Souverän in Solna

UEFA Europa League Finale Sven Goldmann bemüht im Tagesspiegel bezüglich des Finalsieges von Manchester United das Geld-schießt-Tore-Narrativ, dabei hinkt diese Erklärung gewaltig. Eine Replik
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es ist ein Artikel der Kategorie „Hauptsache etwas schreiben, auch wenn es nichts zu schreiben gibt”, samt den argumentativen Schwächen und inhaltlichen Ungenauigkeiten, die mit heißer journalistischer Luft einhergehen. Während beim gestrigen Europa-League-Finale in der "Friends-Arena" im Stockholmer Vorort Solna schlicht und einfach die bessere Mannschaft gewann, meint der Spin Doctor vom Dienst, Sven Goldmann, aus einem fußballerisch unspektakulären und hermeneutisch unmissverständlichem Ereignis eine tiefgründige Story mit alternativer Interpretationsebene zimmern zu müssen. Schon die Headline „Manchester United und der Sieg des Geldes” (http://www.tagesspiegel.de/sport/europa-league-manchester-united-und-der-sieg-des-geldes/19851388.html) ist eine reißerische Unwahrheit: Jeder, der das Finale gestern Abend zwischen den Traditionsklubs Ajax Amsterdam und Manchester United gesehen hat, wird attestieren können, dass die "Red Devils" Spiel und Titel nicht gewonnen haben, weil die beiden Siegtorschützen Paul Pogba und Henrikh Mkhitaryan zusammen 150 Millionen Euro wert sind, wie der Autor seine Leser bereits eingangs wissen lässt und somit keine Zeit verliert, ihnen seine ideologische Haltung zum Fußballgeschäft mitzuteilen, sondern weil Ajax nicht ein einziges Mal selbst eingenetzt hat. Das Runde wollte für die Amsterdamer einfach nicht ins Eckige, und zwar kraft der stabilen Abwehr Manchesters, gegen die es während des gesamten Spiels kaum ein Durchkommen gab. Und bekanntlich sind weder Pogba noch Mkhitaryan Abwehrspieler: Geld-schießt-Tore-Leier-zieht-nicht die Erste.

Darüber hinaus ging das erste Tor sowohl in seiner Entstehung als auch während der Ausführung auf Fehler der Ajax-Spieler zurück: ein eklatanter Ballverlust in der eigenen Hälfte, der Pogbas Torschuss überhaupt ermöglichte, und welcher erst durch den Richtungswechsel kraft des angeschossenen Verteidigers Davinson Sánchez zum für Keeper Andre Onana unhaltbaren Tor wurde. Geld-schießt-Tore-Leier-zieht-nicht die Zweite. Mkhitaryans 2:0, ein seitlicher Fallrückzieher im Strafraum nach einer Ecke und dessen Kopfballweiterleitung war schlichtweg ein Zuckertor, das sogar kurz nach Anpfiff der zweiten Hälfte fiel: ein psychologischer Vorteil für die "mancunians", der sich wegen der fehlenden Amsterdamer Antwort als spielentscheidend entpuppte. Doch Goldmann gibt lieber den Grinch: „Es war ein ungleiches Finale zwischen Hochfinanz und Ausbildungszentrum. Pogba und Mkhitaryan sind zusmammen mehr wert als die gesamte Amsterdamer Mannschaft” schreibt er und reduziert - wie bereits eingangs erwähnt - die beiden Akteure auf ihren finanziellen Wert herunter, statt ihren sportlichen hervorzuheben. Passend zu einem Artikel über ein Fußballspiel, in dem das Spiel selbst nur eine marginale Rolle einnimmt und legitimer sportlicher Erfolg eines Vereins durch das Wesen des Fußballgeschäfts, in dem nicht nur „ausschließlich das Geld” regiere, sondern dieses Geld auch qua natura wettbewerbsverzerrend sei, moralisch delegitimiert wird.

Ja, es war ein „ungleiches Spiel”: aber nicht „zwischen Hochfinanz und Ausbildungszentrum”, sondern vielmehr wegen der Tatsache, dass die Mannschaft der „Hochfinanz” alles andere als souverän und glanzvoll bis ins Finale gekommen war, und somit vollkommen einhergehend mit der Tradition ergebnisorientierten mourinhoschen Sparfuchsfußballs (1:0 im Halbfinalhinspiel in Vigo, 1:1 im Rückspiel; davor 1:1 im Viertelfinalhinspiel in Anderlecht, 2:1 n.V. im Rückspiel; davor 1:1 im Achtelfinalhinspiel in Rostow, 1:0 im Rückspiel). Wohingegen das „Ausbildungszentrum” Ajax mit seinem wiederauferstandenem offensivem Tempofußball der klassischen Ajax-Schule der 70er Jahre (welcher damals dreimal hintereinander zum Gewinn des Europapokals der Landesmeister führte) und Kampfgeist (siehe das gedrehte Viertelfinalrückspiel auf Schalke) da schon souveräner wirkte, besonders in der heimischen Amsterdam-Arena (bald Johan Cruyff Arena). Doch von all dem war gestern bei den "Ajacieden", wie die Anhänger von Ajax genannt werden, einfach nichts zu sehen: Das schnelle 1:0 des Gegners und das noch schnellere 2:0 nach Wiederanpfiff hemmte Ajax das ganze Spiel über und ließ das Team von Trainer Peter Bosz ungewohnt ideenlos und ineffizient zurück, wenn auch stets engagiert und bemüht.

Doch statt sich dies einzugestehen, geht der Autor noch weiter in seiner albernen Schuldsuche für Ajax Niederlage und bemüht - nachdem das Geld-schießt-Tore-Narrativ ja so erfolgreich war - tatsächlich das sogenannte Bosman-Urteil, „in dessen Folge nicht nur die Ablösemodalitäten revolutioniert wurden, sondern auch die national geprägten Klubteams verschwanden.” Spätestens hier ist nicht mehr sonderlich klar, was denn eigentlich des Autors Problem mit dem Spiel gestern ist, und was das Bosman-Urteil überhaupt mit irgendwas zu tun hat, geschweige denn mit dem gestrigen Spiel. Er scheint eine Kausalität herstellen zu wollen zwischen Ajax letztem Europapokal-Sieg 1995, mit seinen „Weltstars Edwin van der Sar, Frank Rijkaard, Edgar Davids, Patrick Kluivert, Marc Overmas und den Brüdern Frank und Ronald de Boer” und dem ein Jahr darauf verkündeten Bosman-Urteil, der die Ausländerbegrenzungen der Vereine aufhob und nach Goldmann scheinbar der Grund dafür ist, dass Ajax Amsterdam seither keinen europäischen Titel mehr gewonnen hat, da die obengenannten Weltstars „sich in der Folge über ganz Europa verstreuten” und der Verein nur noch dafür da sei, „das Personal für das Kapital auszubilden.” Quelle Quatsch!

Erstens ist es einerseits extrem vermessen, Spielern in „finanzschwachen Ligen” ihren Wunsch nach sportlicher Entwicklung und monetärer Anerkennung durch Wechsel in finanzstärkere und profiliertere Ligen wie der spanischen und der englischen madig zu machen, und zeugt eher von Neid als von Gerechtigkeitswunsch. Zweitens sind Spieler schon vor dem Bosman-Urteil zu hauf ins Ausland gegangen, mit all den damit verbundenden richtungsweisenden und nachhaltigen qualitativen Erneuerungen für den Sport im allgemeinen: Wenn etwa die Ajax-Legende Johan Cruyff Anfang der 70er nicht nach Barcelona umgesiedelt wäre, wohin er und sein Trainer Rinus Michels sowohl den ajaxschen "Totaal Voetbal"als auch die ajaxsche Jugendarbeit exportierten (etwas, was der Fußballbuchautor und unauthorisierte Cruyff-Biograf Dietrich Schulze-Marmeling „eines der interessantesten und nachhaltigsten Kulturtransfers in der Geschichte des Fussballs” nennt), dann hätte es nicht den FC Barcelona gegeben, wie die Welt ihn heute kennt und schätzt, mit der ihm eigenen „holländischen” Spielphilosophie von Angriffs-und Ballbesitzfußball samt hohem Tempo, millimetergenauer Passgenauigkeit und permanenten Positionswechseln. Auch wäre die grandiose Nachwuchsförderung der Jugendakademie "La Masia" nie passiert, Talentschmiede für Stars wie Lionel Messi, Josep Guardiola, Andrés Iniesta, Xavi, Carlos Puyol und Gerard Piqué. Und in Bezug auf alle außer den Argentinier Messi und Guardiola, hätte es somit auch kein Spanien der drei konsekutiven Titel gegeben hätte, siehe EM 2008, WM 2010, EM 2012.

Drittens steht das „Verschwinden national geprägter Klubteams” in keinerlei kausalem Zusammenhang mit dem sportlichen (Miss-)Erfolg eines Vereins: Der FC Barcelona gewann sowohl mit seinem numerisch von Spaniern dominierten cruyffschen "Dream Team" von 1992 (lediglich vier nichtspanische Spieler in einem 23-köpfigen Kader) als auch unter Trainer Frank Rijkaard mit einem 34-köpfigen Kader von 2006, von denen 15 Spieler staatsrechtlich Ausländer waren und den 34 Spielern unter Guardiola in der Saison 2008/2009 mit ihren 13 „Ausländern” den begehrtesten Pokal im europäischen Fußball. Viertens widerspricht der Autor sich selbst, wenn er den Weggang von Weltstars aus Amsterdam im Zuge des Bosman-Urteils bemängelt und dabei nicht erkennt, dass diese erst durch ihren Weggang ins Ausland zu Weltstars wurden. Fünftens widerlegt der Autor noch einmal sein eigenes Argument: Denn bekanntlich hat Ajax Amsterdam aus der so finanzschwachen Eredivisie es ja diese Saison trotzdem in ein Europacup-Finale geschafft, und das mit einer „Mannschaft, die zum Schluss fünf Spieler aus der eigenen Jugend auf dem Platz hatte” wie Goldmann schreibt. Aber "Ausbildungszentrum-schießt-Tore" ist als Schlagzeile ja nur bedingt mundgerecht wie "Geld-schießt-Tore."

Doch was mir persönlich am säuerlichsten aufgestoßen ist bei der Lektüre von Goldmanns Kommentar ist der unausgesprochene Subtext hinter der Erwähnung, dass nach dem Bosman-Urteil „die national geprägten Klubteams verschwanden” und somit auch die „großartige Mannschaft von Ajax Amsterdam.” Durch die Juxtaposition dieser beiden Aussagesatzteile lässt der Autor den Eindruck entstehen, das Großartige von Ajax sei kraft der nationalen „Reinheit” des Teams erreicht worden und nicht aufgrund der großartigen fußballerischen Aus-und Weiterbildung des Vereins. Mit solch unbedachten Aussagen begibt sich der Autor - ob vorsätzlich oder fahrlässig - in gefährliche, AfD-prototypische Fahrwasser. Fehlt nur noch, dass er schreibt, wie er der guten alten D-Mark hinterherheult. Und wie steht Herr Goldmann eigentlich zum mittlerweile international geprägten Nationalteam des DFB? Leistet es etwa weniger Großartiges, seitdem darin nicht mehr ausschließlich Brehmes, Kohlers und Matthäuse kicken, sondern vermehrt Boatengs, Khediras und Mesuts? Darüber hinaus stimmt das mit der „nationalen Prägung” von Ajax auch nur bedingt: von den 49 Traineramtszeiten seit der Vereinsgründung 1900 wurden 22 von Nichtniederländern absolviert, die meisten von ihnen kamen aus England, dem Mutterland des Fußballs. Und der Heimat von Manchester United, dem Europa League Sieger 2017, einer Mannschaft von unverkennbar internationaler Prägung, wie es sich für einen globalen Klub in einer globalisierten Welt nun mal gehört.

Lieber Herr Goldmann: Wenn Ajax gestern gewonnen hätte, wäre es vielleicht eine „schöne Geschichte” gewesen, aber eine unverdiente. Ein europäisches Finale war einfach eine Nummer zu hoch für diese blutjunge und daher auch unerfahrene Mannschaft aus Amsterdam. Zumal der Gegner das große Manchester United hieß, trainiert vom unbestreitbar großen streitbarem José Mourinho, dessen Plan, die Premier League unter ferner liefen laufen zu lassen und sich ausschließlich auf die Europa League als Königsweg zur Champions League zu konzentrieren, gestern Abend im schwedischen Solna souverän aufgegangen ist. Ob einem solch taktisches Gepokere nun ethisch passen mag oder nicht. Sie wünschen sich mehr Romantik im Fußball? Dann schauen Sie keine Spiele von Mannschaften, die von "The Special One" trainiert werden, sondern gucken lieber "Titanic", "Dirty Dancing" oder "Pretty Woman". Und auch Ihnen sollte bekannt sein, dass Romantik bekanntlich am schönsten ist, wenn sie natürlich und spontan daherkommt, und nicht durch moralinsaures, narzisstisches Wunschdenken zu erzwingen versucht wird, nicht wahr?

Und wenn Sie schon einer schönen Geschichte hinterherromantisieren: ist es nicht eine schöne Story, dass der Sieger des gestrigen Finales eben aus jener Stadt kommt, die nur zwei Abende zuvor tragischer Schauplatz eines verheerenden terroristischen Anschlags mit zahlreichen Toten und Verletzten gewesen ist? Da haben Sie doch ihre „romantische Geschichte”, von denen „der Fußball im dritten Jahrtausend” Ihnen zufolge keine mehr schreibt, und die Ihnen im Fußball wichtiger zu sein scheinen als das Fußballerische. Gönnen Sie Manchester United also den Sieg, sowohl dem Verein, als auch der vereinten Stadt!

19:01 25.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist aus Berlin in London・Regionalexperte für MENA, Ostafrika & SOA・Instagram: @talrooq
Timo Al-Farooq

Kommentare