Das bessere "Homeland"

US-Serie "Sleeper Cell" Über islamophobe Repräsentationen in "Homeland" ist viel diskutiert worden. Dabei gab es mal eine "War on Terror"-Serie, die das Thema fair behandelt hat. Eine Rezension
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Ein zentraler Wesenszug unserer neoliberalen marktwirtschaft-lichen Weltordnung ist das Phänomen, dass sich nicht immer das qualitativ hochwertigere Produkt durchsetzt, sondern meist das massenkompatibelere. So wie die kratzanfällige, einmal bespielbare CD einst die mehrfach bespielbare, robuste MiniDisc vom Markt verdrängte, lässt sich dieses Prinzip der industriellen Zweckmäßigkeit auch auf die Unterhaltungsindustrie anwenden, wo Popsongs mit einfachen Melodien und seichten Texten die Charts dominieren und Actionserien von der Stange die höchsten Einschaltquoten erzielen. Die US-"War on Terror"-Serie "Homeland", mittlerweile in ihrer fünften Staffel, ist ein solches Beispiel dafür, dass sich - trotz erzählerischer Dramaturgie - das intellektuell minderwertigere Produkt durchgesetzt hat, welches bezüglich Muslim_innen und des Nahen Ostens billige orientalistische Klischees bedient und die moralische und militärische Überlegenheit des eigenen westlichen Kulturkreises glorifiziert, während eine Serie, die ein von Erkenntnisdrang geleitetes alternatives und multiperspektivisches Narrativ des "War on Terror" erzählen und fair mit der Behandlung des Islams umgehen wollte, aufgrund geringer Einschaltquoten bereits nach zwei Staffeln eingestampft wurde: Die Rede ist von der Serie "Sleeper Cell", die 2005 auf dem US-Kabelsender "Showtime" premierte (seit 2008 auch die Heimat von "Homeland"), und sich nur vier Jahre nach den für das nationale Selbstverständnis der USA traumatischen Anschlägen des 11. Septembers 2001 zum Vorsatz gemacht hatte, mit Vorurteilen gegenüber dem Islam aufzuräumen, dem der öffentliche Diskurs damals wie heute eine kollektive Mitschuld an Terrorismus gibt. Was hat die Serie besser gemacht als "Homeland"?

"Homeland" versus "Sleeper Cell": Hegemonie versus Subalternität

Grada Kilomba, die 2012 Gender und Postcolonial Studies an der HU Berlin lehrte, sagte jüngst über das Wesen der Wissensproduktion:

"Was für ein Wissen produzieren wir, wessen Wissen ist es, welches Interesse repräsentiert es. Wissen ist nicht neutral, apolitisch oder objektiv. Wissen reproduziert die Machtasymmetrie."

Das Wissen, das "Homeland" über den Islam und den "War on Terror" produziert, reproduziert eben diese Machtasymmetrie zwischen einem als geistig-kulturell hochentwickelt konstruierten Westen und einer als moralisch und zivilisatorisch rückständig repräsentierten islamischen Welt, indem die Serie der unterhaltungsindustriellen Tradition in den USA folgend ein hegemoniales Narrativ von Muslim_innen als "the bearded fanatic, the oppressed, veiled woman, the duplicitous terrorist who live among 'us' to bring about destruction" strickt, wie es in "Framing Muslims. Stereotyping and Representation after 9/11" von Peter Morey und Anna Yaquin heißt. Darüber hinaus wird ein vereinfachtes "War on Terror"-Narrativ erzählt, in dem ein unschuldiges Amerika und ein aggressiver Naher Osten und Islam sich in einem binären Kulturkampf gegenüberstehen, den Letztere unprovoziert begonnen haben sollen, dadurch zentrale kausale Aspekte, die gewaltbereiten "radical islam" begünstigt haben, wie etwa Kolonialismus, Neoliberalismus, amerikanische Interventionskriege und "cold war politics", fast gänzlich ausblendend.

"Sleeper Cell" versucht daher, diese verschleierten kausalen Zusammenhänge aufzudecken: Die Serie möchte die vom hegemonialen Narrativ, wie ihn "Homeland" erzählt, bewusst ausgelassenen Perspektiven der Betroffenen, in diesem Fall der Muslim_innen, aus der Versenkung holen und diesen subalternen Stimmen Gehör verschaffen. Schließlich werden westliche Islam- und Islamismusdiskurse leider immer wieder von einseitigen Repräsentationen dominiert, oder wie Edward Said es nannte, von einer "one-sided activity that obscures what 'we' do and highlights instead what Muslims and Arabs by their flawed nature are." "Sleeper Cell" versucht – wenn auch nicht ganz frei von orientalistischen Stereotypen – aus vielen Gründen eine Art diskursives Korrektiv zu "Homeland" darzustellen: Zum Beispiel macht es sich die Serie schon in der Pilotfolge zur Aufgabe, Islam und "radical Islam", die in "Homeland" oft ein- und dasselbe sind, zu unterscheiden. Darüber hinaus erlaubt die Ausgangsprämisse der Handlung (ein praktizierender afroamerikanisch-muslimischer FBI-Agent schleust sich als verdeckter Ermittler in eine multiethnische Dschihadistengruppe in Los Angeles ein, die einen Anschlag plant) eine multiperspektivische Betrachtung des "War on Terror", des Islams und des "radical Islam", da der narrative Fokus sich primär auf das Innenleben dieser Dschihadistenzelle konzentriert, während "Homeland" hauptsächlich die Erzählperspektive des CIA, des Militärs und der Regierung einnimmt und die "Bösen" daher selten selbst zu Wort kommen lässt. Und im Gegensatz zu "Homeland", das den Islam nur durch die narzisstische Brille nationaler Sicherheit sieht und den "War on Terror" als Verteidigung der Moderne im Kontext von Samuel Huntingtons "Clash of Civilizations" gegen ein kulturell rückständiges und modernisierungsfeindliches "other" begreift, behandelt "Sleeper Cell" stattdessen kulturelle und theologische Diskurse innerhalb des Islams sowie Fragen muslimisch- amerikanischer Identität.

"The Enemy is here": Die Handlung der ersten Staffel von "Sleeper Cell" (Spoiler Alert!)

Während der Unterhaltungsanspruch von "Homeland" in einen relativ ausgeklüngelten Handlungsstrang resultiert, der die Dramaturgie mittels Cliffhangern, "exotischen" Schauplätzen und großem Produktionsaufwand hochhält, führt der Bildungsanspruch bei "Sleeper Cell" zu einer leiseren und einfacheren Erzählweise, wo die Spannung primär von tiefgreifenden Dialogen, poetischen Bildern und eklektischer Filmmusik lebt: Der afroamerikanische FBI-Agent Darwyn al-Sayeed (gespielt von Michael Ealy) schleust sich unter dem Namen Darwyn al-Hakeem als verdeckter Ermittler in eine Los Angeleser Dschihadistenzelle ein, die unter der Führung des charismatischen und unscheinbaren Faris al-Farik (gespielt von Oded Fehr) einen großen Anschlag plant. Zu der Gruppe gehören des Weiteren der Bosnier Ilija Korjenic (gespielt von Henri Lubatti), ein Überlebender des Massakers von Srebrenica; der Franzose Christian Aumont (gespielt von Alex Nesic), ein ehemaliger Neonazi; sowie der weiße Amerikaner Thomas "Tommy" Allen Emerson (gespielt von Blake Shields), Sohn einer linksliberalen pazifistischen Historikerin aus Berkley, Kalifornien.

Die erste Staffel der Serie, dessen zeitlicher Handlungsrahmen das Amerika zur Hochzeit des "War on Terror“ unter George W. Bush ist und sich somit mit dem Produktionszeitraum des Jahres 2005 deckt, begleitet die Zelle bei der logistischen Vorbereitung dieses Anschlags, desen genauer Plan der Anführer Faris den anderern Ko-Konspirateuren und somit auch dem Zuschauer nur salamitaktisch bekannt gibt, und in dessen Verlauf sowohl die Dschihadisten als auch das FBI, das dank Darwyn von Anfang an bezüglich des geplanten Anschlages auf dem Laufenden gehalten wird, mit Rückschlägen zu kämpfen haben. Ferner werden sowohl die Gruppendynamiken zwischen den Mitgliedern der Zelle als auch innerhalb des FBI beleuchtet, das diesen Anschlag zu verhindern versucht, und werden im Rahmen der Handlung und der Dialoge kritisch theologische und politische Diskurse behandelt, die den Zuschauer über das Wesen des Islams aufklären sollen (etwas, das bei "Homeland" aufgrund von dessen einseitigen Islamrepräsentationen fast gänzlich fehlt). Dabei kommt der Hauptfigur des Darwyn al-Sayeed eine zentrale Rolle bei, da er sowohl die fanatischen "hearts and minds" seiner "Gesinnungsgenossen" als auch die bevorurteilten Meinungen seiner FBI-Kolleg_innen positiv zu beeinflussen versucht. Gleichzeitig gerät er aufgrund seiner begonnenen Liebesbeziehung zu der weißen Gayle Bishop (gespielt von Melissa Sagemiller), einer Freundin der Ehefrau eines Dschihadisten aus Faris Gruppe, in einen Gewissenskonflikt, da er sowohl seine gespielte Identität als Dschihadist, als auch seine eigentliche Identität als FBI-Agent geheimhalten muß, weshalb er letztendlich gezwungen ist, die Beziehung einseitig zu beenden, obwohl er Gayle liebt.

Die Vorbereitung des geplanten Anschlags entfaltet sich von Folge zu Folge und stellt sich schließlich als ein koordinierter biochemischer Bombenanschlag in den drei Städten Los Angeles, New York und Washington heraus, bei dem Faris Los Angeleser Zelle einen mit Fässern voller flüssigem Phosphogen beladenen LKW mittels Sprengstoff detonieren soll, damit das Gas sich weitläufig verteilen kann und dadurch ein Maximum an Todespfern erzielt wird. Das Anschlagsziel der Los Angeleser Zelle enthüllt Faris erst einen Tag vor der Ausführung: es ist das Dodgers Stadium, in dem 50,000 Menschen zu einem Baseballspiel anwesend sein werden. Im dramatischen Staffelfinale mit dem Titel "Youmud Din" (arabisch für "Tag des Jüngsten Gerichts") beginnt dann die minutiöse Umsetzung des Anschlagsplans.

Wider dem Post-"9/11"-Heimatschutzparadigma: "Sleeper Cell" als postkoloniales Konternarrativ

Im Gegensatz zu "Homeland“, dessen begleitender Diskurs ein ausschließlich orientalistischer war und nach der fünften Staffel immer noch ist, war die geteilte kritische Rezeption zu "Sleeper Cell" eher politisierter Natur: Bei amerikanischen Konservativen als liberal geltende Medien wie die „New York Times“ lobten zuvorderst die Glaubwürdigkeit der Serie, sowie den Anspruch, die negativen Medienrepräsentationen von Arabern und Muslimen durch ein Gegennarrativ herauszufordern:

"Three of those playing prominent roles behind the scenes are themselves Muslims. And having been raised on a steady diet of Arab bad guys – whether on shows like ’JAG’ or ’24’, or movies like the Arnold Schwarzenegger vehicle ’True Lies’ – they say they welcomed the opportunity to put a character on television who looked like them, shared their values and sought to save the day."

Die "Los Angeles Times“ zitiert ferner die muslimischen technischen Mitarbeiter_innen, die stolz seien, an der ersten Serie im US-Fernsehen mitgewirkt haben zu dürfen, in welcher der Held ein Muslim sei und in der eine klare Abgrenzung zwischen religiösen Extremisten und dem islamischen Mainstream vorgenommen wurde.

Dieses (selbst-)kritische Mandat der Serie und dessen Umsetzung wurde in konservativen Medien hingegen als "soft take on terrorism" interpretiert: das Boulevardblatt "New York Post" etwa habe geschrieben, die Serie zeige Terroristen in einem sympathischen Licht; eine reduktionistische, verleumderische Behauptung, die dazu geführt hat, dass beim Sender "Showtime" hunderte Briefe von Abonennt_innen eingegangen seien, die mit der Kündigung ihrer Abos drohten. Die Tatsache, dass ein de-facto-Gerücht gereicht hat, um die patriotische amerikanische Seele in Wallung zu bringen, zeigt einerseits das Ausmaß des nationalen Trauma von "9/11", dessen öffentlicher Diskurs auch vier Jahre nach den Anschlägen von Emotionalität statt von Objektivität bestimmt war; andererseits legt es auch die tiefsitzenden Vorurteile der amerikanischen Gesellschaft bezüglich Muslim_innen frei, die heute im 15. Jahr des "War on Terror" noch immer vorherrschend sind.

Kritik an der Serie kam auch vom "Council on American-Islamic Relations", der zwar die positiven Repräsentationen von Muslimen begrüßte, diese ihm aber nicht weit genug gingen, weil sie im Terrorismusnarrativ verhaftet blieben und somit die Wirklichkeit, in der lediglich ein Bruchteil der über eine Milliarde Muslime etwas mit Terrorismus zu tun hätte, ausblenden würden, während Andere widerum die Serie als wichtig für die Auseinandersetzung amerikanischer Muslim_innen mit sowohl ihrer Doppelidentität als auch mit dem Thema der diskursiven "competition for ownership of Islam in America" sahen, wie es in einer Rezension in einer San Diegoer Lokalzeitung hieß.

Das Motiv der Bildung in "Sleeper Cell"

Es gibt keine Folge von "Sleeper Cell", in der nicht sowohl den Zuschauer_innen als auch den fiktiven Figuren in der Serie faktisches Wissen über den Islam vermittelt wird, meist durch den Protagonisten Darwyn al-Sayeed: Bildung als Weg, Vorurteile abzubauen, ist ein zentrales Motiv, das sich mittels Dialogen durch die Serie zieht wie ein roter Faden. Mehrere Szenen aus der ersten Staffel sind hierfür exemplarisch: Als Darwyn in der Pilotfolge nachts in der Metro einen Sikh vor einer Gruppe rassistischer Jugendlichen beschützt, die diesen für einen Araber halten, sagt er:

Darwyn: He’s not Arab. He’s not Muslim. He’s Sikh, you dumb little motherfuckers. Sikhs and the Muslims are like Crips and Bloods: they fucking hate each other. They’ve been slaughtering each other for 300 years. You scrubs need to educate your little shitbrain selves.

("Al-Fatiha" 2005: 17:06 – 17:20)

Auch wenn der Grad der von Darwyn dargestellten Sikh-Muslim-Beziehungen eine vereinfachte ist und die Feindschaft zwischen den beiden größten Gangs der USA keineswegs ein patenter Vergleich ist, ist diese seine Richtigstellung dennoch wichtig und fußt auf den realen "backlash“ nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als Sikhs aufgrund ihrer Turbane und Bärte von meist weißen Amerikanern fälschlicherweise für Muslime gehalten und angegriffen und gar ermordet wurden (die Washingtoner "Sikh Coalition" verzeichnete zwischen "9/11" und 2012 mehr als 700 Angriffe auf Sikhs in den USA). Das blutigste Ereignis islamfeindlich motivierter Gewalt, die sich fälschlicherweise gegen Sikhs richtete, war der Anschlag auf einen Sikhtempel in Oak Creek, Wisconsin am 5. August 2012, elf Jahre nach "9/11", bei dem der weiße Ex-Armeeveteran Wade Michael Page sechs Menschen und sich selbst erschoss.

Ein weiteres Beispiel für das Bildungsmandat der Serie ist die Folge "Family": in dieser bringt der vierjährige Marcus, der Sohn von Darwyns Freundin Gayle, ihn zum "VIP-Day" in seinen Kindergarten mit, wo Darwyn die Vorurteile der Kinder gegenüber dem Islam in einem sokratischen Dialog widerlegt:

Kind 1: My Dad says that Muslims don’t like us and they don’t eat bacon.

Darwyn: Well, I’m Muslim. You think I don’t like you?

Kind 1: I don’t know.

Darwyn: I like Marcus, and he’s not a Muslim.

Kind 1: So why’d they fly planes into buildings?

Ms. Graham (Lehrerin): Im, sorry, I...

Darwyn: It’s OK, it’s OK. Who has a cousin? Raise your hand. You too Miss Graham. I’m sure you have a cousin, right? (schaut auf die Kinder) Has your cousin ever done anything bad, like really bad?

Kind 2: One time, my cousin, he ate...he ate the last piece of cake and blamed it on me, but I only had one slice.

Darwyn: Mhh, I hear you (lächelt). So, if your cousin does something wrong, does that make the whole family bad?

Die Klasse (unisono): Nooooo.

Darwyn: Well, I guess that’s the point. Just because there are some Muslims that are bad, doesn’t mean that all Muslims are bad, does it?

Kind 1: No (Ms. Graham lächelt).

Kind 2: But can you eat bacon?

Darwyn: Yes. Turkey bacon (die Kinder lachen).

("Family“ 2005: 34:06)

Darwyns Drang, sein unwissendes Umfeld über den Islam aufzuklären, hört nicht einmal auf, wenn er mit Gayle in postkoitalem Dénouement im Bett liegt:

Darwyn: Muslims aren’t even supposed to have sex outside of marriage.

Gayle: No kidding? Same with Catholics. Hey, we’re all conceived in sin, right?

Darwyn: Actually, we don’t believe in original sin. Islam says that people start out innocent and only become sinful when and if they do something consciously wrong.

("Al-Fatiha" 2005: 38:48 – 39:20)

Seinen Vorgesetzten Ray Fuller muss Darwyn gleich zweimal belehren: In der zweiten Folge ("Target“) leiht Darwyn für ihn das Buch "Al Muwatta of Imam Malik ibn Anas: The First Formulation of Islamic Law" aus der FBI-eigenen Bibliothek aus, damit dieser doch sein Wissen erweitere. Und in der Pilotfolge findet folgender Dialog zwischen den Beiden statt:

Darwyn: Well, can’t live forever. You know, it says in the Qur’an: ’God gave you life, and will cause you to die.

Ray: Still got your faith, huh?

Darwyn: You know what Islam means in Arabic?

Ray: No.

Darwyn (nachdem er etwas auf arabisch gesagt hat): Surrender to God’s will...and peace.“

("Al-Fatiha" 2005: 34:20)

Diese Szene spricht Bände über die fehlende Allgemeinbildung eines Großteils der Amerikaner im Allgemeinen und Polizeibehörden wie dem FBI im Besonderen, die "radical Islam" zu bekämpfen versuchen, ohne über das nötige Mindestmaß an relevantem Wissen zu verfügen. Die Hauptfigur Darwyn wirkt in der Serie wie ein moderner Prophet Mohammed in einer modernen jāhilīya (jener vorislamischen "Zeit der Ignoranz", bevor Mohammed der Koran offenbart wurde): Wie auch der Prophet, der mit seiner islamischen Botschaft den heidnischen Barabarismus seiner Zeit bändigen wollte, versucht Darwyn gegen die Unwissenheit seiner Mitmenschen anzukämpfen, damit ein aufgeklärtes amerikanisches Volk die jāhilīya, in der sie lebt, hinter sich lassen kann.

Gegen den Generalverdacht: Die Unterscheidung zwischen Islam und "radical Islam"

Im sogenannten "9/11 Commission Report", dem Abschlussbericht der unmittelbar nach den Anschlägen des 11. September 2001 eingesetzten Untersuchungskommission, heißt es:

„Islam is not the enemy. It is not synonymous with terror. Nor does Islam teach terror. America and its friends oppose a perversion of Islam, not the great faith itself. Lives guided by religious faith, including literal beliefs in holy scriptures, are common to every religion, and represent no threat to us. Other religions have experienced violent internal struggles. With so many diverse adherents, every major religion will spawn violent zealots. Yet understanding and tolerance among people of different faiths can and must prevail.“

Dieser schon damals expliziten und in den Wirren des amerikanisch geführten Vergeltungskrieges in Afghanistan leider untergegangenen Unterscheidung zwischen Islam und "radical Islam" verschreibt sich "Sleeper Cell" schon in der Pilotfolge und legt damit den ideologischen Ton für den weiteren Verlauf der Serie mit ihrem pädagogischen und aufklärerischen Anspruch fest. Ganz im Gegensatz zu "Homeland", wo Plot, Dramaturgie und "special effects" im Vordergrund stehen und inhaltliche Differenziertheit und Genauigkeit (un-)absichtlich in den Hintergrund treten. Dies hat zur Folge, dass sowohl aus ideologischen als auch aus Gründen der Zweckmäßigkeit (den „demands of cinematic storytelling“, wie es in Tricia Jenkins Untersuchung "The CIA in Hollywood" heißt) in "Homeland" Islam und "radical Islam" oft gleichgesetzt werden.

Zentral für die Behandlung dieses "violent internal struggle" in "Sleeper Cell" ist die Folge "The Scholar", in welcher der jemenitische Religionsgelehrte (alim) Sheikh Zayed Abdel Malik nach Los Angeles kommt, um in der muslimischen Gemeinde eine Fatwa auszusprechen, die Terrorismus als unislamisch designieren wird. Damit dies nicht geschieht, erhält Faris Zelle den Befehl, ihn zu töten. Alle Mitglieder der Zelle besuchen am Vorabend dieser Verurteilung von Terrorismus einen Vortrag des alim, was zu einer Debatte zum Verhältnis zwischen Islam und Gewalt führt:

Sheikh Zayed Abdel Malik: In the name of God, the Merciful, the Compassionate, brothers, sisters: what is the greatest threat facing Islam today?

Besucher 1: American aggression in the Middle East.

Besucher 2: The Zionist occupation of Palestine.

Abdel Malik: These are merely symptoms of a greater disease. The real threat is in our hearts. Instead of allowing Islam to transform us, some Muslims are trying to transform Islam to serve their political agenda. They are using the label ’Islam’ to kill, murder innocent people. Something that the Prophet would never have condoned, sallallahu alaihi wa sallam.

("The Scholar" 2005)

Daraufhin folgt ein hermeneutischer Disput zwischen dem Sheikh und Christian über die Legitimität von Gewalt im Koran, währendessen ein über die liberalen Töne des Ersteren empörter Tommy den Saal verlässt. Was "Sleeper Cell" hier macht: Anders als "Homeland", das auf komplexe Fragen einfache Hauruck-Antworten liefert, ohne dadurch die Fragen beantworten zu können, versucht erstere Serie nicht dem Irrweg der Vereinfachung zu folgen, sondern stattdessen vernunftgeleitet, kritisch und ganzheitlich zu analysieren, um dadurch einen Paradigmenwechsel in Denken und Handeln bezüglich Islam und "War on Terror" herbeizuführen.

"Al’ America"

In der Einführung zu seinem Reisebericht "Al’America: Travels Through America’s Arab and Islamic Roots" schreibt der Journalist Jonathan Curiel:

"Huntington’s warning about a multicultural America comes too late. In the 21st century, the United States is composed of not just Judeo-Christian roots, but Muslim roots, too. Over the centuries these roots have been badly disconnected from their original sources [...] But the history in these pages will require a popular reassesment of America and its relation to Arab and Muslim culture. It’s not ’their’ culture, but ’ours.’ American culture. The culture of America.“

Diese Realität schlägt sich demographisch an Orten wie Dearborn, Michigan oder Patterson, New Jersey nieder, den beiden Städten mit den größten muslimischen Bevölkerungen in den USA. "Sleeper Cell" verschreibt sich dieser gesellschaftlichen Realität: Die Serie ist somit nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem "War on Terror", sondern auch eine mit muslimisch-amerikanischer Identität, welche erst in einem Post-"9/11"-Kontext ein rasantes öffentlich-diskursives Moment angenommen hat. Hier wird Islam in Amerika nicht als kulturell unvereinbares "other" repräsentiert, sondern als inklusiver Teil der amerikanischen multikulturellen und multikonfessionellen Erfahrung und als subalterne Stimme mit eigener agency; ganz im Gegensatz zu "Homeland", das den Islam als etwas antithetisches zu Amerika behandelt und muslimisch-amerikanischer Identität keine Parität zu anderen "hyphenated identities" einräumt, sondern diese nur akzeptiert, wenn die "amerikanische" Identität überwiegt (siehe die Figur des libanesisch-guatemaltekischstämmigen Danny Galvez - gespielt von Hrach Titzian - der kein praktizierender Muslim ist und dessen arabisch-muslimische Identität von seiner lateinamerikanisch-christlichen quasi "in Schach gehalten wird": daher wird er von seinen Kollegen selbstverständlicher akzeptiert als die iranischstämmige kopftuchtragende Fara Sherazi - gespielt von Nazanin Boniadi - die, weil sie sowohl amerikanisch als auch iranisch sein möchte, sowohl das Misstrauen und die Antipathie ihres Vorgesetzten Saul Berenson - gespielt von Mandy Patinkin - als auch die ihres eigenen Vaters auf sich zieht, da Ersterer sie für zu iranisch/islamisch und Letzterer sie für zu amerikanisch/unislamisch hält).

"Sleeper Cell" zeigt die Normalität muslimischen Lebens als inhärenten Teil amerikanischer gesellschaftlicher Realität: Zum Beispiel ist Darwyns Freundin Gayle befreundet mit der hidschabtragenden Nadia, der Ehefrau des Dschihadisten Abdullah "Bobby" Habib, von dem sie später nicht glauben kann, dass er mit Terrorismus zu tun hatte. Beide Familien sind Nachbarn, feiern gemeinsam Feste (Gayle und ihr kleiner Sohn Marcus werden in der Pilotfolge zur Geburtstagsfeier von Bobbys und Nadias Tochter in einem öffentlichen Park eingeladen, wo Muslim_innen und Nichtmuslim_innen gemeinsam den "uramerikanischen" Freizeitaktivitäten des Barbecues und des Footballspielens nachgehen.

Zwei Folgen widmen sich verstärkt dem religiösen Leben amerikanischer Muslim_innen: in "Scholar" diskutieren, wie bereits erwähnt, Gläubige und ein alim in einem islamischen Zentrum in Los Angeles über theologische Diskurse bezüglich des Islam, während in "Immigrant" ein sufistischer dhikr, eine Art spiritueller Gottesdienst, in einer Moschee abgehalten wird. Zum Vergleich: Das einzige Mal, dass in "Homeland" eine amerikanische Moschee vorkommt, ist bei einer Verfolgungsjagd des Dschihadisten Tom Walker (gespielt von Chris Chalk), bei der die Polizei ihn durch eine Moschee verfolgt und dabei ausversehen Gläubige, die ihre Morgengebet verrichten, tötet. Die darauffolgende Szene einer zurecht aufgewühlten aggressiven Menge männlicher Muslime in teils nichtwestlicher Kleidung in einer von Blaulicht beleuchteten und Polizei- und Rettungskräften besetzten Straße vor der Moschee erinnert an die Repräsentation Beiruts in der zweiten Staffel von "Homeland", wo aggressive Hezbollah-Sympathisanten die Straßen dominieren, und konstruiert den Islam auch in einem amerikanischen Kontext als etwas strukturell Unruhiges, Wütendes und immerfort Problematisches, das stets im Konflikt mit dem Gesetz steht, während in "Sleeper Cell" die nonchalante, friedfertige Normalität amerikanischen Islams fast schon lapidar daherkommt.

Darüber hinaus trägt in den beiden obengenannten Folgen von "Sleeper Cell" Darwyn seine ṭāqīyah (muslimische Gebetskappe) mit einer eben solchen Selbstverständlichkeit, wenn er durch Downtown Los Angeles läuft, ohne dass seine nach außen getragene Religiösität in irgendeiner Form Aufmerkamkeit hervorhebt, wohingegen in "Homeland" Fara Sherazis Tragen eines Hidschabs, wie bereits erwähnt, bei ihrem Vorgesetzten Saul Misstrauen und Aggressionen hervorruft. Und während man an den amerikanischen Handlungsschauplätzen in "Homeland außer den Dschihadisten im öffentlichen Leben keine Muslim_innen sieht, sind sie in "Sleeper Cell" selbstverständlicher Bestandteil des urbanen multikulturellen Panoramas von Los Angeles, wie etwa der Gebrauchtwagenhändler, bei dem Tommy ein Auto kaufen will, oder eine Famile, von der die Frau einen Hidschab trägt, die die Zuschauer_innen unter den Besuchern eines Einkaufszentrum sieht. Diese beiläufige Depiktion gelebter Multikulturalität kommt in "Sleeper Cell" dermaßen beiläufig und unaufgeregt her, dass hier gar ein Zustand gesellschaftlicher Transkulturalität erreicht scheint, in der kulturelle Dichotomien, wie sie im Multikulturalismus noch vorherrschen, transzendiert werden.

"Allah made me funny": Islam und Humor

Muslim_innen haftet im Westen der Ruf an, sie verstünden aufgrund ihrer Religion, die als moralisch streng und gewaltbereit gesehen wird, keinen Spaß: ein nach "9/11" verschärftes Vorurteil, gegen das sich Stand-Up-Comedyformate wie "Allah made me funny" oder die "Axis of Evil Comedy Tour" wehren, wenn muslimisch- amerikanische Bühnenkomiker wie Dean Obeidallah, Maz Jobrani oder Azhar Usman sowohl die amerikanische Aufnahmegesellschaft als auch die muslimische Diaspora aufs Korn nehmen. Während in "Homeland" alle muslimischen Charaktere fast ausschließlich ernst, böse, traurig, gebeutelt, misstrauisch, änsgtlich, wütend oder kalkuliert dreinblicken, reden und handeln, wird in "Sleeper Cell" durch die Dialoge der muslimischen Charaktere für den Zuschauer eines deutlich: Muslim_innen, sogar die radikalen, haben Humor, verstehen Spaß, können auch über sich selbst lachen. Teilweise hat dieser Humor Züge des Grotesken: hierfür ist inbesondere das Verhältnis zwischen dem athletischen Schürzenjäger Christian und dem unsportlichen tolpatschigen Tommy exemplarisch. Beide necken und keifen sich stets in "Grumpy Old Men"-Manier gegenseitig an, zu sehen im folgenden Dialog:

Tommy: It’s so fucking hot in here.

Christian: You Americans are so spoiled. How do you expect to fight a war if you can’t even stand a little heat? You are a nation of pussies.

Tommy: Yeah, well at least Americans fight, you know, unlike say, I don’t know, for example, the French.

Christian: You shit on the French, but Napoléon conquered the world while you Americans were still hiding from Indians in log cabins.

("Hijacking" 2005: 3:54 – 4:23)

Die Ironie der Tatsache, dass ein antiamerikanischer Dschihadist sich ausgerechnet mit Amerikas Kampfgeist brüstet, ist hier nicht zu übersehen. Darüber hinaus wird hier einmal mehr Christians Amerikafeindlichkeit humoristisch behandelt, welcher auch an anderer Stelle Amerika-Bashing betreibt, und zwar nicht aus seiner "islamischen" Identität heraus, sondern aus seiner französischen. In der Pilotfolge sind alle Mitglieder der Dschihadistengruppe in einer Bowlingbahn, in der Tommy arbeitet:

Christian: Bowling? What kind of stupid game is this? It's almost as bad as your so-called football. You know, the rest of the world, billions of people, play real football every day, but not you. So okay, you make your own stupid games. Go ahead and play, I don't care. But why do you have to take the name of the real game too? Fucking American arrogance knows no bounds man.

("Al-Fatiha" 2005: 24:03 – 24:25)

Absurd ist auch der Dialog zwischen Christian und Darwyn, als sie mit Faris in die amerikanisch-mexikanische Grenzstadt Tijuana fahren, um sich um ausbleibende Drogenlieferungen zu kümmern, mit denen die Gruppe ihren Dschihad gegen Amerika finanziert:

Christian: We have to go through San Diego to get to Mexico, right? Well that means we’ll pass Legoland.

Darwyn: You want to take out Legoland?

Christian: No, no way. I used to love Legos when I was a kid.

Darwyn: Well G.I. Joe...G.I. Joe kicks Lego’s ass.

Christian: G.I. Joe is the mortal fucking enemy of Islam, smartass.

Darwyn: No, is a 12-inch piece of plastic, dumbass.

Faris: Would you stop it? Both of you. Sad enough you grew up wasting your time with that junk. Don’t make things worse by reminiscing about it.

("Money" 2005: 10:27 – 11:00)

Darüber hinaus sticht der Humor der Macher von "Sleeper Cell" in den Charakterzeichnungen der Hauptfiguren heraus, die teilweise groteske Züge tragen: zum Beispiel in der clownesken Figur des Abdullah "Bobby" Habib, eines geschwätzigen Dschihadisten, der andauernd das Idiom "Jesus" verwendet, wie er bekanntlich im angelsächsischen Sprachraum als Ausdruck von Wut, Überraschung und Frust verwendet wird. Oder in der Figur des dümmlich wirkenden Muttersöhnchens Tommy, der zu jedem Anlass Koranverse oder Hadithe rezitiert und damit eher hölzern und komisch wirkt statt belesen und gebildet: ein Dschihadist, der die nationale Sicherheit der USA gefährdet, aber immer noch seine attraktive junge Mutter um Geld anbetteln muss, die darüber hinaus auch noch von seinem Dschihadistenkollegen Christian "vernascht" wird: ein Umstand, den dieser daraufhin benutzt, Tommy noch mehr zu ärgern. Oder in der Figur des geschwätzigen Ziad, dem Buchhalter der Dschihadistenzelle, der sich mit Leichtigkeit in den zweifelhaftesten sozialen Milieus bewegt, ob im mexikanischen Tijuana der Drogenkartelle, oder unter rassistischen "white supremacists", und dessen Gerede, Gehabe und Kleidungsstil im Stile eines stereotypischen Zuhälters eher an einen der Mafiamitglieder aus der HBO- Dramaserie "The Sopranos" anmutet als an einen frommen Muslim, der im kosmischen Klinch mit Amerika liegt.

Situative Komik gibt es in der Serie auch zu hauf: zum Beispiel als Ziads Dschihadistenkollege in seinem Oberklasse-Geländewagen durch die Straßen Tijuanas fährt und dabei so laut nordafrikanische Raï-Musik hört und mitsingt, daß er sich nicht mehr auf den Straßenverkehr konzentrieren kann, einen Unfall baut und stirbt; oder als Faris, Darwyn und Christian, um sich die Zeit bis zu einem Geschäftstreffen mit dem hiesigen Drogenboss zu vertreiben, Sightseeing machen und Christian dabei in einer jener bunten mexikanischen Masken herumläuft, die von den Ringkämpfern des "Lucha Libre", einer mexikanischen Version des professionellen Wrestlings, benutzt werden.

Ferner ist Ilijas Liebe zum amerikanischen Old-School-Hiphop der 90er Jahre Gegenstand einer der meines Erachtens witzigsten Szenen der ersten Staffel: Als die Gruppe in ihrem Kleinbus nachts durch die Straßen von L.A. fährt und Faris jeden nach Vorschlägen für potentielle Anschlagsziele fragt, antwortet der Bosnier in seinem starken südslawischen Akzent:

Ilija: Take the 101 to the 134, merge onto the 210, exit in Pasadena, hit the Rose Bowl. Whoops, Farik, I might have trouble.

Faris: What are you talking about?

Ilija: I left my wallet in El Segundo. I gotta get it, I got got to get it (die anderen lachen).

Darwyn: You grew up in Bosnia listening to A Tribe Called Quest?

Ilija: "People’s Instinctive Travels and the Paths of Rhythm" came out in 1990, before everything went to hell in Sarajewo. The best hip-hop album of all time.

(„Al-Fatiha“ 2005: 43:50 - 44:23)

Dass Muslime sogar fähig sind, über den Propheten Mohammed zu lachen (etwas, daß im Hinblick auf die Kontroversen rund um die dänischen Mohammed-Karikaturen von Kurt Westergaard und die des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" im Westen oft übersehen wird), zeigt folgender Dialog zwischen Faris und Félix Ortiz, dem Chef des mexikanischen Drogenkartells, an dessen Hunderennbahn:

Ortiz: Do you bet?

Faris: I’m not a betting man. Gambling, like alcohol, is strictly forbidden by my faith.

Ortiz: Oh, what a pity. (Zeigt auf einen Rennhund) Number six is a fast little bitch. You could make some extra money for your cause.

Faris: The Prophet, peace be upon Him, said that an angel would never enter a house where a dog resides.

Ortiz: The Prophet? What did your prophet have against dogs?

Faris: Maybe he just didn’t like fleas. (Ortiz bricht in Gelächter aus).

("Money" 2005: 22:13 – 22:46)

Introspektion statt Hysterie: Die Kritik in "Sleeper Cell" am "War on Terror"

Im Schlussteil des Abschlussberichts der "9/11 Commission" heißt es:

"Our enemy is twofold: al Qaeda, a stateless network of terrorists that struck us on 9/11; and a radical ideological movement in the Islamic world, inspired in part by al Qaeda, which has spawned terrorist groups and violence across the globe. The first enemy is weakened, but continues to pose a grave threat. The second enemy is gathering, and will menace Americans and American interests long after Usama Bin Ladin and his cohorts are killed and captured. Thus our strategy must match our means to two ends: dismantling the al Qaeda network and prevailing in the longer term over the ideology that gives rise to Islamist terrorism."

"Homeland" widmet sich ausschließlich der Bekämpfung des ersten Feindes, und somit dem Symptom einer Krankheit, während "Sleeper Cell" schon 2005/2006, sich auf die Worte der 9/11-Kommission zurückbesinnt und sich der Ursachenforschung des "Islamist terrorism" zuwendet. Denn während "Homeland" die Bekämpfung des "first enemy", gegen den sich der "War on Terror" hauptsächlich richtet, als Königsweg für die Gewährleistung der nationalen Sicherheit der USA darstellt und dessen Legitimität – trotz erstaunlich kritischer Repräsentation des CIAs in der Serie - nicht antastet, verfolgt "Sleeper Cell" einen introspektiveren Ansatz: Die Serie gibt dem "War on Terror" eine Mitschuld am wachsenden Anti-amerikanismus in der islamischen Welt und repräsentiert Ersteren als eine militärisch-ideologische Strategie, welche die nationale Sicherheit der USA eher gefährdet statt gewährleistet, da sie moderate Muslime zu Dschihadisten macht.

Deutlich wird dies in der Folge "Immigrant“ an der Lebensgeschichte des 17-jährigen afghanischen Jungen Khashul, welche dieser Darwyn erzählt und die sowohl die Ursachen eines Radikalisierungsverlaufs als auch die Schuld der USA an diesem aufzeigen:

Khashul: My father, brothers and I, we used to raise goat for milk in Afghanistan. We know nothing about America. We did not care. Then U.S., they come to attack. They come to the towns. They want Taliban. They will give money for Taliban.

A man in town, he...he don’t like my father. He want our house. He want money. So he says to Americans we’re Taliban, we’re al-Qaeda. We are not. Americans, they come, take my father, take my brothers, take me. We don’t speak English. They don’t speak Pashto. We say nothing.

They take us to Kandahar. I’m in prison for two weeks, three weeks, I don’t know. Every day a man come in. He ask questions: “Where is Mullah Omar? Where is bin Laden?“ I say “I know nothing. I’m not al-Qaeda.“

They put me in airplane, sent me to a hot sticky place near the sea. They call it Gitmo. There, they ask more questions. A man comes in, Sergeant Walker from Santa Monica, California, USA. He say he my friend. He tells me, “Tell us who is bin Laden. Tell us who is al-Qaeda.“ I say “I know nothing.“

They put me in three-piece suit, throw me in solitary for sometimes three day, four day. I meet other prisoners. They teach me Arabic, teach me English. But mostly I learn to hate Americans. These are people with no god.

I was at Gitmo three years. Then they say I’m no good for them. They send me back to Afghanistan. When I go back, there is no house. My father gone, my mother gone, my brothers, all gone. They call this giving me back my freedom? There was a new mosque in town. The Shaykh there says to me, “Come. Stay with me.“ He was Taliban. He teach me fight for Islam.

("Immigrant" 2005: 15:14 – 18:00)

Hier wird die gesamte Tragik des amerikanischen "War on Terror" deutlich, dessen Überproportionalität und Willkür unbescholtene Bürger_innen unter Kollektivverdacht stellt und ihr Leben zerstört. Darwyn ist von Khashuls Lebensgeschichte sichtlich berührt und möchte ihn ab diesem Moment vom Dschihadismus abbringen und ihn wieder zu einem "normalen" Leben verhelfen, weshalb er daraufhin seine Ex-Freundin Nichelle aufsucht, die beim State Department arbeitet, damit sie Khashul außer Landes und somit in Sicherheit bringen kann:

Darwyn: Listen, Nichelle, I need a favor. There’s this Afghan kid that I got on my hands, and he’s in the country basically because we fucked up...the whole system. He’s not a bad kid, but if he stays here, he’s gonna be trouble to a lot of people. I need you to help me send him back.

Nichelle: Why are you sticking your neck out for an illegal? I mean, it’s just not very FBI of you.

Darwyn: I think he just got turned the wrong way. It wasn’t even his fault, and I’m hoping I can make this right.

("Immigrant" 2005: 43:44 – 44:16)

Darwyn übernimmt hier als Amerikaner symbolisch Verantwortung für den von seinem Land geführten Krieg gegen Afghanistan, der Khashuls Leben, das in "Sleeper Cell" stellvertretend für die Erfahrung vieler afghanischer Zivilisten während des Krieges ist, zerstört hat. Dagegen sucht man in "Homeland" vergebens nach Selbstkritik bezüglich des US-geführten Einmarschs in Afghanistan: Die Hauptfigur Carrie Mathison (gespielt von Claire Danes), Saul und der CIA sehen den "War on Terror", wie er mit seiner Missachtung des Völkerrechts und kriegsverbrecherischen Praktiken geführt wird, als notwendiges Übel, um Terrorismus zu besiegen, statt eine amerikanische Mitschuld am Gedeihen des "radical Islam" zu erkennen und einen strategischen Wechsel einzuschlagen.

"War within Islam" statt "War on Terror": das alternative "Homeland Security"-Paradigma in "Sleeper Cell"

"Sleeper Cell" plädiert für ein alternatives Narrativ bezüglich der nationalen Sicherheit der USA in der Post-"9/11"-Ära“: der "War on Terror" kann nur gewonnen werden, wenn man die "violent internal struggles", die den Islam und die muslimische Welt heimsuchen, miteinbezieht in die Gefahrenanalyse bezüglich der Sicherheit der "American Homeland" und die Taktik dementsprechend neuorientiert, und zwar in dem man die moderaten muslimischen Kräfte stärkt und vor den gewaltbereiten Extremisten schützt. Exemplarisch für diesen propagierten Paradigmenwechsel ist die bereits erwähnte Folge "Scholar", wo Faris seinen Leuten den Befehl erteilt, den moderaten Religionsgelehrten Abdel Malik zu töten. Darwyn veranlasst das FBI, diesen zu schützen, doch Christian kommt ihnen zuvor und tötet ihn per Giftspritze. Im darauffolgenden Gespräch zwischen Darwyn, der von Abdel Maliks Tod noch nichts weiß, und seinem Freund und Vorgesetzten Ray Fuller macht Ersterer deutlich worum es im "War und Terror" eigentlich gehen sollte:

Ray: Abdel Malik is dead.

Darwyn: What?

Ray: He was found at the mosque. A massive coronary. We think Farik got to him.

Darwyn: Ray. God damn it. You should’ve swarmed that place with LAPD.

Ray: And show our hand? I mean correct me if I’m wrong here, Darwyn, but aren’t you the one that’s been telling me we have to see this thing through, all the way to the end? Is that right? That’s right, isn’t it? I’m sorry how this went down. It happens, but sometimes you get beat.

Darwyn: That’s not good enough, man.

Ray: Darwyn, you just helped prevent a WMD attack on American soil. And you’re my fucking hero. I’m sorry about Abdel Malik. But in the bigger scheme of things...

Darwyn (unterbricht ihn verärgert): No, no, no. See, just...that’s just it, Ray. In the bigger scheme of things, saving Abdel Malik was just as important as stoping that fucking anthrax. This isn’t just a war on terror. It’s a war within Islam and...and people like Abdel Malik are the only ones that can help us win.

("Scholar" 2005: 52:10)

Auch dieses Verständnis des "War on Terror" als "two-pronged approach", zu dem weder der CIA in "Homeland" noch Ray in "Sleeper Cell" in ihrer myopischen Sichtweise gelangen, da ihr Narzissmus es ihnen nicht erlaubt, jenseits unmittelbarer amerikanischer Sicherheitsinteressen zu blicken, deckt sich mit der Lageeinschätzung der "9/11 Commission":

"The United States finds itself caught up in a clash within a civilization. That clash arises from particular conditions in the Muslim world, conditions that spill over into expatriate Muslim communities in non-Muslim countries."

Dies ist nicht nur eine Absage an Huntingtons "Kampf der Kulturen"-Narrativ, sondern auch eine (An-)Erkennung von Abhängigkeitsstrukturen in einer globalisierten Welt, in welcher regionale Phänomene nicht isoliert sondern ganzheitlich und global betrachtet werden müssen.

R.I.P. "Sleeper Cell"

Seit "9/11" ist das Verhältnis der USA zur muslimischen Welt und zu den etwa fünf Millionen Muslimen im eigenen Land bis heute einer der wichtigsten politischen Diskurse geblieben, insbesondere in der öffentlich-populären Sphäre. Geht man davon aus, dass a) in einem Land wie den USA mit ihrem "modern government-entertainment complex", wie ihn Jenkins beschreibt, die Film-und Fernsehindustrie einen enormen Einfluss auf Politik und Gesellschaft hat, b) es sich bei der amerikanischen Bevölkerung nach Said um eine "basically indifferent and already poorly informed American clientele" handelt und die Medien eine "enormous capability for public information" haben; und c) in den USA nicht nur die Hälfte aller Haushalte drei oder mehr Fernsehgeräte besitzen, sondern Amerikaner_innen im Jahr 2013 durchschnittlich 293 Minuten Fernsehen pro Tag geguckt haben, dann ist die zentrale Rolle von zur Hauptsendezeit laufenden Fernsehserien wie "Homeland" und "Sleeper Cell" in ihrer potentiellen Wirkungsmacht für die politische Meinungsbildung von Wähler_innen in der größten nominellen Demokratie der westlichen Hemisphäre keineswegs zu unterschätzen. Bourdieus Warnung, dass das Fernsehen als ein zumindest in der Theorie "hervorragendes Instrument direkter Demokratie" stets Gefahr laufe "ein Mittel symbolischer Unterdrückung" zu werden, scheint in den USA, wo hunderte Fernsehsender die amerikanische Öffentlichkeit mit einer Flut an konsumorientierten Dauerwerbesendungen und "game shows", ephemeren Talkshowformaten, eskapistischen Krimi- und Actionserien sowie einseitiger und sensationalistischer Nachrichtenvermittlung überschwemmen und eine aufgeklärte politische Meinungsbildung hemmen, gelebte systemkonforme Realität zu sein: "Homeland" mit seinem Entertainmentanspruch ist durch seine einseitige und reduktive Repräsentation des Islams und der Komplexität geopolitischer Realitäten im Nahen Osten und in der islamisch geprägten Welt Teil dieser unterhaltungsindustriellen "symbolischen Unterdrückung" des amerikanischen Volkes, gegen die "Sleeper Cell" mit alternativen Islamdiskursen ankämpfte und dabei deutlich erkennbar den pädagogischen Anspruch hatte, amerikanische Vorurteile über den Islam durch Richtigstellungen zu konterkarieren.

Schade, dass die amerikanischen Zuschauer_innen damals nicht reif genug für die Serie waren und diese daher zwei Staffeln nicht überlebt hat.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Version eines Teils meiner B.A.-Arbeit mit dem Titel "Islam in Zeiten des Heimatschutzes: Repräsentationen einer Weltreligion und des 'War on Terror' in den US-Fernsehserien 'Homeland' und 'Sleeper Cell' ". Gegenstand dieser vergleichenden Analyse waren die ersten drei Staffeln von "Homeland" sowie die erste der zwei Staffeln von "Sleeper Cell".

Müssig, Magdalena: Echoräume. Der Freitag, Ausgabe 2516, https://www.freitag.de/autoren/mmuessig/echoraeume.

Said, Edward: Covering Islam. London 1997.

Steinberg, Jacques: On a New Showtime Series, America’s Protector is a Muslim. International New York Times (Onlineausgabe), 04.07.05, http://www.nytimes.com/2005/07/04/arts/television/on-a-new-showtime-series-americas-protector-is-a-muslim.html.

Vgl. Smith, Lynn: Showtime’s ’Sleeper Cell’ brings terrorism home. Los Angeles Times (Onlineausgabe), 23.07.05, http://articles.latimes.com/print/2005/jul/23/entertainment/et-sleeper23.

Dolbee, Sandi: Showtime’s ’Sleeper Cell’ has Muslims as terrorists but goes beyond. 1.12.05, http://www.freerepublic.com/focus/f-chat/1532178/posts.

Kean, Thomas H./Hamilton, Lee H. et al.: The 9/11 Commission Report. Final Report of the National Commission on Terrorist Attacks upon the United States. New York 2004.

Bourdieu, Pierre: Über das Fernsehen (Übers.). Frankfurt 1998.

23:08 20.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

B.A. in Asien-/Afrikastudien ・Immobilienhaifisch mit Milchzähnen ・Freier Lügenpressedetektor ・Saul Goodman in spe ・Ehrenamt als Guardiola-Double
Timo Al-Farooq

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