Weihnachtsgrüße aus dem Weltdorf London

ÖPNV in Weltstädten Von den vier Metropolen New York, London, Paris und Berlin ist London die einzige, in der am 1. Weihnachtstag KEINE EINZIGE U-Bahn fährt. Weltstadt geht definitiv anders
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Nachtrag/Disclaimer: Dies ist ein situativer Rant gegen die Londoner U-Bahn und soll daher weder als absolute Kritik an den Londoner Verkehrsbetrieben verstanden werden, noch in irgendeiner Weise den Weltstadtcharakter und die awesomeness Londons infrage stellen (wie heißt es so schön: "A bad day in London is better than a good day anywhere else"). Im Umkehrschluss ist dies auch weder eine absolute Lobhudelei an die Berliner BVG, dem einzigen Verkehrsunternehmen, das mir bekannt ist, dessen weiße Busfahrer einfach weiterfahren, wenn sie migrantischstämmige Passagiere an Haltestellen stehen sehen (habe es selbst mehrfach erlebt), noch an die Stadt Berlin, die sich gerne weltoffen und multikulturell gibt, aber in der Realität vor toxischer deutscher whiteness, die inhärent provinziell und xenophobisch ist, nur so trieft: Türken und Araber, die in Deutschland eh nichts zu melden haben, egal wie erfolgreich sie sind (siehe Mesut Özil, der für Engländer ein deutscher Weltstar, aber für weiße Deutsche nicht einmal deutsch ist), und ein paar hedonistische und narzisstische Hipster-Langzeittouristen aus Resteuropa, die das durchgebumste Faktotum Berlin zur Zwischennutzunghauptstadt zweckentfremdet haben, machen noch lange keine multikulturelle Gesellschaft aus. Und dass der Bürgermeister der westlichen 8-Millionen-Metropole London, Sadiq Khan, ein bekennender, praktizierender Muslim ist, sollte jedem weißen Deutschen zu denken geben, warum es im angeblich so weltoffenen Berlin mit der größten türkischen Community außerhalb der Türkei noch nie einen türkischen, muslimischen Regierenden Bürgermeister gegeben hat und wohl nie geben wird.

Wolfgang Schäuble hat mal gesagt: „Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.“

Übertragen auf den öffentlichen Personennahverkehr in Millionenstädten würde das Zitat wie folgt lauten: "Die Qualität einer Weltstadt bewährt sich nicht zuletzt darin, wie oft und wie lange die U-Bahnen fahren und wie gut man in einer Weltstadt von A nach B kommt."

In London, der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs und wo ich dieses Jahr Weihnachten verbringe, kommt man am 1. Weihnachtsfeiertag mit dem öffentlichen Personennahverkehr nicht nur gar nicht gut von A nach B, sondern gar nicht: Denn mit Erstaunen musste ich vor meiner Abreise aus Berlin feststellen, dass der komplette Underground- und Busverkehr am 25.12. eingestellt ist. WTF??!

Ich wollte das gar nicht glauben, als eine Freundin, die lange in London gelebt hat, mich darauf aufmerksam gemacht hat und ich ihre - wie ich fand - Verleumdung dem Faktencheck unterzog. Aber auf der Transport for London (TfL) Webseite stand es schwarz auf weiß: "No services on Christmas Day except for Santander Cycles [die Londoner Version vom Lidl-Bike, in Kooperation mit Spaniens Großbank, die aus mir unersichtlichen Gründen ausgerechnet am Berliner Hermannplatz eine Filiale unterhält], Dial-a-Ride (for registered members only) [ein Kleinbusservice für Menschen mit Behinderungen], Taxi and Private Hire [gemeint ist wohl Uber, ohne den direkten Konkurrenten direkt beim Namen zu nennen, als handele es sich um Voldemort, oder He-who-shall-not-be-named] and coaches [Pferdekutschen oder wie?] which are available throughout the Christmas period."

Un-freaking-believable, totaler Stillstand. Eine ganz schöne Frechheit für eine kosmopolitische Weltstadt mit über 8 Millionen Menschen.

Auf New York, Paris und sogar Berlin ist Verlass

Nun stellt sich de Frage: wie sieht es in den anderen westlichen Weltmetropolen heute aus? Hätte ich lieber einen Kurztrip über den Großen Teich machen sollen in die Stadt, die niemals schläft? Vielleicht ja, denn New York, nach London die Vizehauptstadt der Welt, macht definitiv keine Siesta am 1. Weihnachtstag: Auf curbed.com, einer Mischung aus Stadtmagazin und Immobilien-Blog, heißt es kurz und prägnant: "On Christmas Day, subways will operate on a Sunday schedule." Na geht doch!

Und was ist mit Paris? Hätte ich mir beim ADAC eine gelbe Warnweste holen und als Krawalltourist in die Stadt der Liebe fliegen sollen, die ich so romantisch finde wie eine Parkbank in der Hasenheide? Wahrscheinlich, denn sogar im streiksüchtigen Frankreich schwänzen am 1. Weihnachtstags die Öffis ihre Arbeit nicht. Auf der Onlineausgabe der größten Pariser Boulevardzeitung Le Parisien heißt es: "Comme tous les jours fériés, la totalité du réseau de transports en commun va fonctionner. Mais avec la fréquence d'un dimanche."Auch der Frankophobste mit rudimentärstem Schulfranzösich dürfte die Schlagwörter va fonctionner = wird funktionieren, und fréquence d'un dimanche = Sonntagsfahrplan (frei übersetzt) herausverstanden haben.

Und sogar in der Bundeshauptstadt Berlin, die gerne Weltstadt wäre, aber es aus strukturellen Defiziten (hochverschuldetes wirtschaftliches Niemandsland, Hegemonie Frankfurt am Mains, die deutsche Sprache, weiße deutsche Leitkulturmentalität, geringe politische gesellschaftliche Teilhabe von nichtweißen Bürgern) nie sein wird, ist man frei wie ein Vogel: Denn in keiner der drei genannten Metropolen ist man mit dem ÖPNV an Weihnachten so mobil wie in Berlin: Laut Berliner S-Bahn fahren die Züge am 1. Weihnachtsfeiertag nach Sonntagsfahrplan und bei der BVG, Deutschlands größtem Verkehrsunternehmen, sowieso, und das sogar die Nacht durch. Ich habe das heute selber erlebt und bin noch nie so schnell und nahtlos und ohne lange Warte- und Umsteigezeiten vom Schlesi nach Tegel gekommen (U1 und U6 sowie Bus 128 ab Kutschi), nicht mal an Werktagen mit erhöhter Taktung. Das sollen uns die anderen mal nachmachen.

Die Geburt Jesu als willkommene Ausrede für Arbeitsverweigerung

Zurück zu London: wieso fahrt am 25. die U-Bahn nicht? Schließlich dürfte es in einer solch multikonfessionellen Stadt, in der die demographisch größte ethnische Minderheit vom indischen Subkontinenten stammt (also aus dem Hindumehrheitsstaat Indien und den Muslimmehrheitsstaaten Pakistan und Bangladesch) nicht sonderlich schwer sein, nichtchristliche ÖPNV-Mitarbeiter zu finden, die gerne für den festgelegten Feiertagszuschlag ihrer Arbeit nachgehen würden statt an einem Holiday zu Hause zu bleiben, den sie eh nicht feiern, zumindest nicht aus religiösen Gründen. Von den nicht praktizierenden nominell-kulturell-christlichen Agnostikern und Atheisten mal ganz zu schweigen.

Mit Glauben dürfte das also nichts zu tun haben. Zu mal Londons Black Cabs ja fleißig ihre Fahrten absolvieren und sogar der Hotel Hoppa, eine private Busfirma, die vom Großflughafen Heathrow aus die ganzen Airport Hotels abklappert, weil diesen nicht erlaubt wird, ihre eigenen Shuttle-Services anzubieten.

Nein, wer die Lobby der Underground-Mitarbeiter, die meisten von ihnen organisiert in der Gewerkschaft RMT (National Union of Rail, Maritime and Transport Workers) und die ganzen Vorgeschichten kennt, der weiß, dass der allweihnachtliche Ausstand nicht Religiösität geschuldet ist, sondern einer traditionellen Arbeitsverweigerung.

Hier ist eine Stadt, in der sich bis vor wenigen Jahren die Tube-Fahrer vehement geweigert haben, nachts zu arbeiten, die feinen Pinkel, und die U-Bahn um Mitternacht dicht machte wie Dörfer nachts ihre Bordsteine hochklappen! Um 3 Uhr morgens nach dem Feiern musste man dann selber schauen, wie man nach Hause kam, und das halbherzige Nachtbusnetz half einem da auch nicht großartig weiter, bis heute. In solch einer unzumutbaren Situation darf man sich nicht wundern, wenn Ride-Sharing-Apps wie Uber diese Lücke bedienen und sich breitmachen.

Man muss sich das mal vorstellen: in einer Stadt von 8,1 Millionen Einwohner, mehr als doppelt so viele wie in Berlin, FUHR NACHTS KEINE U-BAHN. Das hat nichts mehr mit christlich-abendländisch motiviertem Ladenschlussgesetzestum zu tun, sondern schlicht und einfach mit Arbeitsverweigerung. Und diese unprovozierte Streikkultur setzt sich an Weihachten fort. Und wie sich bei einer solchen Arbeitseinstellung die "Transport Strategy" des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan umsetzen lassen wird, der bis 2041 80% aller innerstädtischer Reisen zu Fuß, auf dem Fahrad, oder per ÖPNV absolviert sehen möchte, ist mir schleierhaft. Oder auch nicht, das Hauptaugenmerk liegt wohl auf "zu Fuß" und "auf dem Fahrrad."

Weil wir Dich lieben. Und ich Euch auch

So ein Trip nach London am 1. Weihnachtstag, wenn man in der milden Kälte auf einen Privatbus wartet, der nur alle 40 Minuten fährt, obwohl das Hotel, zu dem man möchte, lediglich zwei U-Bahn Stationen entfernt liegt und man die Strecke leider nicht laufen kann aufgrund von Autobahnen, erinnert einen dann doch daran, was man so alles an der BVG und der Berliner S-Bahn hat, über die man sich das Jahr über so gerne auskotzt.

Wenn in der Mudderstadt wieder mal der Wahnsinn von Pendelverkehr regiert, der M41 Bus gefühlt kommt wie er möchte (gefühlt, da es kürzlich herauskam, dass er erstaunlicherweise zu den pünktlichsten Bussen der Hauptstadt zählt), die U1 wochenlang gesperrt und Ersatzbusse sich stetig durch die vollgestopfte Skalitzer Straße drücken müssen wie ein Kotti-Junkie sich seinen Schuss, und last but not least die Ringbahn wieder unzumutbare Verspätungen und Ausfälle zu beklagen hat und man sich wünscht, die Chinesen hätten die S-Bahn doch übernehmen sollen, damit in dieser dysfunktionalen Stadt endlich mal was nach Plan läuft: in solchen Momenten sollte man einfach nur London als Vergleichsgröße heranziehen. Dann wird man sich schnell wieder daran zu erinnern, wie sehr Berlin einen doch verwöhnt.

Denn U-Bahnen, die nachts fahren, eine Ringbahn, die im und gegen den Uhrzeigersinn pflichtbewusst ihre Kreise um die Innenstadt dreht, und ein ausgedehntes Nachtbusnetz, wo gibts das sonst? Berlin kann zwar keenen Flughafen, aber ÖPNV, dit können wa! Und nein: dieser Beitrag ist kein "sponsered content", sprich keine Schleichwerbung für die Berliner Verkehrsgemeinschaft oder die Berliner S-Bahn. Lob, wo Lob angebracht ist, lautet hier schlicht und einfach die Devise.

Ein Fall für die Fuck You Hotline

Und von dem eklatanten Unterschied im Preis-Leistungs-Verhältnis mal ganz zu schweigen: in London kostet eine 3-Tage-Karte für die Zonen 1-6 (die man schon braucht, wenn man von Heathrow nach Central London möchte) umgerechnet € 42,00; in Berlin die 7-Tage-Karte! für die Bereiche A und B € 30,00 . Ja, London ist größer und teurer als Berlin, aber das rechtfertigt trotzdem in keinster Weise eine solche Preisasymmetrie. Aber daran ist wenigstens nicht Weihnachten schuld.

Gleich bei meiner Rückkehr werde ich versuchen, am Folgemorgen bei der Kiss FM Fuck You Hotline durchzukommen: "Ein riesengr0ßes Fuck You an die Londoner U-Bahn. Dafür dass die zu faul sind, Weihnachten zu arbeiten die Arschlöcher, und ich am Flughafen rumstehen und auf einen Flughafenhotelbus warten muss, der nur alle 40 Minuten kommt und auch noch fünf Pfund kostet. Fuck..you..Londoner U-Bahn.“

17:06 25.12.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist・Regionalexperte für MENA, SOA und Ostafrika・Saul Goodman in spe・Ehrenamt als Guardiola-Double・Instagram: talrooq
Timo Al-Farooq

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