Der Geflüchtete, der Geflüchtete hasst

Dalai Lama Der Dalai Lama hat sich dem BBC gegenüber abfällig über Refugees und Muslime geäußert: eine ganz schön schwach(sinnig)e Leistung für eine Galionsfigur des Weltfriedens
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Schon mal einen Refugee kennengelernt, der Refugees hasst? Nein? Dann darf ich Ihnen Tenzin Gyatso vorstellen, besser bekannt als "Dalai Lama", der exilierte, spirituelle Führer des tibetanischen Volkes. Er hat letzten Monat dem BBC ein Interview gegeben, auf das Italiens Matteo Salvini und Ungarns Victor Orbán ganz schön stolz gewesen wären.

Als er gefragt wurde, ob Geflüchteten in Europa ein dauerhaftes Bleiberecht eingeräumt werden sollte, antwortete er:

"Limited number… OK. But whole Europe eventually become Muslim country? Impossible. Or African country? Also impossible."

Kommt einem das bekannt vor? Der ach so entspannte und natürlich überhaupt nicht rassistische Buddhist, den wir aus dem islamfeindlichen Sri Lanka und dem noch islamfeindlicheren Myanmar kennen, bläst in das gleiche ausgelutschte Horn der organisierten Islamisierung Europas und des noch ausgelutschteren Kulturkampfnarrativs.

Und würde bitte jemand diesen bildungsfernen Schwachmaten daran erinnern, das Afrika und Europa keine Länder sind, sondern Kontinente?

Wie seine unapologetisch islamfeindliche Glaubensschwester Aung San Suu Kyi, eines weiteren Lieblings eines gutgläubigen linksliberal-westlichen Establishments, hat sich nun auch dieser rotbetuchte Glatzkopf mit seiner 70er-Jahre Pornobrille als falscher Fuffziger geoutet.

Zur Erinnerung: auch im Falle Aung San Suu Kyis war es der BBC, der ihre Islamfeindlichkeit entlarvte, wenn auch - anders als beim Dalai Lama - unverhofft, als Erstere nach ihrem Interview mit der prominenten britischen Journalistin Mishal Husain geglaubt hatte, ihr Mikro sei aus, und frei Schnauze folgendes von sich gab: "No one told me I was going to be interviewed by a Muslim." (vgl. https://www.ibtimes.co.uk/aung-san-suu-kyi-no-one-told-me-i-was-going-be-interviewed-by-muslim-1551637) Allein dieses Statement dürfte Aung San Suu Kyis Laissez-Faire-Haltung bezüglich des Völkermordes gegen die muslimischen Rohingyas in Myanmar unmissverständlich erklären.

Der graduelle Verfall eines Friedensstifters

Was nun den 14. Dalai Lama betrifft, den China stets als Terroristen bezeichnet hat, scheint dieser vom Westen hochstilisierte Emissär des Weltfriedens nun auf seine alten Tage einen Selbstzerstörungsmechanismus in Gang zu setzen, wie wir ihn von vielen nichtweißen Eminenzen kennen, die im Spätherbst ihres Lebens von links nach rechts rücken und dem in sich schlummernden Monstrum der Islamophobie freien Lauf lassen: der Literaturnobelträger V.S. Naipaul fällt mir da als erstes ein.

Dabei hatte der Dalai Lama 2015 - als die sogenannte "Flüchtlingskrise" in vollem Gange war, noch gefordert, die EU solle die Geflüchteten aus Syrien nicht zurückschicken, nur weil sie Muslime sind (vgl. https://www.bbc.com/news/av/uk-34316578/dalai-lama-do-not-reject-refugees-because-they-are-muslim).

2016, nur ein Jahr später, hörte sich das schon anders an, als er sagte, es seien "too many refugees in Europe" (vgl. https://www.nbcnews.com/storyline/europes-border-crisis/dalai-lama-thinks-europe-has-let-too-many-refugees-n583701).

Und binnen zwei weiterer Jahre wurden aus einer wertenden Feststellung gleich zwei satte rechtspopulistische Slogans, als er im September 2019 sagte: "Europe belongs to the Europeans" und "Europe, for example Germany, cannot become an Arab country. Germany is Germany. There are so many that in practice it becomes difficult" (vgl. https://www.foxnews.com/world/dalai-lama-says-europe-belongs-to-europeans-and-refugees-should-ultimately-go-back-home).

Wer im Glashaus sitzt...

Doch viel atemberaubender als des Dalai Lamas Rassimus und anti-Refugee-Haltung (ja, auch Islamophobie ist eine Form des Rassismus liebe weiße Deutsche) ist sein fulminantes Heuchlertum: das aktuelle Interview gab er in seiner Residenz im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh, wo er seit 1959 lebt, als er aus Tibet flüchten musste: also als Refugee.

Liebe Leser_innen; nehmen Sie sich mal die Zeit und lassen diese Szene vor ihrem inneren Auge abspielen: da sitzt ein Flüchtling im Schutz seines Gastlandes, das ihn vor 60! Jahren aufgenommen hat und bis heute beherbergt, und fordert tatsächlich andere Gastländer auf, ihre Geflüchteten nach Hause zu schicken.

Leidet dieser Dalai Lama im Alter von 83 nun endlich an Demenz, oder ist er einfach nur ein Dummbatzen in der Tradition des Trump-Groupies Kanye West, den Obama schon während seiner ersten Amtszeit als "jackass" bezeichnet hat?

Als die BBC-Journalistin Ranjini Vaidyanathan also im jüngsten Interview vom letzten Monat den Dalai Lama an dieses Paradoxon eines Refugees, der sich abfällig über Refugees äußert, erinnerte, reagierte dieser - wie Populisten weltweit - mit einem verbalen Ablenkungsmanöver: “They themselves [die Geflüchteten], I think better in their own land. Better. Keep Europe for Europeans.”

Sogar für ein Ablenkungsmanöver, das - auch wenn es die Frage nicht beantwortet - einen selbst nicht in einem schlechten Licht darstellen soll, ist das bemerkenswert schwach. Und nach 2018 wieder einmal sein Keep Europe for Europeans? Starke Worte von diesem Rattenfänger von Tibet, dem der Westen blind hinterherdackelt, diesem Paolo Coelho der organisierten Hilfe-zur-Selbsthilfe-Kultur, dem spirituell ausgemergelte weiße Menschen und andere unmeritokratisch privilegierte neoliberale Westler verfallen sind wie gehirngewaschene Anhänger einem Sektenführer.

Dass der Weg von Rassismus zu Sexismus kein weiter ist, bewies seine Eminenz im gleichen Interview, als er etwas wiederholte, das er bereits 2015 gesagt hatte bezüglich einer möglichen weiblichen Nachfolgerin, nämlich: “If female Dalai Lama comes, then that female must be very attractive … otherwise not much use.”

Dieser Typ ist der Hammer, oder? Frau Vaidyanathan fragte ihn explizit, ob er zu diesen Worten stünde, was er bejahte (vgl. https://www.theguardian.com/world/2019/jul/03/dalai-lama-female-comment-cancelled-twitter).

Dieser Weg...wird kein leichter sein...

Ich bin kein Buddhismus-Experte, aber gab es da nicht so etwas wie den Edlen Achtfachen Pfad? Rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenswandel, rechtes Streben, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung? Gelten diese Gebote nicht für tibetanische Buddhisten? Ich möchte kein Spielverderber sein, aber die Aussagen des Dalai Lamas gegenüber dem BBC sowie sein Jetset-Lebenswandel als internationaler Berufsredner und Bestsellerautor verstoßen sage und schreibe gegen sieben dieser acht Gebote.

Sollte der Dalai Lama seinen Worten Taten folgen lassen, dann sollte er - bevor er Europa Consulting-Dienstleistungen anbietet - zuerst bei sich anfangen und Indien verlassen und nach Tibet/China zurückkehren.

Ja, vielleicht ist es an der Zeit, dass die hindunationalistische indische Regierung diesen Selbstdarsteller und Hochstapler, der - wie Aung San Suu Kyi 1991 - es tatsächlich geschafft hat, das norwegische Nobelpreiskomitee dazu zu bringen, ihm zwei Jahre vorher den Friedenspreis zu überreichen, endlich dahin zurückzuschicken, wo er herkommt.

Und es ist eines dieser tragischen Beispiele kosmischer Ungerechtigkeit, dass China derzeit über eine Million muslimische Uiguren in der autonomen Provinz Xinjiang aufgrund ihrer religiösen Überzeugung in Umerziehungslager gefangen hält und sie den menschenfeindlichsten Schikanen aussetzt, während so ein Spalter wie der Dalai Lama frei herum laufen und vor einem naiven westlichen Publikum seine verbale Diarrhoe loswerden darf.

Nun ja, verehrtester Herr "Lama", Lieber "Dalai": bis Sie nicht Ihre Gedanken und Worte sowie Ihr Handeln entgiften und anfangen, nach den Prinzipien Ihres Glaubens zu leben, hoffe ich doch sehr für Sie, dass sie Ihr wohlverdientes "Samsara" genießen: jenen schmerzhaften Kreislauf der Wiedergeburt, auf welches Ihr Buddhisten Euer irdisches Leben darauf verwendet, es zu durchbrechen.

Denn das Nirwana ist für einen Rassisten, Islamfeind und Sexisten, wie Sie es sind, so fern wie nie zuvor.

15:13 11.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist aus Berlin in London・IG: @talrooq
Timo Al-Farooq

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