Karma ist eine b****, Deutschland

Deutsches Özil-Bashing Heute vor einem Jahr flog Deutschland vorzeitig aus der WM in Russland. Zum Jubiläum ein Kommentar über kosmische Gerechtigkeit, die strukturellen Rassismus bestraft
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Genau heute vor einem Jahr, am 27. Juni 2018 während der FIFA Fußball-WM der Männer in Russland, bekam Deutschland die Quittung für sein rassistisches, türkenfeindliches und islamophobes Mobbing gegen die damaligen DFB- Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan (der heute noch für den DFB spielt) aus Anlass eines geposteten Selfies der beiden mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan.

An jenem Tag schlug Südkorea im letzten Gruppenspiel die deutsche Mannschaft mit 2:0, ein erlösender finaler Rettungsschuss nach einer überraschenden 0:1 Pleite gegen Mexico im ersten Gruppenspiel, der dem zu dem Zeitpunkt amtierendem Weltmeister die Schmach einer verfrühten Heimreise bescherte. Nicht einmal der glückliche 2:1 Sieg gegen glücklose Schweden konnte dies verhindern.

Schadenfreude ist ein urdeutsches Gefühl, für das es im Englischen keine adäquate Entsprechung gibt, weshalb sie im angelsächsischen Sprachraum unübersetzt weiterverwendet wird. Und Schadenfreude war genau das, was ich dunkelhäutiger gebürtiger Deutscher mit elterlicher Migrationsbiographie, der Zeit seines Lebens hier - wie unzählige andere - wegen meiner Hautfarbe wie Bürger zweiter Klasse behandelt worden bin, in jenem Moment an diesem glorreichen Sommertag gefühlt habe.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich nach dem Schlusspfiff auf meinen Kreuzberger Balkon hinaustrat und passionierte, erlösende und halbverrückte Fick- Dich-Deutschlands in den gentrifizierten Wrangelkiez hinausschrie, meine Stimme schon heiser von dem 90-minütigen einseitigen Schreiduell mit meinem Fernseher, welches den Krimi übertrug, dessen unerträgliche Spannung zum großen Teil auch davon lebte, dass Deutschland womöglich aus dem Turnier fliegen konnte an dem Tag.

Der überaus willkommene Casus Belli damals, der einer weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft den Vorwand lieferte, in den Medien und sozialen Netzwerken auf die beiden Sympathikuse Özil und Gündogan loszugehen, die stets stolz darauf gewesen sind, das DFB-Dress zu tragen: ein Selfie mit einem in der deutschen Politik unbeliebten Präsidenten des Geburtslandes ihrer Eltern.

Diese Non-Nachricht wurde von der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft als ein Akt der Aggression und des Landesverrats gewertet und machte über Nacht aus zwei in England gefeierten Weltstars, die beide in der Premier League kicken (Özil beim FC Arsenal London, Gündogan bei den „Skyblues“ von Manchester City), vogelfreie Staatsfeinde Nummer Eins in ihrem eigenen Heimatland Deutschland (Deutschland über alles, wie die verbotene ersten Strophe der deutschen Nationalhymne lautet, die zwar niemand singen darf, aber deren Inhalt nicht wenige absegnend unterschreiben würden, egal wie un(ter)bewusst.

Was als Erdogangate in der Presse die Runde machte, hätte ehrlicherweise Weiße-Deutschegate heißen müssen: denn der wahre Skandal lag nicht in der Tat Özils und Gündogans, sondern in der Reaktion auf diese Tat durch die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft, die - ob politisch links, rechts, oder mittig, sich schnell in darin einig waren, dass es ok ist, diese beiden gestandenen jungen Männer mit rassistischen und islamfeindlichen Beleidigungen und Meinungen zu überhäufen.

Von der Doppelmoral, ständig Erdogan oder WM-Gastgeber Putin für ihre autoritären Umtriebe zu kritisieren, bei erprobten Faschisten wie Donald Trump, Ungarns Victor Orban oder Indiens Narendra Modi (letzterer hat soviel Blut an seinen Händen kleben, damit könnte man ganze Blutbanken füllen) jedoch bemerkenswerterweise das sonst so übereifrige Großmaul zu halten, davon kein einziges Wort.

Nein, der wahre Skandal lag in der bereitwilligen Lynchmobmentalität, mit der eine weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft ihrer angestauten Turkophobie und Islamfeindlichkeit freien Lauf ließ, die im Verlauf eines Jahrzehnts Merkelscher Postdemokratie und Selbstbeweihräucherung stets unter der verlogenen Firniss eines pseudopluralistischer Gesellschaftsmodells brodelten. Bis ein Selfie die braune Suppe , an der auch politisch Rote, Grüne, Gelbe und Schwarze emsig mitgekocht hatten, schließlich zum Überlaufen brachte.

Die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft ließ die Beiden in aller Unmissverständlichkeit wissen, dass sie - wie alle anderen hierzulande, die sich weigern, sich weißer Hegemonie unterzuordnen - mit ihrer (elterlicher oder gar großelterlicher) Migrationsbiographie – niemals echte, vollständige Deutsche sein werden, auch wenn sie hier geboren, aufgewachsen, deutsche Staatsbürger sind und bei internationalen Sportturnieren mit dem Adler auf der Brust für Deutschland auflaufen.

Ein kollektivistisches weißes Deutschland fiel in den Tagen vor, während und nach der WM in Russland (die allen westlichen russophoben Unkenrufen zum Trotz eine VOLLER ERFOLG war) über Özil und Gündogan her wie Raubtiere um ihre Beute.

In ihrem (liberal-)rassistischen Wahn ging es sogar soweit und sorgte dafür, dass jedwede Kritik an weißer Vorherrschaft in Deutschland – sei es Özils Facebook-Manifest oder die Flut an Social-Media-Posts von migrantischstämmigen Menschen in Deutschland, gnadenlos wegegaslightet, bis zur Unkenntlichkeit lächerlich gemacht und in Stücke gehackt wurde. So lässt sich Geburt und Tod der kurzlebigen #metwo- Bewegung zusammenfassen, zerstampft von weißen Deutschen, von denen viele sich tatsächlich für liberal, weltoffen und gute Menschen halten.

Und nur zur Erinnerung: diese weiße Mehrheitsgesellschaft umfasst auch nicht wenige von jenen Leuten, für die Ex-Nationalspieler Lukas Podolski stets als Deutscher gesehen wurde, bis zu dem Breaking Point, an dem er am Tor vorbeischoss und für den weißen deutschen „Fan“ zum „Scheißpolacken“ mutierte. Ich habe etliche Public Viewings und Sportkneipenbesuche zu EMs und WMs mitgemacht, wo ich in vorderster Reihe diesem weißen deutschen Opportunismus beiwohnen durfte.

Die französischen und belgischen Nationalspieler Paul Pogba und Romelu Lukaku haben diese Unart rassistischer Meritokratie eingehend kritisiert, bei der sie nur französisch oder belgisch sind solange sie Tore schießen. Falls nicht, dann sind sie wieder Afrikaner (eine Zuschreibung, die - wenn sie von fahnenschwenkenden weißen Ersatzreligionszeloten kommt, die ihren Mainstream-Nationalismus als Patriotismus beschönigen – nie als Kompliment gemeint ist).

Also liebe weiße Deutsche mit Eurer ausgrenzenden Identitätspolitik und Eurem Terrorismus systematischer und systemischer rassistischer Mikro-und Makroaggressionen, den Ihr tagtäglich mit der unschuldigsten aller Mienen begeht: Ihr seid keine guten Menschen, sondern so ziemlich das Gegenteil. Kulturell inzestuös, provinziell und heuchlerisch. Viele von Euch sind sogar so böse, dass sie bei günstigeren Rahmenbedingungen nicht mit der Wimper zucken würden, Eure genozidale Geschichte zu wiederholen. Wie die Rapper von der Antilopengang in einem Song treffendst formuliert haben: „1933 wären sie alle Nazis gewesen.“

Ja, das ist Euer Deutschland, Euer Land der Ideen. Eure wunderschöne Heimat, die gleichzeitig unser hässlichster Albtraum ist. Rassismus ist keine Idee, sondern eine Ideologie, die ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, dessen Ihr kollektiven Germanozentristen Euch schuldig gemacht habt wie all die anderen rassistischen und islamfeindlichen weißen Mehrheitsgesellschaften Westeuropas: Österreich und Dänemark, Frankreich und Belgien, Italien und die Schweiz.

Und bezüglich Özil und Gündogan kann ich nur sagen, dass die beiden einzeln mehr Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Demut besitzen als all Ihr weißen leitkulturellen Onanierer zusammen. Es scheint wohl so etwas wie kosmische Gerechtigkeit zu geben: heute vor einem Jahr erschien sie in der Gestalt der mexikanischen, südkoreanischen und sogar schwedischen Nationalmannschaft (nur zur Erinnerung: letztere hatte sich – anders als der DFB bei Özil und Gündogan – schützend und solidarisch vor ihren eigenen türkischstämmigen Mitspieler Jimmy Durmaz gestellt, als dieser von weißen schwedischen „Fans“ im Stadion und in den sozialen Netzwerken rassistisch gemobbt wurde).

Was bleibt da noch zu sagen außer: Viva Mexico, tack sa myket Sverige, Go Taeguk Warriors. Ich - wie so viele andere, die in der Realität abseits der abstrakten Sphäre des Gesetzes nicht selbstbestimmt deutsch sein dürfen, ausschließlich aufgrund unserer werkseingestellten Hautfarbe oder religiöser Überzeugung, sind Euch für immer dankbar, dass Ihr eine deutsche National(isten)mannschaft vorzeitig nach Hause geschickt habt, und der weißen suprematistischen Mehrheitsgesellschaft, die die reinrassigen Teile der „Mannschaft“ bedingungslos feiert, in ihre Schranken gewiesen habt.

Dank kosmischer Gerechtigkeit bekam Deutschland während jenes russischen Sommermärchens nicht seinen Platz an der Sonne, sondern das, was es verdient hatte: einen untersten Tabellenplatz.

16:29 27.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist aus Berlin in London・IG: @talrooq
Timo Al-Farooq

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare