Deutschland ist Weltmeister: der Doppelmoral

Katar 2022 Das deutsche Katar-Bashing in Sachen WM 2022 ist an Respektlosigkeit, Ignoranz und Verlogenheit nicht zu übertreffen. Ein Essay
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Nach Griechenland und Russland hat unser selbstgefälliges von Mutti angeführte Groko-Deutschland nun ein weiteres Opfer für seine verbalen Muskelspiele ausgemacht: Katar. Seit US-Behörden gegen die FIFA ermitteln und zum ersten Mal in der Geschichte der Regierung des Weltfußballs ordentlich rumgerührt wird in dessen Korruptionssumpf, nimmt die zuletzt abgeklungene Anti-Golfemirat-Hetze in Sachen WM 2022 in Deutschland wieder Fahrt auf, der WM-Vergabe an Katar schlägt ein Sturm wutbürgerlicher Entrüstung entgegen: die Vergabe wurde erkauft, die Menschenrechtssituation im Emirat ist katastrophal, am Golf ist es viel zu heiß, um Fußball zu spielen, eine WM im europäischen Winter würde Weihnachten in die Quere kommen.

Was soll man dazu sagen außer: eine Runde Mitleid, boo-freakin'-hoo. Plötzlich entdeckt der sonst so wetterfeste outdoorvernarrte Deutsche, daß er aus Zucker ist, geriert sich Mr Politikverdrossenheit, der an Amnesty International-Ständen in Innenstädten eine Bogenlampe macht, als würde er Ebola ausweichen wollen, als Menschenrechtler, macht der Atheist, der Religion als rückständig und die Kirchensteuer als Zwangsabgabe à la GEZ-Gebühren empfindet, einen auf wiedergeborenen Christen. Und deutsche Medien und manche Sportfunktionäre tun so, als würde die WM 2022 in Saudi-Arabien oder im selbsternannten Kalifat der IS stattfinden, statt bei einer aufstrebenden Regionalmacht und einem Mäzen des internationalen Sports.

Grün ist die Farbe des Islams. Und des Neides

Spielt da vielleicht auch deutscher Neid und Missgunst eine Rolle? Die staatliche Qatar Airways etwa ist wohl eine der besten Fluggesellschaften der Welt, mit eine der jüngsten und modernsten Flotten und einem 5 Sterne Bordservice und Bordunterhaltungsprogramm, von dem europäische und nordamerikanische Fluggesellschaften nur träumen können (auf meinem jüngsten Flug von Bangkok nach Doha gab es unter den 2000 Filmen, Serien, Musikalben, etc. sogar einen eigenen Videokanal ausschließlich für Filme aus dem Marvel Cinematic Universe!): wer fliegt schon vorsätzlich mit der Lufthansa? (Zur Erinnerung: nicht der Kranich ist Erstkunde des in Europa gefertigten neuen Airbus A350 XWB, sondern der Oryx.) Aljazeera ist neben CNN und BBC der beliebteste englischsprachige Nachrichtensender weltweit: wer guckt im Ausland schon Deutsche Welle?

Aber rotzfrech wird ein wichtiger Handelspartner Deutschlands und Europas als moralisch-kulturell rückständig konstruiert, was an Pegidas anti-islamische Hetze in Dresden erinnert, einer Stadt, in der einer der größten Arbeitgeber das Emirat Abu Dhabi ist: die Frankfurter Rundschau betitelte einen diesbezüglichen Artikel vom Frühjahr mit "Sie sägen am Ast, auf dem sie sitzen." Diese Dummheit und Dreistigkeit wiederholt sich jetzt im Falle von Katar, befeuert von jenem rassistischem Universalismus, für den Germania und Europa historisch so bekannt sind. Theo Zwanziger hat Katar kürzlich allen Ernstes als ein "Krebsgeschwür des Weltfußballs" bezeichnet: menschenfeindlicher gehts nicht. Und wenn dem so sein sollte, dann ist ein Krebsgeschwür letzten Samstag Champions League Sieger im Berliner Olympiastadion geworden: schließlich prangt auf den Trikots des FC Barcelona nicht das Logo der Deutschen Lufthansa AG, sondern das von Qatar Airways. Lieber Herr Dr. Zwanziger: das ist ein Paradebeispiel für ausgleichende Gerechtigkeit. Daher: Herzlichen Glückwunsch nach Katalonien. Und nach Katar!

Narziss und Extrawurst

Nein, Katar ist - samt allen kritikwürdigen Unzulänglichkeiten - genauso wenig Saudi-Arabien wie Deutschland das neo-faschistische EU-Mitglied Ungarn ist: Barcelona hat das begriffen, Berlin nicht. Und auch Saudi-Arabien ist nicht Saudi-Arabien: wer sich mit der Geschichte des Hedschas auskennt, und das sind nicht viele, auch wenn jeder zu Saudi Arabien seine vorgefertigte vakuumverpackte Meinung hat - weiß ob des strukturellen Urdilemmas zwischen westlich orientierter Königsfamilie und reaktionärem Steinzeitwahabismus, der Reformen fast unmöglich macht.

Auf George W. Bushs wackeligem Holzweg wandelnd will Deutschland nicht erkennen, daß nicht immer alles schwarz und weiß ist: Merkel-Deutschland mangelt es - wie so oft in Dingen, die den provinziellen Rahmen sprengen - an der Fähigkeit zur Differenziertheit und zum Wertschätzen von Grautönen. Und wie Thomas Hummel in der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat: "ein Recht auf eine Sommer-WM gibt es nicht, der halbe Erdball hat noch nie eine erlebt." Genau darin liegt das Problem: ein sich ständig selbstüberschätzendes Schland will mal wieder seine Extrawurst. Und biegt sich dafür die Welt zurecht wie es ihm gefällt. Narzissmus à la Peter Pan und Pippi Langstrumpf.

Die Islamophobie des menschenrechtsfreundlichen Waffenhändlers

Dabei denken deutsche Kritiker allen Ernstes, ihr Protest gegen Katar sei politisch und humanistisch und im Sinne des Sports, statt ignorant und rassistisch. Wäre Katar nicht arabisch, oder gar muslimisch, würde sich wohl niemand hierzulande über die WM-Vergabe aufregen. Katars Außenminister Khaled al-Attiyah hat kürzlich diesbezüglich gesagt: "It is very difficult for some to digest that an Arab Islamic country has this tournament, as if this right can't be for an Arab state. I believe it is because of prejudice and racism that we have this bashing campaign against Qatar."

Da mag was Wahres dran sein. Katar ist gut genug für deutsches Kriegsgerät, aber nicht für ein friedensstiftendes Fußballfest. Möchten wir vielleicht keinen stabilen Mittleren Osten? So wie wir keine anderen islamischen Erfolgsgeschichten hören mögen? Oder warum wollen wir die moderne Wirtschaftsmacht Türkei immer noch nicht in der EU haben und nehmen dafür lieber korrupte Armenhäuser wie Rumänien und Bulgarien auf?

Der islamische Kapitalismus, wie er erfolgreich am Golf, in der Türkei und im Iran praktiziert wird und in einem bis dahin nie dagewesenen Maße Arme in die Mittelschicht hebt, entspricht nicht unserem atheistischen und einseitigen Modernebegriff, weswegen wir ihm keine mediale Plattform gewähren: unserem Bild vom Islam kommt der Archaismus des IS wesentlich näher, wehalb "islamischer" Terrorismus, Enthauptungen und Selbstmordattentate tagtäglich die Nachrichten dominieren. Das Konzept der multiple modernities ist zu weltoffen und realpolitisch für ein intolerantes und idealistisches Deutschland und eine Festung Europa, welche das Mittelmeer zum Massengrab für Bootsflüchtlinge gemacht haben.

Und die mehrheitlich friedliche Seite des Islams zu zeigen würde uns ja unseres Lieblingsfeindbildes berauben. Zu sehen, daß in der muslimischen Welt Tradition und Glaube mit Moderne und Marktwirtschaft vereinbar sind, würde unser Gerüst aus penibelst gepflegten Vorurteilen von Grund auf erschüttern. Daher hetzten wir lieber gegen Katar, statt zu feiern, daß zum ersten Mal die WM in einem muslimischen Land stattfindet, dann noch in einem, das über das nötige Finanzpolster verfügt, um die wahrscheinlich reibungsloseste, spektakulärste und sicherste WM aller Zeiten durchzuführen. Die Menschenrechtsfrage wird schamlos instrumentalisiert, um Katar ein Sportturnier streitig zu machen, das es nach heutigem Erkenntnisstand fair and square gewonnen hat.

Auf dem transatlantischen Auge blind

Wir hetzen gegen WM 2018 Ausrichter Russland, weil es Krieg führt in der Ostukraine, aber als die WM 1994 in den USA stattfand, einem Land, dessen Militär und Auslandsgeheimdienst seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Angriffskriege und Konflikte in souveränen Staaten der Welt angezettelt haben als jedes andere Land der Welt, da hat niemand zum Boykott und zur Neuvergabe aufgerufen. Zur Erinnerung: die USA sind bis heute das einzige Land, das eine Atombombe auf ein anderes Land abgeworfen hat. Und die wollen Anderen in ihr Atomprogramm reinreden?

Die deutsch-russische Freundschaft, die neben der deutsch-amerikanischen nicht minder zentral ist für die Wahrung des Friedens in Europa, wird leichtfertig aufs Spiel gesetzt, aber bei dem von der rechtsnationalen ungarischen Regierung ausgerufenen Jahr der Deutsch-Ungarischen Freundschaft mitzumachen, also der Freundschaft mit einem Land, das systematisch bürgerliche Freiheiten abschafft und Rechtsstaatlichkeit mit den Füßen tritt, damit haben wir kein Problem. Wundern sollte dies nicht, ist es doch symptomatisch für ein revisionistisches von zwei Ossis geführtes Deutschland, das Ungarns Rolle im Untergehen des "Unrechtsstaats" DDR als wichtiger empfindet als die sowjetische Rolle in der Befreiung Gessamtdeutschands vom Faschismus, der Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Und wo bleibt eigentlich Deutschlands Entrüstung bei der systematischen rassistischen Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA? Nein, Deutschland packt die Menschenrechtskeule nur dann aus, wenn ein paar seiner Politiker nicht nach Russland reisen dürfen. Die bilaterale transatlantische Freundschaft verschlechtert scheinbar die multilaterale Sehstärke.

Das reichste Land der Welt soll WM nicht dürfen?

Man kann sich darüber streiten, ob es sinnvoll ist, eine WM in einem einzigen Land von der Fläche Hessens abzuhalten, nicht darüber ob es dort zu heiß ist, klimatisch wie politisch. Denn Katar ist nicht umstrittener als Deutschland, wo struktureller Rassismus, Polizeiwillkür, Intoleranz und gender inequality an der Tagesordnung sind: da braucht man nur jeden Migranten, der an einem Hauptbahnhof wegen seiner Hautfarbe von der Bundespolizei nach seinem Ausweis gefragt wurde, jede Frau, die für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommt und jeden Homosexuellen, der als Schwuchtel beschimpft wurde zu fragen.

Auf der Höhe der Pegida-Demos hatte das US State Department Reisewarnungen für Berlin und Dresden ausgegeben, sogar der Lonely Planet Germany enthielt, wenn ich mich recht erinnere, vor einigen Jahren noch einen Sicherheitshinweis für Ostdeutschland aufgrund der Gefahr rassistischer Übergriffe dort. Nach der kruden Logik deutscher Politiker hätte daher die WM 2006 hier nie stattfinden dürfen.

Und was soll eigentlich dieses alberne Hitzeargument? Heiß war es auch zuletzt in Brasilien, das hat zehntausende deutsche Fußball-Fans nicht davon abgehalten, dort hinzufliegen. Ganz zu schweigen von der "Hitze WM" 1994 in den USA, wo beim Eröffnungspiel Deutschland - Bolivien in Chicago 70 Zuschauer wegen der unerträglichen Temperaturen zusammengebrochen sein sollen (siehe das 11 Freunde-Interview mit Ex-Nationalspieler Thomas Helmer vom 10.01.2011). Fußballfans werden auch 2022 der Wüstenhitze trotzen und nach Katar fliegen, wo - und das ist jetzt schon klar - die WM keinen langfristigen wirtschaftlichen Schaden hinterlassen wird wie im Falle Südafrikas und Brasiliens: mit einem für 2014 geschätzten Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von 143,532 USD ist Katar das reichste Land der Welt und wird daher auch als das reichste WM-Gastgeberland in die Geschichte des Weltfußballs eingehen. Warum also die ganze Aufregung?

WM ist nicht EM

Zugegeben: für den Zuschauer hätte eine gemeinsame WM der GCC-Staaten, natürlich ohne Saudi-Arabien (aus frauenrechtlichen Gründen und wegen des rigorosen Alkoholverbots) und Jemen (aus Sicherheits- und infrastrukturellen Gründen, ganz abgesehen vom Krieg, der gerade dort stattfindet) vielleicht mehr Sinn gemacht. Emirates, Air Berlin-Partner Etihad und Qatar Airways hätten in solch einem Szenario spezielle Flugpässe anbieten können, touristisch wäre eine Persische Golf-WM wesentlich interessanter gewesen: Shopping in Dubai, Ausstellungen in Abu Dhabi, Strand in Ras al Khaima, Wüstensafaris im Oman, Führungen durch die Aljazeera-Zentrale in Doha.

Eine gemeinsame WM VAE/Katar etwa nach dem Vorbild Japan/Südkorea 2002 hätte sogar das Zusammenwachsen der beiden konkurrierenden Staaten im Golf-Kooperationsrat, einer international immer wichtiger werdenden regionalen Staatengemeinschaft, erheblich vorangetrieben. Nun ist es eben Katar alleine, das die WM 2022 austrägt, und eurozentrische Kritiker in Deutschland und auch in England, dessen Fußballverband jetzt schon mit einer Neuvergabe spekuliert, sollten aufhören, die Weltmeisterschaft als Europameisterschaft zu behandeln und die Größe und Fairness haben, Katar die Vergabe zu gönnen.

Schließlich scheint außer eines arroganten Europa niemand anderes etwas gegen Katar zu haben: der asiatische Fußballverband AFC, der zweitgrößte Kontinentalverband innerhalb der FIFA, hat sich unmissverständlich zu Katar 2022 bekannt, auch die anderen Kontinentalverbände nehmen keinen Anstoß an einer weiteren WM im Globalen Süden. Statt Alternativszenarien durchzuspielen und undurchdachte Boykottforderungen in die Welt zu posaunen, sollten die chronischen Wichtigtuer Deutschland und Europa aufhören, einem globalen Sportturnier ihr narzisstisches, eurozentrisches Brandzeichen aufzudrücken und ihre schwindende Rolle in der globalisierten Welt endlich akzeptieren lernen. Sepp Blatter kann man viel vorwerfen, aber er hat eines der größten Sportereignisse auf den afrikanischen Kontinenten gebracht, und wird ihn nach jetzigem Stand auch in die muslimische Welt getragen haben: Weltregionen, die Deutschland und Europa nur allzugerne marginalisieren, ausbeuten, dämonisieren.

Die Torheit und Inkonsequenz des deutschen Humanismus

Über Sinn und Unsinn von Boykottaufrufen in Bezug auf die WM 2018 in Russland kann man sich aufgrund des Konflikts in der Ost-Ukraine vielleicht noch streiten, die WM in Katar zu boykottieren wäre hingegen töricht und fatal. Denn die Rücküberweisungen der ausländischen Vertragsarbeiter am Persischen Golf sind fester Bestandteil der Volkswirtschaften ihrer Heimatländer: ohne deren jährliche Milliarden aus Dubai, Abu Dhabi, Kuwait, Bahrain und Saudi Arabien würden die Ökonomien Bangladeschs, Nepals oder etwa der Philippinen erheblich geschwächt werden: 8,5% des Bruttoinlandsproduktes der Philippinen machten 2014 die remittances ihrer weltweiten OFWs - Overseas Filipino Workers - aus, 8,2% die globalen Rücküberweisungen des bangladeschischen Pro-Kopf-BIPs, die Nepals sagenhafte 25%!

Aber solche Fakten sind dem traumtänzelnden deutschen Pantoffelhelden, der lieber mit dem Herzen denkt, statt mit dem Hirn, natürlich egal: für seinen egozentrischen Idealismus rennt er lieber mit seinem Sturkopf durch die ZDF-Torwand. Ferner sind die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen für die Scharen von Gastarbeitern aus dem Subkontinenten und Südostasien nicht erst seit Katar 2022 bekannt: Dubais rise to fame beruht auch auf billiger, importierter Arbeitskraft, das hat die westliche Öffentlichkeit jedoch stets nur marginal interessiert. Die Liebe zur Ephemerie des Sports trübt scheinbar den ausgewogenen Blick auf die Realität.

Und wenn Deutschland an der Menschenrechtssituation ausländischer Gastarbeiter am Golf solchen Anstoß nimmt, dann soll es seinen Worten Taten folgen lassen und sie alle in Deutschland aufnehmen. Schließlich gibt es bei uns ja keine Sklaverei. Oder doch? Was ist mit den rumänischen Arbeitern, die sich aus finanzieller Not für sechs Euro die Stunde sich auf der Baustelle der neuen Mall of Berlin verdingten und denen ihr Hungerlohn sogar vorenthalten wurde? Wo ist da der Unterschied zum Kafala-System am Golf? Dort behält man die Pässe der Arbeitsmigranten ein, hier ihr Geld. Und was ist mit der organisierten Zwangsprostitution hierzulande? Oder den Scharen junger Menschen, die unter dem Druck des Arbeitsmarktes in Unternehmen und Organisationen Praktika machen und dafür keinen müden Cent bekommen? Was ist unfreiwillige unbezahlte Arbeit denn anderes als Sklaverei?

Wer A sagt…

Die Kausa Katar liegt dem Deutschen erstaunlich sauer im Magen, ungeniert rülpst er Boykottaufrufe heraus, doch Würstchen-Ullis Steuerbetrug führte nicht zu der Forderung nach einem Boykott des FC Bayern. Anteilseigner und Ausrüster Adidas schert sich bekanntlich einen Dreck um saubere, fair gehandelte Kleidung und die Arbeitsbedingungen seiner ArbeiterInnen im Globalen Süden, doch "die Marke mit den drei Streifen" boykottiert niemand. Wer A sagt muss auch B sagen. Deutschland täte gut daran, seine selektive, einseitige Kritik gegenüber souveränen Staaten wie Griechenland, Russland und nun auch Katar zu temperieren, zusammen mit seiner fast schon pathologischen Selbstüberschätzung. Deutschland braucht die Welt mehr als die Welt Deutschland braucht. Das gute an der Globalisierung ist die Genese von Alternativen: Autos und Technik können auch Japan und Südkorea, und mittlerweile sogar China. Made in Germany ist nicht mehr das einzige Gütesiegel in unserer zusammenrückenden Welt.

Der Ärger hierzulande über die WM-Vergabe 2022 richtet sich nicht nur gegen Katar, sondern auch gegen die korrupte FIFA. Dabei ist diese nicht schlimmer als deutsche Unternehmen, die sich um den Mindestlohn drücken, deutsche Großbanken, die mit Nahrungsmittelpreisen spekulieren und Millionen Menschen in den Hunger treiben, oder Vorstände von deutschen Fußballvereinen, die ihre Steuerpflicht belächeln und dafür im Zuchthaus landen. Die WM-Vergabe in Katar wurde gekauft? Mag sein. Die Zuschläge für Frankreich 1998 und Südafrika 2010 wie kürzlich bekannt wurde wahrscheinlich auch. Und dass die WM 2006 in Deutschland womöglich auch gekauft wurde ist schon seit Jahren ein offenes Geheimnis, das man hierzulande lieber totgeschwiegen hat und das vielleicht im Zuge des immer weitere Kreise ziehenden FIFA Skandals bald gelüftet werden wird. Könnte nach einem Jahrzehnt das Sommermärchen endlich ausgeträumt sein? Dann hieße es rückwirkend lediglich "Zu Gast bei korrupten Freunden".

Fair Play für Katar

In Transparency Internationals Korruptionsindex 2014 stehen alle WM-Gastgeber seit 1990 auf nicht allzu schmeichelhaften Positionen. Zwar liegt Deutschland von allen an höchster und somit korruptionsfreister Position (Rang 12), doch rangieren Japan weiter unten auf Rang 15, die USA auf Rang 17, Südkorea auf Rang 55, Südafrika auf Rang 67, Brasilien und Italien! auf Rang 69. Katar teilt sich Rang 26 mit Frankreich. Und die Ukraine als Ausrichter der Euro 2012 liegt gerade mal auf Rang 142! Wäre also Korruption ein Ausschlusskriterium für die Vergabe einer Fußball-WM, dann müssten die nächsten Weltmeisterschaften in Skandinavien, der Schweiz oder in Singapur stattfinden, die alle im Ranking weit über Deutschland liegen.

Singapurs brutales Strafrecht oder Bahrains prekäre Menschenrechtslage sind allgemein bekannt, trotzdem richten beide Staaten mit die Formel 1-WM aus. Dass der Große Preis von Bahrain 2011 aufgrund der blutigen Unruhen damals abgesagt wurde, war richtig. Doch im Falle Katars gibt es keinen Anlass zum Boykott: anders als das bei der bahrainisch-schiitischen Mehrheitsbevölkerung unbeliebte sunnitische Herrscherhaus, das die heimische Demokratiebewegung auf dem Perlenplatz im Keim niederknüppeln ließ, auch mit der Schützenhilfe der Saudis, die in Panzern über den King Fahd Causeway, der Saudi-Arabien mit Bahrain verbindet, eingefahren kamen, genießt die Königsfamilie Katars den Rückhalt seiner einheimischen Bevölkerung.

Und Boykott wegen Korruption? Wie blauäugig muss man sein, zu glauben, der organisierte Fußball sei eine finanzkapitalismus- und korruptionsfreie Zone? Korruption zu ahnden ist Sache unabhängiger Strafverfolgungsbehörden und nicht der Arbeitsauftrag von Kommentatoren, Sportfunktionären und Politikern, links wie rechts, deren von Eurozentrismus und Selbstgerechtigkeit geleitete Selbstjustiz nur dazu dient, den eigenen Narzissmus zu befeuern. Sigmar Gabriel hat recht wenn er einen fairen Umgang mit Katar anmahnt. Von solch einem Fair Play ist leider nicht viel zu sehen.

USA 1994 statt Katar 2022? Gleiches Recht für alle!

Sportlich-emotiv wird eine WM in Katar nicht schlimmer sein als die in den USA vor 21 Jahren. Ich selber habe mir damals zwei Spiele im damaligen Giants-Stadium in New Jersey angeschaut, mit der Erkenntnis, daß jeder Kreisliga-Bolzplatz mehr Stimmung macht als dieses kollektive amerikanische Familienpicknick, das sich WM-Viertelfinale und Halbfinale schimpfte. Katar hat 7 Jahre vor seiner WM mehr mit Fußball am Hut als die USA während und unmittelbar nach ihrer WM!

Herumgehackt wird immer auf die Oligarchenvereine wie Chelsea und Donezk und Paris und ManCity, doch wenn die Investoren US-Amerikaner sind, dann nimmt die deutsche Fußballseele, ob Fan oder Kommentator, keinen Anstoß daran (siehe Manchester United, das der amerikanischen Glazer-Familie gehört) Schließlich hat deutsche Anbiederung an die USA ja hierzulande Tradition.

Als also im Land des American Footballs (Rugby-Abklatsch) und des Baseballs (Cricket-Abklatsch) ein völlig unamerikanisches Sportturnier ausgetragen wurde, bei Hitze und schweißtreibender Schwüle, dort, wo es einst echte Sklaverei gegeben hat und das damals wie heute Menschenrechte von Ferguson bis Falludscha mit den Füßen tritt, war die deutsche Aufregung herzlich gering. Genauso wenig - trotz einiger Unkenrufe - bei der WM 2010 in Südafrika, dem Land mit den mitunter höchsten Kriminalitätsraten weltweit.

Und bei der letzten WM im sonnenverwöhnten Brasilien, wo trotz Halbierung der Armut in den letzen 20 Jahren die Zahl derer, die in extremer Armut Leben, je nach Quelle immer noch 10-16 Millionen beträgt, sowieso nicht. Systemkritik passt nicht so recht zum exotismusliebenden Fernweh-Deutschen: die USA haben den American Way of Life, Südafrika seine Garden Route, Brasilien seine Copacabana, solche Traumdestinationen wird sich der Rekord-Reiseweltmeister doch nicht durch unangenehme Menschenrechts- und Sozialfragen vermiesen lassen. Bei muslimischen Ländern wie Katar geht das schon in Ordnung, den Islam mag ja eh niemand.

Absurdistan und die schönste Nebensache der Welt

Der faule Grieche, der böse Russe, der korrupte Petro-Dollar-Scheich: der Deutsche in seiner fulminanten, rassistischen Selbstüberschätzung basht sie alle. Schlicht aus dem Irrglauben heraus, er sei moralisch und kulturell besser als andere. Dabei scheint er nicht zu kapieren, dass in einer globalisierten Welt sein überholter Universalismus keinen Platz mehr hat. Daher muss dieser endlich ein für alle mal zu Grabe getragen werden und stattdessen der Respekt vor anderen Kulturen, Realpolitik und Fairness die Regeln deutscher und europäischer Kritik in Sachen Russland 2018 und Katar 2022, Griechenland und Ostukraine bestimmen.

Aljazeera, Qatar Airways, FC Barcelona, Friedensvermittler zwischen Taliban und afghanischer Regierung, regionale Interventionsmacht: das kleine Golfemirat Katar ist, ob es dem deutschen Kleingeist in den Kram passt oder nicht, eine zentrale Größe in internationaler Politik und Wirtschaft, Sport und Medien: auch deswegen ist die hitzige Kritik an Katar mehr oder minder absurd. Und noch absurder ist die Tatsache, dass der Katalysator dieser Kritik eine Nebensache ist, auch wenn es sich um die schönste der Welt handelt, nämlich der Fußball. Also das, was im alten Rom die Gladiatorenkämpfe waren: Brot und Spiele, Ablenkung von den wirklich wichtigen Dingen im Leben.

Um es mit den Worten des amerikanischen Schriftstellers Richard Ford zu Ende zu bringen, der in seinem leisen aber nicht minder großartigen Roman The Sportswriter den Manager einer Basketballmannschaft der NBA über kommerzielle Ballsportarten als Diskursstoff sagen lässt: "It's romanticizing a goddamn rock by calling it a mountain range. People waste a helluva lot of time they could be putting to useful purposes. This is a game. See it and forget about it."

Die Causa Katar: viel Lärm um nichts eben.

02:35 10.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Timo Al-Farooq

Freier Journalist aus Berlin in London・Regionalexperte für MENA, Ostafrika & SOA・Instagram: @talrooq
Timo Al-Farooq

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