Der amifizierte Deutsche

Thanksgiving/Völkermord Es ist wieder Thanksgiving, und wieder werden auch an kulturellem Stockholm-Syndrom erkrankte Deutsche ein US-amerikanisches Fest zelebrieren, das Völkermord verherrlicht
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Der vierte Donnerstag eines jeden Novembers ist kein guter Zeitpunkt, um ein Truthahn zu sein: nicht in den USA, und zunehmend auch nicht in Deutschland. Denn dann ist wieder Thanksgiving, ein amerikanisches Fest, das Völkermord an den eigentlichen Amerikanern feiert, und das sich beim zweimaligen Völkermörder aus Europa immer größerer Beliebtheit erfreut, aus zweierlei Gründen: dem bequemen Unwissen bezüglich des eigentlichen Hintergrundes dieses Volksfestes, und der deutschen Abart, sich allem Amerikanischen kopfüber zu unterwerfen. Sei es in der Politik oder eben im Esszimmer, an einem Feiertag, der für uns keiner ist.

Dabei ist die Bereitschaft, hierzulande Thanksgiving zu kommemorieren, keine singuläre Anomalie, sondern Teil eines verstörenden Trends, Feiertage zu importieren, mit denen man kulturell nichts zu tun hat, und die „zufälligerweise“ alle aus den USA stammen: Valentinstag, Halloween, santaclausisierte Weihnachten und jetzt Thanksgiving, das soviel mit dem deutschen Erntedankfest zu tun hat wie alkoholfreies Bier mit einem Kater.

Ja, vorbei sind die Zeiten des zuverlässigen (linken) deutschen Antiamerikanismus, als man noch gegen Uncle Sams illegale Wüstenkriege massendemonstrierte, „Ami Go Home“ und „No Blood for Oil“ brüllte und es sogar so meinte. Heute haben wir - sogar die, die noch wacker gegen Trumpismus und andere faschistoide Populismen protestieren, (auch wenn eher auf Social Media statt auf der Straße) vor unseren eigenen postdemokratischen Dämonen kapituliert, die in den letzten 14 Merkeljahren größer und stärker geworden sind als je zuvor, und machen heute auch kulturell wieder den Kotau vor den USA, unserem Befreier auf Lebenszeit. Und ein zentraler Wesenszug dieser Amerikanischen Renaissance in Mainstreamschland ist das alberne Ärgernis, deren Schlüsselfeiertage zu feiern.

Weihnachten, sponsored by Coca-Cola

Ein wesentliches Merkmal dieser importierten Amifeiertage ist ja das Überschatten ihrer historischen Bedeutung durch Konsum und Kommerz, traditionelle Festivitäten somit zu „Hallmark holidays“ reduzierend (benannt nach der US-amerikanischen Grußkartenfirma), an denen Big Business Big Bucks machen kann und blinde Konsumenten das, was sie am besten können: blind komsumieren.

Somit wurde der Tag, der Sankt Valentin von Terni gedenkt, von allem kitschisiert, was auch nur annähernd nach einem Herz anmutet und ostentative Romantik suggeriert, wie etwa Blumen und belgische Schokolade (die eigentlich ivorische Schokolade ist, weil der Kakao aus Westafrika kommt). Die Wiederauferstehung Jesu, wird bekanntlich mit massenproduzierten Schokihasen und bemalten Ostereiern zelebriert. Halloween, eine ursprünglich keltische Tradition, ist heute der Heilige Gral der Süßigkeitenindustrie; Und die strategische Nachnutzung von Thanksgiving am darauffolgenden Black Friday, dem höchsten Feiertag im Kapitalismuskalender (sehr treffend benannt, werden doch an dem Tag die dunkelsten Untiefen des Homo Oeconomicus freigelegt, während er hedonistisch und geistlos frühmorgens in die Malls stürmt) ist ein Geschenk des Himmels für den Einzelhandel.

Und last, but not least, dürfen wir die Geburt Jesu nicht vergessen, wo heute das Weihnachtskrippenspiel gefühlt von einem Coca-Cola Lkw-Konvoi plattgefahren wird, gesteuert von überzuckerten, fetten, grinsenden Santa Clausen.

Deutsch-amerikanisches Stockholm-Syndrom

Dass ein Volk wie die Amerikaner, die sich kulturell von Geburt an bis zum Grab von Massenkonsum und Materialismus ernähren (und diese fragwürdige Errungenschaft auch noch erfolgreich in die weite Welt hinausexportiert hat), diese Feiertage auf diese Art begehen ist nachvollziehbar, werden sie doch von plutokratischen Eliten und ihren Erfüllungsgehilfen in der Politik dummregiert, die ihnen die Ignoranz blinden Massenkonsums auch noch als American Way of Life verkaufen.

Dass wir in Deutschland diesen kulturellen Modeerscheinungen nacheifern, ist hingegen bemitleidenswert: unsere endlose Dankbarkeit und der deutsche Kadavergehorsam gegenüber den heute nicht so Vereinigten Staaten, die uns vom Nationalsozialismus befreit haben (obwohl der russische Anteil an dieser Herkulesleistung nicht minder groß war, wenn nicht sogar größer) hat dazu geführt, dass Americana mittlerweile unwiderruflich in unsere kulturelle und psychologische DNA hineinkodiert worden ist.

Auch ist die freiwillige deutsche Unterwürfigkeit gegenüber US-amerikanischem Kulturimperialismus, egal wie albern er sich manifestiert, ein trauriges Statement über unsere eigene Position inerhalb der Hierarchie einer immer noch intakten US-amerikanischen Weltordnung: wir sind nichts weiter als „captive minds“, ein Begriff aus der Postkolonialen Theorie, das Äquivalent zum indischen Brown Sahib oder des schwarzen Onkel Toms in den amerikanischen Südstaaten: nützliche Idioten eines Hegemons, die ihre untergeordnete Stellung und ihren kulturellen Kerkermeister lieben gelernt haben. Stockholm-Syndrom eben.

Genozid ist geil, findet auch der Deutsche, und beißt genüsslich in seinen Truthahn 🦃

Was hat all das nun mit Völkermord zu tun? Viel. Denn während die Begehung Halloweens unter ethischen Gesichtspunkten harmlos ist, ist das Zelebrieren von Thanksgiving geradezu sadistisch, weil es den Völkermord an Native Americans verherrlicht (die im rückständigen Deutschland, dessen Bild von den indigenen Völkern Nordamerikas ausschließlich von Karl May und „Der Schuh des Manitu“ geprägt ist, immer noch fälschlicherweise Indianer oder diskriminierenderweise Ureinwohner genannt werden, als seien sie kulturell zurückgeblieben, obwohl ihre Kulturen in fundamentalen Bereichen wesentlich zivilisierter und fortschrittlicher sind als die europäischen trotz ihrer ach so hoch gelobten Aufklärung je sein werden).

Wie Alli Joseph, Mitglied des Stammes der Shinnecock Indian Nation in Long Island, New York auf salon.com schrieb: „Thanksgiving is a reminder of the genocide of millions of our people, the quashing of our culture and traditions and the stealing of our virgin lands.“ Für Amy Goodmann, Mitbegründerin der Online-Nachrichtensendung Democracy Now! ist Thanksgiving „predicated on the wholesale whitewashing of the colonial genocide against Native Americans.“

Dass man trotzdem sowas feiern möchte hierzulande hat auch mit der zeitlichen und geographischen Ferne zu tun, die Deutsche von amerikanischer Geschichte trennt, also das, was Yaacov Trope einmal „psychologische Distanz“ genannt hat: die gleiche Bewältigungsstrategie, die Anwendung findet, wenn wir Mafia-Figuren wie Al Capone oder die fiktionalen Paten Vito Corleone oder Tony Soprano romantisieren (Maria Konnikowa hat vor einigen Jahren im New Yorker einen faszinierenden Beitrag geschrieben zu diesem Phänomen mit dem Titel „Why do we admire mobsters?“ Daher scheint für den Deutschen das occasionalistische Zelebrieren von Thanksgiving lediglich ein weiterer Fall von Nachahmung aus den USA importierter kultureller Orthopraxie zu sein, trotz ihres barbarischen Hintergrundes.

Dass Amerikaner, ob weiß, braun, gelb oder schwarz, diesen weißen suprematistischen Feiertag trotzdem begehen, ist ihrer blatanten Ignoranz bezüglich der blutigen Entstehungsgeschichte der Vereinigten Staaten geschuldet mit ihren multiplen Ursünden. Aber dass mancher Deutscher in seiner masochistischen Werkseinstellung voluntärer Unterwürfigkeit innerhalb einer nominellen transatlantischen Partnerschaft, die tatsächlich ein Machtverhältnis zwischen Kaiser und Knecht ist, das Bedürfnis haben, einen Drittstaatenvölkermord zu zelebrieren, ist einfach nur peinlich.

Darüber hinaus wird man den Verdacht nicht los, dass der Deutsche, Überbösewicht des 20. Jahrhunderts mit seinen zwei Völkermorden (der Genozid an den Herero und Nama im kolonialen Deutschsüdwestafrika juckt hier bis heute keinen, denn in der Hierarchie der Beihnahausgelöschten steht der Afrikaner ja auch weit unter dem Juden) und zwei verzettelten Weltkriegen eine Art lange überfällige Erleichterung empfindet, nicht das Monopol auf die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu haben und mal einen Völkermord feiern zu können, den man selbst nicht begangen hat. Und wenn ich Spaßbremse dann Nafri-Style angetanzt komme und sie dafür zu shamen versuche, dann können sie mit erhobenen Händen und unschuldiger Miene verkünden: „Das waren wir doch gar nicht, das waren die Amerikaner! Wenn die das feiern dürfen, wieso wir nicht auch?“ Nach dem Motto: wenn sogar jemand mit dem Namen Hamid Abdel Samad sagt, Islam sei scheisse, dann muss ja was Wahres dran sein.

Wer nach dem Lesen dieser Zeilen immer noch meint, er müsste aus Anbiederung an eine militaristische Weltmacht am US-amerikanischen Thanksgiving Day die durch die Einwanderer aus Europa initiierte bittere Geschichte und Gegenwart von Native Americans verhöhnen, der soll sich eines fragen: würde er die Vernichtung der europäischen Juden etwa mit einem Spanferkel zelebrieren?

Bildnachweis: Thanksgiving - A study in proportion (1912) des österreichischstämmigen politischen Karikaturisten, Verlegers und Aktivisten Udo J. Keppler. Der in den USA geborene Keppler setzte sich so sehr für die Sache der Native Americans ein, dass er vom Stamm der Seneca Nation adoptiert und zum Ehrenhäuptling benannt wurde.

02:17 22.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist aus Berlin in London・Regionalexperte für MENA, Ostafrika & SOA・Instagram: @talrooq
Timo Al-Farooq

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