischer Mitbestimmung: Dieser forderte im Kern für Ostpakistan politische und wirtschaftliche Autonomie im Rahmen eines föderativen Pakistans mit jedoch schwacher Zentralgewalt. Die pakistanische Regierung fasste diese Forderung nach Selbstverwaltung als Versuch der Destabilisierung Pakistans auf und ließ Rahman und 34 weitere Personen verhaften. Der in die Geschichtsschreibung als Agartala Conspiracy Case eingegangene Prozess löste einen Volksaufstand im bengalischen Ostpakistan aus, der sogar zum Sturz des pakistanischen Militärdiktators General Ayub Khan führte; die Anklage wurde fallen gelassen und Mujibur Rahman (im Volksmund Sheikh Mujib genannt) kehrte als gefeierter Held nach Ostpakistan zurück.

"Und dann kam dieser Idiot Yahya Khan", zitiert Spiegel Online Redakteur Hasnain Kazim in einem 2011 erschienen Beitrag einen Kriegsveteranen der Mukti Bahini. Als auch Khan es nicht vermochte, die anhaltenden Proteste einzudämmen, versprach er Neuwahlen, die ihm und seiner Militärrigierung jedoch zum Verhängnis werden sollte: Bei diesen ersten und letzten freien gesamtpakistanischen Wahlen errang die bengalische Awami League von Sheikh Mujib einen haushohen Sieg und somit das Mandat, eine gesamtpakistanische Regierung zu bilden. Yayah Khan und Zulfikar Ali Bhutto, der Führer der westpakistanischen Partei PPP (die lediglich zweitstärkste Kraft wurde) erkannten den Sieg der Awami League jedoch nicht an und boten Sheikh Mujib lediglich eine Machtbeteiligung an, die er selbstverständlich ablehnte. Am 25. März 1971 begann die pakistanische Armee daraufhin ihren grausamen Krieg gegen das bengalische Volk, einen Krieg, der das ohnehin schon geographisch geteilte Land mit der Geburt Bangladeschs auch noch politisch und nationalstaatlich entzweien würde.

Unvermeidbarer Fehler, und deshalb keiner

Zurück zur Two Nation Theory: Es ist nicht so, dass die Entstehungsgeschichte der Zweinationentheorie nicht nachvollziehbar wäre; vielmehr erwies sie sich als falsch, weil sie den obersten Anspruch, auf den sie anspielte und der die Grundideologie der Pakistan Movement wurde - nämlich eine nationale Heimstätte für indische Muslime zu schaffen - bis heute nicht gerecht wurde: schließlich leben in Indien etwa 138 Millionen Muslime (im Vergleich zu den 173 Millionen Muslimen in Pakistan), und die kommunalistischen Konflikte in Indien zwischen Hindus und Muslimen, so schlimm sie auch ausarten, lediglich sporadisch sind und in keinster Weise den Fortbestand des indischen Staates gefährden: Tatsachen, die die Notwendigkeit einer nationalen Heimstätte für Muslime auf dem indischen Subkontinenten, die Pakistan sein wollte, doch in Frage stellen. Andererseits darf man jedoch nicht vergessen, dass unter der jetzigen hindunationalistischen BJP-Regierung in Indien unter Premier Narendra Modi, der nach wie vor von Menschenrechtsorganisationen beschuldigt wird, in seiner Amtszeit als chief minister von Gujrat mitverantwortlich für die grausamen Pogrome an muslimischen Bürger_innen im Jahre 2002 zu sein, die politische, gesellschaftliche, und ökonomische Teilhabe von Muslimen immer mehr beschnitten wird im Rahmen einer propagierten und forcierten hinduistischen Leitkultur, die Muslime in ihrem eigenen Land immer mehr zu Fremden macht und kommunalistische Konflikte schürt.

Das Scheitern Gesamtpakistans als nationale Heimstätte für Muslime in Abgerenzung zum hindudominierten Nachbarn Indien erklärt sich auch dadurch, dass Westpakistan seinem östlichen Landesteil, also Ostbengalen, von Anfang an nie auf gleicher Augenhöhe begegnete: Pakistan war nicht nur wegen seiner geographischen Anomalie kein Einheitsstaat: die ausschließlich aus Westpakistanern bestehende Zentralregierung in Islamabad und die gesamte Verwaltungsstruktur zu Ungunsten Ostbengalens sowie die wirtschaftliche Ausbeutung zu Gunsten des Westflügels zeugen von allem anderen als von Gleichberechtigung und nationaler Einheit. Und womöglich wäre es nie zu einem Bürgerkrieg zwischen West- und Ostpakistan gekommen, wenn Ostbengalen die politische Mitbestimmung zu Teil gekommen wäre, die ihr aufgrund der numerischen Überlegenheit der Bengalen zustand. (Die Annahme von Sheikh Mujibs Sechspunkteplan durch die westpakistanische Regierung hätte den Bengalen zwar ihre Autonomie gebracht, aber es ist fraglich, ob die Kultur der Undemokratie und der Benachteiligung Ostbengalens, die Pakistan von Beginn an begleitete, damit aufgehört hätten). Und wenn man sich das Pakistan von heute anschaut, ein Land, das anno 2010 auf dem jährlich von der Denkfabrik Fund For Peace ermittelten Failed States Index auf einem höchst beunruhigenden Listenplatz 10 zu finden war, nur wenige Zähler hinter Staaten wie Zimbabwe, dem Irak und Afghanistan (Bangladesch belegte in dem Jahr Platz 24 und Indien war erst auf Platz 79 zu finden), dann stellt sich schnell die Frage, auch wenn der Failed States Index einen eurozentrischen Diskurs bezüglich Staatlichkeit vertritt und daher kritisch zu hinterfragen ist , ob man sich mit dieser Theorie nicht doch ins eigene Bein geschossen hat, trotz aller damaliger Unvermeidbarkeiten und der historischen Entwicklung des politischen und gesellschaftlichen Auseinanderdriftens indischer Hindus und Muslime.

Und vielleicht war die Abspaltung Bangladeschs aus Gesamtpakistan doch irgendwie vorhersehbar, wenn man bedenkt, dass der Zusammenschluss der bengalischen Muslime mit denen der Muslim-Minderheitsprovinzen und denen des Punjabs zur Schaffung einer nationalen Heimstätte für die indischen Muslime sehr unterschiedliche Beweggründe hatte, wie Hassan Zaheer feststellt:

"To the Muslim intellectuals of northern India, influenced by the Aligarh school of thought, the demand for Pakistan was the culmination of the Muslim renaissance movement initiated by Sir Syed Ahmed Khan in the latter half of the nineteenth century. [...] They assumed a cultural and linguistic unity of Muslims which was not there. For the Muslims of Bengal, economic emancipation from Hindu domination was the immediate and tangible consideration in the pursuit of a seperate Homeland."

Diese Diskrepanz in der Vorstellung darüber, was dieser neue Staat Pakistan eigentlich darstellen sollte, mag die Zweinationentheorie schon bei der Gründung Pakistans zum Scheitern verurteilt haben. Sie mag zwar im Golf von Bengalen versenkt worden sein, aber das unsägliche Unheil, welches sie über die Menschen des Subkontinenten gebracht hat, das Leid und die vielen Opfer der Partition, der genozidale Krieg der pakistanischen Armee gegen das bengalische Volk, all das wiegt schwer im Vermächtnis dieser so kontroversen Theorie.

Dieser Beitrag ist eine formell überarbeitete und aktualisierte Version einer 2011 angefertigten Semesterabschlussarbeit im Studiengang Regionalwissenschaften Asien/Afrika.

The World : India: Easy Victory, Uneasy Peace. Time Magazine vom 27.12.71. http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,905593,00.html.

Anderson, Benedict: Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. London 1983.

Von Tunzelmann, Alex: Indian Summer - The Secret History of the End of an Empire. London 2007.

Zaheer, Hasan: The Seperation of East Pakistan. The Rise and Realization of Bengali Muslim Nationalism. Dhaka 2001 .

Choudhury, Ishfaq Ilahi: Two-nation Theory. The Daily Star vom 26.12.08. http:// www.thedailystar.net/newDesign/news-details.php?nid=68715.

McLeod, John: Beginning Postcolonialism. Manchester 2000.

Bandyopadhyay, Sekhar: From Plassey to Partition. A History of Modern India. Neu-Delhi 2004.

Sarkar, Sumit: Modern India: 1885 - 1947. Neu-Delhi 1983.

Choudhury, G.W.: The Last Days of United Pakistan. Dhaka 2011, Ersterscheinung Bloomington, Indiana 1974.

Kazim, Hasnain: Bengalisches Trauma. Spiegel Online, http://www.spiegel.de/einestages/geburt-des-staates-bangladesch-a-947131.html.

21:58 18.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist・Regionalexperte für MENA, SOA und Ostafrika・Saul Goodman in spe・Ehrenamt als Guardiola-Double・Instagram: talrooq
Timo Al-Farooq

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